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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wintersport Wie Seefeld das Dorado der Langläufer wurde

09.03.2005 ·  Seefeld hat die sympathischste Winterszenerie Österreichs: In der Mitte steht das barocke Seekirchl und außenrum entfaltet sich der Freizeittrubel. Vor der Kirche beginnen auch die Loipen der Langläufer, die hier zu jeder Tageszeit aufbrechen und ankommen.

Von Volker Mehnert
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Es ist die sympathischste Winterszenerie Österreichs: In der Mitte steht Seefelds barockes Seekirchl, und darum herum entfaltet sich ein Freizeittrubel, wie er fröhlicher kaum sein könnte. Vor der Kirche beginnen die Loipen der Langläufer, die hier zu jeder Tageszeit aufbrechen und ankommen. Auf der Bahn daneben sprinten die Skater energisch in beide Richtungen, begleitet von Wanderern, die parallel dazu auf einem gewalzten Weg losmarschieren. Den kleinen Hang am Pfarrhügel rutschen Kinder auf Plastikschlitten herunter, ein paar Knirpse wälzen sich juchzend im Schnee, mittendrin wird ein Schneemann gebaut. Nur wenige Schritte entfernt kurven jung und alt auf der Kunsteisbahn, eine Gruppe Eisstockschützen spielt auf einer eigens für sie reservierten Fläche.

Auf den verschneiten Pfaden zwischen Eisbahnen und Loipen begegnen sich Mädchen mit Schlittschuhen über der Schulter, Jungen, die Snowboards schleppen, und Skifahrer auf dem Weg zu den Abfahrtspisten am Gschwandkopf. Es herrscht ein Durcheinander von Vätern und Müttern mit Kinderwagen, älteren Damen im Pelzmantel, Nordic Walkern mit Skistöcken, Spaziergängern ohne Skistöcke und Passanten, die auf den Bänken vor der Kirche das Treiben beobachten. Zur gedämpften Musik der Freiluftbar um die Ecke tanzen schon am Nachmittag einige Pärchen auf dem festgetretenen Schneeparkett.

Dieser vielseitige Winterspaß darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß Seefeld hauptsächlich vom Langlauf und für den Langlauf lebt. Es hat sich schon lange allen Varianten des nordischen Skisports verschrieben. Und da Nordic Fitness in diesem Winter zum aktuellen Trend ausgerufen wurde, befindet sich der kleine Tiroler Ort zwischen Wetterstein und Karwendel vollkommen auf der Höhe der Zeit.

Schneeflocken auf den Augen

Nordic Walking, Nordic Winter Walking oder Nordic Cruising sind eigentlich nur modische Ableger des Wintersports, den man hier seit Jahrzehnten fördert und betreibt. Schon Mitte der sechziger Jahre, als in den Alpen sonst kaum jemand daran dachte, wurden in Seefeld vierzig bis fünfzig Kilometer Winterwanderwege geräumt. Außerdem nehmen die Seefelder für sich in Anspruch, damals den Begriff des Skiwanderns geprägt zu haben. Das Langläuferzerrbild von hartgesottenen Nordmännern, die mit Schneeflocken auf den Augenlidern und Eiszapfen im Bart durch die winterliche Wildnis stapfen, ist hier jedenfalls schon ebenso lange überholt wie die herablassende Sicht auf den Langlauf als langweiliges Gleiten für Unsportliche, die sich nicht auf die Abfahrtspisten trauen.

Da ist es kein Wunder, daß Nordic Walking in den vergangenen drei Jahren gerade in Seefeld einen besonders steilen Aufschwung genommen hat - im Sommer wie im Winter. Auf den planierten Wanderwegen sieht man neben den gewohnten Spaziergängern und betulichen Winterwanderern immer mehr Walker. "Noch kommt sich manch einer blöd vor mit den Skistöcken in der Hand", sagt eine Walking-Trainerin, "aber schon bald wird hier wohl als Außenseiter angesehen, wer ohne Stöcke unterwegs ist." Der Trend zur Nordic Fitness führt auch zu einer bisher nicht gekannten Wechselwirkung: Immer mehr Skilangläufer sind sich neuerdings nicht zu schade für das Wandern, und mancher Walker, schon an die Skistöcke gewöhnt, traut sich erstmals auf die Bretter. Die Industrie unterstützt diese Tendenz durch den Bau der Nordic Cruiser, kürzeren und breiteren Langlaufskiern, die immer populärer werden, weil auch Anfänger sie leichter durch die Loipen führen können. In Seefeld gehören sie inzwischen zum alltäglichen Erscheinungsbild.

