Home
http://www.faz.net/-gxj-73bmp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wetten, dass..? Meine Saalwette für Markus Lanz

 ·  Finden Sie einen Ort, der sich nach Ihrer Spieleshow nennt. In Amerika ist das einem Moderator gelungen - und aus Hot Springs in Neu-Mexiko wurde Truth or Consequences.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)
© Nick Waplington Jetzt rechts abbiegen: Der Ort Truth or Consequences hat viel Umgebung, aber sonst nur wenig zu bieten.

Die Parade war vorüber, als ich Truth or Consequences erreichte, aber die Fiesta dauerte an. Eine Nacht noch und einen Tag. Viel verpasst hatte ich offensichtlich nicht. So toll sei die Parade in diesem Jahr nicht gewesen, sagten alle, mit denen ich sprach. Die meisten von ihnen sogar, ohne dass ich nach der Parade gefragt hatte. Sie waren sichtlich enttäuscht.

Zu wenige Wagen, zu wenige Einfälle. Nur das Übliche, irgendwie. Sagten sie. Und meinten die paar alten Traktoren, mit denen ein paar alte Farmer über die Hauptstraße geknattert seien. Und die alten Damen irgendeines Sozialvereins, die von einem Anhänger herunter gewunken hatten. Die Feuerwehr war mit ihren Löschzügen aus der ganzen Region angerückt. Die Mitglieder des Ford Mustang Clubs hatten ihre Autos in Kolonne spazieren gefahren. Und natürlich waren Cowboys auf ihren Pferden durch die Stadt geritten. Ihretwegen, also wegen der Pferde, findet die Parade stets am frühen Vormittag statt. Den Tieren würde es sonst zu heiß, erklärte man mir. Aber so heiß, wie es in der Wüste Neu-Mexikos werden kann, war es an diesem Tag gar nicht; im Gegenteil. Man konnte von frühlingshaften Temperaturen sprechen.

Der vergessene Staat

Truth or Consequences liegt in einer Senke am Ufer des Rio Grande, im Süden von Neu-Mexiko, einem der größten Bundesstaaten Nordamerikas. Dennoch wird er oft übersehen. Schon in Texas, dem direkten Nachbarn im Osten, denken die Bewohner, er gehöre zu Mexiko. Und wenn man mit Mexikanern spricht, zucken auch sie nur mit den Schultern. „Alt? Neu? Was soll’s?“, sagen sie. Erst wenn man die Hauptstadt nennt, Santa Fe, grinsen sie über das ganze Gesicht und schlagen sich mit der Hand an die Stirn: „Sí, sí, Colorado!“ Mehr als einmal habe ich das selbst erlebt. Die Bewohner von Neu-Mexiko haben sich gut damit arrangiert, dass niemand sie wahrnimmt.

So leer ist das Land, staubtrocken, wüst und öde, dass die amerikanische Regierung dort im Juli 1945 unbekümmert die erste Atombombe zündete und später ungestört eine Raketenbasis nach der anderen errichtet hat. Und als im Sommer 1947 Außerirdische in ihrem Ufo die Erde besuchten, wie man hier beharrlich erzählt, landeten sie vielleicht nicht zufällig nahe Roswell, nur einen Steinwurf von Truth or Consequences entfernt, in dieser absolut unirdischen Landschaft - geradeso, als habe sie die Gegend an ihre Heimat erinnert. Es bedarf wohl einer eigenen Mentalität, sich von all dem nicht sonderlich irritieren zu lassen. An einem Jahrmarktstand der Fiesta gab es T-Shirts zu kaufen mit der Aufschrift: „We are all here, because we are not all there“, was man fast wörtlich übersetzen kann: Wir sind alle hier, weil wir nicht ganz da sind. Es ist so etwas wie das Glaubensbekenntnis der Stadt.

Truth or Consequences ist riesengroß - im Vergleich zur Einwohnerzahl. Dreiunddreißig Quadratkilometer Fläche für weniger als sechseinhalbtausend Menschen. Da könnte man meinen, dass jeder jeden kenne. Doch wenn man auf dem kahlen Hügel oberhalb des Ortszentrums steht und all die flachen Holz- und Lehmhäuser sieht, die jenseits der beiden Hauptstraßen weit verstreut in der Landschaft liegen, am Fluss entlang, die Berge hinauf und weit hinein in die Wüste, wird klar, dass hier keine eingeschworene Gemeinschaft lebt. Und gerade während der Fiesta wurde offenkundig, wie die Bevölkerung noch einmal auseinanderfällt. Denn es wurde an drei verschiedenen Orten gefeiert.

