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Zur Quelle Wann birst die Welt?

Hydrologischer Urknall: Im Herzen Iberiens, an der Quelle des Río Mundo, gibt die Natur ein seltenes Schauspiel. Jetzt ist es wieder einmal geschehen.

© Rolf Neuhaus Vergrößern An diesem Fels entspringt der Rio Mundo, der Weltfluss

Vor einem Jahr brannten Iberiens Berge schon im Winter, weil das Land so ausgedörrt war, und zwar nicht nur im Süden der Halbinsel, sondern auch in Katalonien, Asturien, Nordportugal, selbst in Galicien. In diesem Herbst dagegen wurde Iberien periodisch von Wolkenbrüchen, Tornados, Überschwemmungen heimgesucht, hauptsächlich die spanischen Mittelmeerprovinzen, aber auch die Algarve, Navarra, Aragonien. Flüsse verwandelten sich in Seen, Straßen in Flüsse, es gab Tote, Vermisste und Tausende Evakuierte. Autos und anderes Treibgut schwammen durch die Städte, Garagen, Geschäfte, Parterrewohnungen, und Metroeingänge füllten sich mit Schlammsuppe von der Konsistenz und Farbe eines Milchkaffees. Das Vieh ertrank auf der Weide, der Verkehr erstarb vor weggerissenen Brücken, aufgebrochenen Kratern, heruntergerutschten Bergen und neugeborenen Flussläufen. An manchen Orten fiel in zwei Tagen die Hälfte der Niederschlagsmenge eines durchschnittlichen Jahres.

Nach diesem überaus regenreichen Herbst verringert sich die Gefahr von Waldbränden im Winter, zugleich erhöht sich jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass die Welt platzt. Gemeint ist eine bestimmte Welt, ein Fluss, der „Welt“ heißt, Río Mundo, als beanspruche er, die Welt zu sein, als bedeute er die Welt. Dabei stirbt er nach einem kurzen, hundert Kilometer langen Leben früh im Río Segura und trägt mit seinem Elixier nur mäßig dazu bei, die Welt zu schaffen.

Direkt zum Ursprung der Welt

Der Ursprung der Welt liegt im Südwesten von Albacete, im Zentrum der Südhälfte Spaniens. So wollte es die Schöpfung. Der Río Mundo entspringt in einem ausweglosen Tal, das an einem Halbkreis aus senkrechten, dreihundert Meter hohen Felswänden endet. Auf halber Höhe klafft ein großes Loch im Fels, eine Höhle, aus der Wasser fließt: die Geburt der Welt aus der hohlen Materie. Es ist ein kühler, düsterer, feuchter Flecken, das Licht ist bläulich kalt. Kaum hat das Gestein die Welt geboren, fällt sie achtzig Meter in die Tiefe, als Schwall wie ein Pferdeschwanz, wenn sie viel Wasser führt, und als dünne Fäden, wenn es wenig geregnet und geschneit hat. Dann zieht der Río Mundo einen Perlenvorhang aus Wassertropfen und flüssigem Staub vor die Wand, flüstert eher, als dass er rauscht, leckt mit seinen Zungen die Felsen mehr, als dass er auf sie klatscht. In kleinen Seen sammelt er jedoch Kraft, bevor er weiter hinabfällt und in die Welt hinauszieht.

Vom Fuße des Wasserfalls führt ein kurzer, aber steiler Weg hinauf in die Felswand und weiter über einen schmalen Absatz am Abgrund entlang zur Höhle. Schwindelfrei zu sein ist von existentiellem Nutzen. Um diesen Weg zu gehen, ist offiziell zwar eine Erlaubnis nötig, und der Zugang ist auch abgesperrt, aber das hindert nicht jeden, auf eigene Faust in sein potentielles Verderben zu rennen, statt sich einer Führung anzuschließen. Der Ausgang der Höhle ist etwa fünfundzwanzig Meter hoch und fünfzehn Meter breit, und man kann bequem eindringen, wenn die Welt nicht gerade explodiert. Nach hundertfünfzig Metern steht man vor einer Felswand, an der man besser umkehrt, denn ab da wird es extrem gefährlich. Denn hinter der Höhle beginnt ein rabenschwarzes Labyrinth von Galerien mit spitzen Stalagmiten und Stalagtiten und unterirdischen Wasserläufen, die Fälle und Seen bilden und wer weiß wo enden. Mehr als dreißig Kilometer sind topographisch erfasst, die Gesamtlänge wird auf das Doppelte geschätzt. Es handelt sich um eines der größten Höhlensysteme der Halbinsel, und man wäre nicht der Erste, der sich in dem Labyrinth verliefe und von Rettungsmannschaften vergeblich gesucht würde.

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