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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tunesien Abdrehen in der Wüste

 ·  Eine günstige Alternative zum All: Die Wüste Tunesiens versetzt einen in ferne Sternenwelten. Eine Reise zu den Drehorten von Star Wars.

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So eine Stille ist selten. Kein Windhauch dringt ans Ohr, kein Flügelschlag eines Vogels. Nur das Pochen des eigenen Herzens und ein sanftes Schmatzen, wenn sich ein Fuß vor den anderen setzt und dabei eine nur millimetertiefe Spur im feuchten Schlamm hinterlässt. Die Augen suchen den Horizont, irgendwo weit vorne die Grenzlinie zwischen Himmel und Erde, und täuschen sich doch. Deshalb wäre man auch nicht verwundert, wenn auf dem fast ausgetrockneten Salzsee Chott el Djerid ein Raumschiff landen und Prinzessin Leia im langen weißen Kleid und mit Schneckenfrisur herausklettern würde, hinterdrein Luke Skywalker, R2-D2 und wie sie alle heißen. Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie . . .

Tatsächlich hat George Lucas seinen Sternenkrieg hier begonnen, 1977 in Südtunesien. Von Deutschland aus gelangt man auf den „Planeten“ Tatooine, in dem man nach Djerba fliegt und dann auf dem Landweg nach Tataouine fährt, die reale Stadt, die dem Planeten einstmals den Namen gab. Der Weg durch diese Galaxie führt zunächst in das Berberdorf Matmata. Dort kommt Mohamed auf seinem Moped angeheizt und überredet die Durchreisenden, in seinem Laden ein Glas selbstgemachten Thymianhonigs zu kaufen. Und so hören wir, während wir frisch gebrühten Minztee trinken und die Sonne hinter den rot glühenden Bergen des Dahar-Gebirges untergeht, die ersten Geschichten von den Dreharbeiten.

Lucas hatte nach einem günstigen Drehort gesucht, weil ursprünglich keiner an den Erfolg seines Science-Fiction-Märchens um die zwei Seiten der Macht glaubte. Aber dann muss er sich gefühlt haben wie auf einem anderen Stern in dieser abgeschiedenen Welt zwischen Wüste, Salzseen und Gebirgszügen, in die das Bergvolk der Djebalia Höhlen wie Bienenwaben grub, um darin zu leben.

Dunkle Gänge der Macht

Seit den Tagen der Jasmin-Revolution hat Tunesien vor allem die Phantasie all jener beflügelt, die auch in anderen Ländern davon träumten, einen Diktator zu verjagen. Im Süden, wo Lucas den uralten Kampf von Gut gegen Böse inszenierte, begannen bereits vor mehr als zwei Jahren die Revolten, die sich schließlich ihren Weg in die Hauptstadt Tunis bahnten und im Januar 2011 zum Sturz von Präsident Zine El Abidine Ben Ali führten. Anders als an den staatlich geförderten Stätten des Massentourismus an der Ostküste kam selbst der kleine Wohlstand oft schon keine 50 Kilometer weiter Richtung Landesinnere ins Stocken.

Steil windet sich die Straße in Serpentinen auf den Djebel Dahar. Die Djeffara-Ebene und dahinter die Küste rücken nach jeder Kurve weiter in die Ferne, wie ein Aquarell in Ockertönen zwischen kahlen, vom Wind zerfurchten Anhöhen in Zinnoberrot. Die Dörfer in den Talsenken entdeckt das Auge erst, wenn plötzlich ein paar Schafe den Weg kreuzen und man instinktiv nach den dazu gehörenden Menschen sucht.

Viel zu gut versteckt sind die Eingänge der Höhlenwohnungen, einst Schutz gegen Angreifer aus der Ebene. Sie bieten immer noch kühlen Unterschlupf in den heißen Tagesstunden und Zuflucht hinter dicken Wänden, wenn mit der sinkenden Sonne die Kälte herankriecht. Die Lehmböden zwischen aufgeschichteten Steindämmen geben zum Leben wenig her. Ein paar Kräuter, ein bisschen Getreide, Kichererbsen.