Jeder für sich

Im Park, der kaum mehr ist als eine kleine Wiese mit einem Teich am Ufer des Rio Grande, standen Buden mit Krimskrams, schlechtem Essen und großen Gläsern voller bunter Getränke, in denen zerschnittene Früchte schwammen. Auf dem Anhänger eines Lastwagens wurde musiziert. Erst spielte eine Mariachi-Kapelle, dann eine Ska-Band aus der gut hundertfünfunddreißig Kilometer entfernten Nachbarstadt Las Cruces. Das Publikum bestand vor allem aus Indianern und Mexikanern. Die Männer trugen enge Hemden, deren Nähte sie vor lauter Muskeln fast zum Platzen brachten, und präsentierten stolz ihre Tätowierungen. Die meisten Frauen waren übergewichtig.

Der weiße Teil der Bevölkerung indes hatte sich auf dem Parkplatz der größten Sparkasse des Orts, der Bank of the Southwest, versammelt. Mitten im Zentrum. Dort waren ein Kinderkarussell und ein kleines Riesenrad aufgebaut, deren Hunderte von Glühbirnen später in der Nacht in allen Farben des Regenbogens leuchten würden. Hier traten Countrybands auf, und es tanzten Herren in Blue Jeans und Turnschuhen mit Frauen in Cowboystiefeln und knallengen Shorts gelassen den Two Step oder in perfekter Choreographie sehr ausgelassen sogenannte Line Dances. Auf einem abgesteckten Teil des Parkplatzes wurde Dosenbier verkauft, das auch nur dort getrunken werden durfte.

Die dritte Gruppe schließlich fand sich unter der Leitung von Sorina Fofana aus Westafrika in der Hauptstraße zum Trommel-Workshop zusammen, und während sich junge Männer mit Rastalocken oder Pferdeschwanz die Seele aus dem Leib trommelten, tanzten feenhaft schlanke Mädchen barfuß in langen Röcken wie in Trance über den Asphalt und schwangen dabei brennende Kugeln an dünnen Ketten um Kopf und Körper, dass einem bange werden musste, oder schlugen sie fest auf den Boden, dass das Feuer nur so spritzte. Schwaden von Marihuana-Dunst lagen über der Szene.

Ein Cowboy wie ein Denkmal

Die meiste Zeit waren die jungen Menschen unter sich. Nur einmal rollte die örtliche Polizei in ihrem riesigen Chevrolet vorüber. Und spät am Abend kam ein Cowboy herbeigeritten und schaute völlig bewegungslos dem Treiben lange Zeit zu. Fast sah er aus wie eine Statue. Irgendwann löste sich eine der Tänzerinnen aus der Gruppe, ging langsam auf ihn zu und schwang sich, ohne dass die beiden ein Wort miteinander gewechselt hätten, zu ihm hinauf aufs Pferd. Dann ritten sie die Straße hinunter, bogen irgendwann um eine Ecke und waren verschwunden. Vielleicht war es ein Vater, der seine Tochter nach Hause holte. Vielleicht war es ihr Freund. Das Alter des Mannes hatte man unter der breiten Krempe des Huts nicht erkennen können. Und Pferde sind in diesem Teil der Welt kein Luxus, sondern ein billiges Transportmittel.

Truth or Consequences ist keine reiche Stadt. Das sah einmal anders aus. Schon die Indianer kannten die heißen Quellen der Gegend, und alle Stämme hatten sich darauf geeinigt, dass der Ort kampffreie Zone sein müsse, damit sich die Männer dort nach der Jagd erholen und nach Kämpfen ihre Wunden ausheilen könnten. Selbst die Soldaten eines nahen Forts durften zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs hier unbehelligt baden. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts errichten Rinderzüchter ein erstes Badehaus, und als 1905 mit dem Bau eines Damms begonnen wurde, herrschte durch die vielen Arbeiter reger Badebetrieb. Aus deren primitiven Unterkünften entstand die Stadt, die zunächst Palomas Hot Springs, dann nur noch Hot Springs hieß und die sich in den dreißiger Jahren mit immer mehr Badeanstalten und einer großen Klinik für an Polio erkrankte Kinder allmählich zu einem angesehenen Kurort entwickelte. Das Wasser, so warb man damals in Amerika um Gäste, sei noch gesünder als das des bekannten deutschen Kurorts Karlsbad.

