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Kapverden : Die Insel auf der Insel im Inneren der Insel

Von der Gewalttätigkeit der Vulkane ist auf Santiago nichts mehr zu spüren, weil sich ein grüner Pelz über den scharfkantigen Stein gelegt hat. Bild: Fautre/Le Figaro Magazine/laif

Vielleicht werden die Kapverden eines Tages die zweiten Kanaren sein. Noch aber ist es längst nicht so weit. Denn die Archaik Afrikas und das heiße Herz der Vulkane haben eigene Pläne mit dem atlantischen Archipel.

          Irgendwann ist jeder reif für die Insel. Nur für welche? Wir würden das gerne den größten Inselkenner der Weltgeschichte fragen, doch wir sind ein bisschen spät dran. Wenn es jetzt ein halbes Jahrtausend früher wäre, säße Christoph Kolumbus neben uns auf dem Bänkchen in der Kirche Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, der Entdecker der Großen und Kleinen Antillen, der Begründer aller Inselträume lange vor James Cook. Auf seiner dritten Amerikafahrt betete er in diesem schlichten Gotteshaus, das 1495 als ältestes Gebäude der Kapverden errichtet wurde und sich als einzigen Schmuck eine Handvoll blauer Azulejos und ein paar Marmorstufen leistet – schöne, stumme Zeugen einer fürchterlichen Tragödie, die ohne Kolumbus nicht stattgefunden hätte. Denn Kacheln und Steine wurden als Ballast auf den Galeonen der Amerikafahrer hierhergebracht, um sie gegen Menschenleiber einzutauschen. Vielleicht es doch kein Schaden, dass Kolumbus jetzt nicht neben uns sitzt.

          Heute ist das Kirchlein, das ein zahnloses Mütterchen nur für uns aufgesperrt hat, ein Ort des himmlischen Friedens. Früher aber war es die Hölle auf Erden, das Haus eines ganz und gar nicht barmherzigen Gottes, in dem Hunderttausende von Sklaven aus Westafrika zwangsgetauft wurden, bevor man sie ein paar Meter weiter unten am Pelourinho, dem marmornen Pranger im manuelinischen Stil, meistbietend nach Amerika verhökerte. Jetzt wird hier, im Herzen der ersten kapverdischen Hauptstadt Cidade Velha auf der Hauptinsel Santiago, Folklorekitsch statt Menschenfracht aus Westafrika verkauft, meist an weiße Touristen, die danach in den Strandrestaurants mit Blick auf die Brandung an der pechschwarzen Lavaküste fangfrischen Fisch verspeisen und dabei ihre Entscheidung, reif für die Kapverdischen Inseln zu sein, ganz offensichtlich nicht bereuen.

          Vulkankind im Greisenalter

          Die Kapverden haben seit der Jahrtausendwende fast unbemerkt eine erstaunliche Karriere als Sehnsuchtsziel europäischer Alltagsflüchtlinge gemacht. Sechshunderttausend Gäste kommen inzwischen Jahr für Jahr auf den Archipel, der sechshundert Kilometer vor der senegalesischen Küste wie ein Schiffbrüchiger der Geologie in der Einsamkeit des Atlantiks treibt. Bis zu ihrer zufälligen Entdeckung durch portugiesische Indienfahrer 1456 waren die Inseln menschenleer und danach mehr als ein halbes Jahrtausend lang ein strategischer Brückenkopf in Portugals Kolonialreich. Heute werden sie von einem Vielvölkergemisch aus Menschen mit gambischen, guineischen, guinea-bissauischen, senegalesischen und sierra-leonischen Wurzeln bewohnt, die im Gegensatz zu ihren westafrikanischen Brüdern ohne Streit zusammenleben, weil es auf den Kapverden nichts zum Streiten gibt, weder Öl noch Gold, keine Diamanten und keine Smaragde. Die meisten Touristen bleiben allerdings auf den beiden brettflachen Badeinseln Sal und Boavista im Norden, um sich an deren Fototapetenstränden nach kanarischem Vorbild massentouristisch rundum versorgen zu lassen. Nur das wagemutigere Drittel der Gäste besucht auch die Inseln im Süden, allen voran Santiago und Fogo, um dann erleichtert festzustellen, dass auf diesen Eilanden der Tourismus noch eher ein Heilsversprechen als ein Alltagsphänomen ist.

