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Transsexuelle in Thailand : Bei Rotlicht betrachtet

  • -Aktualisiert am

Thailands next Top-Katoey: Einen Bewerberin vor der Wahl der „Miss Tiffany” Bild: Getty Images

Bei schwachem Licht werden den Männern in Bangkok neben kopierten DVDs und unechten Lacoste-Hemden auch falsche Frauenkörper angeboten. Im buddhistischen Thailand sind Transsexuelle - die „Ladyboys“ - akzeptiert.

          Nachts sind sie noch schwerer zu erkennen, das hilft manchmal. Viv und vier andere sitzen an der breiten Sukhumvit Road in Bangkok, gegenüber einer Skyline teurer Hotels. Es ist weit nach Mitternacht. Viv trägt einen kurzen goldenen Rock über den schlanken Schenkeln, hochhackige Schuhe und ein weißes Trägerhemd, durch das der Büstenhalter schimmert. Die dunklen Haare sind zum Bob geschnitten, die lackierten Fingernägel klopfen an eine Flasche Cola. In einer Freiluftbar warten Viv und die anderen auf männliche Touristen, die der schmale Gang zwischen den Verkaufsständen vor ihnen ausspuckt. Bei schwachem Licht werden den Männern nach kopierten DVDs und unechten Lacoste-Hemden nun falsche Frauenkörper angeboten.

          Viv, die als Jai auf die Welt kam, ist transsexuell, eine Frau in einem Männerkörper, wie Viv sagt. In Thailand heißen Transsexuelle Katoeys, die Touristen nennen sie Ladyboys. Wie viele Katoeys es in Thailand gibt, ist nicht bekannt, und ihren Anteil an der Bevölkerung zu schätzen scheint unmöglich - zum einen, da viele von ihnen ein Doppelleben führen und tagsüber kein Zeichen von Weiblichkeit offenbaren; zum anderen, da manche Katoeys so überzeugend als Frauen auftreten, dass kein Außenstehender ihr biologisches Geschlecht je anzweifeln würde. Allein die erkennbaren Katoeys sind jedoch schon so zahlreich, dass sie in Orten wie Bangkok, Pattaya oder Phuket genauso zum Stadtbild gehören wie die mobilen Garküchen, die scheppernden Tuk-Tuks und die blinkenden Werbeschilder.

          Meist sind sie zu finden, wo Touristen ihr Geld lassen, in Rotlichtvierteln oder in Cabaret-Shows. Aber man sieht sie auch im Park mit der Familie oder in buddhistischen Tempeln beim Meditieren. Sie sitzen in Supermärkten an den Kassen, stehen in Restaurants am Herd oder am Fließband in Fabriken. Sie verdienen ihr Geld in Designerläden oder in Friseursalons. Sie putzen Wohnungen oder pflegen Kranke. Sie sind überall, wo das patriarchalische Thailand Platz für Frauen hat.

          Dass Transsexuelle ausgerechnet in eine Gesellschaft integriert scheinen, die derart gläubig und konservativ ist wie die thailändische, mag verwundern. Tatsächlich aber seien Katoeys nicht trotz der allgegenwärtigen Religiosität akzeptiert, sondern gerade deswegen, schreibt der Soziologe Richard Totman in seinem Buch "The third sex". Bereits in den ersten buddhistischen Niederschriften würden nicht zwei, sondern vier Geschlechter genannt: Männer, Frauen, Hermaphroditen und Katoeys - biologische Männer, die sich seit ihrer Kindheit als Frauen fühlen.

          Glaubt man Totmans Interpretation der Schriften, ist die Geburt im falschen Körper die Strafe für die in früheren Leben angehäuften moralischen Verfehlungen. Da jeder Buddhist mindestens eines seiner unzähligen Leben selbst als Katoey verbracht hat und davor auch in Zukunft nicht gefeit ist, solle die Gesellschaft den leidgeprüften Katoeys mit Empathie und Verständnis begegnen, heißt es in den Schriften.

          So sorgt das dritte Geschlecht für Verwunderung bei den Besuchern Siams. Seit Jahrhunderten werden in Reisetagebüchern männliche Kindererzieher oder androgyne Tänzer in Frauenkostümen als thailändisches Phänomen beschrieben. Der Schriftsteller W. A. R. Wood, der im 19. Jahrhundert in Thailand weilte, wundert sich auch über den Umstand, dass im fortschrittlichen England Transvestiten von Mobs durch die Straßen getrieben werden, während sich hier - zu Recht, wie er schreibt - niemand über die integeren Katoeys aufrege.

