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Urlaub im Südost-Pazifik Heute ein Robinson Crusoe

18.02.2012 ·  Rund 1500 Touristen verschlägt es jedes Jahr auf die Insel, die Daniel Defoe zu seinem berühmten Roman inspirierte. Mittlerweile bleibt man dort gerne freiwillig.

Von Martin Kaluza
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© Martin Kaluza Ein Schiff wird kommen: Inzwischen wird die Insel öfter angefahren

Flora de Rodt kommt auf die Terrasse ihres kleinen Restaurants getippelt. Auf dem Tablett balanciert sie eines der mehrstöckigen Fischsandwiches, für die sie auf der ganzen Insel bekannt ist. Sie bereitet sie mit einem Stück saftig gebratener Vidriola zu, einer Makrelenart, und belegt sie mit viel Salat, Avocado, Tomaten und Käse. Floras Spezialrezept hat sich bis zum Festland herumgesprochen, gerade erst hat eine Zeitung in Valparaíso darüber berichtet. Im Gastraum hängt ein Foto ihres Urgroßvaters, des Barons Alfred von Rodt, nach dem sie ihr Restaurant mit Meerblick benannt hat. „Er hat die Insel 1877 kolonisiert“, sagt Flora stolz. Die Isla Robinsón Crusoe ist mit fünfzig Quadratkilometern halb so groß wie Sylt und gehört zum Juan-Fernández-Archipel im südöstlichen Pazifik. Heute leben hier Dutzende Nachfahren des Schweizer Barons.

Knappe zwei Stunden dauert der Flug in einer achtsitzigen Propellermaschine von Santiago de Chile aus, 670 Kilometer über den Pazifik. Der Flugplatz der Insel liegt buchstäblich im Nichts. Im Dorf war kein Platz für eine Piste, die Maschinen landen auf der anderen Seite, hinter den Bergen, wo es staubtrocken ist und kein Baum wächst. Der anderthalbstündige Transfer vom Flugplatz ins Dorf in einem offenen Fischerboot mit Außenbordmotor ist im Flugticket inbegriffen.

Die Bucht, in der die Fluggäste an Bord gehen, wimmelt von Juan-Fernández-Seebären, einer Robbenart, die nur hier vorkommt. Auf halbem Weg tummelt sich unvermittelt ein Dutzend Delphine um das Boot. Aus dem Meer ragen breite, wie mit dem Messer geschnittene Felswände. Hinter ihnen erhebt sich der Yunque (der „Amboss“), ein 915 Meter hoher Berg mit breitem Grat, der aussieht, als habe jemand ein Brett aufrecht in die Insel gerammt.

Felsige Abgründe

Ihren Namen verdankt das Eiland dem schottischen Seefahrer Alexander Selkirk, der 1704 auf einem Freibeuter unterwegs war und nach einem Streit von seinem Kapitän auf der Insel ausgesetzt wurde. Selkirk war das historische Vorbild für die Romanfigur Robinson Crusoe. Vier Jahre und vier Monate schlug der Seemann sich allein auf der damals unbewohnten Insel durch, bevor ihn ein englisches Schiff wieder aufsammelte. Sein Bericht über diese Zeit erregte in der englischen Öffentlichkeit großes Aufsehen und inspirierte Daniel Defoe zu seinem berühmten Roman. Nach Alexander Selkirk ist eine andere Insel des Archipels benannt. Sie liegt 187 Kilometer weiter östlich, der Seefahrer hat dort allerdings nie gelebt.