Ein Moderator wie der Teufel

Ausgerechnet nach dem Zweiten Weltkrieg, als die amerikanische Wirtschaft gen Himmel stieg wie heute die Raketen bei White Sands, fast in Sichtweite des Orts, nahm der Kurbetrieb ab, und es ging mit dem Städtchen bergab. Da kam es gelegen, dass der Moderator Ralph Edwards versprach, diejenige Kleinstadt berühmt zu machen, die sich zum zehnjährigen Bestehen seiner Radioshow nach ebendieser Sendung umbenenne: Truth or Consequences - Wahrheit oder Pflicht. Die Stadtväter erkannten augenblicklich die Chance, die sich dahinter verbarg, und in einer hinreichend beworbenen Abstimmung sprach sich am 31. März 1950 mit 1294 zu 295 Stimmen die Mehrzahl der Bürger für den neuen Ortsnamen aus. Schon tags darauf flog Ralph Edwards mit seinem gesamten Stab aus Los Angeles ein, übertrug seine Sendung und kam fortan einmal im Jahr in den Ort, bald schon mit einem neuen Format für das Fernsehen. Und einmal wurde dabei sogar die Anreise selbst zum Spiel. Ein Kandidat musste einen Golfball von Hollywood bis Truth or Consequences schlagen: 823 Meilen oder 1448480 Yards, damals grob geschätzt auf Par 25000.

Tatsächlich profitierte die Stadt eine ganze Weile von der Aufregung in den Medien, die das Ganze nicht zuletzt des Datums wegen zunächst für einen Aprilscherz gehalten hatten - und im Heimatmuseum hat man aus Dankbarkeit Ralph Edwards reichlich Platz eingeräumt. Vom Foto seines Geburtshauses in Colorado bis zu Bildern von Empfängen im Ort, zu denen er oft und gern prominente Schauspieler mitbrachte, zieht sich die Fotogalerie durch einen ganzen Raum. Dazu liegen in Vitrinen einige Reliquien aus. Und auf einem Bildschirm laufen Ausschnitte der Sendung.

Superman als Putzfrau

Ralph Edwards holte sich Kandidaten aus dem Publikum auf die Bühne und stellte ihnen kaum verständliche Fragen. Für die Antwort hatten sie genau zwei Sekunden Zeit. Das reichte natürlich nicht aus. Deshalb mussten die Spieler, um doch noch den Preis zu gewinnen, aberwitzige Aufgaben erfüllen. Eine Frau etwa sollte mit einem Stück Fell in der Hand ein Liedchen singen - wobei nur das Publikum sah, dass es sich um den Schwanz eines lebenden Tigers handelte. Ein Mann musste eine offene Kiste voller flatternder Hühner über einen Parcour tragen, dessen einfachste Hindernisse ein Brett voller Seifenschaum und zwei halbnackte Ringer waren, die sich über ihn hermachten. Um ein Auto zu gewinnen, sollte eine Teilnehmerin damit am Stück dreitausend Meilen um ihr eigenes Haus fahren. Die Sendung war so berühmt, dass in einem Heft der Action Comics sogar Superman darin auftritt. Er muss in der Episode als Putzfrau arbeiten.

Ralph Edwards schrieb schon mit Truth or Consequences amerikanische Fernsehgeschichte. Aber er erfand und moderierte später die noch viel bekannteren Sendungen „This is your Life“ und die Gerichtssendung „People’s Court“. Bis 1999 konnte man ihn im Fernsehen sehen - und ebenso lang blieb er der Stadt Truth or Consequences treu. Selbst als die Sendung längst abgesetzt war, besuchte er noch immer die jedes Jahr stattfindende Parade. Den neuerlichen Niedergang freilich konnte er nicht aufhalten. Die Zahl der Einwohner geht stetig zurück. Vor vielen Häusern stehen die Schilder des lokalen Immobilienmaklers mit dem Hinweis „Zu verkaufen“. In der Hauptstraße sind etliche Schaufenster zugenagelt. Selbst der Pfandleiher ist pleite.