Auf dem Planeten Tatooine

Eine Kulisse, wie geschaffen für den Planeten Tatooine: „Er ist klein, abgelegen und arm“, weiß der junge Jedi Obi-Wan Kenobi in „Episode I“ auf der Flucht vor der bösen Handelsföderation. In „Episode IV“ mault gar Luke Skywalker, der den Berber-Troglodyten gleich mit Tante und Onkel in einer Höhlenwohnung lebt: „Wenn es in diesem Universum ein helles Zentrum gibt, bist du hier am weitesten davon entfernt.“

Den Jungen zog es hinaus in die weite Welt. Heute kommen „Star Wars“-Fans von überall her, um seine Behausung in Matmata zu sehen. Aber wenn sie sich auf Lukes Spuren in die dunklen Gänge der Herberge „Sidi Driss“ zwängen, die von einem trichterförmig ausgegrabenen Innenhof horizontal in den Berg hineinführen, kommen sie meist zu einem ähnlich vernichtenden Urteil wie ihr Weltraumheld - und schlafen lieber nicht auf einem der 145 Feldbetten.

Es sollten fast drei Jahrzehnte seit dem ersten „Star Wars“-Film vergehen, ehe George Lucas in „Episode III“ aufklärte, wie und warum Luke Skywalker und ein Jedi-Ritter namens Obi-Wan Kenobi in typisch wollener Berber-Kutte nach Tatooine gelangten. Auf der Leinwand nur einen schnellen Schnitt vom „Sidi Driss“ entfernt, liegt die Weltraumstadt Mos Espa tatsächlich rund 300 Kilometer westlich, fast an der algerischen Grenze.

Schmuggler an der algerischen Grenze

Den Weg dorthin begleiten Richtung Norden wieder Gebirge, nun die des Djebel Tebaga, zur Linken sind bereits die Ausläufer der Wüste mit spärlichem Steppengras auf sandigem Boden zu sehen, von der Fahrbahn nur mühsam in den Schranken gehalten. Die Wüstenfüchse sind zweibeinig, junge Burschen mit Milchgesichtern, die ihre Pick-ups mit Benzinkanistern vollgeladen haben und die aus dem Osten Kommenden freundlich fragen, wo auf dem Weg Polizeikontrollen drohen.

Arbeit gibt es hier kaum für die jungen Leute. Der Schmuggel ist, wie auch auf Tatooine, dagegen ein einträgliches Geschäft. Eine Ladung Benzin aus Algerien bringt schnell das Drei- oder gar Fünffache des Einkaufspreises.

Bei der Ankunft in Douz ist es Nacht. Doch die Stadt schläft noch lange nicht. Die Oase ist das Tor zur Wüste. Gleich hinter der Hotelzone beginnen die Dünen des Großen Östlichen Erg. Teilnehmer von Motorrad-Exkursionen schrauben noch an ihren Maschinen, als stünde morgen früh das Boonta-Eve-Podrennen gegen den widerlichen Sebulba an.

Der verlorene Schatz

Tunesien hieß in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche internationale Filmteams willkommen, erst unter dem pro-westlichen Präsidenten Habib Bourguiba und später selbst unter Ben Ali. Über den Dünen von Douz flog Ralph Fiennes alias Graf Almásy in „Der englische Patient“ mit der toten Katherine vor sich sitzend in den Sonnenuntergang. Für „Das Leben des Brian“ zogen die Monty-Python-Komiker in die Heilige Stadt Kairouan.

Als Produzent ließ George Lucas Harrison Ford, seinen Piloten Han Solo aus „Episode I“, in der Rolle des Indiana Jones in der tunesischen Wüste unweit von Mos Espa nach dem verlorenen Schatz jagen. Als „Schwarzes Gold“, eine Geschichte über den Erdölrausch in Qatar um 1930, zu Beginn des Jahres in die deutschen Kinos kam, standen die Hauptdarsteller Tahar Rahim, Antonio Banderas, Mark Strong und Freida Pinto unter anderem vor der Kulisse von Matmata.

Nur die Naturgewalten sind zu fürchten

Außer den Naturgewalten hatten die illustren Gäste in diesem Land nichts zu fürchten. Den Wüstensturm zum Beispiel, der beinahe das Pod-Rennen in „Episode I“ zunichtegemacht hätte. Lucas hatte Triebwerke so groß wie die einer Boeing 747 in die Wüste schleppen lassen. In nur einer Nacht waren sie ein Haufen Schrott, vom Sturm zerlegt wie das gesamte Camp, das die Crew um Mos Espa aufgebaut hatte.