          Die Erde speit Feuer: So sah der Vulkan Fogo am 28. November 2014 aus.
          Die Erde speit Feuer: So sah der Vulkan Fogo am 28. November 2014 aus. : Bild: dpa

          Santiago ist ein Kind der Vulkane, das inzwischen Greisenalter erreicht hat, zernagt und zerrupft von Wind und Wetter und trotzdem noch so steil, dass jede Fahrt zum Achterbahnabenteuer, jede Straße zum Serpentinenslalom, jeder Ausblick zur Schwindelprüfung wird. Von den Vulkanen und ihren Kratern sind nur noch Zacken und Zinken, Stelen und Obeliske, Mini-Matterhörner und Gipfelzipfelmützen übriggeblieben, bespannt mit einem dichten Pelz aus tropischem Grün, bepflanzt mit Hunderttausenden von Akazien, die den Boden stabilisieren, den streunenden Kühen, Schafen und Ziegen dornige Nahrung geben und den Menschen Brennholz zum Kochen liefern.

          Die Anmut von Tempeltänzerinnen

          Dem Menschen wird trotzdem nichts geschenkt, trotz der Üppigkeit der Natur, denn die Vertikalität fordert ihren Tribut: Fast jedes Feld ist ein Steilhang, und fast jeder Kapverdianer, der uns begegnet, trägt eine Hacke über der Schulter, weil Landwirtschaft auf Santiago reine Handarbeit und die Scholle nicht nur zu steil, sondern auch zu steinig für Traktoren ist, die sich ohnehin kaum jemand leisten könnte. Noch an den tollkühnsten Abhängen krallen sich Maisstauden und Erdnusssträucher in die Erde, selbst auf den einsamsten Humusinseln im Vulkanmeer hat man Maniok, Süßkartoffeln, Papaya, Avocado, Guaven, Mangos, Bananen oder Zuckerrohr für den Nationalschnaps Grog gepflanzt. Manche Bergflanken sind mit Stützmauern terrassiert, andere mit Erdwällen, wieder andere von Rillen durchzogen, die sich wie Höhenlinien an den Bergen abzeichnen. Und an allen Straßenrändern werden die Früchte der harten Arbeit verkauft, drei Kilo tropfreifer Mangos für zwei Euro, herangeschleppt von Frauen, die trotz der Lasten auf ihren Köpfen keine Stiernacken haben, sondern Hälse so anmutig wie die von Tempeltänzerinnen.

          Die Dörfer und Gehöfte aber kapitulieren vor der Schönheit dieser hochkultivierten Landschaft und versuchen erst gar nicht, mit ihr zu konkurrieren. Kaum ein Haus ist verputzt, weil der Tropenregen jeder Wand ohnehin in Windeseile ein Schimmelkleid überziehen würde, kaum eines mit Blumen geschmückt, weil sowieso überall die Flamboyants und Tamarinden wuchern. Noch weniger Mühe, sich das Leben ansehnlich zu machen, gibt man sich in den Städtchen des Hinterlandes, in Assomada etwa, einem gesichtslos vor sich hin rottenden Häuserhaufen, in dem Marktweiber chinesischen Billigkrempel im Straßenstaub verkaufen. Immerhin leistet man sich als portugiesisches Erbe einen Hauptplatz mit Rathaus, Kirche und Denkmal, den sich die Heilige Jungfrau von Fátima und Amílcar Cabral, der Vater der Nation und Befreier vom portugiesischen Joch, geschwisterlich teilen. Und mitten in diesem Amalgam aus Leben und Verfall stehen plötzlich zwei hochmotorisierte Audis, die von der Dorfjugend mit heiligem Ernst blitzblank gewienert werden – die Statussymbole erfolgreicher, kapverdischer Auswanderer und zugleich die absurdesten aller denkbaren Prestigeobjekte auf einer staubigen Serpentineninsel.

