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Usbekistan Vor den Kulissen der ersten Globalisierung

21.11.2006 ·  Auf der Suche nach einem Orient jenseits des Ornaments in Usbekistan: Umgeben von Relikten der Seidenstraße wie der Sowjetzeit erlebt der Besucher orientalische Momente voller Ruhe und Weltgelassenheit.

Von Michael Jeismann
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Auf der Terrasse des Hotels Dodeman in Taschkent sitzt ein einzelner Mann vor seinem Bier. Die Maschine aus Frankfurt ist vor ungefähr einer Stunde gelandet, und entgegen allem, was jeder einzelne Passagier über die langwierigen Einreiseprozeduren gehört oder selbst schon einmal erlebt hat, wurde die Deklaration über Wertsachen, Mobiltelefone und Barschaft ohne Umstände abgestempelt.

Schon stand man draußen und passierte ein Spalier von Reiseführern, die mit Namensschildern und Firmensymbolen ihre Kundschaft in Empfang nahmen. Die Wahl des richtigen Führers durch fremde Städte und Länder entschied in früheren Jahrhunderten über Erfolg oder Mißerfolg der eigenen Mission, nicht selten hing auch das Überleben davon ab. Schon im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert boten Landeskundige in Häfen und an den großen Verkehrsknotenpunkten ihre Dienste den Touristen und Geschäftsleuten an, priesen ihre Kenntnisse und ihre Macht, Unheil vom Reisenden fernzuhalten. Sicherer war es freilich, sich einen Führer von jemandem empfehlen zu lassen, der im Land selbst lebte und zu dem man Vertrauen haben konnte.

Der Kalte Krieg war eine Klammer

Die Dame, die am Flughafen von Taschkent das richtige Namensschild hochhält und mich die nächsten Tage begleiten wird, ist nicht nur freundlich, sondern hat auch noch den unschätzbaren Vorteil, daß sie lebhafte Erinnerungen an die Sowjetzeit hat, über die wir uns während der langen Überlandfahrten unterhalten. Meine Führerin kann vergleichen zwischen heute und gestern. Sie erzählt einmal von einem Aufenthalt in Leipzig, noch tief in der DDR-Zeit, da sie als tüchtige Komsomolzin bei einer Landwirtschaftsmesse Mitglied der usbekischen Delegation sein durfte. Nicht ohne Stolz berichtet sie, wie sie das Wohlwollen eines älteren deutschen Funktionärs gewann, der sich schließlich bereit erklärte, ihr fünfzig Plastiktüten zu überlassen. Sie solle aber unter keinen Umständen unter ihren Kollegen während der Messe damit angeben. Zurück in Taschkent, hatte sie mit den Tüten tatsächlich heißbegehrte Geschenke, denn Plastiktüten waren dort in den späten siebziger Jahren etwas sehr Seltenes. Wer mit einer Plastiktüte durch die Stadt ging, galt als wirklich chic und avanciert.

Es sollte sich bei mehreren Gelegenheiten herausstellen, daß Ostdeutschland in der Republik Usbekistan unter den Älteren ähnliche Gefühlssouvenirs hinterlassen hat wie Amerikaner, Franzosen oder Engländer, die in der Bundesrepublik stationiert waren. Der Kalte Krieg war eben eine Klammer, die die Völker einerseits getrennt, andererseits aber auf jeder Seite auch näher aneinandergepreßt hat. Die Gesichter strahlen, wenn ältere Usbeken von ihrer Stationierung erzählen und deutsche Namen aussprechen, obwohl die langen Monate und Jahre in der Kaserne alles andere als schön gewesen sein können.

Das russische System hat den Fortschritt gebracht

„Wünsdorf“ verstehe ich beim Nachfragen, und es macht einen sehr exotischen Effekt, diesen Ort hier in Mittelasien zu hören. Kontakt zur deutschen Bevölkerung hatten die Soldaten kaum, und das Kasernenregime war hart. Aber warum nur konnte denn diese Zeit schön gewesen sein, frage ich. Nun, höre ich immer wieder, diese Zeit war schön, denn sie war unsere Jugend. So verbindet sich im Bild der alten Sowjetzeit ein Schimmer von k. u. k. Seligkeit und zugleich die Erfahrung technischer Modernität. Ob Elektrifizierung, Bewässerung, Straßenbau oder Landwirtschaft, sagt meine Führerin, es war das russische System, das uns den Fortschritt gebracht hat.

