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Griechische Inseln Mondsicheln im Meer

Auf den Kykladen liegen Massentourismus und Einsamkeit oft nur zehn Fährminuten voneinander entfernt. Das ist ziemlich praktisch. Denn wer weiß heute schon, worauf er morgen Lust hat?

© mauritius images Vergrößern Die Stadt Oia auf Santorin mutet an wie eine kubistische Kulisse.

Der entscheidende Satz fiel am sechsten Tag der Reise. Er fiel auf der kleinen Kykladeninsel Kythnos, und man hätte ihn für kitschig halten können, doch das war er nicht. Die Frau, die ihn vor sich hin murmelte, als sei er nur für sie selbst bestimmt, kam aus Australien, einem Land, das nicht gerade arm ist an außergewöhnlichen Orten. Auch dieser Tag, sagte sie also, sei einfach nur ein weiterer Tag im Paradies. An der Mole schaukelten Fischerboote, die Promenade war so gut wie menschenleer, nur in den Restaurants, von denen einige ihre Tische in den Sand gestellt hatten, damit man das Plätschern des Meeres hört, saßen ein Dutzend Gäste. Selbst die Katzen waren so träge, dass sie den halben Calamari-Ring, den man ihnen großzügig hingeworfen hatte, ignorierten. Im Hintergrund erhoben sich karge Hügel, die die Mittagssonne in ein helles Braun tauchte. Dieser Ort wirkte, als seien noch nie Touristenhorden über ihn hergefallen. Und das sind sie auch nicht.

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Wer auf einer Landkarte nach den Kykladen sucht, der sieht jede Menge Inseln im Ägäischen Meer, größere und kleinere, alle von unterschiedlicher Form. Ihre Mitte markiert das heilige Delos, Geburtsort des Gottes Apollon. Manche Inseln liegen so nah beieinander, dass der Eindruck entsteht, man könne von einem Ufer zum anderen rudern. Andere wiederum sind so weit voneinander entfernt, dass das Boot besser einen Motor besitzen sollte, sofern man nicht in Seenot geraten möchte. Was man nicht sieht, ist, dass zwischen den Inseln Welten liegen. Manchmal trennen nur zehn Fährminuten Massentourismus und Einsamkeit. Das liegt daran, dass die vielen Kreuzfahrtschiffe, die durch die Ägäis fahren, wegen ihrer gigantischen Größe nicht überall ankern können. Ihre Passagiere entlassen sie nur auf ganz bestimmte Inseln, die nicht unbedingt die allerschönsten sind. Und sobald die Touristengruppen auf ihnen einfallen, wird es augenblicklich sehr voll und ungemütlich.

Kein Gedränge auf dem Sonnendeck

Glücklicherweise hatten wir mit dieser Massenabfertigung nichts zu tun. Wir reisten auf der MS Galileo, dem Gegenentwurf zu den fahrenden Wohnblöcken, die ungerührt durchs Meer pflügen. Das motorisierte Segelboot ist 48 Meter lang und zehn Meter breit. Die drei in den Himmel ragenden Segel dienen als Attrappe und, sobald sie gehisst werden, was leider selten geschieht, als Fotomotiv. Es gibt fünfundzwanzig kleine Außenkabinen, ein Sonnendeck, ein Restaurant und eine Bar. Dass nur 49 Passagiere auf dem Schiff Platz finden, hat den angenehmen Effekt, dass weder das Buffet gestürmt wird noch auf dem Sonnendeck Gedränge herrscht. Außerdem besteht keine Gefahr, sich zu verlaufen, was auf Kreuzfahrtschiffen ja leicht passieren kann.

Die achtzehn Mann starke Crew war ausgesprochen reizend. Reizend ist hier tatsächlich das richtige Wort, denn während man sich selbst die Namen seiner Tischnachbarn kaum merken konnte, sprach die Besatzung jeden, wirklich jeden Gast mit Namen an. Es schien ihr gar nicht in den Sinn zu kommen, eine aufgesetzte Höflichkeit an den Tag zu legen, dabei dauert die Saison von Ende Mai bis Mitte November. Die Crew arbeitet durch. Eine lange Zeit, in der das Privatleben so gut wie ausgeblendet werden muss.

- © AFP Vergrößern Santorin liegt wie eine Mondsichel im Meer, seit ein Vulkan die halbe Insel wegsprengte. Heute balanciert die Stadt am Kraterrand.

Das Meer verändert sich immerzu

Nikolas Tsoumbakopoulos, der Kapitän der MS Galileo, ist ein mittelgroßer, breitschultriger Mann Anfang fünfzig mit freundlichen Augen. Seine Familie lebt in Piräus. Während der Saison sieht er sie an einem Abend in der Woche - immer dann, wenn das Schiff nach seiner Kykladen-Tour im Hafen anlegt, die alten Gäste von Bord gehen und die neuen einschiffen. An diesem einen Abend ist Nikolas Tsoumbakopoulos meistens sehr müde. Trotzdem ist er froh, seine Familie zu sehen. Ob er sich nicht langweilt, jede Woche dieselbe Route zu fahren, immer wieder nach Folegandros, nach Santorin, nach Paros, Antiparos, Delos, Mykonos, nach Syros und Kythnos? Nein, sagte er, weil sich das Meer immerzu verändere, die Farben, die Bewegungen. Daran könne er sich nicht sattsehen. Er lächelte. Nikolas Tsoumbakopoulos ist kein Mann der großen Worte.

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Veröffentlicht: 06.09.2013, 15:53 Uhr