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Griechenlands Oliven : Irgendwann wird alles gut

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Halb Neochori ist auf den Feldern, von morgens bis abends, wochenlang, Bauern und Rentner, Litsa, die Frau des Dorfklempners, die Kaffeehausbesitzer, Taxifahrer, Metzger. Bild: Picture-Alliance

Es ist ein Rekordjahr: Die Ölbäume bersten vor Früchten, und die Griechen pflücken krisenbedingt alles, was es zu pflücken gibt. Einblicke in die wundersame Welt des Olivenöls auf Euböa.

          Nebelschwaden liegen über dem Dorf, eisengrau und schneeweiß. Sie wabern durch die Gassen, hängen in den Bäumen, liegen auf Feldern, sitzen im Gras. Nebel überall. Lautlos ist die Welt. Es ist halb sieben Uhr morgens, kalt und dämmrig, die Sonne liegt noch hinter den Bergen, und Vasiliki Peppa, neunundsechzig, von allen nur Kiki genannt, das Haar grau und kraus, den Körper in zwei Pullover und zwei zerfranste Hosen eingepackt, um den Bauch eine löchrige Schürze, marschiert in Gummistiefeln und mit einer rostigen Schubkarre hinaus in den Tag. Vorbei an Steinhäusern und Hühnerställen, vorbei an kahlen Feigenbäumen und Mülltonnen, aus denen aufgeschreckte Katzen springen.

          Seit vier Uhr früh ist sie auf den Beinen, hat abgespült und für den Tag vorgekocht, Erbsen mit Kartoffeln, hat die Lampe, ein Glas mit Docht und Olivenöl, neben der Ikone angezündet, „Herr, erbarme dich meiner“, das Kreuz geschlagen und sich ein Tuch um den Kopf gebunden. Kiki, ledig, kinderlos, spindeldürr und von zäher Natur wie keine andere Frau im Dorf, nimmt den Weg zum Friedhof, hinaus auf die Felder, hinaus aus Neochori, ein Kaff unweit der Ägäis, Euböa, Griechenland. Zögernd lichtet sich der Nebel. Bäume schälen sich aus dem wässrigen Weiß, Äste, Blätter, grün, silbrig und grau. An einem knorrigen Baum, inmitten eines Ackers, macht Kiki halt. Es ist ihr Baum, einer von Hunderten. Aus dem Schubkarren zieht sie eine Klappleiter und das Nylonnetz, das sie ausbreitet unter dem Baum, greift zum Schilfrohr, rüttelt mit dem Stock im Geäst und schlägt dann kräftig gegen das Astwerk, als klopfe sie einen Teppich aus. Es regnet Zweige und Blätter und schließlich auch Oliven.

          Eine Frau allein im tosenden Wind

          Es ist ein Jahr wie keines der vergangenen Jahre zuvor. Ein Rekordjahr. Kein Olivenbaum ohne Oliven. Prall und schwer hängen sie an den Ästen, grün, violett und schwarz, klein, groß, rund, oval, hart und weich, und keine Bohrfliege hat sie befallen und Löcher und Flecken auf der Frucht hinterlassen. Wie lackierte Bonbons glänzen die Oliven im Morgentau. 429 Kilo hat Kiki schon gepflückt, von Hand, hat sie von Zweigen geschlagen, von Zweigen gekämmt und vom Boden aufgeklaubt, hat die Oliven von Blättern und Ästen getrennt und in Säcke geschüttet und dann jeweils zwei Säcke mit dem Schubkarren nach Hause gekarrt. Am Ende hatte sie 83 Liter Olivenöl. Sechs Tage hat sie dafür gebraucht. Selbst als es stürmte und der Fährbetrieb zwischen Euböa und Attika zum Erliegen kam, ging sie aufs Feld, pflückte, karrte Oliven nach Hause. Eine Frau allein im tosenden Wind.

          Die Männer holen die Netze aus den Schuppen, beladen den Pritschenwagen mit Säcken, Sägen, Stangen und Stöcken, heuern zwei albanische Hilfskräfte an und fahren hinaus auf die Felder.

          Sechshundert Euro beträgt Kikis Rente. Sie braucht das Öl. Die Oliven nicht zu pflücken ist unvorstellbar. Weitere achtunddreißig Säcke zu je vierzehn Kilo hat sie inzwischen in ihrem Hof wieder angesammelt. Alles hat sie allein gepflückt. Rena, ihre Schwester, Gicht in den Händen, wohnt im achtzig Kilometer entfernten Chalkida. Sie kann nicht helfen. Und Kikis Bruder ist tot. Also ist sie zu Ilias gegangen, dann zu Petros. „Vier Hände sammeln mehr als zwei.“ Doch beide waren bereits auf den Feldern. Seit Wochen pflücken sie für vierzig Euro am Tag.

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