          Senkrechte Särge, nackte Zementzellen

          Die Inseln der Seligen sind die Kapverden nie gewesen, sondern oft genug eine bitterarme Welt, die man unter Zwang betrat oder unter Zwang verließ. Abertausenden von Bewohnern blieb nichts anderes als die Flucht in die Emigration, sodass heute mehr Kapverdianer in aller Welt leben als auf dem Archipel. Die ersten Auswanderer heuerten im neunzehnten Jahrhundert auf amerikanischen Walfängern an, und noch heute werden in manchen Küstenstädtchen von Massachusetts ganze Straßenzüge von kapverdianischen Exilgemeinden bevölkert, Heimwehkranken für alle Zeiten, die ihre Verwandtschaft zu Hause auch in der fünften Generation noch großzügig alimentieren.

          Die schreckliche Tradition aber, Menschen auf die Inseln zu verschleppen, hörte auch nach dem Ende der Sklaverei nicht auf. Der portugiesische Diktator Salazar stecke Hunderte afrikanischer Freiheitskämpfer, die für die Unabhängigkeit der Kolonien von Portugal stritten, in ein Konzentrationslager bei Tarrafal im Norden von Santiago, das mit seinen zinnenbewehrten Mauern und dem tiefen Graben an ein Fort aus den Tagen der tollkühnen Seefahrer erinnert. Mit seinen Kaskaden aus Jacaranda-Blüten und dem säuselnden Vogelgezwitscher könnte es tatsächlich ein idyllischer Historienort sein. Doch sobald wir vor den Einzelzellen stehen, in die renitente Gefangene gesteckt wurden, um ihren Willen zu brechen, läuft uns der kalte Schauder in tropischer Hitze über den Rücken. Senkrechte Särge sind diese nackten Zementzellen, die nur drei winzige Lichtlöcher haben und bei jedem Klaustrophobiker zum sofortigen Tod durch Entsetzen führen – und werden in ihrem Schrecken noch übertroffen von einem Loch drei Meter unter der Erde, in dem man lebendig begraben wurde und doch weiterleben musste, weil den Gequälten wegen eines kleinen Kamins nicht die Gnade des Erstickens zuteilwurde.

          Ein perpetuiertes Provisorium

          Zwei Kilometer weiter und zehn Minuten später sitzen wir am Strand von Tarrafal, dem schönsten von ganz Santiago, und erholen uns beim Aperitif vom Schrecken der Sarg- und Gräberzellen. In der tief eingeschnittenen, von nachtschwarzen Lavazungen eingefassten Bucht dümpeln die Boote der Fischer und die ramponierten Yachten der Einhandsegler, die irgendwann wie Fliegende Holländer beim Träumen ihres Lebenstraums auf den Sieben Weltmeeren verlorengegangen sind. Abends spielen die Fischer Fußball im Sand, während uns ihr Fang serviert wird und wir dabei nicht nur die volle Aufmerksamkeit des Personals, sondern auch Tarrafal fast ganz für uns alleine haben. Noch döst der Tourismus in dem Städtchen so friedlich vor sich hin wie die Köter in den Straßen, noch lässt sich die Zahl der Hotels an den Fingern einer Hand abzählen. Und noch immer stört nichts die therapeutische Langsamkeit des Lebens, die allerdings auch dafür sorgt, dass die meisten Häuser wie Rohbauten aussehen und Tarrafal den Anschein des Halbfertigen, Unvollendeten geben, ein perpetuiertes Provisorium, das von keinem Ehrgeiz, die Dinge zu Ende zu bringen, aus der Ruhe gebracht wird.

