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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fünfzig Jahre James Bond Wo ist Tatjana Romanova?

 ·  Schon zum dritten Mal jagt James Bond in „Skyfall“ durch Istanbul und ist der Stadt damit treuer als jeder Geliebten. Kein Wunder, denn dort treffen Ost und West, Gewimmel und Leere aufeinander.

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© © 2012 Sony Pictures Mein Herr, der Große Basar in Istanbul ist eine Fußgängerzone! Mir doch egal, sagt sich Daniel Craig im neuesten James-Bond-Film „Skyfall“.

Orbays Knie ist hin, und schuld daran ist die „Mordkommission Istanbul“. Das klingt sehr verwegen, stimmt aber nur beinahe. Denn Orbay ist nicht nur Gästeführer, sondern auch Gelegenheitsschauspieler, und in dieser Funktion rannte er möglichst eindrucksvoll für die gleichnamige ARD-Krimiserie vor seinen Verfolgern davon, stolperte und fiel unglücklich. Alles gestellt, nur das Knie ist echt, und das steckt jetzt echt kaputt in einer echten Plastikschiene.

Deshalb soll ich alleine die Empore der Hagia Sophia erklimmen, werde aber schon unten angewiesen: Dort das Mosaik anschauen, das ist die byzantinische Kaiserin Zoe mit Anhang, dort Christus Pankrator und oben, in der Loge, saß einst die Kaiserin, über allem thronend. Aber das sei noch gar nichts gegen den paranoiden Sultan, der sich eine vollvergitterte Loge mit einem Gang zum Topkapipalast bauen ließ, der liegt gleich nebenan, denn so kam er nicht mit seinem Volk und potentiellen Attentätern in Berührung. Hatte diese Majestät denn keinen Geheimdienst?

Holzhäuser, Hüte, Damen in Pastell

Und diese großen runden Steingefäße da, die stammten aus Pergamon, die habe man nur zur Dekoration hergebracht, und jetzt stehen sie halt seit ein paar Jahrhunderten hier herum. Und kommen mir seltsam bekannt vor. Da war doch diese Szene, als die blonde Dame hier entlangging. Und kam nicht von dort die Touristengruppe, die gerade alles über die Hagia Sophia lernte, so wie ich gerade von Orbay?

Nein, ich bin noch nie zuvor in Istanbul gewesen, aber Bilder habe ich dennoch im Kopf: Die Bilder des Fotografen Ara Güler, dessen Bücher hier an jeder Ecke ausliegen, zeigen das Alltagsleben der Menschen, der Fischer, der Händler; die Bilder aus Filmen wie „Liebesgrüße aus Moskau“, die sich von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hangeln, die Istanbul als begehbaren Reiseprospekt zeigen, in dem sich die Agenten gegenseitig hinters Licht zu führen versuchen; und die Bilder, die sich beim Lesen der Bücher von Orhan Pamuk vor dem inneren Auge formen. Kurz - dieses ganze Sechziger-Jahre-Istanbul mit seinen Holzhäusern an den steilen Straßen, bevölkert von Männern mit Hüten und Damen in Pastell, das sich ständig aus dem visuellen Hinterkopfgedächtnis meldet und mit der Gegenwart vergleichen will.

Französische Rosenranken für den Haremswächter

Es ist so leicht, in Istanbul die Übersicht zu verlieren über die Reiche, die kommen und gehen und ihre Spuren und Steine hinterlassen. Römer, Christen, Osmanen herrschten hier, und ihre Hinterlassenschaften schachteln sich unentwirrbar ineinander und um den Bosporus herum, der eine weite, mal blau und mal grau glänzende Leerstelle mitten in der Stadt bildet, brückenüberspannt, fährengespickt und möwenumkreist, und alle halten ihre Angel hinein auf der Jagd nach Abendessen oder Zuverdienst. Und egal, wie viel man liest, egal, wie sehr man versucht, die Zeitläufte anhand geschichtlicher Eckdaten und Epochenmerkmale zu verstehen - die Mosaikzeit, die Kachelzeit, die Freskenzeit, solche Eselsbrücken baut man sich, denn mit den mitteleuropäischen Stilbegriffen kommt man nur bedingt weiter. Doch irgendwann kapituliert das Vorstellungsvermögen.