Aber das sagte sie irgendwann unterwegs. Als ich noch auf der Terrasse in Taschkent sitze, komme ich erst einmal mit dem Herrn ins Gespräch, der drei Tische weiter sitzt. Wir sind um diese Zeit - es ist etwa elf Uhr abends - die einzigen Gäste draußen, obwohl es noch angenehm mild ist. Wir beginnen unser Gespräch in Englisch, bis wir feststellen, daß wir beide mit derselben Maschine aus Frankfurt gekommen und beide Deutsche sind. Rolf Knieper ist emeritierter Professor für Zivilrecht und überaus bekannt und geschätzt als Botschafter deutschen Zivilrechts in Mittelasien und darüber hinaus. Im Rahmen eines Projekts der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit leitet er eine Kooperation zwischen deutschen und usbekischen Rechtsgelehrten. Wer die politischen Verhältnisse im Land kennt, braucht nicht viel Phantasie, um sich die Schwierigkeiten auszumalen.

Kunstliebhaber in Mannschaftsstärke

Ich gehe die paar Schritte über die Straße zu meinem Hotel und frage mich, was mich ausgerechnet nach Usbekistan gezogen hat. Es ist, so dachte ich noch am Flughafen in Frankfurt, wahrscheinlich nicht die gleiche Neugierde auf den Orient, die die Gruppen älterer Herrschaften hier zusammengeführt hat, die sich, gut erkennbar an den umweltfreundlichen Dokumententäschchen aus Restleder, mit Marco Polo in eine Region bringen lassen, die noch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts für Europäer nahezu unzugänglich und in jedem Fall höchst gefährlich war. Ich höre bald aus den Gesprächen, daß hier während der Saison, die vom Frühling bis in den Oktober reicht, Liebhaber der Kunstgeschichte in Mannschaftsstärke sich auf den Weg machen, um Medresen und Moscheen auf der Route von Taschkent über Samarkand, Buchara und Chiwa zu bewundern.

Aber was heißt schon bewundern. Sie studieren die Architektur bis ins Detail, bis zum einzelnen Ziegel und seiner Farbe gerade so, als wollten sie demnächst einige Moscheen als Raubkopien in Deutschland nachbauen. Ihr wirkliches Interesse entspringt aber jener Leidenschaft, die entsteht, wenn man schon ein wenig weiß und nun darauf hofft, wirklich alles zu erfahren. Im Hintergrund dürfte bei vielen aber auch noch ein leiser Nachklang bildungsbürgerlicher Sehnsucht nach der geglückten Lebensfülle eines Orients nachklingen, die nicht zuletzt Goethe im „West-östlichen Diwan“ zur wirklichen Verlockung hat werden lassen. In einem Land wie Deutschland, in dem Welthaltigkeit mehr erdacht als erlebt wurde, wirkt die gar nicht so dünne Spur eines literarischen und künstlerischen Exotismus bis heute nach. Chamisso für die einen, Karl May für die anderen oder Samarkand für alle stehen als Chiffren eines anderen, vielleicht utopischen Lebens, dessen Anmutung man einmal gewahr werden möchte. Nicht zuletzt die Faszination, sich auf einem Teil der Seidenstraße zu bewegen, weckt die Reiselust.

Freude am Staunen und Fragen

Daß die Touristen hierbei meist sehr aufs Technische fixiert sind und darüber Land und Leute glatt verpassen könnten, ist die Kehrseite gewissenhafter Einarbeitung in die reiche Geschichte des Landes. Die Gründlichkeit, mit der sie jede Säule begutachten und streng darauf sehen, daß alle Besichtigungsobjekte auch durchgenommen werden, birgt die Gefahr, Gegenwart und Geschichte gleichermaßen zu verfehlen. Denn das Orientalische ist als unscharfe Attraktion doch größer und weiter als ihre baulichen Manifestationen. Genau diese Attraktion hat mich hierher gelockt, nicht irgendwelche näheren kunsthistorischen Interessen. Zur großen Freude meiner Führerin bin ich in dieser Hinsicht genügsamer und lasse es auch mal beim unmittelbaren Eindruck der großartigen islamischen Bauensembles bewenden. Zugleich aber genieße ich das Privileg, nicht im Trott einer Gruppe mitgehen zu müssen. Ich darf hier und dort stehenbleiben, kann nach dem Alltäglichen ebenso schauen wie nach dem Außerordentlichen, und mein Programm ist lediglich ein Leitfaden für die Freude am Staunen und Fragen.

