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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Uganda Der Tag, an dem Kanyabikingyi in seinen Wald zurückkehrte

 ·  In Ugandas Südwesten führen Batwa-Jäger Touristen durch den Mgahinga-Nationalpark. Das bedeutet, dass sie nach zwanzig Jahren wieder in ihre Heimat dürfen. Noch fühlen sie sich wie Fremde.

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© Martin Zwick / VISUM Hinter dem Mutandasee erheben sich im Südwesten Ugandas die Virunga-Vulkane. An deren Fuß lebten die Batwa, bevor aus ihrem Wald ein Nationalpark wurde

Rauch steigt auf und zieht durch braun vertrocknete Blätter in die Baumwipfel. Eine Hütte im Wald, es ist dunkel im Innern. Kanyabikingyi wendet ein dickes Bambusrohr über der Feuerstelle, das an den Enden mit Farnstopfen verschlossen ist. Er trägt eine hohe Fellhaube, hockt dicht an den schwelenden Ästen. „So haben wir das Fleisch gegart, als wir noch im Wald jagten“, sagt er. Stephen sitzt am Eingang und beobachtet ihn aufmerksam, ein zierlicher Mann mit FC-Arsenal-Schriftzug auf der Wollmütze.

Wilson, mit 55 Jahren der Älteste, rollt sich auf dem Boden zusammen und schließt die Augen, zeigt, wie die Kinder früher am Feuer schliefen. Wie die anderen trägt er Rock und Weste aus Fell, darunter ein grünes T-Shirt, der haarige Fetzen auf seinem Kopf erinnert entfernt an eine Schiebermütze. Digitalkameras blitzen, Touristen schauen von draußen in die kleine Hütte hinein. Kanyabikingyi legt das Bambusrohr ab. Es ist kein Fleisch drin, das Feuer hat keine Flamme, all das hier ist nur eine Inszenierung, die Hütte ein Nachbau.

Sie sind Batwa-Jäger, kleine Menschen, früher hätte man gesagt, sie seien Pygmäen. Hier haben sie gelebt, am Fuße der Virunga-Vulkane im äußersten Südwesten Ugandas, an der Grenze zu Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo, bevor aus ihrem Wald ein Nationalpark wurde, um Berggorillas, Waldelefanten und andere seltene Tiere zu schützen. Sie mussten ihn verlassen, jetzt dürfen sie zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder hinein, zusammen mit den Touristen. Acht Kilometer wandern sie mit ihnen auf dem „Batwa Trail“ durch ihren Wald - und ein staatlicher Wildhüter übersetzt, was sie sagen.

Haftstrafen, wenn sie die alte Heimat betreten

Bereits in den dreißiger Jahren schuf die britische Kolonialregierung ein Schutzgebiet im Siedlungsgebiet der Batwa, doch erst mit der Einrichtung des Nationalparks 1991 wurden die Jäger und mit ihnen auch viele Bauern vertrieben. Sie waren nach und nach in den Wald vorgedrungen, insgesamt um die 2.500 Menschen. Der Staat entschädigte viele Bauern, die Batwa gingen leer aus, denn als umherziehendes Volk wurden sie vom Staat nie als gleichberechtigt anerkannt.

Heute müssen sie mit Haftstrafen rechnen, wenn sie unerlaubt den Nationalpark betreten, zuständig ist die ugandische Wildschutzbehörde UWA. Im neu gebauten Besucherzentrum des Parks hängt eine kleine Tafel, auf der es trocken heißt: Man gehe davon aus, dass die Batwa schon vor 40.000 Jahren in diesem Wald gesammelt und gejagt hätten, nun seien sie landlos und würden zu den ärmsten Bevölkerungsteilen gehören.

Stephen tritt ins Freie, er zeigt einen kleinen Schrein aus Zweigen, den sie hinter der Hütte errichtet haben. „Hier bekamen die Ahnengeister der großen Krieger vor der Jagd ihr Näpfchen mit Honig“, sagt er. In einem Baum neben der Hütte liegt ein Nest aus Zweigen auf einer Astgabel, eine Leiter lehnt am Stamm. „Dort oben waren die Kinder geschützt vor wilden Tieren, wenn die Eltern fort waren.“ Kanyabikingyi greift seinen Speer und geht voran ins Grün des Waldes. Es ist ein eindringliches Grün, als hätte jemand bei einem Farbfoto die Sättigung hochgedreht. Moos wächst wie Plüsch auf den Stämmen, rote und gelbe Blütenpunkte sitzen auf Blättertapeten, Zikaden legen einen dicht gewebten Klangteppich über die Welt.