Ein Großteil der fünfhundert Einwohner arbeitet als Fischer. Sie fangen vor allem Langusten. Eine Handvoll Privatunterkünfte und ein Hotel versorgen die 1500 Touristen, die es im Jahr hierher verschlägt. Ilka Paulentz betrieb eine solche Unterkunft. In den Morgenstunden des 27. Februar 2010 verlor sie ihr Haus binnen Sekunden. Nach dem großen Erdbeben auf dem chilenischen Festland riss ein Welle, stellenweise fünfzehn Meter hoch, das halbe Dorf mit sich: Häuser, das Postamt, die Polizeistation. Von der Turnhalle ist nur noch der Fußboden zu sehen. Die chilenischen Behörden hatten es versäumt, eine Tsunami-Warnung zu der abgelegenen Insel zu schicken. Sechzehn Menschen starben auf Robinson Crusoe, jeder Bewohner hat Freunde oder Verwandte verloren.

Ilka hatte großes Glück. „In der Nacht schlief ich fest und bemerkte den Tsunami erst, als das Wasser mein Schlafzimmerfenster durchbrach“, erzählt sie. Mitsamt ihrem Haus wurde Ilka von der ersten Welle fortgespült, konnte sich in der Bucht aus den Trümmern befreien und überlebte die zweite Welle, indem sie im Mut der Verzweiflung unter ihr hindurchtauchte. Inzwischen hat sie sich ein neues Haus gebaut - an derselben Stelle, an der das alte stand. Angst hat sie nicht. „Ich bin nicht hierhergekommen, um auf dem Hügel zu wohnen“, sagt sie.

Eine Gedenktafel erinnert an den schottischen Ur-Robinson

Wer die Insel für eine Woche besucht, kann jeden Tag eine andere Wandertour in den Wald oder in die Berge unternehmen. Für die schönste fährt man am besten wieder zum Flugplatz und läuft von dort ins Dorf zurück. Sara de Rodt, Ururenkelin des Barons, kennt den Weg gut und hat eine Mitfahrgelegenheit mit einem befreundeten Fischer organisiert.

Für den Fall, dass ihre Schwester anruft, hat Sara ein Funkgerät mitgenommen, nicht größer als ein Walkie-Talkie. Die Schwester, erzählt sie, wohnt auf der Isla Alejandro Selkirk. Nur ein paar Monate im Jahr leben dort um die fünfzig Fischer, nach Ende der Saison kehren sie zurück. Saras Schwester ist nicht auf Empfang. Gleich neben der Rollbahn beginnt ein schattenloser Fußweg, der über Kilometer nur leicht ansteigt. Hinter jeder Bucht bietet sich ein neuer Blick in felsige Abgründe, manchmal weht der Geruch einer Seebärenkolonie hinauf.

An den Hängen des Yunque hält sich der Urwald und säumt den immer steileren Aufstieg zu einem Pass, der auf 565 Metern Höhe einen weiten Blick auf beide Seiten der Insel gibt, dem „Mirador Alejandro Selkirk“. Von hier aus hat der schottische Ur-Robinson täglich Ausschau nach Schiffen gehalten. Heute erinnern eine Gedenktafel und ein Holzausguck daran. Ein Grüppchen Dorfbewohner ist auf Pferden zum Picknick heraufgekommen, während ein paar Touristen nach imaginären Schiffen spähen. Beim Abstieg führt eine kleine Abzweigung durch dichtes Gebüsch zu den Grundmauern einer Hütte. Ein Schild verkündet gewichtig, dies sei die Behausung Selkirks gewesen. Wenn man Inselbewohner darauf anspricht, gucken sie verschmitzt und sagen Dinge wie: „Man muss nicht alles glauben, was auf Schildern steht.“

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© Martin Kaluza Inselbewohnerin: Ilka Paulentz

Am Abend hat sich das halbe Dorf in einem großen Zelt zum Bingo versammelt. Nützliche Dinge gibt es zu gewinnen: ein Pfund Reis, eine Torte, eine Flasche Wein. Wann immer die Zahl 69 gezogen wird, ertönen anzügliche Pfiffe. Mit dem erspielten Geld will die lokale Radiostation Sendetechnik einkaufen. Die alte wurde vom Tsunami zerstört.

