20.03.2004 · Der letzte Hinweis vor dem Abstieg in die Wiener Unterwelt ist nicht beruhigend. "Wenn Sie eine Ratte sehen, kreischen Sie nicht, das ist normal", sagt die Stadtführerin und verteilt Taschenlampen.
Von Rob KiefferDer letzte Hinweis vor dem Abstieg in die Unterwelt ist nicht beruhigend. "Wenn Sie eine Ratte sehen, kreischen Sie nicht, das ist normal", sagt die Stadtführerin Brigitte Timmermann und verteilt Taschenlampen. Dann öffnet sich quietschend eine eiserne, mit Konzertplakaten getarnte Tür in einer grün gestrichenen Litfaßsäule. Und ganz so, wie sich einst Orson Welles als der teuflische Medikamentenschieber Harry Lime im Filmklassiker "Der dritte Mann" sekundenschnell unsichtbar machte, tauchen wir in Wiens zweitausend Kilometer langes Kanallabyrinth ab.
Es ist zappenduster. Vorsichtig ertasten unsere Füße die schmalen Stufen der Wendeltreppe. Sie führt zu einem überbauten Sammelkanal, der verhindern soll, daß die Abwässer in die Donau gespült werden. Wasser tröpfelt vom Gewölbe, im Kanalbett rauscht eine unappetitliche braune Brühe - und in den Augenwinkeln sieht man Ratten vorbeihuschen. An diesem unbehaglichen Ort spielt einer der berühmtesten Showdowns der Filmgeschichte: die Verfolgung Harry Limes durch seinen Jugendfreund Holly Martins, dargestellt von Joseph Cotten, und die Polizisten der Kanalbrigade. Als der Thriller im Jahr 1949 gedreht wurde, war Wien noch in vier Sektoren geteilt. Durch die verzweigten Abwässertunnels huschten Spione jeglicher Couleur unerkannt von einer Besatzungszone in die andere. Und es wurden Schwarzmarktgüter wie Benzin, Fleisch, Zigaretten oder - wie im Film - verdünntes Penicillin in die entferntesten Ecken der durch Luftangriffe verwüsteten Stadt transportiert.
Orson Welles störte sich am Gestank
Allein die Dreharbeiten im Kanalwirrwarr dauerten Wochen. Regisseur Carol Reed ließ tonnenschwere Aggregate und Scheinwerfer aus London einfliegen, um die danteske Finsternis auszuleuchten. Doch Probleme gab es vor allem mit dem divenhaften Gebaren des Hauptakteurs, wie Brigitte Timmermann mokant erzählt. Orson Welles habe sich "grantelig" benommen, da ihn der Gestank gestört habe. Trotz literweisem Einsatzes von Parfum wollte er nicht mehr als einen Tag unter der Erde drehen, und so mußte sein Double, ein Wiener Fleischergeselle, immer wieder einspringen, um den mit wehendem Mantel durch Gewölbe und Schächte hetzenden Bösewicht zu mimen. Einige Kanalsequenzen wurden im Studio nachgedreht.
Schon nach kurzer Zeit sind wir heilfroh, den Ratten und der klaustrophobischen Enge zu entkommen. Wir kraxeln ans Tageslicht, um weitere Originalschauplätze zu inspizieren wie das Hotel Sacher. Dort logiert im Film Holly Martins, Autor von Groschenwestern wie "Die Todesreiter von Santa Fe", der auf der Suche nach dem "dritten Mann" in ein Netz aus Korruption, Verrat, Mord und verschmähter Liebe gerät. Der naive Amerikaner darf ausnahmsweise im Sacher ein Zimmer beziehen, denn das luxuriöse Hotel steht sonst nur dem britischen Militär zur Verfügung. Eine Ausnahme wurde seinerzeit auch für einen wirklichen Schriftsteller gemacht: für Graham Greene, der im Februar 1948 nach Wien kam und im Sacher abstieg, um sich im Auftrag von Produzent Alexander Korda einen Plot für einen düsteren Krimi vor dem Hintergrund der Wiener Trümmerlandschaft einfallen zu lassen. Den beiden schwebte ein Suspense-Film vor, der nicht das Wien des Walzertraums als Bühne haben sollte, sondern die zerbombte, hungernde Stadt.
Graham Greenes Gelage sind im Sacher unvergessen
Greene, während des Zweiten Weltkrieges Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes und per du mit Meisterspion Kim Philby, recherchierte nicht nur an der Bar des Sacher, an der seine Bloody-Mary-Gelage legendär geblieben sind, sondern baute auch das Theater in der Josefstadt in die Geschichte ein, fuhr bis zum Zentralfriedhof hinaus, ließ sich in die Welt unter den Gullydeckeln führen, hörte sich bei Agenten, Ganoven und Nachtbarbesitzern um. In der nach der Filmpremiere publizierten Romanfassung seines Drehbuches schreibt er: "Wenn Sie diese seltsame und sehr traurige Geschichte verstehen wollen, dann müssen Sie wenigstens eine gewisse Vorstellung von dem Hintergrund haben, vor dem sie sich abspielte - von dem zerstörten, bedrückend, öden Wien, das unter den vier Besatzungsmächten aufgeteilt ist."
