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Glosse : Das Ende der Menschheit

Ort des Schreckens: der internationale Flughafen von Toronto Bild: Hady Khandani/JOKER

Am Flughafen von Toronto kann man einen Blick ganz weit hinein in unsere digitale Zukunft werfen - es ist ein schauriges Bild, das sich uns da bietet.

          Neulich haben wir am Flughafen von Toronto etwas Kurioses gesehen, über das wir eigentlich an dieser Stelle eine launige Glosse schreiben wollten. Doch das geht nicht. Es ist zu ernst. Nein, nicht nur das, es ist entsetzlich. Denn wir haben in einen Abgrund der Unmenschlichkeit geblickt. Und am schrecklichsten ist: Wir stehen an der Kante und müssen es uns auch noch gefallen lassen, dass man uns den Sprung in die Tiefe als unsere eigene goldene Zukunft verkauft.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Am Flughafen von Toronto sind fast alle Plätze in fast allen Restaurants mit Touchscreens ausgestattet, auf denen man nicht nur sein Essen mit Hilfe virtueller Speisekarten online bestellen, sondern auch gratis im Internet surfen kann. Und fast alle Gäste machen von diesem Angebot Gebrauch, selbst solche, die nicht allein unterwegs sind. Es ist ein bizarres Bild: Die Restaurants sehen aus wie Callcenter, deren Mitarbeiter sich beim Lieferservice etwas zu essen bestellt haben; oder wie Großraumbüros während einer improvisierten Mittagspause; oder wie die Kulisse eines surrealistischen Sciencefictionfilms, in dem die Nahrungsmittelaufnahme zu einer lästigen Nebentätigkeit degeneriert ist. Dabei haben wir uns in Toronto mitten in der Gegenwart wiedergefunden und nichts anderes gesehen als die logische Fortentwicklung unserer totalvernetzten Welt, in der jeder ständig auf seinem Smartphone oder iPad herumdaddelt wie ein hoffnungsloser Autist. Jetzt macht man es eben auch bei den Mahlzeiten. Und vielleicht liest mancher Gast sogar Koch-Blogs oder Restaurantkritiken, während er in seinem Essen stochert. Das nennt man dann wohl die endgültige Entmaterialisierung der virtualisierten Welt.

          Die doppelte Perversion

          Wir geben gerne zu, dass wir romantische Neigungen haben und es immer sehr genießen, mit der Familie oder Freunden an einer langen Tafel zu sitzen, um stundenlang zu essen und zu reden. Wir haben auch volles Verständnis für die Einsamkeit des Reisenden, der lieber in Begleitung eines Computers als ganz allein am Tisch hockt. Und trotzdem hat es uns in Toronto vor der doppelten Perversion dieser digitalisierten Zukunftsrestaurants geschaudert. Denn sie pervertieren nicht nur die Grundregeln der menschlichen Kommunikation. Man unterhält sich lieber mit einem Bildschirm, einem Algorithmus, einem Haufen Pixel als mit lebendigen Wesen - nicht einmal mit dem Kellner muss man noch reden, geschweige denn mit seinem Tischnachbarn. Hat denn niemand mehr Bedürfnis nach dieser simplen Übung sozialen Verhaltens? Legt denn niemand mehr Wert darauf, ein Mensch in der maschinisierten Welt zu sein und nicht bloß Maschinenfutter? Stört sich niemand an der geschwätzigen Stummheit, zu der uns die Computer zwingen? Merkt denn niemand, dass sie uns zur Isolation in der Masse verdammen, zur vollkommenen Anonymität in einer virtuellen Welt, in der jeder jeden zu kennen glaubt? Und wie sollen wir weiterhin unseren Kindern erklären, dass ihre Telefone am Tisch strengstens verboten sind, wenn Restaurants wie in Toronto Schule machen?

          Mit Computerbildschirmen kann man nicht anstoßen
          Mit Computerbildschirmen kann man nicht anstoßen : Bild: ullstein bild

          Noch schlimmer aber ist die Pervertierung des Reisens durch die Touchscreens-Lokale. Alles, was das Unterwegssein ausmacht, zerstören sie - die Neugier, die Beobachtung, die Überraschung, die Verblüffung, die Erfahrung, die Erkenntnis. Man lernt niemanden kennen, lernt nichts Neues, begreift keine Unterschiede, versteht sich selbst nicht. Man verbarrikadiert sich stattdessen im virtuellen Schutzraum und begibt sich freiwillig in die Gefangenschaft eines falschen Freiheitsversprechens, das uns die Grenzenlosigkeit nur vorgaukelt. Frei ist nicht derjenige, der jederzeit erreichbar ist, niemals die Verbindung zum Vertrauten löst, jedes Risiko durch Recherche ausschließt, sondern derjenige, der nicht weiß, was das Leben für ihn bereithält. Wenn es nichts weiter als ein Bildschirm ist, sind wir verloren. Wahrscheinlich sind wir es längst.

          Quelle: F.A.Z.

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