          Die Menschen auf der Insel Fogo haben gelernt, mit den Launen ihres Vulkans zu leben. Und sie verzeihen ihm jeden Wutausbruch.
          Die Menschen auf der Insel Fogo haben gelernt, mit den Launen ihres Vulkans zu leben. Und sie verzeihen ihm jeden Wutausbruch. : Bild: dpa

          Nach Tarrafal und nach der Fahrt an Santiagos wilder, von Vulkanen ausgespuckter, jäh ins Meer abbrechender Ostküste entlang kommt uns die Hauptstadt Praia beinahe wie ein Moloch vor. Sogar zwei Ampeln gibt es in der Stadt, die allerdings beide kaputt sind – was auch besser sei, wie uns die Einheimischen versichern, denn als sie noch funktionierten, hätten sie nur Chaos angerichtet. Praia sieht zwar genauso halbfertig aus wie Tarafal, doch hier und da ist der touristische Aufschwung schon angekommen. Ein neues Flughafengebäude wird gerade gebaut, eine Handvoll komfortabler Hotels sind entstanden, und am Hafen wächst gerade die größte Investition in der Geschichte der Kapverden aus dem Wasser: ein Casino mit angeschlossenem Luxushotel, das sich ein Milliardär aus Macau zweihundertneunzig Millionen Euro kosten und nicht nur uns ratlos mit der Frage zurücklässt, wer in Himmels Namen dort sein Geld verspielen soll. Die hauchdünne, kapverdische Oberschicht? Chinesische Zocker, die um den halben Globus eingeflogen werden müssten? Europäische All-inclusive-Urlauber mit Stacheldraht um die Brieftasche?

          Fluch und Segen der Chinesen

          Die Kapverdianer fragen lieber nicht näher nach, weil die Chinesen ihre zweite große Hoffnung neben den Urlaubern aus Europa sind. Sie bauen Straßen, Staudämme, ganze Universitäten, und sie lassen sich ihre vermeintliche Philanthropie teuer bezahlen: Da die Kapverden kein Geld für diese Investitionen haben, gewähren sie den Chinesen Steuervergünstigungen beim Import und Handel von Waren – was nicht nur dazu führt, dass die Inseln von chinesischen Billigprodukten überschwemmt werden, sondern auch die einheimischen Händler in den Ruin treibt. Inzwischen heißen die meisten Minisupermärkte Li oder Lu, doch die Kapverdianer scheinen das mit stoischer Ruhe und einer Flasche lokalen Strela-Biers in der Hand klaglos hinzunehmen.

          Wir leisten ihnen dabei an der Strandpromenade von Praia beim Sonnenuntergang Gesellschaft und fühlen uns fast schon wieder so entspannt wie in Tarrafal. Doch dann mischt sich Autolärm unschön in den Sirenengesang der Brandung, wahrscheinlich knattern gerade die beiden aufgemotzten Audis aus Assomada dort herum. Und so beschließen wir, doch nicht für die große Insel Santiago reif zu sein, sondern für das kleine, nur einen Propellerflugzeughüpfer entfernte Fogo. Und in seinem Hauptstädtchen São Filipe finden wir genau das, was wir suchen: einen Pulsschlag zwischen Trägheit und Phlegma, der noch den Getriebensten besänftigt, eine selbstgenügsame Verschlafenheit, die kein Prinz wachküssen könnte, und endlich auch koloniale Kulissen, die das Urlaubsglück des unverbesserlichen Alteuropäers erst vollkommen machen. Ein Dutzend portugiesischer Herrenhäuser sind vor dem Verfall bewahrt und zwei, drei von ihnen in Boutiquehotels umgewandelt worden. Ein paar gepflasterte Straßen in der Altstadt, eine Esplanade an der Steilküste, eine meerwasserblaue Kirche geben noch eine Ahnung von der Pracht der Vergangenheit – und zugleich Rätsel auf: Warum nur, fragen wir uns, ist auf den Kapverden die koloniale Hinterlassenschaft im Vergleich zu Lateinamerika ein so schmales Erbe? Was haben die Portugiesen die ganze Zeit auf diesem Archipel getrieben, das länger als jedes andere Land der Welt eine Kolonie war – 1456 von Diogo Gomes entdeckt, 1975 vom postdiktatorischen Portugal in die Unabhängigkeit entlassen und doch so wenig portugiesisch, so wenig mediterran, als seien diese fünfhundertneunzehn Jahre nur eine Schimäre gewesen.