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Das Leben der Ureinwohner könnte sich durch den Batwa Trail verbessern. Sicher ist sich Stephen jedoch nicht © Mirco Lomoth Das Leben der Ureinwohner könnte sich durch den Batwa Trail verbessern. Sicher ist sich Stephen jedoch nicht

Immer wieder bleibt Stephen plötzlich stehen, zeigt auf Spuren eines Buschbocks oder auf kleine braune Pilze, die an einem Stein wachsen. „Sie helfen bei Kopfschmerzen“, sagt er. Mit flinken Fingern gräbt er eine Farnwurzel aus, die gegen Magenprobleme wirkt, pflückt kleine gelbe Früchte, die sie als Seife verwenden, reibt eine Schlingpflanze zwischen den Händen. Der Sud eines unscheinbaren Pflänzchens soll vor dem Tod schützen, man schüttet ein wenig davon hinter sich, bevor man weiterzieht an einen neuen Ort, trinkt, seift sich den Kopf ein und geht fort. „Wir ziehen noch immer umher“, sagt Stephen. „Etwa zu unseren Verwandten in den Kongo, wenn es hier in Uganda zu schwierig wird.“ Er schaut in die Gesichter der Touristen, eindringlich, seine Stirn legt sich in Falten. Stephen sagt: „Wir fühlen uns nicht als Ugander, wir haben keine Nationalität.“

Kaffernbüffel haben Schneisen ins Unterholz getreten, über die wir tiefer in den Wald gehen. Auf einer Lichtung zeigt Kanyabikingyi, wie sie die massigen Tiere jagten. Er tut so, als würde er den Büffel mit Rufen und Klatschen provozieren, er flüchtet und lässt das Tier in einen Speer laufen, den er vor sich schräg in den Boden gerammt hat. Der alte Wilson verpasst ihm den Todesstoß. Doch da ist nichts, der Speer landet im Gebüsch. Und sie zeigen, wie sie Wildbienen ausräucherten, um an Honig zu gelangen. Wilson greift in eine Baumhöhle, als würde er Waben herausholen und sich Bienen aus dem Gesicht schlagen, flucht, flüchtet vor einem imaginären Bienenschwarm, verliert die Sandale. Stephen und Kanyabikingyi lachen lauthals, es ist eine überzogene Aufführung ihres verlorenen Lebens.

Ein Klagelied über den Verlust des Waldes

Auf einer weiteren Lichtung führt ein überdachtes Loch im Felsen hinein in die Erde. Es ist die Garama-Höhle, ein heiliger Ort der Batwa. Hier unten hielten sie Rat, brachten Frauen und Kinder in Sicherheit, machten aus Jugendlichen Erwachsene, trieben ihnen die Angst aus, erzählt Stephen. Seine Stimme hallt, es ist stockdunkel. Dann erklingt Gesang, Frauenstimmen verdrängen die Stille. Es ist ein Klagelied über den Verlust ihres Waldes.

Die meisten Batwa leben heute als Tagelöhner und Bedürftige zwischen den Feldern der Bauern oder in Elendsvierteln am Rande der Städte, marginalisiert und diskriminiert von der Mehrheitsgesellschaft und von einer Regierung, die Minderheiten nicht wohlgesinnt ist. Homosexuelle müssen in Uganda mit mehrjährigen Haftstrafen rechnen, und Präsident Yoweri Museveni, der sich bereits seit 25 Jahren an der Macht hält, ließ nach seiner umstrittenen Wiederwahl letztes Jahr im Februar mit Schusswaffen und Tränengas auf Demonstranten schießen.

Feuer knistert im Kaminzimmer des „Traveller’s Rest“-Hotels in Kisoro, es wird kalt am Abend, die Stadt liegt auf gut 2.300 Metern. Wer hier übernachtet, will vor allem Berggorillas sehen, die Gorillaforscherin Dian Fossey hat in den sechziger Jahren oft ein Zimmer gemietet, der deutsche Fernseh-Zoologe Bernhard Grzimek war hier. Heute tauschen sich Touristen über ihre Begegnungen mit den Berggorillas aus. Sie zahlen 360 Euro für eine Genehmigung und spüren die Tiere meist im Bwindi-Nationalpark auf. Der liegt nördlich des Mutandasees und ist von Kisoro aus in einer Tagestour zu erreichen.

