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Großstadtblues : Schlafen können wir in der U-Bahn

Wie ein Fisch im Wasser? Spaziergang durchs nächtliche Tokio, wenn das Gewühl auf den Straßen nachgelassen hat. Bild: Andrea Diener

Tokio ist riesig, aber gut organisiert. Mit der Ginza-Linie kommt man durch die halbe Stadt von Shibuya nach Asakusa - Stadtteile, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

          Obwohl ich es darauf angelegt habe, habe ich es nicht geschafft, in Tokio verlorenzugehen. Ich habe gedacht, ich würde mich ständig heillos verfahren, ich würde durch U-Bahn-Gänge irren, den Eingang nicht finden, den Ausgang nicht finden, den Wald vor lauter Hiraganas und Katakanas und Kanjis nicht finden, aber dann stand er doch immer da, der Wald aus Häusern, genau dort, wo ich ihn gesucht hatte.

          Es ist überraschend einfach, in Tokio U-Bahn zu fahren, obwohl es zwei unterschiedliche Systeme gibt, die sich wie zwei Spinnenetze übereinanderlegen. Alles funktioniert exakt so wie bei der Londoner Tube, inklusive Anweisung zum Linkslaufen in den Gängen, markiert durch einen dicken gelben Mittelstreifen. Auch die Rolltreppendisziplin der Japaner und der Briten ähnelt sich, stets stehen alle brav links, damit man rechts durchlaufen kann, wenn man es eilig hat. In Tokio ist man eben doch, das merkt man da, in einer richtigen Metropole.

          Sparsame Gestik im engen Lokal

          Mein Hotel liegt an der Ginza-Linie, das ist sehr praktisch, denn so kann ich nach Asakusa und nach Shibuya fahren, ohne umsteigen zu müssen. Meine Haltestelle ist Toranomon, das ist das Geschäftsviertel. Dort gibt es ziemlich viele Büros, aber abends ist wenig los. Abends ziehen alle Geschäftsleute eine Station weiter nach Shimbashi und setzen sich in die vielen, kleinen, verwinkelten Bars und Restaurants in den vielen, kleinen, verwinkelten Gassen, und in keiner sitzt auch nur ein einziger Tourist. Alles fühlt sich ein wenig zu klein an, man sitzt oft mit dem halbem Hintern und weiß nicht wohin mit seinen westlich langen Beinen. Am Sushiband zu kauern fühlt sich an, wie im Flugzeug zu essen. Ausladende Gesten sind nicht möglich, nur Mikrobewegungen. Womöglich, denkt man, haben sich die Japaner ihre sparsame Gestik über die Jahrhunderte weg in der Gastronomie antrainiert.

          In den Sake-Bars sitzen große Gruppen ausgelassener Geschäftsleute, die noch nicht nach Hause wollen. Die weniger geselligen unter ihnen verziehen sich in eine Pachinko-Halle. Diese Pachinko-Hallen erinnern grob an die Groschengräber von Las Vegas. Reihenweise stehen die Automaten und blinken vor sich hin, vor allem aber herrscht eine Geräuschkulisse aus Düdeln, Piepsen und Tuten, dass man innerhalb von Sekunden zu Aspirin oder Hörschutz greifen möchte. Die Dekoration besteht aus Mangamädchenbildern oder Fotos von echten Mädchen, die so geschminkt sind, dass sie wie Mangamädchen aussehen. Manchmal stehen auch echte Mädchen herum, die so geschminkt sind, dass sie wie Mangamädchen aussehen, und verteilen Flyer mit einigermaßen komplexen Anleitungen für das Spiel an interessiert im Eingangsbereich herumlungernde Touristen.

          Pachinko-Halle in Tokio : Düdeln, Piepsen und Tuten

          Die Spieler, die in Reih und Glied auf den Stühlen mit Mangamädchenschonbezügen sitzen und das Düdeln, Piepsen und Tuten ertragen, blicken jedoch so zombifiziert vor sich hin, dass man lieber ein wenig Abstand gewinnen möchte. Der Instinkt handelt da ganz richtig, denn später lese ich, dass das japanische Pachinko-Geschäft fest in koreanischer Hand ist und das Geld vor allem nach Nordkorea fließt, wo sich Kim Jong-un und die Seinen über die Devisen freuen. Allerdings darf man wegen des offiziellen Glücksspielverbotes kein Geld, sondern nur Kügelchen in die Automaten werfen, die man kaufen muss. Zu gewinnen gibt es formell nur Sachpreise, die lassen sich jedoch an unauffälligen Buden rund um die Pachinko-Hallen diskret in Bares zurücktauschen.

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