Tag 1. 11 Uhr. Fräulein Van grinst. Sie ist zwei Köpfe kleiner als ich und will wissen, ob sie doll zudrücken darf. Ich nicke. Bunte Gerbera dümpeln in einem Becken vor dem Spa. Jeder Gast kann im „Fusion Maia“ pro Tag zwei Behandlungen im Voraus buchen; danach so viele, wie er will, sofern Termine frei sind. Ich liege auf dem Bauch und spwwwwwwüre, wie in extremer Zeitlupe ein weiches, schweres Stuhlbein über meinen Rücken gezogen wird. Aua. Das ist die Nackenschultermassage. „Täktikbräss“, sagt Fräulein Van. Ich halte die Luft an. Dann sagt sie wieder: „Täktikbräss.“ Bevor ich begreife, dass ich tief Luft holen soll, rammt sie mir sanft ihre Knöchel in den Nacken, und eine hautflächendeckende Gänsehaut macht sich breit. Hinterher habe ich keinen Rücken mehr, sondern einen besonders gut geklopften Teppich - toll. Aber, rät Fräulein Van, ich solle besser sofort gleich noch so ein paar Nackenschulterdinger buchen, ich habe das nötig.
18 Uhr. Es klopft. Zwei Jungs kommen in den Bungalow und machen sich an der Badewanne zu schaffen. Als ich wieder hinsehe, brennen Teelichter rings um den Stein, im Badewasser schwimmen unzählige dunkelrote Blätter. Ich habe jetzt zwei Massagen und ein Facial hinter mir, bin achtmal gefragt worden, wie ich heiße und wo ich herkomme, nun lege ich mich in die Wanne und denke an den Film „American Beauty“, nur fühle ich mich überhaupt nicht wie Mira Sorvino, sondern wie ein alter Wal. Die Blütenblätter schippern wie führerlose rote Dschunken über die Wasseroberfläche, es duftet nach Orangen und Rosen. Ambientmusik weht durch den Raum, sie ist erstaunlich unaufdringlich, kompiliert von einem DJ aus Saigon. Eine Stunde später bin ich zu müde zum Aufstehen. Schlafen geht aber nicht. Um 20 Uhr ist Pediküre. Als ich gegen 21 Uhr das Spagebäude verlasse, sind noch immer an die 30 Therapeuten bei der Arbeit.
22 Uhr. Lila Leuchtquallen hängen in der Mitte des Restaurants. Es ist schick hier, ein bisschen wie in einem modernen „Hyatt“, aber auch ein bisschen wie in einem schönen Zen-Tempel, nur ohne Buddhafiguren. Abends finden wir eine Karte in unserem Zimmer. Darauf steht das Motto für morgen: Get social. Das ist eine der sieben Säulen des Wohlbefindens, die das Konzept hinter dem Wort Fusion bilden: Gut essen, Natur entdecken, Bewusstsein öffnen, aktiv sein, sich frei fühlen, bewusst handeln, und wenngleich das Ganze klingt wie ein Manifest, ist es so wenig sozialistisch wie das Resort selbst. Wir lesen den Wochenplan, in dem jeder Aspekt mehrmals vorkommt. Es gibt Ausflüge, Vietnamesisch-Kurse, Schmuckbasteln, Lachyoga. Lachyoga?
Ich sehe lila Lichter, dann schlafe ich ein
Tag 2. 5 Uhr. Am Strand macht ein etwa siebzigjähriger Mann barfuß Powerwalking. Das klotzige Hotelgebäude nebenan gehört einem Hawaiianer, der es nicht hinbekommt, es fertig zu bauen. Es steht zum Verkauf. Langsam geht die Sonne auf, in den Bergen gegenüber leuchtet hellweiß die Figur von Lady Buddha. Die 67 Meter hohe Betonstatue schaut erst seit ein paar Jahren über die Küstenstadt Da Nang. Sie weiß nicht, dass Da Nang Beach früher China Beach hieß, dass hier zu Beginn des Vietnamkrieges die ersten US-Truppen an Land gingen, sie hat nicht gesehen, wie sich vor zehn Jahren die Militärfluglandebahn in eine Ausfallstraße verwandelte, auf der heute Fahrräder, Tuktuks und Autos drängeln, vorbei an Hotelanlagen, staubigen Feldern und halb fertig gebauten Häusern.
7 Uhr. Frühstück. Pyramiden aus süßem Gebäck, Dumplings, kleine Gläser mit Panna Cotta, warme Tet-Reisbällchen, asiatische Nudelsuppen, und die Salatbar sieht aus wie eine Kunst-Installation. Es sind kleine Portionen, weswegen man von allem probieren kann, ohne sich vollzustopfen.
11 Uhr. Die anderen machen einen Ausflug in die Marmorberge. Ich liege auf dem Rücken und höre leise: Knurps. Unter meinen Schultern befinden sich zwei hühnereigroße Buckel. Linh drückt, es macht noch mal knurps, dann streicht sie über mein Gesicht, und ich sehe lila Lichter, dann schlafe ich ein.