Keinen Anteil am Gorilla-Tourismus

Die Gorillas des Mgahinga-Nationalparks sind 2011 nach Ruanda abgewandert, beim letzten Mal hat es Jahre gedauert, bis sie zurückkamen, die Besucherzahlen gingen um beinahe die Hälfte zurück. UWA versucht daher, alternative Angebote zu schaffen, man kann Goldmeerkatzen aufspüren, die bis zu 4.500 Meter hohen Virunga-Vulkane besteigen oder seit diesem Jahr mit Batwa-Guides durch den Wald wandern.

Es ist das erste Mal, dass die Batwa am Tourismus im Nationalpark beteiligt werden. Bisher konnten Ausländer lediglich ihre Siedlungen besuchen, sie brachten ein paar Kilogramm Maismehl, Bohnen und Zucker mit oder bezahlten einen Touristenführer aus der Stadt, der ein wenig Geld an sie weitergab. Die Batwa tanzten und sangen und zeigten ihre ärmlichen Behausungen. Sie hatten keinen Anteil am lohnenden Gorilla-Tourismus, und selbst Wanderungen zu ihrer heiligen Garama-Höhle verliefen ohne sie.

Erst jetzt hat UWA zehn Batwa zu Wanderführern ausgebildet und vor einem Jahr den Batwa Trail offiziell eröffnet. Der Weg zur Batwa-Siedlung Musasa bei Kisoro führt durch schwarze, fruchtbare Felder mit saftig grünen Pflanzen. Frauen mit langen Gewändern tragen langstielige Hacken für die Feldarbeit. Es ist Bauernland, Bafumbira, Hutu und Tutsi bauen hier Bananen an, Kartoffeln, Avokados, Bohnen, Hirse. Die Luft ist feucht und kalt, Wolken hängen tief, dunkel, wie die Lavasteine am Rand der Felder. Die Hütten der Batwa stehen auf einer felsigen Anhöhe, rund und mit Stroh gedeckt. Früher war das Land am Fuße der Vulkane waldreich, doch die Bevölkerung wächst, selbst die Hügel sind bis auf ihre Kuppen kahl rasiert.

Hoffnung in den Batwa Trail

Stephen lebt hier mit seiner Familie, er sitzt auf einem Felsen zwischen seinen acht Kindern, trägt ein orangenes T-Shirt, keine Fellweste. „Wir produzieren viele Kinder, damit Gott entscheiden kann“, scherzt er. Dann wird er ernst, seine Stimme wütend, hier hört kein staatlicher Wildhüter zu, ein Touristenführer übersetzt. „Wir leben hier weit entfernt vom Wald, können keinen Kontakt zu unseren Ahnen aufnehmen, kommen nicht an Honig und Heilpflanzen, sogar bei den Wanderungen mit Touristen müssen wir auf dem Weg bleiben, ich hoffe, dass der Batwa Trail unser Leben verbessern wird, aber ich bin mir nicht sicher.“

Von den umgerechnet rund sechzig Euro, die ein Tourist für den Batwa Trail an UWA bezahlt, bekommt jeder der Wanderführer und jede der Sängerinnen 1,30 Euro. Das liegt noch unter dem 1984 festgelegten Mindestlohn von etwa 1,50 Euro pro Tag, der aufgrund enormer Preissteigerungen schon längst nicht mehr realistisch ist. Langfristig könnte das Projekt den Batwa dennoch helfen. UWA will fünfzig Prozent aller Einnahmen auf ein Konto einzahlen, das Geld soll in Gemeindeprojekte fließen und in einen Landfonds der Batwa. Doch es muss sich noch zeigen, ob es tatsächlich ankommt.

Dafür sorgen will die Nichtregierungsorganisation United Organization for Batwa Development of Uganda (UOBDU), die sich seit elf Jahren für die Belange der insgesamt rund 6.700 Batwa im Südwesten Ugandas einsetzt und den Batwa Trail mit entwickelt hat. Etwas mehr als die Hälfte aller ugandischen Batwa leben heute auf Land, das Kirchen oder Nichtregierungsorganisationen zur Verfügung gestellt haben, die restlichen 45 Prozent sind landlos und müssen mit der Angst leben, vertrieben zu werden, vor allem in der Gegend um Kisoro. Mit dem Landfonds soll sich das ändern.