Was übrig bleibt, das sind die jüngeren Schichten, die bevölkert sind von Menschen, die uns nicht so fremd bleiben wie Kaiserin Zoe in ihrer steifen Goldpracht. Menschen, die uns näher sind als die Sultane, die im Topkapipalast herrschen mit ihren Haremsdamen und den Haremswächtern, denn das sind Zustände, die ich in meinem Kopf nur mit historistischen französischen Gemälden des neunzehnten Jahrhunderts bebildern kann, ein anderes Repertoire bietet sich mir nicht an. Wer weiß schon, womit sie ihren Tag verbracht haben, diese Haremswächter, deren Gemächer ausgerechnet mit hölzernen französischen Rokokopaneelen ausgekleidet sind, rosenüberrankt und seltsam vertraut in diesen für mich so exotischen Gewölben.

Mittelalterliches Übergepäck im Kirchhof

Exotismus ist zum Glück keine Einbahnstraße, sondern das Bedürfnis, sich ein wenig wohldosierte Fremdheit ins Haus zu holen. Da geht es den Sultanen nicht anders als den europäischen Herrschern, den Salonmalern des neunzehnten Jahrhunderts oder den Kinoproduzenten, die an der Stadtmauer die damals noch so genannten Zigeuner tanzen ließen, um buntestmögliche Kulisse zu erzeugen. Denn für Farbigkeit sind sie immer gut, die uns fremden Kulturen, für den leichten Schauder, den schwerverständliche Bräuche und Riten verschaffen, für einen Kitzel der Fremdheit selbst im säkularisierten Istanbul des Kalten Krieges.

Ich lasse die Hagia Sophia und die Kaiserin Zoe hinter mir, trete nach draußen und treffe den humpelnden Orbay bei der Zigarettenpause an. In einem Grünstreifen vor der Kirche, gleich neben dem Café, steht kniehoch umbuscht eine Sammlung mannshoher Steinfragmente, was machen die da? Auch Dekoration? Ach, sagt Orbay, das sei nur das, was die Kreuzfahrer zurückgelassen haben, die hätten nicht mehr aufs Schiff gepasst. Die Kreuzfahrer, richtig, die waren auch hier. Der Kirchhof der Hagia Sophia ist also eine Deponie für mittelalterliches Übergepäck mit Terrassencafé.

Ausblick auf die wohlgeformte Rückseite

Da waren die Römer sparsamer, die haben ihre Steinsäulen in den unterirdischen Zisternen recycelt, und da stehen sie nun, dicht an dicht, natriumdampflichtorangefarben angestrahlt im karpfendurchwimmelten Wasser gleich neben der Hagia Sophia. Ein Steg führt durch den Säulenwald hindurch, die Stimmen und Schritte der Touristen hallen wider, ab und zu verliert sich der kümmerliche Blitz einer Kompaktkamera in dem Dunkel und der Weite des Wasserreservoirs. Bis vor einigen Jahren gab es den Steg noch nicht, es gab ein Dutzend Boote, mit denen die Touristen herumgerudert wurden. Damals war die Zahl der Touristen noch kleiner und das Wasser tiefer.

Und wieder die Bilder im Kopf, nein, nicht die von römischen Arbeitern, nicht die Bilder ziegelmauernder Sklaven, sondern ganz andere. Ein Ruderboot, ein unterirdisches Wasserlabyrinth, Hunderte von Ratten. Und irgendwo dort hinten, da muss der Ausguck in die russische Botschaft sein, durch den James Bond den ersten Blick auf Tatjana Romanovas wohlgeformte Rückseite wirft. Die kommunistische Agentin, die dem eigenen unmenschlichen Regime ebenjene wohlgeformte Rückseite zuwenden und sich, gelockt vom Sexappeal des kapitalistischen Gegners, in die starken Arme des Westens werfen wird. Und es ist kein Zufall, dass diese Vereinigung in Istanbul vollzogen wird.