Seefeld ist eine nordische Insel im alpinen Meer der Abfahrtspisten und Skischaukeln, fast ein Fremdkörper in einem Land wie Österreich, das seine sportliche Identität fast ausschließlich über das alpine Skifahren definiert. Nur drei bis vier Prozent der Winterurlauber kommen aus dem eigenen Land, aber das kann Seefeld verkraften. Denn Deutsche, Franzosen, Belgier und Holländer sind seit Jahrzehnten Stammgäste und haben den bemerkenswerten Aufstieg des Ortes von der Keimzelle des nordischen Skisports in Mitteleuropa zum größten Langlaufzentrum der Alpen mitgetragen.

Sieger aus Skandinavien

Begonnen hatte alles mit den Olympischen Winterspielen 1964, die in Innsbruck stattfanden. Damals wurde ein Standort für die nordischen Wettbewerbe gesucht, und wegen der Geographie und der Schneesicherheit kam nur Seefeld in Frage. Langlauf und nordischer Skisport waren damals in Mittel- und Westeuropa so gut wie unbekannt, und so hießen die Olympiasieger auf den Langlaufstrecken dann auch Sixten Jernberg, Eeero Mäntyranta und Klawdija Bojarskich. Auf den Olympia-Gedenksteinen am Ortsrand von Seefeld sind die Namen sämtlicher Medaillengewinner in den zehn nordischen Disziplinen verzeichnet, sie kamen alle aus Skandinavien oder der Sowjetunion - mit einer für damalige Verhältnisse kuriosen Ausnahme: In der nordischen Kombination gewann der Deutsche Georg Thoma die Bronzemedaille.

Die Spiele wirkten in Seefeld als Initialzündung für den Langlauf. Bei ihren vorolympischen Reisen nach Schweden und Finnland hatten sich die österreichischen Organisatoren nämlich nicht nur über Spitzenathleten und die Organisation nordischer Wettbewerbe informiert, zu ihrer Überraschung waren sie auch auf Tausende von Menschen gestoßen, die in ihrer Freizeit auf Langlaufskiern unterwegs waren. Sie hatten in Skandinavien einen Volkssport entdeckt, der zu Hause praktisch unbekannt war und dessen touristisches Potential sie erkannten. Nachdem die Olympischen Spiele beendet waren, machte sich Seefeld deshalb daran, zu einem Urlaubszentrum für Langläufer zu werden.

Das war vor allem in der Anfangsphase ein schwieriges Unternehmen. Das Publikum in Österreich und Deutschland hatte die nordische Hälfte von Olympia kaum zur Kenntnis genommen, so daß auch nachher die wenigsten etwas mit dem Thema Langlauf anfangen konnten. Zudem stellte sich heraus, daß die olympischen Wettkampfloipen für die Freizeitsportler viel zu schwierig waren und deswegen die Streckenführung geändert werden mußte. Und für den bescheidenen Start im Winter 1965 fehlte außerdem das Personal. Während Olympia hatten die Seefelder eine Hundertschaft Soldaten zur Verfügung, die die Loipen im Tag-und-Nacht-Einsatz mit ihren eigenen Skiern spurten; im Winter darauf aber fand man kaum einen Freiwilligen für diese mühselige Aufgabe.

Mechanische Spuren im Schnee

Maschinen und Fahrzeuge zur Loipenpräparierung existierten damals nicht, weder in Österreich noch in Skandinavien oder Nordamerika. Von den Bergbahnen und alpinen Skigebieten war keine Hilfe zu erwarten, sie fürchteten die Konkurrenz. Also bauten sich die Seefelder eine eigene Maschine. Aus Kanada importierten sie ein Schneemobil, montierten abgeschnittene und mit Bleiplatten beschwerte Ski darunter und legten die ersten mechanischen Spuren in den Schnee. "Sind diese primitiven Anfänge wirklich erst vierzig Jahre her", fragt sich heute Walter Frenes, der seinerzeit Tourismusdirektor war. "Später", so sagt er, "kamen sogar die Skandinavier zu uns, um die Technik zu kopieren. Erst Jahre danach witterte die Industrie ein Geschäft."