Ein Platz für verschwiegene Treffen war - in der Realität wie im Film - das Café Mozart am Albertinaplatz, in dem wir vor dem garstigen Regen Zuflucht suchen. An einem der winzigen runden Tische verabredet sich Holly Martins mit einem von Limes Schmugglerkumpanen, dem zwielichtigen Baron Kurtz. Das Mozart gehört mit seinem abgewetzten Charme, all seinem Messing und Plüsch heute zu den lebendigsten Klassikern von Wiens Kaffeehaus-Szene und ist ein Beweis dafür, daß die österreichische Hauptstadt die Zeit anders zählt als andere Großstädte.
Draußen ist es dunkel geworden. Die Pflastersteine schimmern regennaß, die Kälte hat die Gassen leergefegt, die Laternenlichter projizieren die Körper der wenigen Passanten als lange Schatten an die Hauswände. Aus den Oberleitungen der Trambahnen zucken kleine Blitze. Die Fiaker tauchen wie Geistergefährte auf. Es ist wie im Film. Genau diese unheimliche, morbide Atmosphäre hat Robert Krasker mit leicht gekippter Kamera in effektvollen Schwarzweißaufnahmen eingefangen. Die atmosphärischen Bilder im extremen Hell-Dunkel-Kontrast brachten 1950 dem "Dritten Mann" den Oscar für die beste Kamera ein. Daß die meisten Innendrehs in einer Londoner Kulissenwelt entstanden, hat dem realistischen Anspruch dieses bahnbrechenden Film Noir, der 1999 zum besten britischen Film des Jahrhunderts geadelt wurde, keinen Abbruch getan.
Carol Reed hatte halb Wien gepachtet
Die Außenschauplätze haben ihre imperiale Silhouette bewahrt. "Im Palais Pallavicini wohnte Harry Lime", sagt Brigitte Timmermann und deutet auf das von weiblichen Säulen-Statuen geschmückte Portal des Hauses Nummer fünf am Josefsplatz, gegenüber der Hofburg. Die Expertin des "Dritte Manns", die ihrer Leidenschaft eine Ausstellung und ein Buch gewidmet hat, erzählt, daß Paul Hörbiger in den prunkvollen Räumen dieses Palais den Part des nörgelnden Hausmeisters spielt.
Carol Reed und seine Crew hatten halb Wien als Filmkulisse gepachtet. Gedreht wurde unter anderem auf der Mölkerbastei, auf der Schottenbastei und an der Reitschulgasse, an der das Schmuckgeschäft Halder unverändert für "Ankauf von Silber aus Privatbesitz" und das "Fassen von Jagdtrophäen" wirbt. Jetzt erreichen wir die Schreyvogelgasse, in der nach gut einstündiger Filmdauer erstmals Harry Limes maliziöse Gesichtszüge im funzeligen Schein eines sich öffnenden Schlafzimmerfensters erkennbar werden. Daß sich Orson Welles für nur fünf Minuten physischer Präsenz im ganzen Streifen mit damals fürstlichen hunderttausend Dollar honorieren ließ, war zu dieser Zeit ein Rekord der Kinogeschichte.
Die Tour endet in einem Beisl. Dort gibt es Glühwein, um die Glieder aufzuwärmen, während eine junge Musikantin mit Namen Alexandra auf der Zither spielt. Sie zupft selbstredend jene Melodie, die vielleicht mehr noch als die eigentliche Geschichte den Film in der ganzen Welt bekannt gemacht hat. Der Filmcrew war der bis dahin unbekannte Heurigenmusikant Anton Karas beim Spielen in einer Weinschenke aufgefallen. Carol Reed entschied spontan, daß er die ganze Filmmusik auf seiner Zither spielen sollte. Das "Harry Lime-Theme" ist seitdem so etwas wie eine inoffizielle Hymne der Wiener.
Während der fast dreistündigen Tour auf den Fersen von Harry Lime schafft man es nicht, alle Drehorte zu besuchen. Das kann man auf eigene Faust nachholen und etwa zum Zentralfriedhof gehen, auf dem die Anfangs- und die Schlußszene spielen; oder zum Prater, dem Schauplatz jener Szene, die sich nicht nur in das Gedächtnis von Cineasten eingegraben hat: dem Treffen von Harry Lime und Holly Martins in einer Gondel des Riesenrades. Unvergeßlich ist Limes zynischer Monolog, mit dem er seine todbringenden Schiebergeschäfte rechtfertigt: "Denk dran, was Mussolini gesagt hat: In den dreißig Jahren unter den Borgias hat es nur Krieg gegeben, Mord und Blut, aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, fünfhundert Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr! Adieu, Holly."
Darüber, daß lediglich die Außenaufnahmen im Vergnügungspark entstanden, nicht aber die Schlüsselszene in der schwebenden Gondel, die wiederum im Studio mittels Hintergrundprojektion rekonstruiert wurde, sieht man gerne hinweg. Die Imagination des "Dritten Mannes" ist lebendig genug.
Stadtrundgänge zum Thema "Der dritte Mann" werden immer montags und freitags um 16 Uhr angeboten. Treffpunkt ist die Station Stadtpark der U-Bahn-Linie 4, Ausgang Johannesgasse. Auskünfte unter Tel.: 00 43/1/7 74 89 01 oder im Internet: www.viennawalks.com; das Burgkino am Opernring 19 spielt die Originalversion des "Dritten Manns" das ganze Jahr über. Die Vorführzeiten sind im Internet unter www.burgkino.at oder unter Tel.: 00 43/1/5 87 84 06 abrufbar.