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Sonntag, 12. Februar 2012
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Typologie Flucht vor Stewardessen

05.03.2004 ·  Früher durften Senatoren ihre Lieblingsstewardessen aussuchen. Doch der Sonderstatus von einst ist längst passé. Ein Betroffener und seine Erfahrungen.

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Ich bin Senator. Ich finde Stewardessen schrecklich, weil die einfach nicht kapieren wollen, wie wichtig ich für sie bin. Früher war das anders. Da durfte sich jeder Senator seine Lieblingsstewardeß aussuchen, und die flog dann immer mit dem Senator und konnte sich während des ganzen Fluges nur um ihn kümmern. Über den Senator wußte sie alles, wie er seinen Kaffee trinkt, warum er Fleisch nicht mag und wie die Kinder heißen. Heute belächeln die Stewardessen die goldene Vielfliegerkarte und behandeln den Senator wie ein Gepäckstück, das man mit vielen anderen Gepäckstücken lieblos in den Flugzeugrumpf gepreßt hat.

Die Taube

300 Passagiere trampeln an der Stewardeß vorbei. Doch die diskutiert unerschütterlich mit einer Kollegin über ihren roten Nagellack, und beide überlegen, ob der wohl zu den Poolfliesen in Cancun passen wird. Aber der Senator hat eine wichtige Frage und tippt der Stewardeß, die mittlerweile eine Cola trinkt und Nüsse kaut, leicht auf die Schulter. "Don't touch me", zischt sie ihn an, dreht sich um und reißt ungerührt eine neue Packung Nüsse auf. Der Senator zuckt und stolpert weiter zur nächsten Stewardeß.

Später, als es dunkel in der Kabine ist, möchte der Senator endlich sein Glas Wasser. Leider hat er seit vier Stunden keine Stewardeß mehr gesehen und über den dicken Sitznachbarn möchte er auch nicht klettern; der schläft. Also drückt der Senator den kleinen gelben Knopf mit der schwarzen Frau drauf und wartet. Nach zehn Minuten drückt er wieder, nach dreißig noch einmal. Die Stewardeß sucht in der "In Style" nach einem Bikini, der zum Nagellack paßt und möchte nicht gestört werden.

Die Feinschmeckerin

Sie schiebt einen schweren Wagen durch die Kabine, auf dem sich in Alufolie eingepacktes Essen auftürmt. Weil der Flugzeuggang eng ist und sie keines der abgezählten kleinen Brötchen verlieren möchte, muß sich die Stewardeß sehr konzentrieren. "Chicken or Pasta" sind die einzigen Worte, die sie noch sagt. Zum Senator sagt sie nur noch Pasta: Das letzte Huhn stopft gerade der massige Sitznachbar in sich hinein - wobei er immer wieder aufstößt. Bier gibt es leider auch nicht mehr, weil die Gruppe russischer Seefahrer, die dem Senator seit Stunden ins Ohr grölt, schon alles getrunken hat. Und wenn doch noch Wünsche bestünden, solle sich der Senator einfach melden, sagt die Stewardeß liebenswürdig und eilt davon. Dabei würde der Senator am liebsten etwas aus der Tube zu sich nehmen. Das müßte er weder schneiden, noch würde er sich den Kopf an der Lehne des Vordersitzes stoßen und sein Oberbauch würde dann wegen der unergonomischen Eßposition auch weniger drücken.

Die Gewerkschaftsdelegierte

Laut diskutiert sie mit ihren Kolleginnen die Arbeitsverteilung und gibt mit scharfer Stimme Anweisungen, wer wann welchen Wagen schieben muß. Nach dem Service ist sie die Erste, die über den schwingenden Flugzeugboden nach hinten ins Ruheabteil der Crew eilt. Dabei guckt sie immer nach oben, denn so kann sie die durstigen Blicke der Passagiere besser ignorieren. Es fällt ihr schwer, die vielen Kissen und Decken aus der Business Class ohne Verluste zu transportieren, und als sie beim Senator vorbeihuscht, fällt ihr leider die Nachtcreme aus der Hand. Schade, daß der Senator gerade eingeschlafen war.

Der Steward

Er liebt männliche Passagiere, wenn sie unter 18 sind und aus Südamerika kommen. 50jährige Senatoren mag er nicht. Für ihn scheinen sie bedauernswerte Wesen zu sein, dilettantische Männer ohne Manieren und ohne Wissen von der Bedeutung des Fliegens. Das läßt er den Senator spüren. Wenn er mit ihm spricht, klingt die Stimme des Stewards, als würde er mit seinem pubertierenden Neffen sprechen. Ob man dem Senator denn nicht beigebracht habe, daß man an Bord nicht telefonieren dürfe? "Nein, nein, nein, das darf man nicht", sagt der Steward und hebt mahnend seinen Zeigefinger. Dabei lächelt er seinem Kollegen zu, der sich an im vorbeidrängt und wie zufällig seine Hüfte umfaßt. Dem Senator wird ganz elend, als sein Blick von dessem rasierten Unterarm abrutscht.

Aber wie schnell ist all diese Kritik vergessen, wenn nach glücklicher Landung die Kabinencrew sich lächelnd von den Passagieren verabschiedet und beteuert, dankbar zu sein, daß man mit ihnen geflogen ist und bittet, dieses Erlebnis so bald wie möglich zu wiederholen. Dann vergißt der Senator den Dolch unter seiner Toga, und denkt, nun ja, auch beim fliegenden Personal menschelt es gelegentlich.

Aufgezeichnet von Christina Kramer.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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