Doch mit Loipen allein kann man nicht zum nordischen Wintersportgebiet werden. Im Ort gab es damals nirgends Langlaufski zu kaufen, die Skigeschäfte weigerten sich, auch nur ein einziges Paar vorrätig zu halten. Also importierte der Tourismusverband Skier aus Norwegen und stellte einen wortgewandten Mitarbeiter damit vor das Seekirchl. Er ermunterte die Gäste, das Laufen auf den schmalen Brettern einmal kostenlos auszuprobieren. Damit war immerhin ein Anfang gemacht, und als eine österreichische Skifirma schließlich doch Interesse am Langlauf zeigte und die entsprechende Ausrüstung herstellte, stand dem Aufstieg Seefelds zum Langlaufzentrum nichts mehr im Wege. Bis zur abermaligen Austragung der Olympischen Winterspiele in Innsbruck im Jahr 1976 waren Ort und Sport etabliert. Bei der Neukonzeption der olympischen Loipen wurde diesmal darauf geachtet, daß sie nach Abschluß der Wettkämpfe auch für die Allgemeinheit nutzbar waren. Deshalb können Besucher heute noch auf den Strecken durch den Schnee gleiten, auf denen damals um Medaillen gekämpft wurde.

Um eine Skilänge voraus

Zwar sind Innsbruck und Seefeld in diesen Tagen bei der Auswahl des österreichischen Bewerbers für die Winterolympiade 2014 gegen den Konkurrenten Salzburg unterlegen, doch das nimmt hier niemand tragisch. Man fühlt sich auch ohne die Spiele für die Zukunft gerüstet. Umfang und Qualität des Loipennetzes sind erstklassig, nirgendwo sonst in den Alpen findet man so viele und so abwechslungsreich gestaltete Spuren durch Felder und Wälder, durch flaches und hügeliges Gelände, eben und leicht, steil und schwierig, kurz und lang. Man kann völlig allein durch ein entlegenes Tal gleiten oder sich im Pulk von Knotenpunkt zu Knotenpunkt, von Skihütte zu Skihütte fortbewegen.

Vor kurzem haben sich die Gemeinden Seefeld, Leutasch, Mösern, Reith und Scharnitz zur "Olympiaregion Seefeld" zusammengeschlossen. Das ermöglicht weitere Verbesserungen, die schrittweise verwirklicht werden sollen. Auch ohne Olympia verfolgt man den ehrgeizigen Plan, das beste Langlaufzentrum der Welt zu werden. Dazu gehört in Zukunft vor allem eine durchgängige Verbreiterung der Loipen auf sechs Meter. "Das soll keineswegs Langlauf-Autobahnen schaffen", sagt Markus Tschoner, der Direktor der Olympiaregion, "aber die breiteren Schneisen beheben den Schneemangel, der im dichten Wald auf dem Boden oft vorherrscht. Außerdem können auf diese Weise klassische Langläufer, Skater und Wanderer die meisten Strecken gemeinsam nutzen, ohne sich in die Quere zu kommen." Die Gleichberechtigung der Skater ist schon jetzt eine augenscheinliche Tatsache, was die Olympiaregion Seefeld zunehmend auch für ein jüngeres Publikum attraktiv macht. Gab es früher hin und wieder Ärger zwischen Wanderern, Skatern und klassischen Langläufern, so vertragen sie sich jetzt. Denn Seefeld hat es auf vielen Streckenabschnitten geschafft, deren Zusammenspiel effizient zu organisieren - eine geglückte nordische Kombination, die zeigt, daß Seefeld den nordischen Trends einmal mehr um eine Skilänge voraus ist.

Quelle: F.A.Z., 10.03.2005, Nr. 58 / Seite R7
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