26.08.2009 · Die Dichte und Qualität der Museen an der Mall von Washington ist weltweit einmalig. Neunzehn Häuser unterhält die Smithsonian Institution dort. Und es kommen immer noch welche hinzu.
Von Ronald D. GersteDie Schönheit steht im Halbdunkel, hinter der Absperrung der Dekorateure und Restaurateure. Kein Scheinwerfer setzt sie in ein günstiges Licht. Die allermeisten Besucher eilen vorbei an den Planen und Baumaterialien, die man acht- und respektlos um sie herum gelagert hat. Und doch, wer hinter die Absperrung schaut, sich in diesem populärsten Museum der Welt etwas Zeit lässt, dessen Blick wird hängenbleiben an ihrer ästhetischen Gestalt, ihrer feuerroten Lackierung und ihrem silbernen Propeller, der bereit zu sein scheint, jeden Moment in Bewegung zu geraten und die Lockheed Vega anzutreiben, eine Runway hinunter, neuen Abenteuern entgegen wie damals, als das schöne Flugzeug auf beiden Seiten des Atlantiks für Schlagzeilen sorgte. Auf einer grünen Wiese in Nordirland sanft gelandet, entstieg ihr eine junge, sommersprossige Frau mit Haaren, die der Vega Röte widerzuspiegeln schienen, und wurde - je nach Interpretation durch Zeitgenossen und Historiker - zu einem Medienereignis, einer Heldin, gar zu einer Vorbotin und Bannerträgerin des Feminismus, hatte sie doch den Beweis erbracht, dass selbst der Himmel dem weiblichen Mut und Pioniergeist keine Grenzen setzte. Amelia Earhart war mit der Vega als erste Frau allein über den Atlantik geflogen, 1932, nur fünf Jahre nach Charles Lindbergh.
Die feuerrote Vega ist das Schmuckstück der "Pioneer of Flight Gallery" im Washingtoner National Air and Space Museum, die nach umfangreichen Umbauarbeiten im Mai 2010 wiedereröffnet wird. Das Flugzeug wird dann in einem heftigen Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit der Besucher mit anderen Exponaten von höchster luftfahrthistorischer Relevanz stehen wie dem Flyer der Gebrüder Wright von 1903, der Apollo-11-Kapsel, mit der Armstrong, Aldrin und Collins im Juli 1969 nach der ersten Mondlandung zur Erde zurückkehrten, und der Spirit of St.Louis des Charles Lindbergh - Amelia Earhart hasste es wie die Pest, in Anlehnung an den männlichen Pionier "Lady Lindy" genannt zu werden.
Großartiger als Paris und London
Das National Air and Space Museum ist Teil der einzigartigen Museumslandschaft, die die neunzehn Häuser der Smithsonian Institution in Washington bilden. Sie sind überwiegend entlang der zentralen Achse der Hauptstadt angesiedelt, der Mall. Dieses grüne Herz Washingtons an sich ist Anlass genug zum Staunen. Die Mall geht wie das gesamte städteplanerische Konzept Washingtons auf einen Entwurf des französischen Architekten Pierre Charles L'Enfant zurück, der die aus dem Boden gestampfte Hauptstadt der gerade unabhängig gewordenen Vereinigten Staaten in den neunziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts entwarf. Seine Vision, mit der er ganz gezielt die Metropolen seiner Zeit, vor allem Paris und London, in den Schatten stellen und dabei die Überlegenheit des demokratischen Prinzips gegenüber den Monarchien der Alten Welt quasi in Stein meißeln und in Boulevards von ungeahntem Ausmaß verewigen wollte, wird selbst der demographischen Überfülle des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts gerecht. Die Mall, die sich über drei Kilometer vom Capitol bis zum Lincoln Monument erstreckt, ist vom Frühjahr bis kurz vor Thanksgiving Ende November eine der wichtigsten Besucherattraktionen des ganzen Landes. Doch selbst an einem sonnigen Samstagnachmittag, wenn sich mehrere zehntausend Besucher aus aller Welt auf dem Boulevard tummeln, spürt der Hauptstadtgast oder Hauptstadtbewohner kaum jemals das erstickende Gefühl drangvollster Enge, wie es zu identischer Tageszeit und bei vergleichbar schöner Witterungslage am Times Square oder am Rockefeller Center in New York mit Händen zu greifen ist, Monsieur L'Enfants Megalomanie sei es gedankt.
