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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Vereinigte Staaten Die letzte Schlacht des Gotteskriegers

07.10.2009 ·  In der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober 1859 wollte der religiöse Fanatiker John Brown die Sklaverei in Amerika handstreichartig abschaffen. Am Schauplatz der Wahnsinnstat wird bis heute daran erinnert.

Von Ronald D. Gerste
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Festes Schuhwerk und eine Taschenlampe sollte man mitbringen, rät der National Park Service, und einzufinden habe man sich nach Sonnenuntergang auf der Kennedy Farm, einem abgelegenen Bauernhof, der heute ein kleines Museum beherbergt. Dann, im Dunkeln, geht es los: zehn Kilometer durch teilweise dichtbewaldetes Gelände, oft weit genug von der Landstraße 340 entfernt, um durch keinerlei Autogeräusche und damit Erinnerungen an die Gegenwart gestört zu werden. Sie spielt keine Rolle bei der nächtlichen Wanderung, denn aller Teilnehmer Sinne sind auf die Vergangenheit gerichtet. Wie vor einhundertfünfzig Jahren, wie in jener Nacht auf den 17. Oktober 1859, wird man sich dem kleinen Ort nähern. Eine Brücke führt über den Potomac hinüber, ähnlich jener, auf der sich damals zweiundzwanzig bewaffnete Gestalten dem in tiefem Schlaf liegenden Städtchen näherten. Der Anblick des nur von wenigen Lichtern erleuchteten Ortes, pittoresk auf einer Klippe am Zusammenfluss von Shenandoah und Potomac gelegen, zerstreut letzte Zweifel, an einer Zeitreise teilzunehmen. Denn dort unten, in den kopfsteingepflasterten Gassen von Harpers Ferry, scheint für alle Ewigkeit das Jahr 1859 zu herrschen.

Es ist sogar, sagt der Ranger des National Park Service ins Dunkel hinein, noch ruhiger, noch beschaulicher als damals. Als sich die Bewaffneten in jener Nacht vor hundertfünfzig Jahren Harpers Ferry näherten, blickten sie von der Bergkuppe aus auf ein Städtchen mit dreitausend Einwohnern und einer großen Industrieanlage. Heute leben nur noch dreihundert Menschen in Harpers Ferry, einem Ort an jener Stelle, an der die Bundesstaaten Maryland, Virginia und West Virginia zusammenstoßen. Der kleine Ort lebt ausschließlich von geschichtsinteressierten Besuchern, in diesem Jahr mehr denn je. Harpers Ferry nämlich schrieb sich in die Annalen der amerikanischen Historie ein, in blutgetränkten Lettern - mit dem Angriff der Männer, die aus dem Dunkel einer Herbstnacht kamen und Amerika verändern wollten.

Gewehre für eine ganze Nation

Nicht nur zum hundertfünfzigjährigen Jubiläum des Überfalls von John Brown in diesem Oktober kann man sich auf die Spuren einer Kette von Ereignissen begeben, die wie ein Fanal auf Amerikas Weg in den Bürgerkrieg wirkten - und nicht nur nachts, wie bei den Wanderungen anlässlich des Jahrestages. Auch tagsüber, vornehmlich am Wochenende, veranstaltet der National Park Service Spaziergänge auf den Spuren von John Brown. Der Weg führt dabei auf eine kleine Insel, Virginius Island im Shenandoah River, wenige hundert Meter vom Ortseingang entfernt, die heute weitgehend von Laubwald und Dickicht überwachsen ist. Wenn man sich durch die dichte Vegetation seinen Weg bahnt, stößt man vereinzelt auf Reste einer untergegangenen Industrialisierung: das Fundament eines Schornsteins an der Stelle einer ehemaligen Werkzeughalle, einen Mühlstein am Ufer des träge dahinfließenden Flusses, Mauerreste und die leer in den Himmel ragenden Pfeiler einer von dem Fluss und den Zeitläufen hinweggeschwemmten Eisenbahnbrücke. Hier stand einst eine von nur zwei großen Waffenschmieden der Vereinigten Staaten; die zweite befand sich in Springfield, Massachusetts. In Harpers Ferry wurden Gewehre und Karabiner, Pistolen und auch Piken hergestellt, für den Bedarf einer Nation, die sich um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts immer weiter nach Westen ausdehnte.

Doch es war eine Nation mit einem schweren Geburtsfehler: der Sklaverei. John Brown war ein fanatischer Abolitionist, ein Sklavereigegner, der diese menschenverachtende Institution mit der Waffe in der Hand abschaffen wollte. Im fernen Kansas hatte der gottesfürchtige Mann bereits an blutigen Auseinandersetzungen teilgenommen, jetzt wollte er die Nation aufrütteln und das Übel der Sklaverei mit Feuer und Schwert ausrotten. Das Ziel Browns und seiner Mitstreiter waren das Waffenlager der Regierung und die Waffenschmiede von Harpers Ferry. Brown wollte die Waffenvorräte an sich bringen und die Sklaven der Region mit ihnen ausrüsten, um einen Sklavenaufstand anzuzetteln, wie ihn das nach seiner Meinung sündige Land noch nie gesehen hatte. Bis auf den heutigen Tag gibt es in Amerika kein einhelliges Meinungsbild über John Brown: War er ein Freiheitskämpfer und Märtyrer, der sein Leben für die Unterdrückten gab, oder war er der erste amerikanische Terrorist?