          Heute sind Katoeys präsenter denn je: Die schönsten Transsexuellen werden bei eigens veranstalteten Wahlen zur "Miss Tiffany" von 15 Millionen thailändischen Fernsehzuschauern bewundert; in Filmen wie "Beautiful Boxer", der das Leben des geschminkten Thai-Box-Helden Nong Tum zeigt, wird das dritte Geschlecht gefeiert und verklärt; die "Iron Ladys", eine aus Katoeys formierte Volleyball-Mannschaft, die 1996 die thailändische Meisterschaft gewann, haben längst Kultstatus. Das glitzernde Bild, das diese Katoey-Elite vermittelt, mag Transsexuelle in Thailand gesellschaftsfähiger denn je machen. Aber so sehr es oben glänzt, so düster ist es unten.

          In der Sukhumvit Road setzt sich eine Gruppe junger Backpackerinnen in die Freiluftbar. "Die Blonde würde mir gefallen", sagt Viv, "wenn ich ein Mann wäre." Als Viv zwölf Jahre alt und noch der Junge Jai war, erkannte dieser, dass er sich als Mädchen fühlte. Er wollte nicht mehr mit dem Vater Fußball spielen und benutzte stattdessen das Make-up seiner eingeweihten Mutter. Manche Jungs in der Schule in Phuket nannten ihn "Monster", andere verliebten sich in ihn. Von einer Gruppe älterer Katoeys wurde Jai mit Ratschlägen und Hormontabletten versorgt. Die fürchterlichen Kopfschmerzen waren die einzigen Nebenwirkungen der Hormone, die Jai unmittelbar spürte. Von Thrombosen und Knochenschwund, von dem Brustkrebsrisiko, das mit jeder Tablette stieg, wusste er nichts. Es hätte ohnehin nichts geändert. Jai wollte einen Busen, wie ihn die anderen Mädchen in seiner Klasse auch hatten.

          Vor fünf Jahren, als Jai zwanzig war, haben seine Eltern ihn in die Hauptstadt geschickt, um Geld für die Familie zu verdienen. Er begann dort als DJ bei einem Radiosender. Als er jedoch das erste Mal in Frauenkleidern zur Arbeit erschien, wurde er entlassen. Wie die meisten Thailänder habe sein Chef nichts gegen Katoeys, sagt er, "solange er nur nichts mit ihnen zu tun haben muss". Auch sein Vater gehörte zu diesen Thailändern.

          Als Jai sich schon längst Viv nannte, schickte sie regelmäßig Geld nach Hause, und der Vater fragte nie, woher das Geld stammte. Er starb vor zwei Jahren, ohne sein Kind ein einziges Mal so zu sehen, wie es sich selbst sieht.

          Vivs Vorbild ist Vivian Ward, die Figur, die Julia Roberts in "Pretty Woman" gespielt hat - deshalb hat sich Jai auch in Viv umbenannt. Vivian Ward kommt in dem Hollywood-Liebesfilm mit einem reichen Mann zusammen, der sie aus dem Milieu holt.

          Bis zu drei Freier hat Viv heute pro Nacht. An ihnen verdient sie ein Vielfaches des Geldes, das Jai nach seinem Rausschmiss beim Radio als Kosmetiker und als Stylist bekam. Aber wenn Viv mit ihren Kunden in deren Hotelzimmer geht, muss sie ihren Ausweis an der Rezeption kopieren lassen. Zu oft haben in letzter Zeit Hotelangestellte Gäste, die einen Ladyboy mit auf ihr Zimmer genommen hatten, am nächsten Morgen betäubt und ausgeraubt im Bett vorgefunden. Und mit jeder Nachricht über kriminelle, drogensüchtige und HIV-infizierte Katoeys wächst die Zahl derer, die auch in Viv wieder das Monster sehen.

          Die meisten ihrer Freier, sagt Viv, wüssten natürlich um ihr biologisches Geschlecht. Die anderen, die Ahnungslosen, sind heikler. Sie werden sich später im Bett vielleicht von Vivs nacktem Körper ebenso abgestoßen fühlen wie sie selbst. Viv wird ihren Lohn dennoch einfordern, damit ihr ungeliebter Körper endlich die eigene Transformation verdienen kann. Viv spart für die große Operation. "The cutting", wie sie sagt.

          Dr. Saran und macht aus Männern Frauen

          Eine halbe Autostunde von der Sukhumvit Road entfernt liegt das Piyavate Hospital. In der kühlen Lobby des Privatkrankenhauses hängen Flachbildschirme, um die Patienten kümmert sich die "Kundenbetreuung". In der Mitte der Lobby verteilen gläserne Aufzüge die Besucher auf 27 Stockwerke.