Friedliche Fähren und schwimmende Festungen

Es kam immer viel zusammen in dieser Stadt, Asien und Europa, Christentum und Islam, und auch die beiden Mächte des Kalten Kriegs belauerten sich an dieser Meerenge. Tagsüber fuhren friedliche Fähren über den Bosporus, wie auch heute noch, aber nachts patrouillierten sowjetische Kriegsschiffe im Schutz der Dunkelheit. Der elfjährige Orhan Pamuk berichtet in seinen „Erinnerungen an eine Stadt“ davon, „ein „alptraumhaft auf mich zukommender Riese, ein großes unförmiges Monster: ein sowjetisches Kriegsschiff! Eine wie im Märchen aus finsteren Nebelschwaden auftauchende, gigantische, schwimmende Festung!“ Und tagsüber blieb nichts übrig von diesen Visionen, tagsüber schaukeln die Fischerboote und wehen die Flaggen und werfen Männer ihre Angeln aus wie seit Jahrzehnten, und alles sieht so harmlos aus wie immer.

Während die Kuba-Krise die Welt an den Rand eines Krieges brachte, drehte United Artists das zweite Bond-Abenteuer „Liebesgrüße aus Moskau“ zum größten Teil in jener strategisch so wichtigen Stadt. Viele Jahre und Bondfilme später wird in „Die Welt ist nicht genug“ Judi Dench als M in einem Turm mitten im Bosporus gefangen gehalten, dem Leanderturm, in dem sich heute gänzlich harmlos ein Café befindet. Und ganz aktuell wieder Daniel Craig als Bond, der mit einem Motorrad, sämtliche Denkmalschutzbestimmungen aufs gröbste missachtend, über das Dach des Großen Basars rast. Natürlich nicht über die Originalziegel, sondern über ein an Ort und Stelle angebrachtes Replikat.

Ein paar Melonen oder Weltfrieden

Wir gehen also zum Basar. Orbay begleitet mich zur Marktleitung, die in einem kleinen Büro mit Resopaltischen und Papierhaufen residiert, aus dessen Fenster im ersten Stock man über die Dachziegel hinwegschauen kann. Der Film sei gut für den Basar und gut für Istanbul, sagt man hier, das ist die offizielle Antwort. Die inoffizielle Antwort hört man von den Händlern, die sind mit den Ausfallhonoraren unzufrieden, die sie von der Filmfirma bekamen, als ganze Straßenzüge abgesperrt werden mussten. Auch Mustafa, der mir türkischen Honig verkauft, beschwert sich, viel zu wenig sei das gewesen verglichen mit dem Umsatz, den er hätte machen können. Einem Schmuckhändler, erzählt Orbay, sei eine Glasscheibe zerstört worden, der habe sich besonders ausdauernd beschwert und sei mit seiner Beschwerde jeden Tag in der Zeitung gewesen. Diese Werbung für seinen Laden sei schon um einiges mehr wert als diese lumpige Glasscheibe. Schließlich hat er es im Zuge der allgemeinen Bond-Berichterstattung sogar zu Spiegel Online geschafft, dieser Mann muss wirklich ein Vermarktungsgenie sein.

Denn natürlich geht es nicht ohne Markt, wie es nicht ohne Minarett geht und nicht ohne dieses orientalische Gewimmel, durch das man sich möglichst farbenfroh eine Verfolgungsjagd liefert und hübsch viel kaputtmacht dabei. Aber was sind schon die paar Melonen, die paar Teppiche, was die historischen Ziegel oder die Bausubstanz aus dem 15. Jahrhundert, wenn gerade der Weltfrieden auf dem Spiel steht oder gleich der ganze Planet? Ein bisschen Schwund ist halt immer.

