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Fünfzig Jahre James Bond : Wo ist Tatjana Romanova?

Mein Herr, der Große Basar in Istanbul ist eine Fußgängerzone! Mir doch egal, sagt sich Daniel Craig im neuesten James-Bond-Film „Skyfall“. Bild: © 2012 Sony Pictures

Schon zum dritten Mal jagt James Bond in „Skyfall“ durch Istanbul und ist der Stadt damit treuer als jeder Geliebten. Kein Wunder, denn dort treffen Ost und West, Gewimmel und Leere aufeinander.

          Orbays Knie ist hin, und schuld daran ist die „Mordkommission Istanbul“. Das klingt sehr verwegen, stimmt aber nur beinahe. Denn Orbay ist nicht nur Gästeführer, sondern auch Gelegenheitsschauspieler, und in dieser Funktion rannte er möglichst eindrucksvoll für die gleichnamige ARD-Krimiserie vor seinen Verfolgern davon, stolperte und fiel unglücklich. Alles gestellt, nur das Knie ist echt, und das steckt jetzt echt kaputt in einer echten Plastikschiene.

          Deshalb soll ich alleine die Empore der Hagia Sophia erklimmen, werde aber schon unten angewiesen: Dort das Mosaik anschauen, das ist die byzantinische Kaiserin Zoe mit Anhang, dort Christus Pankrator und oben, in der Loge, saß einst die Kaiserin, über allem thronend. Aber das sei noch gar nichts gegen den paranoiden Sultan, der sich eine vollvergitterte Loge mit einem Gang zum Topkapipalast bauen ließ, der liegt gleich nebenan, denn so kam er nicht mit seinem Volk und potentiellen Attentätern in Berührung. Hatte diese Majestät denn keinen Geheimdienst?

          Holzhäuser, Hüte, Damen in Pastell

          Und diese großen runden Steingefäße da, die stammten aus Pergamon, die habe man nur zur Dekoration hergebracht, und jetzt stehen sie halt seit ein paar Jahrhunderten hier herum. Und kommen mir seltsam bekannt vor. Da war doch diese Szene, als die blonde Dame hier entlangging. Und kam nicht von dort die Touristengruppe, die gerade alles über die Hagia Sophia lernte, so wie ich gerade von Orbay?

          Nein, ich bin noch nie zuvor in Istanbul gewesen, aber Bilder habe ich dennoch im Kopf: Die Bilder des Fotografen Ara Güler, dessen Bücher hier an jeder Ecke ausliegen, zeigen das Alltagsleben der Menschen, der Fischer, der Händler; die Bilder aus Filmen wie „Liebesgrüße aus Moskau“, die sich von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hangeln, die Istanbul als begehbaren Reiseprospekt zeigen, in dem sich die Agenten gegenseitig hinters Licht zu führen versuchen; und die Bilder, die sich beim Lesen der Bücher von Orhan Pamuk vor dem inneren Auge formen. Kurz - dieses ganze Sechziger-Jahre-Istanbul mit seinen Holzhäusern an den steilen Straßen, bevölkert von Männern mit Hüten und Damen in Pastell, das sich ständig aus dem visuellen Hinterkopfgedächtnis meldet und mit der Gegenwart vergleichen will.

          Französische Rosenranken für den Haremswächter

          Es ist so leicht, in Istanbul die Übersicht zu verlieren über die Reiche, die kommen und gehen und ihre Spuren und Steine hinterlassen. Römer, Christen, Osmanen herrschten hier, und ihre Hinterlassenschaften schachteln sich unentwirrbar ineinander und um den Bosporus herum, der eine weite, mal blau und mal grau glänzende Leerstelle mitten in der Stadt bildet, brückenüberspannt, fährengespickt und möwenumkreist, und alle halten ihre Angel hinein auf der Jagd nach Abendessen oder Zuverdienst. Und egal, wie viel man liest, egal, wie sehr man versucht, die Zeitläufte anhand geschichtlicher Eckdaten und Epochenmerkmale zu verstehen - die Mosaikzeit, die Kachelzeit, die Freskenzeit, solche Eselsbrücken baut man sich, denn mit den mitteleuropäischen Stilbegriffen kommt man nur bedingt weiter. Doch irgendwann kapituliert das Vorstellungsvermögen.

          Was übrig bleibt, das sind die jüngeren Schichten, die bevölkert sind von Menschen, die uns nicht so fremd bleiben wie Kaiserin Zoe in ihrer steifen Goldpracht. Menschen, die uns näher sind als die Sultane, die im Topkapipalast herrschen mit ihren Haremsdamen und den Haremswächtern, denn das sind Zustände, die ich in meinem Kopf nur mit historistischen französischen Gemälden des neunzehnten Jahrhunderts bebildern kann, ein anderes Repertoire bietet sich mir nicht an. Wer weiß schon, womit sie ihren Tag verbracht haben, diese Haremswächter, deren Gemächer ausgerechnet mit hölzernen französischen Rokokopaneelen ausgekleidet sind, rosenüberrankt und seltsam vertraut in diesen für mich so exotischen Gewölben.

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