In Gisorora, einer Batwa-Siedlung am Rande des Nationalparks, stehen die Hütten löchrig und zerzaust zwischen Felsen und Bananenstauden, aus Türen und Dächern quillt Rauch. Ein alter Mann sitzt auf einem Baumstumpf, ein langer Stab lehnt auf seiner Schulter, er sitzt und schaut, starrt mit leeren Augen, ein Jugendlicher stolpert umher, ein anderer trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck „All you can eat spareribs“. „Die Bauern erlauben uns, auf ihrem Land zu leben“, sagt Dorfsprecher Wilson Sebasore, ein kleiner Mann mit freundlichem Lächeln, der barfuß läuft. „Aber wir haben hier nichts, der Wald war alles für uns.“ Wilson ist kein Touristenführer auf dem Batwa Trail, seine Familie lebt von Spenden der Ausländer, die ins Dorf kommen, um Fotos zu machen, manchmal arbeitet er für die Bauern der Umgebung, hilft bei der Ernte.

Regen bricht los, prasselt auf das Wellblechdach, Hagel, erst nur ein paar Kügelchen, dann große Bälle, ohrenbetäubend. Sie drängeln sich unter das Dach und in den kleinen Innenraum, die Kinder auf dem Bett, eine Trommel wird gereicht, an der Wand lehnt ein Bogen. „Die Kinder wissen nicht mehr, wie man damit umgeht, alles, was wir früher gemacht haben, ist heute illegal“, sagt er. „Ich hoffe, dass wir irgendwann wieder Land besitzen werden in der Nähe des Waldes, die Luft ist besser dort.“

Seine Frau Jovanis sitzt im Halbdunkel hinter ihm, trägt ein buntes Kopftuch mit einem Knoten über der Stirn, das Licht lässt ihre Haut silbrig glänzen. „Die Regierung hat die Tiere wichtiger gefunden als uns Menschen“, sagt sie, und genau in diesem Moment hört es auf zu regnen und auch die Trommel verschwindet wieder.

Der Weg nach Uganda

An- und Einreise

KLM fliegt von mehreren deutschen Flughäfen über Amsterdam nach Entebbe, das etwa vierzig Kilometer von der Hauptstadt Kampala entfernt ist (www.klm.de); mit Ethiopian Airlines geht es über Addis Abeba (www.flyethiopian.com) und mit Brussels Airlines über Brüssel (www.brusselsairlines.com). Die Preise beginnen bei etwa 600 Euro. Von Entebbe nach Kisoro gibt es Charterflüge (www.eagleair-ug.com), und bei Tourveranstaltern kann man ein Auto inklusive Fahrer mieten (www.gorillatours.com). Für die Einreise ist ein Visum erforderlich. Auskünfte gibt es unter www.ugandaembassyberlin.de oder direkt bei der Botschaft von Uganda (Axel-Springer-Straße 54A, 10117 Berlin, Tel. 030/2060990).

Übernachten

Das „Traveller’s Rest“Hotel bei Kisoro ist ein guter Ausgangspunkt für einen Besuch im Nationalpark. Die Zimmer liegen in einem Garten, es gibt ein Restaurant, ein Kaminzimmer und heiße Duschen für kalte Abende (DZ ab 60 Euro, Tel. 00256/772533029, www.gorillatours.com).

Batwa Trail

Die Uganda Wildlife Authority (UWA) organisiert eine halbtägige Wanderung auf dem Batwa Trail im Mgahinga-Nationalpark (ca. 80 Euro inklusive Fahrt). Das UWA-Büro liegt nahe dem „Traveller’s Rest“Hotel (Tel. 00256/486430098). Einen Batwa-Besuch in Gisorora oder in Musasa kann man bei UWA oder im Hotel buchen (ca. 45 Euro inklusive Fahrt). In Buhoma bieten die Batwa auch Dorfbesuche an (Telefon 00256/777396256, www.batwaexperience.com).

Gorilla-Trekking

Die Gorilla-Gruppe des Mgahinga-Parks wechselt zwischen Uganda und Ruanda (darüber informiert die UWA). Von Kisoro gibt es eine Tagestour zur Nkuringo-Gruppe im Bwindi-Nationalpark. Acht Besucher sind am Tag zugelassen; eine Genehmigung sollte vorab bei UWA in Kampala reserviert werden (ca. 360 Euro, Plot 7 Kira Road Kamwokya, Tel. 00256/414355000).

Rundreise

Safari Uganda bietet eine 7-Tage-Reise mit Batwa Trail, Gorilla- und Schimpansen-Wanderung für 2420 Euro an (Tel. 06207/7378, www.safariuganda.de).

Allgemeine Informationen unter www.visituganda.com

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