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Im Baden-Badener Friedrichsbad : Ein Ort, um Zeit und Welt zu vergessen

  • -Aktualisiert am

„Hier im Friedrichsbad vergessen Sie nach zehn Minuten die Zeit und nach zwanzig Minuten die Welt“, schrieb einst Mark Twain. Bild: Picture-Alliance

Vor hundertvierzig Jahren entstand das seinerzeit modernste Thermalbad der Welt in Baden-Baden – als Einnahmequelle in Zeiten des Glücksspielverbotes. Schon Mark Twain hat von ihm geschwärmt.

          Und jetzt auch noch das Handtuch? Dieses letzte Stück Sicherheit zwischen der zivilisierten, also bekleideten Welt und einem nackten Mann! Für jemanden, der nicht in die Sauna geht und sein letztes öffentliches Nackterlebnis als Kleinkind an einem sommerlichen Strand hatte, ist die Situation etwas schwindelerregend. „Ihr Handtuch brauchen sie jetzt nicht mehr“, hatte ein ganz in schneeweiß gekleideter Mann gesagt und dann den kostbaren Gegenstand zwei Kilometer entfernt in einem Regal abgelegt. Man könnte sich unter der Massagebank verstecken. Aber fünf Minuten später ist alles vergessen und Peinlichkeit nur noch eine Vokabel. Das liegt an der Seifenbürstenmassage. „Weich oder eher hart?“, hatte der Bademeister gefragt, bevor dann alles sanft und warm versank.

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          Momente vollkommenen Glücks sind wie Kometeneinschläge; kurz, um dann für immer Spuren der Erinnerung zu hinterlassen. Es ist wunderbar, hier zu liegen. Die Augen geschlossen. Im Ohr das osteuropäisch gefärbte Geplauder der Bademeister und fern im Hintergrund das Plätschern von Wasser. „Alles gut?“, fragt der massierende Gott irgendwann. Gäbe es nicht die Seifenbürste, man könnte einschlafen. Aber man kann halluzinieren. Von einem Umzug nach Baden-Baden. Vielleicht direkt ins Friedrichsbad? Für immer auf dieser Massagebank liegen? Da gibt es einen männlich kollegialen Klaps und ein augenzwinkerndes: „Ehefrau glücklich, wenn Ehemann sauber und glücklich.“ Das Handtuch bleibt allerdings verschwunden, aber das ist nun egal.

          Dir Duschen fühlen sich an wie ein Sommergewitter im Regenwald, prasselnd und gewaltig.

          Das Baden-Badener Friedrichsbad, vor hundertvierzig Jahren von Großherzog Friedrich I. von Baden eröffnet, hat die Zeit halbwegs unbeschadet überstanden und ist eine der wenigen fast komplett erhaltenen Belle-Époque-Thermen Europas. Irgendwann in den nüchternen Nachkriegsjahren wurden die einst opulenten Wandmalereien weiß übertüncht; auch die Umkleidekabinen sind nicht mehr die, in denen Mark Twain seine Kleidung ablegte. Der amerikanische Schriftsteller kam ein Jahr nach der Eröffnung des Friedrichsbads während seiner Europa-Reise her und schrieb in einem Brief den seitdem immer wieder zitierten Satz: „Hier im Friedrichsbad vergessen Sie nach zehn Minuten die Zeit und nach zwanzig Minuten die Welt.“ Und tatsächlich scheint die Welt sehr plötzlich sehr weit weg zu sein.

          In den Warm- und Heißluftbädern ruhen meist ältere Herren und Damen auf hölzernen Liegen. Einige von ihnen sehen – trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer so selbstverständlichen Nacktheit – aus, als würden sie hier wohnen. Anders als die benachbarten hochmodernen Caracalla-Thermen wird das Friedrichsbad vor allem von Stammgästen besucht. Es gibt keine künstlichen Wasserfälle oder sprudelnde Whirlpools, sondern vor allem Stille. Eine einschläfernde Stille, in der das Tropfen und leise Plätschern von Wasser lange nachhallt. Gesprochen wird nur wenig. Manchmal ist ein Seufzen zu hören und manchmal auch ein zartes Schnarchen oder das qietschende Flip-Flop von Badelatschen auf dem gefliesten Boden.

          Der Blick schweift über die gekachelten Wände, die vom Modernisierungsfuror der fünfziger Jahre verschont geblieben sind und auf denen sich eine aus Tausenden von Fliesen zusammengesetzte Phantasieflora und -fauna ausbreitet. Endlose Reihen von Seerosen wiegen sich in türkisgrünem Wasser an schilfumstandenen Ufern. Reiher steigen in einen blau glasierten Himmel auf, und ganze Entenscharen schauen gut gelaunt auf die Ruhenden herab. Und es ist warm. Sehr warm.

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