          Das Reich allen Anfangs und Endes

          So sitzen wir grübelnd auf der Terrasse unseres Herrenhaushotels, trinken einsam einen Caipirinha, blicken in leere, stille Straßen, die alle steil bergan führen – und spüren plötzlich, dass wir noch immer nicht auf unserer Insel, noch immer nicht am Ende unserer Reise angekommen sind, weil alle Wege auf Fogo hinauf zu einem Ziel, einem Endpunkt führen, verborgen jenseits des Wolkenkranzes, der die Insel wie eine Tonsur umgibt. Also lassen wir die Sonne an der Küste hinter uns, tauchen in den Nebel ein, kommen nach wenigen Minuten wieder ins gleißende Licht – und stehen fassungslos am Rand einer urgewaltigen Welt, an einem schwarz schimmernden Tor, das geradewegs ins Innere der Erde führt: Wie das Reich allen Anfangs und Endes öffnet sich vor uns eine riesige Caldera, die von einem fast dreißig Kilometer langen, fast tausend Meter senkrecht aufsteigenden Kraterrand zu drei Vierteln umschlossen und im letzten Viertel vom 2829 Meter hohen Pico do Fogo gekrönt wird, diesem hochaktiven, brandgefährlichen, sich selbst ständig eruptiv verstümmelnden Vulkan, dem heißblütigen Herrscher der Feuerinsel Fogo.

          Jeden Quadratzentimeter der Caldera hat der Pico do Fogo mit den Eingeweiden der Erde gefüllt und dabei eine phantastische Formenvielfalt hinterlassen. Er hat Wanderdünen aus pechschwarzer Asche aufgetürmt und sechs Meter dicke Lavazungen ausgespuckt, Millionen von Steinen wie ein unermüdlicher Goliath der Geologie in den Krater geschleudert und aus dem geschmolzenen Stein Blätterteig und Brotteig geformt, Mousse au Chocolat und Millefeuilles, Holzkohle und Hirnmasse, Kuhfladen und Korallen. Hier sieht die Lava aus wie das Gewirr von Luftwurzeln im Dschungel, dort wie Luftschokolade für Gigantenkinder, dann wieder hat der Pico versteinertes Schmieröl vergossen oder sich als abstrakter Expressionist versucht und seine Farbtuben auf der Kraterleinwand ausgedrückt. Und er hat, auf halber Höhe seiner Flanken, Löcher in die Erde gesprengt, höllentiefe Schlünde, aus denen stinkender Schwefel wie Luzifers Atem aufsteigt und rotes Eisenoxyd heruntertropft wie das Blut der Erde. Kein Halm, kein Strauch wächst in dieser Landschaft, die wie die Urmasse der Erde am ersten Schöpfungstag aussieht und in der kein anderes Geräusch existiert als das Rauschen des Windes und das Knirschen der Lava unter unseren Sohlen.

          Die härteste Probe

          Doch der Krater ist kein Totenreich. Er steckt voller Leben. Abertausende von Löchern haben seine Bewohner in die Lavaasche gegraben, Löcher des Lebens, die nicht in die Unterwelt führen, sondern nur ein, zwei Meter tief sind, um sie dann mit Humus und Dung zu füllen und ihre Pflanzen hineinzusetzen – Papaya, Mango, Feigen, Granatäpfel, vor allem aber Wein, der aus Furcht vor den Winden verängstigt am Boden entlang kriecht und trotzdem zu prachtvollen Gewächsen wird. Das ist das Verdienst von David Montrond, dem jungen Kellermeister der Winzerkooperative Chã, der sämtliche Kraterbauern angehören. Er ist in der Caldera aufgewachsen, hat sein Handwerk in Bozen gelernt und keltert jetzt aus den robusten Reben Sabro und Barboso kraftvolle Weine mit barocken Fruchtnoten, die den Gaumen aber nicht betäuben, sondern von der rauchigen Mineralität der Lava zu eleganten Bouquets zusammengebunden werden. Hundertfünfzigtausend Flaschen produziert Montrond jedes Jahr im Angesicht des grollenden Berges, der schon mehr als einmal die Weinstöcke verbrannt und begraben hat. Und trotzdem denkt er gar nicht daran, sich vom Pico do Fogo vertreiben zu lassen. Denn dieser Berg, sagt er und lächelt ihm milde zu, sei kein Feind, sondern ein Gefährte, mit dem man längst zu leben gelernt habe.

