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Wüste Negev Frieden finden

 ·  Ökotourismus, Neugier, Stadtflucht oder Kulturzwang: Die Wüste Negev zieht Menschen aus den verschiedensten Gründen an. Was man findet? Langeweile, Stille und Glück.

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© Lea Hampel Vergrößern „Abraham“ im Mondenschein: Die größte Hütte hat die Form eines Davidsterns

Unfassbar, wie lang 250 Kilometer sein können. Vier Stunden sind es seit Jerusalem, in einem Verkehr, den manche gern mit Italien vergleichen. Sicherheitskontrollen mit Schäferhunden lagen schon auf dem Weg und aufregende Tankstellensuchaktionen in wasserfreier Umgebung. All das für das große Nichts. Für die Suche nach Stille in einem Land, in dem Unterhaltungen in Streitlautstärke ausgetragen werden und Handybenutzer telefonieren, indem sie das Telefon auf Lautsprecher stellen und vor sich hertragen. Und in dem Ruhe nur noch dort zu finden ist, wo sie oft fließend in Langeweile übergeht: in der Wüste. Kurz nach Mitzpe Ramon - Höhepunkte: ein Supermarkt, drei Bistros und eine Aussichtsplattform - kommen die letzten zwei Kilometer Geholper.

Da taucht am Horizont ein Holzschild auf. „Succah Bamidbar“ steht darauf, „Laubhütte in der Wüste“, und so unpoetisch wie der Name ist auch der Ort: niedrige Hügel, bedeckt von braungrauem Geröll, Hütten in derselben Farbe, dreieckig oder rund wie Iglus, gebaut aus einer Art Reisig mit kleinen Fenstern. Dazwischen Sand, Kakteen, Gestrüpp und Steine. Im umzäunten Feld davor steht ein Pferd, unbeweglich wie der Traktor mit der großen Davidstern-Flagge daneben. Erst als das Autoradio ausgeht und die Motorkühlung sich beruhigt, wird klar, wie still es hier ist. Das Schließen der Kofferraumklappe ist unmäßig laut.

„Schalom“, sagt ein großer Mann mit kurzrasierten Haaren, altem Shirt, Arbeitshose und groben Schuhen. Er wartet vor der größten Hütte. Mehr sagt er nicht. Avi lebt und arbeitet hier seit 16 Jahren, er hat das Gelände von einer Deutschen übernommen. Ob er in die Wüste gekommen ist, weil er lieber drei als fünf Wörter verwendet, oder ob ihm die Worte nach Jahren in der Einsamkeit schlicht ein wenig abhandengekommen sind, ist nicht klar. Wirklich gerne spricht er nur von seinem „Traum, etwas anders zu machen“, hier in diesem Camp.

Es ist keine Umgebung für Träume. Und doch ist die Wüste einer der Lieblingsorte der Israeli, besonders im Herbst, nach dem jüdischen Neujahrsfest und in der Zeit um und nach Chanukka im Dezember. Hierher entfliehen sie dem Stadtleben, den Dachterrassenpartys in Tel Aviv, den Touristengruppen in Jerusalem. „Succah Bamidbar“, das Camp von Avi, ist nur eine von vielen Unterkünften in der südlich der Stadt Beerscheva beginnenden Wüste Negev. Es gibt „orientalische Nächte“ in Beduinencamps, Kibbuzim mit „Zimmerim“, kleinen Holzhütten, abends wird über dem Lagerfeuer gekocht. Von Avi sind es nur zehn Autominuten zum nächsten Camp „Silent Arrow“.

Dass „Succah Bamidbar“ anders ist, noch puristischer, wird deutlich, als Avis Frau kommt. Sie überreicht das Bettzeug, sagt: „Einmal schütteln vorher“, wegen der Käfer, und zeigt auf eine an einen Hügel geschmiegte Hütte. „Sarah“ heißt die, wie alle Hütten trägt sie einen biblischen Namen. Hinter der Holztür ohne Schloss sieht es aus wie in einer thailändischen Strandhütte. Flickenteppiche bedecken den Boden, Kerzen stehen auf dem Bambustisch. Außer den zwei Schlafstätten gibt es einen Traumfänger und einen Gasherd. In Aquarellfarben hängen an der Wand die Regeln, unter anderem „friedliches Miteinander“.

Insgesamt acht Hütten hat Avi gebaut, vier nutzen die Familie und die Mitarbeiter, „denn als Allererstes ist das unser Zuhause“, erklärt Avi. Die anderen vier werden vermietet, alle mindestens 150 Meter voneinander entfernt, kaum größer als 25 Quadratmeter. Dass sie nach den Stammvätern und -müttern des jüdischen Volkes benannt sind, hat mit der Bedeutung von Laubhütten zu tun. Sie waren die Unterkünfte des umherziehenden jüdischen Volkes und werden noch heute zu Sukkot, dem Laubhüttenfest, von Familien aufgebaut. Sie stehen für Wanderschaft, aber auch für Beisammensein und für die häufige Bewunderung für die in der Bibel erzählte Geschichte des eigenen Volkes, die oft gar nichts mit Religion zu tun hat, sondern mit einer über Jahrhunderte vererbten Ehrfurcht ob ihrer schieren Klarheit.

Die Sachen sind gerade ausgepackt, die Pullover gegen kalte Wüstenluft übergezogen, da ist es schon dunkel. Die Sonne scheint schneller unterzugehen, die Zeit dagegen vergeht langsamer. Die dreißig Minuten, bis der Essensgong tönt, kommen einem wie zwei Stunden vor. Das kann daran liegen, dass das Handy nicht funktioniert, es kein Internet gibt, nicht einmal ein Radio. Oder daran, dass der Modus „Stadt und Schnelligkeit“ noch nicht abgelegt ist.

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