Das tragische Scheitern

Die Binsenweisheit "One man's freedom fighter is another man's terrorist" könnte in Harpers Ferry niedergeschrieben worden sein. In jener Nacht vom 16. auf den 17. Oktober 1859 bemächtigen sich Brown und seine Männer der wichtigsten Gebäude der Waffenfabrik, vor allem des großen Arsenals. Es lag am Ortseingang von Harpers Ferry, seine Umrisse hat man im Boden der zentralen Grünfläche rekonstruiert, am Arsenal Square. Von hier hört man das Pfeifen der Güterzüge deutlich, die Harpers Ferry an seiner anderen Seite, die dem Potomac zugewandt ist, durchfahren. Es ist die Eisenbahnstrecke, an der Browns Plan anfing, auf tragische Weise zu scheitern: Seine Männer hielten in der Nacht einen Zug der Baltimore & Ohio Railroad an, verweigerten ihm indes nicht die Weiterfahrt, warum auch immer. Sein Personal trug die Nachricht vom Überfall nach Washington. Doch schlimmer noch: Der Schaffner des Zuges irgnorierte das Kommando von Browns Leuten, stillzuhalten. Stattdessen warnte der Mann, Hayward Shepherd, seine Kollegen und die Passagiere vor der im Dunkel lauernden Gefahr. Browns Männer eröffneten das Feuer, Shepherd stürzt tödlich getroffen zu Boden. Grausige Ironie: Das erste Todesopfer der Aktion des Sklavenbefreiers Brown war mit Shepherd ein schwarzer Mann.

Als der erwartete Zustrom hunderter oder tausender kampfbereiter Sklaven sich als Schimäre Browns entpuppte und die Bürger von Harpers Ferry am nächsten Morgen zu den Waffen griffen, um die Invasion ihres Ortes abzuwehren, zog sich Brown mit seinen Getreuen in das Feuerwehrhaus zurück. Das kleine Gebäude ist der einzige authentische, erhaltene Schauplatz der sich über eineinhalb Tage hinziehenden Schießerei von Harpers Ferry - auch wenn es seinen Standort verlagert hat. An seiner ursprünglichen Stelle steht heute ein Obelisk; das Häuschen, das heute als "John Brown's Fort" bezeichnet wird, wurde knapp fünfzig Meter entfernt wieder aufgebaut. Das Fort ist der zentrale Punkt einer jeden Führung durch Harpers Ferry; hier kommt es abermals auf den Standpunkt an, wie man den Verlauf der Ereignisse einschätzt: als Opfergang von vielleicht etwas radikalen Menschenrechtlern oder als herbeigesehntes Märtyrertum vom heiligen Kriegern.

Hängt den Wahnsinnigen!

Brown verbarrikadierte sich hier und feuerte auf die Belagerer. Diese waren durch den Zustrom von Milizeinheiten aus dem Umland auf Hundertschaften angeschwollen. Nur einige Schritte entfernt, dort, wo heute eine Aussichtsplattform einen Blick auf das Panorama der sich vereinigenden Flüsse Shenandoah und Potomac bietet, stand damals ein Saloon. Der reichlich fließende Whiskey trug zu einer Volksfest- und Lynchmobstimmung bei, die zu den wenig rühmlichen Seiten der Verteidigung von Harpers Ferry gehören. Wieder war es das Pfeifen einer Lokomotive, das den nächsten Akt ankündigte. Mit einem Schnellzug aus Washington kamen neunzig Marines an, unter dem Kommando eines Offiziers namens Robert E. Lee - im Bürgerkrieg, der im Frühjahr 1861 ausbrach und als dessen Vorbote John Browns Überfall auf Harpers Ferry gilt, wurde er als Oberkommandierender der Südstaatenarmee einer der wichtigsten Akteure.

Am Morgen des 18. Oktober 1859 ließ Lee das kleine Gebäude stürmen. Zwei der Soldaten fielen, auch zwei von John Browns Söhnen kamen um; der Glaubenskrieger hatte im Laufe seines Lebens zwanzig Kinder gezeugt, einige von den Söhnen teilten den Fanatismus des Vaters. Brown selbst wurde von Lee gefangengenommen und vor dem Mob in Sicherheit gebracht. Im benachbarten Charles Town wurde ihm zehn Tage später der Prozess gemacht. Am 2. Dezember 1859 wurde er dort gehängt - für die einen als Märtyrer, für die anderen als Mörder und Verräter. Sein Überfall hatte achtzehn Menschenleben gekostet.

Souvenirs vom Terroristen

In Harpers Ferry, das den Jahrestag von Browns Überfall mit einer Reihe von Veranstaltungen feiert, scheint sich das Bild Browns als eines Streiters für eine noble Sache durchgesetzt zu haben, das Wort Terrorist findet sich nicht, allenfalls als Verräter will man ihn gelten lassen. Eine verhalten positive Einschätzung, die aus lokaler Sicht verständlich ist: Harpers Ferry lebt mit seinen Tavernen, Souvenirläden und Museen vom Ruf dieses Mannes, der folglich kein ganz schlechter gewesen sein darf.

Informationen: Der Harpers Ferry National Park ist täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet, Ausnahmen sind Thanksgiving Day, der erste Weihnachtstag und Neujahr. Die Website des National Park Service ist www.nps.gov/hafe/index.htm. Das Festprogramm zum Jubiläum des „John Brown Raid“ mit Führungen, Ausstellungen, Vorträgen, historischen Schauspielen und einem Symposion findet man unter www.johnbrownraid.org.

Quelle: F.A.Z.
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