          Auf die härteste, zerstörerischste Probe stellte der Pico do Fogo seine Mitbewohner vor drei Jahren. Und trotzdem erinnern sich Marisa Lopes und Mustafa Eren ganz ohne Angst und Schrecken an den Abend des 22. November 2014, als der Vulkan plötzlich tief aus seinem Bauch zu grummeln begann und die Erde zu zittern anfing, als habe sie Schüttelfrost. Um zehn Uhr am nächsten Morgen stieg dann ein Atompilz aus dem Hauptkrater auf, während aus einem Seitenkrater ein Bombardement von Steinen begann und bald darauf unvorstellbare Lavamassen aus dem Berg quollen. Drei Monate später hatte der Pico zwar niemanden getötet, aber bei seinem dritten Ausbruch innerhalb von dreiundsechzig Jahren 4,7 Milliarden Tonnen Gestein in die Caldera ergossen, die beiden Kraterdörfer vollständig zerstört und es trotzdem nicht geschafft, Marisa, Mustafa und den vierhundert anderen Bewohnern den Garaus zu machen.

          Willkommen im Schoß der Erde

          „Wir können nur beim Pico sein“, sagt Marisa, die ihr ganzes Leben auf der Lava verbracht hat, vor der Eruption zwei Hotels im Krater besaß und sofort nach dem Ende des Ausbruchs mit dem Bau einer neuen Touristenunterkunft begann – eine kapverdische Selfmadewoman, die vielleicht in einer Mondlandschaft, aber ganz gewiss nicht hinter dem Mond lebt. „Einen Tag nachdem der Vulkan die Straße zerstört hatte, haben wir eine Piste um die Lavazungen herum gebaut, um wieder in die Caldera hineinkommen zu können“, sagt Mustafa, ein gelernter Bauingenieur, ausgebildeter Bergführer und leidenschaftlicher Freeclimber, der in der Türkei geboren wurde, mit einem Stipendium in Deutschland studierte, als Entwicklungshelfer nach Fogo kam, sich in Marisa verliebte und die beiden gemeinsamen, löwenmähnigen Kinder nun mit treusorgender Zärtlichkeit zweisprachig türkisch-kreolisch großzieht.

          Die „Casa Marisa“ ist vor kurzem erst fertig geworden und muss dem Vulkan doch schon wieder Tribut zollen, den ersten und bestimmt nicht den letzten: Die Wände haben feine Risse bekommen, weil das Haus auf einem glühenden Gletscher aus Lava steht, der längst nicht zur Ruhe gekommen ist und noch immer ein fünfhundert Grad heißes Herz hat. Er ist aber auch so freundlich, genügend Geowärme für den gesamten Hotelbetrieb zu liefern und die Fliesen in unserem Zimmer auf Hamam-Temperatur zu heizen. Wir lassen es uns gerne gefallen, legen uns auf den heißen Boden, lauschen der Stille, fühlen uns wie im Schoß der Erde und empfinden diese Wärme plötzlich als versöhnliche Botschaft des Vulkans, der uns sagen will, dass wir Menschen trotz seiner Gewalttätigkeit bei ihm willkommen sind, dass er mit der Caldera für uns eine Insel auf der Insel im Inneren der Erde geschaffen hat, geschützt von tausend Meter hohen Palisaden vor dem Lärm der Welt, einen Ort des Werdens und Vergehens, für den auch wir eines Tages so reif sein könnten wie Marisa und Mustafa.

          Arrangements: Der Kleingruppenveranstalter SKR Reisen bietet die Kapverden 2018 zu fünf Terminen an. Die fünfzehntägige Rundreise kostet ab 2999 Euro pro Person inklusive Flug mit TAP Portugal über Lissabon, Transport, Unterkunft, Mahlzeiten und deutschsprachiger, örtlicher Reiseleitung. Information und Buchung online unter www.skr.de oder telefonisch unter 02 21/9 23 37 24 04.
           

          Quelle: F.A.Z.

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