          Dr. Saran kommt etwas verspätet. Der Verkehr in Bangkok sei furchtbar, sagt er, außerdem habe die Tagung, auf der er zu sprechen hatte, länger gedauert als gedacht. Es war kein Medizinerkongress, sondern eine Konferenz über Tourismus. Jedes Jahr fliegt mehr als eine Million Medizintouristen nach Thailand, die das dortige Preis-Leistungs-Verhältnis genauso zu schätzen weiß wie die anderen Urlauber - "Sun, Sand and Surgery" ist in Asien zu einem Milliardengeschäft geworden. Dr. Sarans Patienten etwa kommen aus Japan, Nordamerika oder Europa. In Thailand haben sie etwa ein Viertel der Kosten, die in ihren Heimatländern anfallen würden. Dabei, sagt Dr. Saran, sei er noch einer der teuersten Ärzte in Bangkok.

          Der Doktor ist 45 Jahre alt und hat 2000 Geschlechtsumwandlungen hinter sich. Wie viele transsexuelle Thailänder es gibt, weiß auch er nicht. Er wisse nur, sagt er, dass es prozentual nicht mehr sind als in anderen Ländern. "Die Frage ist also nicht, weshalb in Thailand so viele ein offenes Leben führen", sagt er, "sondern in anderen Teilen der Welt so wenige."

          Er blickt dem nach oben fahrenden Aufzug nach. In einer Etage werden kaputte Knie gegen neue eingetauscht, in einer anderen arthritische Patienten behandelt oder löchrige Herzen zusammengeflickt. Dazwischen operiert auch morgen wieder Dr. Saran und macht aus Männern Frauen. "Ich bin nicht Gott", sagt er, "ich rette Leben, wie andere Ärzte auch." Die meisten seiner Patienten sind depressiv, wenn sie zu ihm kommen. Viele seiner thailändischen Patienten haben versucht, sich das Leben zu nehmen, um als Frau wiedergeboren zu werden.

          Silikonbrüste und Poimplantate

          Die Expresswiedergeburt im Piyavate dauert drei Stunden und kostet 5700 Euro. Um von Dr. Saran von ihrem Leben erlöst zu werden, müssen die Patienten über 18 Jahre alt sein, seit mindestens einem Jahr Hormone genommen und unter weiblicher Identität gelebt haben sowie von einem Psychologen untersucht worden sein. Dr. Saran kastriert die Patienten und formt aus Nerven, Gewebe und Blutgefäßen die bestellten Vaginas. Für Silikonbrüste und Poimplantate, für Nasenverkleinerung und Kinnreduktion, für Haarentfernung und das Abraspeln des Adamsapfels müssen die Patienten extra zahlen. Wenn sie nach der Operation ihren Unterleib im Spiegel betrachten, sehen manche zum ersten Mal in ihrem Leben eine Vagina. Dann muss ihnen Dr. Saran, bevor er sie entlässt, sein Werk erklären.

          Die Prostituierten von der Welten entfernten Sukhumvit Road werden es wahrscheinlich niemals in die teure Piyavate-Klinik schaffen. Viv nimmt einen letzten Schluck aus ihrer Cola-Flasche, die am oberen Rand vom Lippenstift rot eingefärbt ist, und steht auf. Mit einem Bein wippt sie im Takt eines Technoliedes, das aus einem nahen Club dröhnt. Die Verkaufsstände sind eingeklappt, die Lichter in den Hotelzimmern gegenüber längst gelöscht. Es ist mittlerweile früh am Morgen, und Viv hatte noch keinen Freier. Sie sollte vielleicht ihren Standort wechseln, sagt sie, um diese Zeit treibe es die schlaflosen Touristen, die ihren Jetlag nicht überwunden hätten, noch einmal ins Rotlichtviertel.

          Auch sie habe übrigens einen reichen Freund, sagt Viv. Es ist ein verheirateter Arzt aus Deutschland, der sie so oft wie möglich in Bangkok besucht. Er könnte die Geschlechtsumwandlung locker bezahlen. Aber er teilt den Traum seiner Freundin nicht. "Er liebt den falschen Körper", sagt Viv noch, bevor sie in der Dunkelheit einer Seitengasse verschwindet und nur noch das Klacken ihrer Stöckelschuhe zu hören ist. Ihr Freund liebt den Katoey Viv und würde ihm niemals die Frau vorziehen, die einmal ein Junge namens Jai war.

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