Für die beliebte These, es gäbe keine richtigen Winter mehr, war der vergangene ein Schlag ins Kontor. Er kam spät, aber gewaltig. Dann hörte es lange Zeit nicht mehr zu schneien auf.
Früher, als es noch richtige Winter gab, mußte man oft mit bedeutend weniger Schnee auskommen. Aber abgehalten von der sonntäglichen Sporterfüllung hat das den wahren Alpinisten nie. Jeden Sonntag fuhr der Vater mit den Söhnen Schlag 10 Uhr 30 Richtung Süden ab, um Schlag 12 Uhr mit der Ausübung des Skisports beginnen zu können. Reine Fahrzeit fünfundsiebzig Minuten, die ersten Schnallenstiefel angeschnallt, Kartenkauf - dann wurde die Halbtageskarte gnaden- und pausenlos hereingefahren. Viereinhalb Stunden, solange eben der Lift lief, wurde durchgefahren, Sulzschnee weggeschoben mit brennenden Oberschenkeln und zitternden Waden. Nur weil es sich beim familiären Hauslift um einen der langsamsten Zweiersessel der Weltgeschichte handelte, blieb zwischendrin ein wenig Zeit, um durchzuatmen.
Wo sich das abspielte, tut wenig zu Sache, sagen wir im Salzburgischen, nennen wir den Ort Spielbergalm. Neulich in den Ferien war der Sohn dann wieder einmal dort. Ein Vierteljahrhundert lag zwischen den eigenen Versuchen und den zeitgenössischen mit dem eigenen Kind. Und siehe: Es gibt sie noch, die guten Lifte! Der Zweiersessel war immer noch derselbe, jedenfalls sah er ganz so aus, und er lief auch noch genauso behäbig den Berg hinan. Verlockend nah an einem Wirthaus vorbei, über offene Südhänge, durch eine Waldschneise zur Rechten einer bügelbrettflachen, schnurgeraden Piste, die zu überwinden damals wie heute nur mit entschlossener Schußfahrt möglich ist. Auch an der Bergstation hatte sich nicht viel getan, ein Tellerlift für die Kleinsten, weiter drüben ein modischer Vierersessel.
Bescheiden und stolz zugleich steht die Gasthütte auf einem sanften Hügel und überblickt das Geschehen. Ein Sehnsuchtsort der Kindheit, weil der Eintritt damals verwehrt war. Eingekehrt wurde nicht. Aus Prinzip. Damals gab es schwarzen Tee mit Zitrone aus der Thermoskannenn, und daheim nach der Badewanne zur Belohnung ein Schnitzel. Mit großer Verspätung mußte der Einkehrschwung also nachgeholt werden. Und prompt entpuppte sich die Hütte als ein Relikt aus jenen Tagen, als in den Bergen der Nepp noch nicht alles war.
Auf der Terrasse wird noch bedient, die übliche Skistiefelakrobatik mit Tablettballett entfällt. Das "Griaß eich" der Bedienung kommt natürlich und nicht schrill-anbiedernd, die Portionen sind angemessen, die Preise zivil. Familienfreundlich heißt zwar auch Riesenpizza, aber Hausmannskost wie Kasnocken und Fleischkrapfen dominieren die Speisekarte. Damit nun nicht der Eindruck von falscher Heimatduselei aufkommt, sollte man sich für einen Moment vergegenwärtigen, wie verkommen weite Landstriche des Skitourismus sind: Man überzeuge sich einmal während der Hochsaison in den großen Skischaukeln mit ihrem Rundumremmidemmiangebot. Der Anstand blieb auf der Strecke, der Umsatz wuchs. Da wird an Schneebars der primitivste Beischlaf-Discosound ganztägig in die Bergwelt gepumpt, den man sich vorstellen kann; da fallen einem um elf Uhr vormittags zum äußersten entschlossene Steuerberaterinnen aus den Flachgauen Südschwedens wie die sprichwörtlichen Rauschkugeln entgegen. Und der Wirt nimmt die schwankenden Gestalten mit Phantasiepreisen aus - lange vor der Euro-Umrechnung hat er gelernt, den Promillegehalt der Piefkegäste zu taxieren. Selige Bergwelt? Ein Mutantenstadl.
Aber jede Kehrseite hat ihre Medaille. Seit Jahr und Tag grämt sich etwa der benachbarte Schweizer Skitourismus über die Zuwächse der Österreicher. Die Eidgenossen, so klagen sie selbst, müßten sich etwas einfallen lassen. Zu hoch die Preise, zu antiquiert das Liftangebot. So sitzt man dann auf der Sonnenterrasse und betet im stillen, daß der Ausverkauf nicht auch dort noch weitergehen möge; und hofft, daß es noch viele Winter solche normalen Wirtschaften geben wird, ohne Zwangsbeschallung und Amüsierzwang. In denen man womöglich einst mit den Enkeln sitzen und auf die Bergwelt schauen könnte. Auf eine möglichst verschneite. Hannes Hintermeier