12 Uhr. Haar-Spa. Dabei werden einem die Haare gewaschen, und man kriegt mehrere Packungen, ein bisschen wie beim Friseur. Neben mir sitzt eine Dame aus Hongkong und hält ihre Füße in ein Becken mit Minze und Salz, vor mir werden zwei Frauen die Fingernägel lackiert. Im Spa arbeiten rund 50 Therapeuten, erzählt Natalie, die Spa-Managerin. Ist das „Fusion Maia“ ausgebucht, öffnet das Spa bereits eine Stunde früher, morgens um neun. Sie können bis zu 40 Personen gleichzeitig behandeln, gestern haben sie an einem Tag 240 Gäste versorgt. Das Wichtigste aber sei, sagt Natalie, dass die Therapeuten nicht müde werden. Sie meditierten zwischendurch. Feierabend war gestern weit nach zehn.
14 Uhr. Wir stehen im Kreis. Drei Spa-Mitarbeiter und zwei Therapeuten sind dabei. Auch Joel, der Resort-Manager. Er hat noch nie Lachyoga gemacht, sagt er. Fräulein Van erklärt uns die Übungen. In die Hände klatschen und dabei rufen. Ho, ho. Ha, ha, ha. Oder gucken wie ein wütender Tiger und das Gegenüber in die Flucht lachen. Wir kichern, wiehern, prusten, am Ende tut allen das Gesicht weh, aber keiner ist schlecht drauf. Jemand sagt, das sei die Zukunft: Ho, ho. Ha, ha, ha anstelle von Ho Ho Ho Chi Minh.
16 Uhr. Als die anderen von den Marmorbergen zurück sind, schwärmen sie nicht nur von den Höhlen und den Tempeln, sondern auch von der lässigen Art der Fusionistas, so heißen die Mitarbeiter, die hier Butler und Concierge ersetzen. Morgen wollen sie eine Radtour unternehmen. Ich kann nicht mit, sage ich. Ich habe noch Joghurtwickel, Thaimassage, und wenn ich meine Augensäcke ansehe, brauche ich noch wenigstens hundert Facials.
20 Uhr. Ich habe eine Natural Living Massage und eine weitere Nackenschultersache hinter mir. Jetzt sitzen wir zu viert im Manikürezimmer und betrachten die Nagellackfarben. Irgendwann verliere ich zwischen Rosa, Grün, Perlmutt und Orange die Konzentration und entspanne mich. Als mir Xin die Nägel lackiert, gähnt sie und vermalt sich. Ich fühle mich scheußlich dabei.
21 Uhr. Mai reißt Schoten. Sie serviert uns Teecocktails, knufft mir in die Schulter, dann singt sie uns was vor. Das Lied heißt „Truly, Madly, Deeply“, denn sie wünscht sich die große Liebe. Wir machen ihr eine Lachyoga-Übung vor.
So gut, dass die Konkurrenz nervös wird
Tag 3. 6 Uhr. Die Augensäcke sind jetzt hellrosa. Auf einer Karte lese ich das Motto für heute: Sei aktiv. Ich gehe laufen, um acht gibt es eine Yogastunde am Meer. Viele Gäste sind auf Empfehlung von Freunden hergekommen. Die meisten, sagt Michelle Ford, die General Managerin, später beim Frühstück. Als sie 2007 das Konzept eines All-inclusive-Spas vorstellten, hielten viele den Inhaber, einen vietnamesischen Privatier aus Da Nang, sowie die Managementfirma für bekloppt. Im Oktober 2010 eröffnete das Hotel, inzwischen funktioniert es gut. So gut, dass die Konkurrenz nervös wird.
9 Uhr. Die Pampe ist kalt und gelb. Sie besteht aus Orangen, Gurken und Joghurt und wird auf mich geschmiert. Dann werde ich wie Laura Palmers Leiche in einen Plastiksack gewickelt und bekomme eine Kopfmassage. Es riecht gut, aber mir ist langweilig. Die anderen machen jetzt eine Radtour.
10 Uhr. Ich trage einen weißen Schlafanzug ohne Knöpfe, und Be trampelt auf mir rum. Das ist eine Thai Fusion Massage. Dann drückt sie meine Beine; als wären es Zahnpastatuben, die man von oben nach unten aufrollt. Ich werde gezogen, aufgerichtet, gedreht, gedrückt. Als wir fertig sind, habe ich das Gefühl, ich sei um etwa drei Zentimeter gewachsen.