Teile der Weltraumstadt stehen noch immer an ihrem Platz. Hinter der Oase Nefta geht es hinein in die Wüste, und Ahmed, der Fahrer des Geländewagens, macht sich einen Spaß daraus, über die Dünen wie auf einer Achterbahn zu rasen. Dann taucht sie auf, wie eine arabische Kasbah mit ihren Kuppeln, Toren und Festungsmauern.

Anakins Jugendjahre

Hier also verbrachte Anakin Skywalker seine Kindheit. Der Junge, dem George Lucas das Zeug eines Messias gab (jungfräuliche Geburt inklusive), der sich dann aber der dunklen Seite der Macht zuwandte. Dutzende Sandstürme versuchten Mos Espa in all den Jahren zu verschlingen, haben sie geschliffen und ihr auf alle Zeit die Farbe der Wüste verliehen.

Anakin, Luke, Han Solo und Obi-Wan sind ausgeflogen. Die Bar, wo allerlei kuriose Gestalten derbe Sprüche zum Besten gaben, ist verlassen. Aber irgendwie ist es, als könnten sie jeden Augenblick zurückkehren und die Saga fortschreiben.

Der Weg nach Tunesien

Sicherheit
Wegen des Konflikts um die umstrittenen islamfeindlichen Videos rät das Auswärtige Amt zu besonderer Vorsicht bei Demonstrationen, Menschenansammlungen und auf öffentlichen Plätzen. Weitere Infos auf: www.auswaertiges-amt.de
Anreise
Mit Tunis Air oder Air Berlin geht es nach Djerba und von dort aus per Mietwagen auf das Festland nach Medenine und weiter in das Dahar-Gebirge nach Matmata. Von Matmata führt der Weg weiter über Douz, Kebili und den Salzsee Chott el Djerid (befestigte Landstraße!) nach Tozeur und Nefta.
Übernachtung Wem Komfort nicht so wichtig ist, wohl aber das Original, der kann in der Herberge „Sidi Driss“ in Matmata von „Star Wars“ träumen. Luke Skywalker „wohnte“ in „Episode IV“ in der einst typischen Behausung, die Berber in die Berge gruben, um sich und ihre Habe vor Angriffen arabischer Nomaden zu schützen. Telefon 0 02 16/05/ 23 00 05. Preis pro Nacht mit Frühstück rund 15 Euro. Matali Crasset hat die Berber-Wohnungen dagegen in die Moderne geholt. Hierzu weiter Richtung Westen fahren, bis fast an die algerische Grenze, wo die französische Designerin in der Stadt Nefta drei von ihnen in ihr Konzept für das Hotel „Dar Hi“ integriert hat. Als alternative Schlafmöglichkeit stehen dort auch Bungalows bereit, die der Form des Helms von Darth Vader gleichen. Unvergleichlich: Galaktisch ist auch der Preis für ein Doppelzimmer inklusive Vollpension, Transport vom und zum Flughafen Tozeur, Hamam und Swimmingpool: ab 300 Euro pro Nacht. Mehr unter www.dar-hi.net/fr
Irdische Aktivitäten Douz ist bekannt für sein mehrtägiges Sahara-Festival mit Kamel- oder Windhundrennen, Hockeywettkämpfen, Reiterspielen, Live-Musik und Poesiewettbewerben. Es findet zum Jahresende statt, der genaue Termin steht aber meist erst kurzfristig fest. Die Oasen von Tozeur und Nefta zählen fast zwei Millionen Palmen. Auf ihnen wächst eine der besten Dattelsorten der Welt, die Deglet en-Nour. Im ersten Ökomuseum Tunesiens, dem Eden Palm, können Besucher mehr über die Geschichte der Palmen erfahren. Mehr unter www.eden-palm.com
Weitere Informationen zum Sahara-Festival und zu anderen Sehenswürdigkeiten und Veranstaltungen in Tunesiens Süden gibt es beim tunesischen Fremdenverkehrsamt unter: www.tunesien.info.

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