Was die Massen anzieht, sind zwar auch Macht und Monumente, vor allem aber die Museen. Nicht nur die Grandiosität ihrer Bauwerke und der Reichtum ihrer Sammlungen sind einzigartig - Sammlungen übrigens, die nur teilweise dem Publikum gezeigt werden können. Das Air and Space Museum zum Beispiel hatte bald nach seiner Eröffnung 1976, zur Zweihundert-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten, so viele Flugzeuge, Raumkapseln und Raketen im Fundus, dass ein Ableger von vergleichbarer Größe gebaut werden musste. Im Udvar Hazy Center in Chantilly, Virginia, stehen unter anderem eine Concorde, eine Ju-52, das Aufklärungsflugzeug SR-72 Blackbird, die B29 Enola Gay, die Hiroshima mit einer Atombombe zerstörte - das politisch umstrittenste Exponat der ganzen Smithsonian-Sammlung -, und die Raumfähre Enterprise. Das mit einem Tower gekrönte Museum, einem großen Flugzeughangar nachempfunden, überfliegt man, je nach Einflugschneise, bei der Landung auf dem internationalen Flughafen Dulles.
Dinosaurier und Astronauten
Was die Smithsonian-Museen wahrhaft zu Amerikas Schatzkammer macht, ist etwas in Deutschland kaum Denkbares: In all diesen Weltklassehäusern ist der Eintritt frei. Dieser schönen Sitte hat sich auch die nicht zur Smithsonian Institution gehörende National Gallery of Art angeschlossen, die gegenüber dem Air and Space Museum liegt und zwei architektonisch höchst gegensätzliche Bauwerke umfasst, den klassischen, mit einem Säulenportiko geschmückten Kunsttempel für Alte Meister bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert und den funktionalen Betonklotz des East Wing, aufgeheitert durch eine Peische Pyramide zwischen den Blöcken, für moderne Kunst und Wechselausstellungen. Und das alles wird entlang der musealen Hauptstadtachse, von Vermeer bis Lichtenstein, vom Dinosaurier bis zu Amelia Earhart und den Astronauten "free of charge" angeboten.
Danken kann der Besucher für diese Großzügigkeit zum einem dem Kongress, der das Smithsonian mit Steuermitteln unterstützt, und zum anderen einem Mann, der seine letzte Ruhestätte inmitten seiner Schöpfung gefunden hat. Der englische Wissenschaftler James Smithson war nie in den zu seinen Lebzeiten noch jungen Vereinigten Staaten gewesen. Doch sowohl das auf den Prinzipien individueller Freiheit aufgebaute Land als auch seine neugeschaffene Hauptstadt Washington müssen den wohlhabenden Briten so beeindruckt haben, dass er der fernen Metropole mehr als fünfhunderttausend Dollar testamentarisch hinterließ, damit man dort etwas errichte, um "das Wissen zu verbessern und zu verbreiten". Als Smithson 1829 starb, wusste man im noch höchst unfertigen Washington zunächst wenig mit dem Geldsegen anzufangen. 1846 wurde aus den Mitteln und ihren Zinsen schließlich die Smithsonian Institution gegründet.
Korallenriff im Plexiglastank
Die gesammelten Exponate, Ölgemälde ebenso wie Fossilien aus dem allmählich erschlossenen amerikanischen Westen, dazu Relikte der noch jungen eigenen Geschichte, stellte man im Castle aus, einem mit neun Türmen versehenen, pseudomittelalterlichen Bauwerk, das inmitten der damals noch weitgehend unbebauten Mall errichtet wurde. Amerika wuchs unaufhaltsam und mit dem Land die Zahl der Artefakte. Das Castle war schnell zu klein für die Sammlungen. Heute ist es Hauptquartier und Informationszentrum, die Ausstellungsstücke sind über Bauten verteilt, die im zwanzigsten Jahrhundert hinzukamen. Ins Castle zog posthum auch der Gönner ein. James Smithson ruht, in einem Seitenraum neben dem Eingang, in seinem Marmorsarkophag, an seiner Seite die Fahnen Großbritanniens und der Vereinigten Staaten.
