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Veröffentlicht: 16.07.2017, 20:58 Uhr

Wo Jane Austen lebte Vier Damen in einem Cottage

Als unverheiratete Verwandte zog Jane Austen immer ihrer Familie hinterher. Vor zweihundert Jahren starb die Autorin – doch bis heute steht in Großbritannien ihr letzter Wohnort für Besucher offen.

von Stefanie Bisping
© Stefanie Bisping Im Dorf Chawton verbrachte Jane Austen die letzten acht Jahre ihres kurzen Lebens - und ist wahrscheinlich zahllose Male in die Kirche St. Nicholas gegangen.

Vor der Standuhr steht in einer Ecke des Esszimmers das zwölfeckige Tischchen. Kaum größer als ein Tablett ist es. Nur die schützende Glasscheibe lässt ahnen, dass dieses Möbelstück kein zufälliges Dekorationsstück ist. Denn hier nahm jeden Morgen nach dem Frühstück Jane Austen Platz und schuf Weltliteratur. Ihre Romane „Verstand und Gefühl“ und „Stolz und Vorurteil“ überarbeitete sie, „Mansfield Park“, „Emma“ und „Überredung“ schrieb sie am Walnusstisch neben dem Fenster. Manchem Besucher, so heißt es, schössen angesichts des so bedeutsamen Miniaturmöbels Tränen in die Augen.

Leichthändig, elegant und mit subtiler Ironie beschrieb Jane Austen die Welt der englischen Mittel- und Oberschicht um die Wende zum 19. Jahrhundert, so dass mancher Leser kaum erfasste, welche Brandsätze da zwischen Picknicks, Bällen und Besuchen plaziert waren. „Männer haben immer den Vorteil vor uns gehabt, dass sie ihre Geschichte selbst erzählen konnten“, bemerkt etwa Anne Elliot in „Überredung“: „Sie haben die Vorzüge der Bildung in viel größerem Maß genossen; sie haben immer die Feder in der Hand gehabt.“ Jane Austen wusste nur zu gut, wovon sie schrieb: Ihre eigene Schulausbildung endete, als sie elf Jahre alt war. Fortan lasen sie und ihre ältere Schwester Cassandra sich durch die elterliche Bibliothek, doch ihre formale Erziehung galt als abgeschlossen.

47468206 © Picture-Alliance Vergrößern Hier nahm Jane Austen jeden Morgen nach dem Frühstück Platz und schuf Weltliteratur.

Das Haus im Dörfchen Chawton, in dem sie mit Cassandra, ihrer Mutter und der Freundin Martha Lloyd die letzten acht Jahre bis zu ihrem Tod am 18. Juli 1817 verbrachte, ist als einzige erhaltene Wohnstätte der Schriftstellerin seit 1949 ein Pilgerziel. An einer Biegung der Hauptstraße erhebt sich das unauffällige Gebäude. Gegenüber liegen der Pub „The Greyfriar“ und ein Parkplatz, der in Stoßzeiten schnell überfüllt ist. 40 000 bis 50 000 Besucher strömen jedes Jahr durch das Haus der vier Damen. Als im Jahr 1995 die BBC-Verfilmung von „Stolz und Vorurteil“ mit Colin Firth als Mr Darcy – nicht zuletzt durch eine Szene Firths im tropfnassen weißen Hemd – eine neue Welle der Austen-Begeisterung lostrat, erreichten die Zahlen Rekordwerte.

Ehelosigkeit ist der Heirat mit einem unpassenden Partner vorzuziehen

In diesem Jahr könnte es ähnlich werden. Zum 200. Todestag Jane Austens im Juli enthüllt die Stiftung, die das Haus verwaltet, neu restaurierte Tapeten und zeigt die Ausstellung „Jane Austen in 41 Objects“. 41 im Wechsel präsentierte Gegenstände vom Bücherschrank aus ihrem Elternhaus bis zum von ihr bestickten Schal sollen ihr Leben besonders nahebringen. Seit dem Frühling ächzen die Holzdielen laut unter der Last der vielen Besucher. Sie betrachten das Schlafzimmer im oberen Stockwerk, das die Schwestern sich wie in Jugendtagen teilten; den riesigen Quilt hinter Glas, den die vier Frauen an ungezählten Abenden nähten; Vitrinen mit einer Locke des Vaters und Briefen sowie eine Kopie von Jane Austens Testament an der Wand. Fast alles hinterließ sie ihrer Schwester. 808 Pfund hatte sie erschrieben, ein immenses Vermögen für eine Frau, die weder geerbt noch geheiratet hatte.

47468204 © Picture-Alliance Vergrößern Das Haus im Dörfchen Chawton, in dem Jane Austen mit ihrer Schwester Cassandra, ihrer Mutter und der Freundin Martha Lloyd die letzten acht Jahre bis zu ihrem Tod am 18. Juli 1817 verbrachte, ist als einzige erhaltene Wohnstätte der Schriftstellerin seit 1949 ein Pilgerziel.

Die übersichtlichen Möglichkeiten von Frauen, ihr Leben zu gestalten, waren das Leitmotiv ihres Lebens und ihrer Bücher. Die unglücklichen Ehepaare ihrer Romane, meist in der Parentalgeneration der Heldin anzutreffen, sind warnendes Beispiel und Beweis, dass Ehelosigkeit der Heirat mit einem unpassenden Partner vorzuziehen sei. Doch in einer Zeit, da Erwerbstätigkeit von Frauen aus der Mittel- und Oberschicht nicht vorgesehen war, brachte solch mangelhafte Kompromissbereitschaft einen schwerwiegenden Nachteil mit sich: Unverheiratet blieb die Frau ohne Vermögen auf Wohlwollen und Unterstützung männlicher Verwandter angewiesen.

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