Ein Leben in Badelatschen

Doch die Bewohner sind sich keineswegs einig darin, ob man von Niedergang sprechen kann. Sie suchten ja gerade einen Ort, sagen sie, in dem man billig leben könne - und „zurückgelehnt“, wie man hier sagt. Einen Ort, in dem man den Rest seines Lebens in Shorts und Badelatschen herumlaufen könne. In dem die Mieten niedrig seien und man auch sonst mit wenig Geld auskomme. Ohne zu zögern, sprechen sie von Dritter Welt und davon, dass schon sehr viel Geschick dazugehöre, hier nicht zu überleben. Aber diejenigen, die mit einem kleinen Laden, irgendeiner Therapiepraxis oder einem Café ihren Lebensabend finanzieren wollten, klagen darüber, dass sie mehr arbeiten müssten als in ihrem ganzen Leben zuvor. Ein wenig sei Truth or Consequences wie Santa Fe vor fünfzig Jahren, sagen sie. Ein Ort für Esoteriker, Maler, Lebenskünstler. Mit viel Freiraum und wenig Chic. Von den sieben seriösen Kunstgalerien, die es hier noch vor zehn Jahren gab, haben mittlerweile sechs wieder geschlossen. Und Delmas Howe, den letzten angeblich im Ort verbliebenen Maler, den man über die Grenzen Neu-Mexikos hinaus kennt, hat schon lange niemand mehr gesehen.

Ein wenig gleicht die Karriere des Orts einer Achterbahnfahrt. Und nun gibt es Indizien dafür, dass es demnächst wieder bergauf gehen könnte. Hier ein neuer Supermarkt, so groß, dass er nach der Stadtverwaltung und einem Altenheim für Kriegsveteranen der drittgrößte Arbeitgeber des Ortes ist. Dort brandneu ein Holiday Inn mit dreiundsechzig Zimmern. Das sind die Entwicklungen im Fahrtwind des Spaceport America, Richard Bransons Weltraumflughafen für touristische Ausflüge ins All, nur ein paar Kilomter außerhalb von Truth or Consequences. Niemand rechnet ernsthaft damit, dass die sogenannten Astronauten, die für den zweieinhalb Stunden dauernden Spaß zweihunderttausend Dollar bezahlen, anschließend ihren Urlaub im Ort verbringen. Aber die täglichen Starts könnten zu einer Attraktion werden und Tausende von Schaulustigen anlocken. Noch freilich werden die Flüge von Jahr zu Jahr verschoben.

Entspannung im Thermalbecken

Aber es gibt ja noch den Stausee, den Elephant Butte, dessen Pegel mit jedem Jahr sinkt, der dennoch zahlreiche Wassersportler anlockt. Anderen schwebt ein Mekka des Ökotourismus vor. Und der Ort besinnt sich auch wieder auf seine heißen Quellen. Zehn Anlagen werben in einem gemeinsamen Faltblatt für den heilenden Effekt des Wassers - von einfachen Becken am Campingplatz zum luxuriösen Spa, der Sierra Grande Lodge, deren Klientel für ein, zwei Tage oder drei, vier Wochen aus Hollywood kommt - was den Besitzer dazu verleitete, auch gleich noch ein Gourmetrestaurant im Haus unterzubringen. Es lief angeblich nicht einmal schlecht, aber keiner der Köche habe es länger als ein paar Monte im Ort ausgehalten.

Ja, gesteht auch Charlie Friberg unumwunden, der die Bauaufsicht über die Stadt hat, es gebe noch viel zu tun. Aber der Historic District, das Zentrum mit den Gebäuden wie aus dem Wilden Westen, habe doch ganz schöne Formen angenommen. Wichtiger sei es jetzt, sagt er, den Ortsnamen wieder zu ändern. „Konsequenz! Konsequenz!“, ruft er sichtlich erregt. Das klinge nun wirklich nicht nach Urlaub. Er plädiere für: Happy Hot Springs - samt einem Smiley auf den Autokennzeichen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

Jüngste Beiträge