Eine Statue Smithsons blickt quer über die Mall, an den liebenswert-altmodischen Karussells und den wenigen, in der Hochsaison viel zu wenigen Hot-Dog-Ständen vorbei auf die beiden neben dem Air and Space Museum größten Publikumsmagneten. Das National Museum of Natural History in seinem Art-déco-Gebäude aus dem Jahre 1910 erscheint wie eine Schwesterinstitution des Naturkundemuseums in New York. Die erst vor kurzem eröffnete Ocean Hall ist ein Höhepunkt des Museums. Doch trotz der reizvollen Exponate wie dem lebenden Ökosystem eines Korallenriffs in einem großen Plexiglastank und dem von der Decke hängenden, effektvoll beleuchteten Modell eines Bartenwals namens Phoenix strömen die meisten Besucher zielstrebig in die Dinosaurier-Halle. Das fast dreißig Meter lange Skelett eines Diplodocus wurde 1923 in Utah gefunden; auf noch weit mehr Interesse stößt indes der Tyrannosaurus Rex, der sich im Gegensatz zum selbst als Knochengerüst schläfrig-harmlos aussehenden Diplodocus bekanntlich nicht von mühsam kleingekauten Farnkräutern ernährt hat. Meist drängen sowohl Familien als auch die wochentags von gelben Bussen vor dem Museum entladenen Schulklassen direkt zum T-Rex, mehr oder weniger achtlos an dem Elefanten als des Hauses Wappentier im Foyer des Museums vorbei.
Das erste Licht des Morgens
Ein paar Schritte weiter, Richtung Lincoln Memorial, hat das National Museum of American History nach langen Restaurierungsarbeiten im vergangenen Dezember seine Tore wieder geöffnet. Das Gebäude, das über viele Jahre den ästhetischen Charme der späten Eisenhower-Jahre ausstrahlte, erhielt ein neues, lichtdurchflutetes Atrium, das die Worte aus der Nationalhymne „by the dawn's early light“ mit Leben erfüllen will. Der Lichteinfall weist den Weg zum wichtigsten Exponat, jener Fahne, die zum Symbol der amerikanischen Demokratie und ihres Überlebenswillens in einer schweren Krise wurde. Im Zentrum eines weiten Forums befindet sich zur Einstimmung auf dieses berühmte Ausstellungsstück eine aus 960 hochreflektierenden Einzelteilen zusammengesetzte Skulptur; sie stellt eine überdimensionale Fahne dar, in deren glänzenden Segmenten sich die Besucher spiegeln. Von diesem Foyer aus geht es zum Heiligtum, dem „Star-Spangled Banner“, das 1814 über Fort McHenry im Hafen von Baltimore dem Beschuss durch die britische Marine trotzte und den Dichter Francis Scott Key „beim ersten Licht des Morgens“ inspirierte, den Text für die spätere amerikanische Nationalhymne zu verfassen. Eine sorgfältig ausbalancierte Illumination soll das mühsam konservierte Stück Tuch, das etwa zehn mal zwölf Meter groß ist, vor Lichtschäden schützen, die ihm mehr zugesetzt haben als die fruchtlose Beschießung durch die Briten.
Zahlreiche Schauräume sind Themen gewidmet, die Besucher schon aus der Zeit vor Umbau und Renovierung kennen wie der Sammlung von Kleidern aller First Ladies und den Expositionen über die Bürde des Präsidentenamtes sowie die Kriege Amerikas. Die zentrale Ausstellung dieses Jahres ist dem zweihundertsten Geburtstag Abraham Lincolns gewidmet und zeigt neben dem berühmten „stove pipe“, dem Zylinder des sechzehnten Präsidenten, auch eine handgeschriebene Kopie seiner „Gettysburg Address“, einer der bedeutendsten politischen Reden der englischen Sprache, in der Lincoln dem Opfergang des Bürgerkrieges eine Sinn zu geben suchte.
Wo bleibt das Museum für die Afroamerikaner?