Der Bingoabend dient auch der Ablenkung. „Wir sind erst langsam wieder dabei, uns zu amüsieren“, erklärt Jorge Palomino, der das Postamt betreibt. „Lange hat man im Dorf keine Musik gehört.“ Als dann im vergangenen Jahr einmal eine Marinekapelle kam und die Nationalhymne spielte, hatte Jorge einen Kloß im Hals. „In einer Zeile ist von dem Meer die Rede, das ,ruhig uns umspült‘“, sagt er. „Es war sehr, sehr seltsam, das zu hören, nach all der Zerstörung.“

Der Morgen der Abreise. Ein deutsches Kreuzfahrtschiff ist in der Bucht vor Anker gegangen. An der Mole steht ein merkwürdig kostümierter junger Mann. Er hat sich aus Ziegenfell einen Umhang und einen Hut gefertigt und posiert nun als Robinson stilecht mit Muskete für Fotos. Das Boot zum Flugplatz wartet schon; heute fährt Ilka Paulentz die Passagiere. Felsen sind auf der Fahrt diesmal kaum zu sehen, die Wolken hängen tief und geben nur einen schmalen Blick über die Wellen frei. Die Insel wirkt verlorener als an klaren Tagen. Seltsam ruhig zeigt sich das Meer und lässt nur ahnen, wozu es imstande ist. Ilka reckt ihre Nase in den Wind und schaut hinaus auf den Pazifik. Sie sieht glücklich aus.

Der Weg auf die Robinson-Crusoe-Insel

Anreise

Von den großen deutschen Flughäfen fliegen zahlreiche Gesellschaften Santiago de Chile an, u.a. Air France, Condor, Iberia, LAN Airlines und Lufthansa.

Propellermaschinen auf die Isla Robinsón Crusoe starten in Santiago auf dem Flugplatz La Reina (Hin- und Rückflug kosten ca. 600 Euro): Aerolineas Lassa, Kontakt für Reservierungen: Jacqueline Bessaber, lassa@tie.cl; Aerolineas ATA, Kontakt für Reservierungen: Salome Henríquez, info@aerolineasata.cl.

Das Versorgungsschiff „Antonio“ fährt einmal im Monat (meist in der letzten Woche) zur Robinson-Crusoe-Insel und hat zwölf Plätze für Passagiere. Die Überfahrt dauert 40 Stunden, Reservierung zwingend erforderlich; Kontakt: Patricio Pinto, ppinto@transmarko.cl.

Unterkunft

Einfach und gemütlich, dazu mit Vollpension, ist die Hostería „El Mirador de Selkirk“, Telefon 0056/88457024. Komfortabel, aber abseits des Dorfes gelegen die „Crusoe Island Lodge“. Ein Fremdenzimmer vermietet auch das Restaurant „Barón de Rodt“, Telefon 0056/32/2751109.

Touren

Viele Wandertouren kann man auf eigene Faust unternehmen. Nach Tauch- und Bootstouren erkundigt man sich am besten vor Ort. Sie werden oft kurzfristig geplant.

Literatur

Wer Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ mit auf die Insel nehmen will, sollte wissen: Die Handlung des Romans spielt nicht dort, sondern auf einer Insel vor der Mündung des Orinoco. Der Roman-Robinson lebte übrigens 28 Jahre allein auf seiner Insel, sein historisches Vorbild Alexander Selkirk dagegen vier Jahre und vier Monate. Und einen Freitag hatte er auch nicht.

Mehr über Selkirks erlebte Robinsonade erfährt man in: „Selkirks Insel“ von Diana Souhami (Goldmann 2002, 252 Seiten). Das Buch ist vergriffen, doch antiquarisch noch zu finden.

Allgemeine Informationen zur Geschichte der Robinson-Crusoe-Insel, zu Unterkünften und Tourismus sind nachzulesen unter: www.comunajuanfernandez.cl (leider bislang nur auf Spanisch).

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