17 Uhr. Die anderen sind zurück. Es war total schön, sagen sie, die Reisfelder, die Leute, die Bootsfahrt, aber noch interessanter waren die Gespräche mit den vietnamesischen Mädchen, mit denen sie unterwegs waren. Viele seien total romantisch, doch sie heiraten nicht mehr so früh, erst mit Ende 20. Alleine zu wohnen sei verpönt, man wohnt bei den Eltern, mit dem Mann oder bei den Eltern des Mannes, weswegen viele Frauen einfach nicht ausziehen. Ins offiziell gesperrte Facebook reinzukommen sei übrigens auch total einfach. Nur Kritik an der KPV, der einzig legalen Partei Vietnams, solle man sich schenken, dafür käme man ins Kittchen.
Alle bleiben freundlich, heiter, entspannt
Tag 4. 10 Uhr. Spa. Ich setze mich neben ein Orangenbäumchen und warte. Wieder sind alle freundlich, sie lächeln, doch ich fühle mich wie eine Attrappe. Meine Therapeutin heißt Linh und fragt mich nicht, wie ich heiße. Vielleicht weiß sie es schon. Die Massage ist sanft, aber ich spüre sie kaum. Träge latsche ich später zurück zum Bungalow. An meinen Fingern blättert der lila Nagellack. Ich komme mir unnütz vor. Vielleicht ist eine der sieben Todsünden zu viel Massage. Inzwischen meine ich zu wissen, warum das All-inclusive-Konzept funktioniert: Keine Behandlung dauert länger als 50 Minuten, so können mehr Gäste mehr buchen. Nach einer Behandlung liegt man nicht lange im Zimmer rum, so werden die Räume schneller frei. Sie benutzen gute, aber keine sündhaft teuren Spa-Produkte, und was sie inklusive anbieten, ist in Vietnam nicht teuer. Günstige Massage-Salons gibt es allerorten, so wie bei uns zu Hause McPaper- Läden oder McDonald’s. Dennoch: In Natalies Spa ist keiner genervt, niemand hektisch. Alle bleiben freundlich, heiter, entspannt. Ich versuche mir vorzustellen, wie das „Fusion Maia“ mit deutschen Therapeuten laufen würde. Unmöglich.
14 Uhr. Be hat während der Ayurvedamassage erhitztes Kokosöl über meinen Körper gegossen, Schläfenpunkte gefunden, Handflächen, Fußsohlen und Schädeldecke gedrückt, und ich wurde jedes Mal fast ohnmächtig. Jetzt sitze ich seit einer Stunde im Garten und starre geradeaus. Überdeutlich höre ich die Vögel, mein Rücken ist ein weiches Kissen, und in meinem Kopf hat einer innen gestaubsaugt.
16 Uhr. Vom Healing Cocoon weiß ich noch, dass ich aussah wie eine Schlammcatcherin, bevor sie mich in Folie wickelten. Von der zweiten Thaimassage, dass es grrums gemacht hat, als meine Lendenwirbelsäule einrastete. Und von dem beschämenden Gefühl der Langeweile ist nichts mehr übrig. Ich möchte hierbleiben. Ich will nicht nach Hause.
17 Uhr. Im Foyer steht ein Blossom Tree aus Hanoi. Er kostet um die 5000 Dollar, und in seinen Ästen hängen lauter Zettel. Wünsche fürs neue Jahr: Ein Teddybär. Einen guten Ehemann. Ein iPhone. Ich denke über einen Wunsch nach, aber mir will keiner einfallen. Ein gutes Zeichen?
18 Uhr. Auf dem Weg zum Flughafen erscheint uns Da Nang wie eine Kulisse. Wir fahren an sozialistischen Plakaten und Stadien vorbei. Wir sehen rechteckige Häuser in Pastellfarben, Wellblechhütten, Gebäude mit Zahnstocherarmen aus Eisen und Beton. Ein Quadratmeter Bauland kostet heute doppelt so viel wie vor vier Jahren: 40 Millionen Dong, knapp 1500 Euro. Deswegen bauen die Leute so schmal und hoch. Fischerboote liegen am Strand. Schlechtes Wetter sei für die Fischer eine Katastrophe, sagt Thrin, eine Fusionista. Deswegen ist jetzt Lady Buddha da. Sie schaut auf die Bucht, damit die Fischer überleben. Uns hat sie auch gesehen, vielleicht.
Anreise Vietnam Airlines fliegt aus Deutschland nach Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt, von dort weiter bis Da Nang; Singapore Airlines mit Zwischenstopp in Singapur, Air France mit Halt in Paris und Hanoi, die Lufthansa über Bangkok und Ho-Chi-Minh-Stadt.
Unterkunft Eine Nacht im „Fusion Maia“ in Da Nang kostet ab 410 Euro in einer Pool Suite, 740 in einer Spa Villa und 1150 Euro in einer Grand Beach Villa. Alle Preise inklusive Frühstück, Spa-Anwendungen, Sportkursen und regelmäßigem Shuttle-Bus nach Hoi An.
Weitere Informationen beim Vietnam-Informationsbüro unter www.vietnamtourism.com