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Hohe Tatra : Der kurze Moment des glücklichen Lebens

  • -Aktualisiert am

Gefährliche Berge: Blick auf den Popradské Pleso. Bild: Picture-Alliance

Den Lebenden zur Warnung: Ein symbolischer Friedhof in der Slowakei erinnert an die vielen Bergsteiger, die es nicht wieder ins Tal geschafft haben.

          Auch die Kletterer in der Wand des Ostrva machen das, was Kletterer meistens tun: Sie verdrängen den Gedanken, dass ihr Sport jederzeit mit dem Tod enden kann. Dabei liegt dieser Gedanke an diesem Berg in der Hohen Tatra noch näher als anderswo. Denn schon beim Zustieg kommen die Kletterer an einem unübersehbaren memento mori vorbei: dem Symbolischen Friedhof.

          Er liegt in einem Hain mit Felsblöcken und knorrigen Zirben, diesen zähen Überlebenskünstlern auch in den knackig-kalten Tatra-Wintern. Ein Pfad windet sich zu einer Kapelle mit einem Schindeldach empor. Handgeschnitzte Holzkreuze flankieren den Aufstieg. Sie sind mit farbenfrohen Symbolen bemalt – obwohl der Ort der Tristesse des Todes gewidmet ist: All die Felsen sind mit Plaketten bedeckt, die vom Sterben in den Bergen künden.

          Die Gedenkstätte zwischen Fels und Zirben

          „Den Toten zur Ehre, den Lebenden zur Warnung“: Unter diesem Motto ist der Symbolische Friedhof im Jahr 1940 der Öffentlichkeit übergeben worden. Der Maler Otakar Štáfl hatte zehn Jahre zuvor den Vorschlag gemacht, einen solchen Friedhof anzulegen.

          Mehr als fünfhundert Namen am Hang

          Otakar Štáfl hat mehr als zwanzig Jahre in der Hohen Tatra zugebracht und sich einen Namen als Maler dieses Gebirges gemacht. In unzähligen Bildern feiert er die Dramatik und Schönheit der Tatra. Aber Otakar Štáfl wusste auch, welche Gefahren die hohen, steilen Wände, die Wetterumschwünge und die Lawinen bedeuten.

          Wer in der Tatra ums Leben kam, erhielt oft am Ort seines Todes – wie bis heute in den Bergen üblich – eine Inschrift oder ein Kreuz des Gedenkens. Otakar Štáfls Idee war es nun, solcherlei Gedenken an einem leicht zugänglichen Ort zu bündeln. So liegt der Friedhof in der Nähe des Sees Popradské Pleso, einem beliebten und leicht erreichbaren Ausflugsziel. Mit seiner Frau und einigen Freunden hatte Otakar Štáfl im Jahre 1936 mit der Anlage begonnen. Der Holzschnitzer Jozef Fekiač-Šumný aus Detva stellte sechzig Kreuze auf, Betriebe aus der Gegend bauten die Kapelle, Otakar Štáfl hängte ein Ölgemälde hinein: den „Abtransport eines verletzten Bergsteigers“. Die erste Plakette erhielt der ungarische Bergsteiger Jenö Wachter, der 1907 in der sehr schwierigen Nordwand des Żabi Koń ums Leben kam – sein Tod gilt als der erste Bergsteiger-Absturz in der Hohen Tatra.

          Hohe steile Wände, Wetterumschwünge und Lawinen: Die Hohe Tatra ist ein gefährliches Revier, auch wenn sie zeitweise so friedlich aussieht.

          Ihm folgten so viele, dass es einen Schaudern kann: Gut und gern dreihundertfünfzig Plaketten mit mehr als fünfhundert Namen verteilen sich inzwischen an dem Hang. Sie zeigen Symbole der Tragik wie eine Hand, die am Fels den Halt verliert. Oder das reißende Seil. Sie zeigen junge, lebensglückliche Gesichter, die optimistisch in die Welt schauen – und die Lebensdaten machen klar, wie kurz ihnen das vergönnt war. Sie zeigen Tragödien wie die vom 20. Januar 1974, als eine Lawine zehn Studenten und deren Professor tötete. Sie zeigen Veteranen des Alpinismus, Frauen, unterschiedlichste Nationen.

          Nicht genug Platz für alle

          Und dabei sind längst nicht alle Unfälle berücksichtigt. „Bei der Massenentwicklung des Tourismus und des Bergsteigens in den vergangenen Jahrzehnten ist es nicht möglich, dass jeder verstorbene Bergsteiger und Tourist ein Gedenkschild auf dem Symbolischen Friedhof erhält“, heißt es bei der Verwaltung des Nationalparks Hohe Tatra, der Trägerin des Friedhofs. Jedes Jahr lässt sie etwa zehn neue Plaketten zu.

          „Den Toten zur Ehre, den Lebenden zur Warnung“

          Der Platz ist auch deshalb begrenzt, weil auf dem Symbolischen Friedhof – wohl der einzige Ort dieser Art weltweit – auch Plaketten von Menschen sind, die an Bergen jenseits der Tatra gestorben sind. So ist der Zirben-Hain etwa zum Wallfahrtsort polnischer Alpinisten geworden, weil hier an Wanda Rutkiewicz und Jerzy Kukuczka erinnert wird, Stars des polnischen Höhenbergsteigens, die im Himalaja ums Leben gekommen sind. Und natürlich ist der Symbolische Friedhof auch ein Gedenkort für Otakar Štáfl. Wie seine Idee Gestalt annahm, hat er leider nicht mehr erlebt. Am 14. Februar 1945 traf eine amerikanische Bombe sein Prager Atelier. In den Trümmern starben Otakar Štáfl und seine Frau.

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