Angesichts der richtungweisenden Rolle, die Lincoln, der Sklavenbefreier, für die Entwicklung Amerikas spielte, ist die Nutzung einer bislang unbebauten Grasfläche zwischen dem ihn ehrenden Museum für amerikanische Geschichte und dem Washington Monument, dem Obelisken im Mittelsegment der Mall, höchst angemessen. Auf dieser Wiese soll eine längst überfällige Institution entstehen, das National Museum of African American History and Culture. Vor wenigen Wochen erst hat die Smithsonian Institution das Architektenteam bestimmt, das die Federführung des Fünfhundert-Millionen-Dollar-Projektes übernimmt. Der Entwurf des aus Tansania stammenden David Adjaye sieht eine zickzackförmige Anordnung ineinander verschachtelter Elemente mit Bronzeverkleidung vor, das einer westafrikanischen Skulptur nachempfunden ist und in seiner äußeren, von der Raumgestaltung im Inneren nicht weitergetragenen architektonischen Zerrissenheit den brutalen Einschnitt symbolisieren soll, den mehr als drei Jahrhunderte Sklavenhandel den Beziehungen zweier Kontinente aufgedrückt haben.
Es wird eine immense Herausforderung für die Museumsdidaktiker sein, die Saga aller Amerikaner afrikanischer Herkunft dem erwarteten und bei weitem nicht nur schwarzen Millionenpublikum so zu erzählen, dass neben dem Glanz des kulturellen Reichtums Amerikas, zu dem schwarze Künstler, Sportstars, Schauspieler und Bürgerrechtler, zuletzt sogar ein neuer Präsident in so hohem Maße beigetragen haben, die finsteren Seiten nicht völlig im Schatten gelassen werden.
Hübsche Tipis, feines Schnitzwerk
Wie man es nicht machen sollte, kann den Planern das bislang jüngste Smithsonian-Museum zeigen: Das zwischen Air and Space Museum und Capitol gelegene National Museum of the American Indian, 2004 eröffnet, imponiert zwar äußerlich mit seiner in sanften Gelbtönen gehaltenen, anmutig geschwungenen Sandsteinfassade als ein scheinbar in die Hauptstadt transplantiertes, leicht überdimensioniertes Prunkstück der Adobe-Architektur der Indianerstämme aus den Wüsten des Südwesten. Im Inneren wird indes eine Friede-Freude-Tortilla-Show, eine reingewaschene und familienfreundliche Version des tragischen Zusammenstoßes zweier unterschiedlicher Kulturen geboten. Hübsche Tipis, bunt bemaltes Kunsthandwerk, feine Schnitzstatuen eingeborener Gottheiten, dazu Videos, in denen nachdenklich dreinblickende Angehörige der Cheyenne oder der Arapaho vom Stolz auf ihre Kultur künden, dargeboten unter einem künstlichen Nachthimmel über der Prärie und zum Crescendo von Trommeln und einem künstlichen Gewitter.
Das ist alles ganz reizend, aber war da nicht noch etwas? Gab es nicht Sand Creek und Wounded Knee, und wie die Massaker alle hießen? Gab es nicht die Ausrottung des Volkes der Mandan durch von Weißen an sie verteilte Decken, die vorher in Pockenspitälern in Gebrauch gewesen waren? Gab es nicht den „Trail of Tears“ und unzählige ähnliche Gewalttaten? Im Indianermuseum der Smithsonian wird die Tragik der Ureinwohner Amerikas ins Kleingedruckte verdrängt; im Vergleich zu dem hier Gebotenen erscheint selbst Disneys Zeichentrickfilm „Pocahontas“ geradezu wie ein Monument der Anklage.
Schwarzer Mann im Weißen Haus
Die Aussichten sind gut, dass im nächsten Smithsonian-Museum keine - man verzeihe das Wortspiel - weißgewaschene Geschichtsversion präsentiert wird; der afroamerikanische Einfluss auf Politik und Kulturleben gerade in der Hauptstadt Washington - es gibt neununddreißig schwarze Kongressabgeordnete, aber nur einen einzigen Repräsentanten der Indianer im Kapitol - ist ungleich größer als jener der „Native Americans“ und die Erinnerung an das Zeitalter von Diskriminierung und des Kampfs um Bürgerrechte noch frisch. Eröffnet werden soll das Museum des schwarzen Amerika im Jahr 2015. Es wird näher als jedes andere Smithsonian-Museum am Weißen Haus liegen - seine zwischenzeitliche Wiederwahl vorausgesetzt, dürfte außer Frage stehen, wer dann das neueste Schmuckstück in der Hinterlassenschaft des James Smithson feierlich eröffnen wird.