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Garmisch-Partenkirchen : Die Wehmut des schaukelnden Schuhkartons

  • -Aktualisiert am

Pflichtstation für den Ski-Weltcup: Auch in diesem Winter fand in Garmisch-Partenkirchen wieder ein Riesenslalom statt. Bild: EPA

Garmisch-Partenkirchen ist nicht nur dank der Zugspitze und „Gold-Rosi“ Mittermaier der Inbegriff des deutschen Wintersportortes. Doch der Glanz hat Patina angesetzt.

          Es ist, als ob sich die Piste von einem Meter auf den anderen in kalte Luft auflöste. Das Land klappt einfach senkrecht weg. Niemand, der an der Kante nicht anhält, sich langsam vornüberbeugt und einen ehrfürchtigen Blick hinunterwirft. Ist das noch Hang oder schon Wand? Das Gefälle: zweiundneunzig Prozent. Die Fehlertoleranz: null. Das Gefühl: beklemmend. „Freier Fall“ heißt diese Passage der so berühmten wie berüchtigten Kandahar-Abfahrt – wie treffend, zumindest für die Weltcup-Rennfahrer. Die Profis bekommen dieses steilste Stück Piste ihres Wettkampfkalenders nämlich gar nicht unter die Ski, weil sie eben nicht an der Kante anhalten, sondern darüber hinwegfliegen und vierzig, fünfzig, sechzig Meter weit auf den Zielhang geschleudert werden.

          Unsereins wird dagegen zurückgeworfen, und zwar auf die überwunden geglaubte, aufs reine Überleben fixierte Schonhaltung finsterster Anfängerzeiten, als noch jeder Schwung den ganzen Mut und Mann erforderte. Wir sind dem Schild Richtung „Kandahar-Umfahrung“, das wie die letzte Ausfahrt für Zauderer wirkt, bewusst nicht gefolgt. Wir wollen es wissen, wir wollen spüren, wie es sich fährt auf der Piste mit einem Ruf wie Donnerhall, benannt nach einem britischen General. Wir wollen erfahren, ob der Mythos noch lebt und wie die unbarmherzigsten Steilstücke den Adrenalinspiegel deregulieren. Furcht und Sucht liegen hier eng beieinander.

          Sensationssieger, Favoritensterben, Blutzoll

          Eigentlich ist es unvorstellbar, dass die gesamte Strecke für die Profis vor ihrem Rennen komplett vereist wird, damit die Fahrer von der ersten bis zur letzten Startnummer die nahezu gleichen Bedingungen vorfinden. Die Kandahar gilt als eine der technisch anspruchsvollsten Schussfahrten und wird im alpinen Weltcup-Zirkus in einem Atemzug genannt mit der Lauberhorn-Abfahrt und dem Hahnenkamm-Rennen. Nach dem Start kommen die Fahrer schneller von null auf hundert Stundenkilometer als mancher Sportwagen. Sensationssieger, Favoritensterben, Blutzoll – wenn die besten Skifahrer der Welt in Garmisch-Partenkirchen Station machen, sind spektakuläre Bilder garantiert, wie unlängst am letzten Januarwochenende bei strahlendem Sonnenschein. Nur dass bei der Männerabfahrt viele ihren bayrischen Höchstgeschwindigkeitsritt mit gerissenen Bändern und ausgekugelten Gelenken vorzeitig beenden mussten.

          Oben zwei unabhängige Skigebiete, dazwischen die Langläufer, und im Sommer kommen die Landwirte wieder zum Zug.
          Oben zwei unabhängige Skigebiete, dazwischen die Langläufer, und im Sommer kommen die Landwirte wieder zum Zug. : Bild: dpa

          Der Nervenkitzel einer Begegnung im wahren Leben mit der Kandahar steht im Kontrast zu dem sonst so angenehm unaufgeregten Wintersportbetrieb zwischen Hausberg, Kreuzeck und Osterfelderkopf. In Deutschlands größtem Skigebiet, dem vierzig Pistenkilometer und fünf beschneite Talabfahrten umfassenden Garmisch-Classic, geht wochentags alles seinen gewohnten Gang mit geruhsamer Note und viel Geschichtsbewusstsein als Austragungsort der ersten und bisher einzigen Olympischen Winterspiele in Deutschland 1936; aus Olympia 2018 in München mit der Kandahar-Abfahrt als einem der Herzstücke wurde ja nichts. Es gibt wenig Halligalli, kaum Ufftata mit Party-Heulern aus der Box, dafür ein stolzes Dasein als alpiner Traditionsort. Hier wurde zwischen 700 und 2050 Metern Höhe eigentlich schon immer Ski gefahren, nicht jeder „Schmarrn“ mitgemacht und das grandiose Panorama fortwährend gelobt.

          Das Gegenteil einer Wintersportkunstwelt

          Fährt man mit dem modernen, das Gesäß wärmenden Kandahar-Express hinauf zum Kreuzjoch, sieht man immer Familienoberhäupter dastehen, die mit den Skistöcken Kreise auf den Horizont malen. Sie erklären, die Alpspitze im Rücken, ihren Liebsten mit ausladendem Gestus den wohlgeformten Talkessel, in dem Garmisch-Partenkirchen zwischen Wank, Kramer und Zugspitzmassiv residiert. Die Skischanze drüben am Gudiberg wirkt von hier oben wie eine riesenhafte, freischwebende Skulptur.

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