Zoomobjektiv statt Rolleiflex

Und natürlich geht es, wir sind ja in Istanbul, nicht ohne den Bosporus. Drei Lira für die Fähre, eine für den Tee, damit geht es hinüber auf die asiatische Seite. Viel hat sich nicht geändert auf dem Fluss, es sind noch immer die gleichen Fähren, die Passagiere und Autos von Asien nach Europa bringen. Es gibt vermutlich weniger Geheimagenten an Bord, die mit einer Rolleiflex mit eingebautem Tonbandgerät die Aussagen schöner russischer Agentinnen aufzeichnen. Heute halten die Touristen die Zoomobjektive ihrer Spiegelreflexkameras auf die Möwen, die Brotkrumen im Flug fangen, auf die dichtbebauten Ufer und ab und zu auf ihre Begleiterinnen, deren Haare, je nach Länge und Fixierung, im Wind flattern oder auch nicht.

Die schöne russische Agentin, deren Chiffonschal auf dem Schiff im Wind wehte, wird Bond im Zug nach England begleiten, durch den ganzen nächtlichen Balkan, durch Europa bis nach London ohne Umsteigen, man stelle sich das vor, gibt es das heute eigentlich noch, tagelange Zugfahrten? Tatjana ist eine von Bonds vielen Geliebten, die nur einmal auftauchen, um ein kurzes Gastspiel in seiner fiktiven Existenz zu geben und keine Rolle mehr zu spielen. Doch nach Istanbul kehrt Bond immer wieder zurück.

Der Neid der Paparazzi

Eigentlich hätte mein humpelnder Begleiter auch im neuen Film „Skyfall“ als Statist dabei sein sollen, doch mit dem im Dienste des deutschen Fernsehens ruinierten Knie ging das nicht. Aber in seiner Eigenschaft als Gästeführer war Orbay dann doch dabei und tat, worum ihn vermutlich die halbe Welt beneidet: Er durfte Daniel Craig einen Tag lang begleiten. Nicht so entspannt, wie er jetzt mit mir durch die Stadt stromert, Kaffee trinkt und gegenüber der großen Moschee die besten Köfte von Istanbul isst - zumindest behauptet er, es seien die besten -, sondern im Auto hinter getönten Scheiben.

Und dann ging es ins Archäologische Museum, Craig habe den Alexandersarkophag sehen wollen. Abgeschottet sei er gewesen, die ganze Zeit über, sagt Orbay, das habe Horden von Paparazzi so schwer frustriert, dass sie ständig seine Doubles fotografierten und behaupteten, die sähen ohnehin besser aus als Craig selbst. Stimme aber nicht, sagt Orbay, das sei reiner Neid. Er muss es ja wissen, er war ganz nah dran an James Bond, so nah wie kaum ein anderer in Istanbul.

Diesseits und jenseits des Bosporus

Städtereisen nach Istanbul bietet zum Beispiel der Türkei-Spezialist Öger-Tours an. Drei Nächte im VierSterne-Boutiquehotel Adahan, zentral, aber ruhig im Stadtteil Beyoglu gelegen, kosten mit Übernachtung, Frühstück und Flug ab 511 Euro.

Ein Ausflugsprogramm lässt sich vor Ort hinzubuchen. Zum Beispiel die ganztägige Stadttour mit allen wichtigen Sehenswürdigkeiten für 69 Euro, die Bosporus-Schifffahrt für 52 Euro, ein Hamam-Besuch für 40 Euro, eine Tour durch die moderne Kunstszene für 59 Euro oder die Tour „Verborgenes Istanbul“ abseits der Touristenpfade für 61 Euro.

Informationen bei Öger unter Telefon 01805/242558, im Internet unter www.oeger.de oder in allen Reisebüros.

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