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Hannover : Der nackte Läufer bewacht den See

Am Maschsee flaniert tout Hannover Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Mann auf der Stele würde die Runde um den See locker in achtzehn Minuten schaffen, so, wie der Kerl aussieht, ein nackter Athlet mit Panzerbrecherkinn und Reichssiegeswillen im Blick. Doch er ist aus Bronze und deswegen etwas unbeweglich.

          Der Mann auf der Stele würde die Runde um den See locker in achtzehn Minuten schaffen, so, wie der Kerl aussieht, ein nackter Athlet mit Panzerbrecherkinn und Reichssiegeswillen im Blick. Doch er ist aus Bronze und deswegen etwas unbeweglich. Wir nehmen uns fünfmal soviel Zeit, was immer noch nicht viel ist, und lesen an der Stele auf Augenhöhe unter Reichsadler und Eichenkranz, was der Läufer dort oben treibt: "Wille zum Aufbau gab werkfrohen Händen den Segen der Arbeit - Freude, Gesundheit und Kraft spende fortan auch der See. 1934-1936." Weniger werkfroh wird es ein paar Meter weiter auf einer verschämten Tafel an einem Wirtschaftswunder-Betonpavillon mit goldener Putte auf dem Dach erklärt: "Maschsee: künstlicher See. Als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme von Arbeitslosen weitgehend in schwerer Handarbeit angelegt." Den Maschsee im Herzen Hannovers deswegen einen Nazi-Tümpel zu nennen wäre gemein. Das zweieinhalb Kilometer lange und bis zu fünfhundert Meter breite Gewässer ist der ganze Stolz der Stadt. Hier flaniert tout Hannover, außer bei deutschem Frühsommerwetter wie heute, naßkalt mit Graupelschauer. Am Nordufer stehen neben dem nackten Läufer eine Handvoll verkrüppelter Königspalmen in Kübeln. Sie sehen aus, als würden sie frieren so wie wir. Dann kommt ein Hotel mit Sportsbar-Restaurant und Schreibschwächen-Speisekarte, die Cnocchi offeriert und Revolution mit zwei "e" schreibt. Wir würden gerne einen Kaffee unter dem Foto der hantelstemmenden Marilyn Monroe im BH trinken: ob es schnell gehe. Die nette Bedienung, die physiognomisch die Schwester des nackten Läufers sein könnte, sagt im glockenhellen Hannoveraner-Deutsch, daß es leider nicht schnell gehe.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Wir gehen weiter. Das Westufer ist grün und voller Jogger. Hinter den Wipfeln schaut das Stadion von Hannover 96 hervor, einer Mannschaft des tapferen Mittelmaßes, Fußball-Sisyphusse. Auf dem Weg liegen halb abgenagte Fische, die sich freche Raben aus dem See geangelt haben. Kindern sagt man, daß es regnen werde, wenn sie nicht aufessen. Es fängt an zu nieseln. Sonst ist es verblüffend ordentlich, kein Abfall, nur ein Handzettel mit forschen Skatern auf dem Boden. Das Wort "unsterblich" steht darauf. Wir heben ihn auf. Der Zettel wirbt nicht für gesundes, sondern für ewiges Leben. Gott sei unsere einzige Chance. Hat Gott Skater?

          Schluß mit lustig

          Am Südufer gibt es ein Strandbad, ein wenig verwelkt und verwittert. Es erinnert an eine Dame im besten Alter, die noch Bikini trägt, obwohl sie es nicht mehr tun sollte. Im Strandbad ist ein Feinschmeckerrestaurant untergebracht. Es serviert gesottene Haxe vom Milchkalb mit frischen Morcheln. Wie lange die Zubereitung dauere, fragen wir die Kellnerin, die physiognomisch die Freundin des nackten Läufers sein könnte und im glockenklaren Hannoveraner-Deutsch sagt: viel zu lange. Wir gehen traurig weiter. Draußen wird für Eis geworben: "Summer inside" steht auf den Plakaten. Das ist Sadismus. Wir frieren. Jemand hat einen Zettel darübergeklebt: "Wir sprechen auch deutsch." Hannover wird uns immer sympathischer.

          Das Gewässer ist der ganze Stolz der Stadt

          Am Ostufer sind das NDR-Landesfunkhaus und das Sprengel Museum zu Hause, Hannoveraner Höhepunkte, und zwei Segelschulen. Auf einer Tafel steht: "Kindersegeln, Hochseetörns". Wir lassen den Blick über das Wasser schweifen. Er kommt nicht sehr weit. Rätselhaftes Hannover. Auf einer anderen Tafel steht: "Schluß mit lustig!" Wir erschrecken. Zum Glück gibt nur eine Zeichnung Nachhilfeunterricht: Wer Tiere füttert, tötet den See, weil das Brot auf den Grund sinkt, verfault und dem Wasser den Sauerstoff entzieht. Das ist entsetzlich.

          Der nackte Läufer kommt wieder in Sicht und begrüßt uns hämisch. Er scheint zu sagen: Na, auch schon da. Wir machen eine obszöne Geste zu ihm hinauf. Vor siebzig Jahren hätte das werkfrohen Arbeitseinsatz für uns bedeutet, Maschsee ausbaggern, und zwar von Hand. Heute passiert nichts. Hannover ist toll. l

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