Aber bevor ich noch in Taschkent am nächsten Morgen aufbreche, kommen mir doch Zweifel, ob ich nicht geradewegs einem Phantom hinterherjage. Hätte es nicht gereicht, „The Orientalist“, das brillante Buch von Tom Reiss über Lev Nussinbaum alias Essad Bey alias Kurban Saïd, zu lesen, der mit seinem Roman „Ali und Nino“ vor Beginn des Zweiten Weltkrieges einen Welterfolg hatte? Es ist die Geschichte von einem empfindsamen jüdischen Jungen, der sich nach und nach in einer erträumten Biographie als kaukasisch-muslimischer Prinz einrichtet, gewissermaßen ein Josef Roth Mittelasiens. Vielleicht hätte die Lektüre gereicht, um sich wie ein Orientalist in spe zu fühlen?

Rote und Schwarze Sandwüste

Aber nun ist es zu spät, und ich stehe vor den Stadtmauern Chiwas und bin gebannt von der strengen Abgeschlossenheit der ummauerten Stadt und der unglaublichen Ballung an Großarchitektur. Mehr als sechzig Medresen und kleine und große Moscheen, zahlreiche Minarette und Mausoleen, heute sorgfältig mit Mitteln des Ministeriums für Islam restauriert, nachem sie in der Sowjetzeit teils schon verfielen. Es ist ein Ensemble, das meistenteils im neunzehnten Jahrhundert erbaut wurde. Vom Flugzeug aus hatte man sich einen Eindruck machen können von den weiten Wüstenstrichen, die jede Stadt und jede kleine Siedlung auf dem Weg hierher wie eine Insel im Meer erscheinen lassen. Chiwa ebenso wie die Stadt Urganch, wo wir vorhin landeten, liegen in der großen Oase Choresm, zwischen der Roten und der Schwarzen Sandwüste.

Wie auf klassischen Touristenrouten nicht anders zu erwarten, empfängt uns gleich, nachdem wir das Stadttor passiert haben, ein Spalier von Händlern. Sie bieten Souvenirs an - aber was für Souvenirs. Neben den üblichen Postkarten kann man hier Pelzmützen aller Art erstehen, aus Nerz- oder Persianerfellen, aber auch die sogenannten „Schwarzmützen“, wie sie vor allem die Karakalpaken am südöstlichen Teil des Aralsees tragen. Später, bevor wir die Stadt verlassen, weist mich die Führerin auf die kleinen Verliese in einem der vier Stadttore hin. Hier zwängte man bis zum Verkauf die Gefangenen ein, die man auf Raubzügen und in kriegerischen Auseinandersetzungen machte und zum Verkauf anbot, sofern sie tauglich schienen.

Ruhe und Weltgelassenheit

Chiwas Vergangenheit als Verkehrsknotenpunkt der Seidenstraße liegt anderthalb Jahrtausende zurück. Die wichtige Rolle der Stadt als Handelszentrum wurde mit der islamischen Invasion beendet, der definitive kulturelle Abstieg aber erfolgte erst Jahrhunderte später. Der Arzt und Wissenschaftler Avicenna, der in der Nähe von Buchara geboren wurde und eine Zeitlang in Chiwa lebte, steht ebenso für diese kulturelle Bedeutung wie der Mathematiker Al Biruni. Man steht vor dem Denkmal des bedeutenden Mannes, denkt, daß das Wissen wie Wasser immer seinen Weg findet, aber nach einem Tag in Chiwa hat sich noch nicht eingestellt, wonach ich doch eigentlich suchte.

Die Oasenstadt erlebte nach der Blütezeit ein strenges, ja brutales Festungsregiment, und diese Geister scheinen manchmal noch bedrückend auf der Stadt zu lasten. Erst als wir in der Dunkelheit die Altstadt verlassen, die Straßen fast menschenleer sind und die Schatten ihr geräuschloses Spiel beginnen, scheint Chiwa mit einem Mal aus seinem musealen Schlaf aufzuwachen und mehr von sich preiszugeben als in der Geschäftigkeit des Sonnenlichts. Vom Stadttor blickt man hinaus, durch die Straßen, über die Häuser, hinter denen die Wüste beginnt.

Man beginnt zu ahnen, was später in Buchara zur lebendigen Erfahrung wird: Hier endlich erlebt der Besucher immer wieder orientalische Momente voller Friedfertigkeit und Ruhe und Weltgelassenheit. Er sieht, welche Art Alltagsprägung ein Islam erzeugen kann, der nicht in Kampfstellung gegangen ist. Es scheint, als seien Verhaltensnormen in Kraft, die in ihrer Gesamtheit dem Alltagsleben etwas Sanftmütiges verleihen. Als sei die Welt in Ordnung. Den Lebensunterhalt zu verdienen ist hier gewiß nicht leichter als anderswo. In Buchara aber wirkt das alltägliche Leben selbstgenügsam und auf eine unbestimmte Art mit Poesie begabt. Buchara ist eine der ältesten Städte Mittelasiens, ihre Gründung wird auf das erste Jahrhundert vor Christus datiert. Sie galt als „weise“ Stadt, und es war nichts Ungewöhnliches, wenn Kaufleute aus Venedig zu Geschäften kamen, desgleichen waren die Handelsbeziehungen zu Rußland wie nach China, Indien und Persien intensiv.

Usbekischer Till Eulenspiegel

Wenn das aber nur eine Einbildung sein sollte, dann wird diese Einbildung jedenfalls Tag für Tag, und abends besonders, wahr: am Labi-Hauz, einem großen, von Bäumen umstandenen Wasserbecken, an dem mehrere Teestuben liegen, die auch Bier ausschenken. Es wird das unvermeidbare, aber schmackhafte Plov serviert, alte Männer spielen Domino, Paare treffen sich hier nach der Arbeit, bevor sie in die Neustadt fahren. Im Hintergrund steht das Denkmal Hodscha Nasreddins, des usbekischen Till Eulenspiegels. Das Orientalische als Geisteshaltung und Lebensführung - in Buchara glaubt man etwas davon gefunden zu haben und bewahrt es wie eine teure Erinnerung auf.

So schön Samarkand auch ist und so politisch aufschlußreich die Gespräche mit usbekischen Juristen, die der deutsche Professor mitgebracht hatte, am Abend vor der Heimreise auch waren: Den Abschied überstrahlte die Erinnerung an Buchara.

Der Weg nach Usbekistan

Arrangements: Individuelle Reisen nach Usbekistan, auf denen man Gelegenheit hat, Land und Leute kennenzulernen, bietet Marco Polo an. Eine elftägige Tour kostet ab 1699 Euro. Der Preis schließt den Flug nach Taschkent, Inlandsflüge, Tranfers, Ausflüge in klimatisierten Autos, Unterbringung in Standard- oder Superior Hotels, Halbpension, Reiseliteratur und Gepäckbeförderung sowie deutschsprachigen Reiseführer ein. Visagebühren und Eintritte sind nicht im Preis inbegriffen. Zu buchen ist das Arrangement in allen Reisebüros oder im Internet unter marco-polo-reisen.com.

Informationen: Landeskundliche Hinweise sind auf der Internet-Seite der usbekischen Botschaft unter www.uzbekistan.de zu finden. Weitere touristische Hinweise gibt es unter www.uzbekistan.com. Als Reiseliteratur ist der Führer von Judith Peltz „Usbekistan entdecken“ (Trescher Verlag) zu empfehlen, auch wenn die ein oder andere Einschätzung überholt erscheint.

Quelle: F.A.Z., 16.11.2006, Nr. 267 / Seite R1
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