Schon seit zehn Minuten führt der steile, stockdustere Tunnel bergauf. Er führt zu einem ehemaligen Nato-Horchposten, ein Überbleibsel des Kalten Krieges. Es ist feucht und kühl, und nur ab und zu fackelt eine kleine Kerze in der Dunkelheit, um einen Rest Orientierung zu ermöglichen. Plötzlich ertönen weiter oben Stimmen. Ein Gesang wie der von gregorianischen Chorälen. Die Stimmen kommen näher mit jedem Schritt, schwellen an, sind mit einem Mal ganz dicht vor einem, obwohl in der völligen Dunkelheit niemand zu sehen ist. Beim Weitergehen entfernen sie sich, verebben und verstummen schließlich ganz.
„Tunnel of Love“ nennen diejenigen den Tunnel, die das unheimliche Ritual schon einmal mitgemacht haben: Jedes Jahr um die Sommersonnenwende, wenn das Trænafestivalen steigt, das Musikfest auf der Insel Træna hoch im Norden Norwegens, durchqueren die Besucher den Berg in einer langen Menschenkette, um dann vor der riesigen Grotte Kirkehellaren anzukommen. Die Felsformation, an der vor Jahrtausenden den Naturgöttern Opfer gebracht wurden, nutzen Jenny Hval und ihre Band nun wie einen aus Stein gebauten Verstärker: Die Stimme der norwegischen Musikerin, rockig und zugleich hoch wie aus einer anderen Welt, Schlagzeug und E-Gitarren-Begleitung dringen aus den Tiefen der Grotte bis weit hinaus in die Bucht. Einmal im Jahr geht das nun so. Seit zehn Jahren. Und dann ist es wieder für 51 Wochen still - bis auf das Gekreische der Möwen, das Dröhnen der Schiffsdieselmotoren und den immerwährenden Wind.
Wer noch nie Wal probiert hat, kann es hier tun
Die Inselgruppe Træna im Nordmeer überhaupt auf der Landkarte zu finden ist knifflig: Etwa tausend Inselchen sind es, aber die sind so klein, dass sie nur als ein paar winzige Punkte zu erkennen sind, wenn man mit dem Finger von Oslo aus tausend Kilometer hinaus zum Polarkreis fährt. Keine vierhundert Einwohner gibt es hier, und geschätzt ebenso viele Boote. Die Menschen leben vom Fischfang, der Lachszucht und von ganz wenig Tourismus.
Es gibt einige wenige Gästezimmer, aber das alles wirkt doch eher wie ein Hobby. Auf der einzigen Straße läuft man immer wieder denselben Leuten über den Weg, es gibt ein einziges Restaurant. Wer noch nie Wal probiert hat, kann es hier tun. Die Norweger finden nichts Anstößiges am Verzehr der weitgehend geschützten Tiere und halten sich nicht an das internationale Fangverbot.
Wer einige Wochen in sich gehen will, ist hier richtig aufgehoben. Aber wie, in Gottes Namen, kommt diese Gemeinde dazu, ein Rockmusikfestival auszurichten, in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal?
Wie ein Dorffest am Ende der Welt
Erlend Mogård Larsen hatte die Idee. Er hatte viele Sommer seiner Kindheit auf der Insel bei seinen Großeltern verbracht. Als er ihr Haus vor einigen Jahren erbte, war Larsen inzwischen erfolgreicher Musikmanager in Oslo. Wieder in Træna, war er überwältigt von der ungezähmten Schönheit der Natur. Wenn im Sommer auch um Mitternacht die Sonne noch hoch am Horizont steht und auf die wuchtigen Granitfelsen und das eisklare Wasser des Nordmeers scheint, dann, so dämmerte es Larsen, war das hier der ideale Ort für ein Open-Air-Fest.
Binnen eines Tages schwillt die Einwohnerzahl nun im Sommer auf das Fünffache an. Eine Fähre nach der anderen spuckt Hundertschaften von Festivalgehern aus, die meisten haben ihr Zelt dabei. Die Einwohner scheint das nicht zu stören, im Gegenteil: Jeder ist irgendwie Teil des Spektakels. Kaum ein Garten, in dem nicht Kinder sitzen, die Cola verkaufen oder die Großeltern Waffeln. Handgemalte Schilder preisen die Ware vor den Ständen an - ein niedlicher Gegensatz zu der sonst so durchgesponserten Event-Welt mit den Brausehersteller-Exklusivverträgen. Alkohol ist skandinavisch-streng reglementiert, also teuer, was aber nicht heißt, dass es nur Milch gibt.
Das Ganze hat etwas von einem Dorffest am Ende der Welt, aber mit dem Unterschied, dass sich auch international bekannte Musiker hier hoch bemühen. Auch als Künstler muss man das wirklich wollen: Die Anreise ist lang, man fliegt über Oslo nach Bodø, und geht dann für weitere fünf Stunden auf die Schnellfähre.
Gestern stiller Klampfer, heute House-DJ
Doch einmal angekommen, weiß man auch, wieso sich die Mühe lohnt: Es ist schon ein sehr spezielles Erlebnis, eine fast mystische Landschaft, weit weg von allem, gepaart mit dieser leicht surrealen Mischung von vollkommener Ruhe, die plötzlich von Rockmusik zerrissen wird.
Das Laute und das Leise spiegeln sich aber auch in der Musik wider: Mal findet ein Konzert auf der großen Festivalbühne statt, dann in einer winzigen Kapelle auf einem Hügel, in die keine zwanzig Leute passen. Erlend Øye, sonst Frontmann der Bands Kings of Convenience und The Whitest Boy Alive, sitzt dann mit seiner Gitarre auf einem Schemel, erzählt Geschichten und spielt seine persönlichen Lieblingslieder. Bob Dylan, Pink Floyd. Die Zuhörer sind mucksmäuschenstill, es hat in der Tat etwas von einer Andacht. Die Draußengebliebenen hören wippend auf dem Hügel vor der Kapelle mit. Einen Abend später improvisiert Øye als DJ in einem der Zelte, das zu schmelzen droht, so kocht der Laden. Gestern noch der stille Klampfer, wird er plötzlich zu pumpender House-Musik von Hunderten Händen über die Köpfe der Menge getragen. Von genau diesen Gegensätzen lebt das Festival.
Wer sich zwischendurch ausklinken möchte, kann auf der „Vulkana“, einem zum Saunaboot umgebauten Walfänger, ein paar Stunden ausspannen, um sich dann ins klirrend kalte Wasser zu stürzen. Danach ist man wach, egal, wie lang die Nacht davor war - aber dunkel wird es ja ohnehin nicht, und wo sonst kann man sich um Mitternacht einen Sonnenbrand holen?
Anreise: Nach Træna fliegt man am besten mit SAS ab Frankfurt oder mit Norwegian ab Berlin-Schönefeld, Hamburg oder München über Oslo nach Bodø. Preis etwa 400 Euro. Von dort nimmt man die Fähre nach Træna (https://pay.ebillett.no/eb_show.php?p_id=1119&ordre_id=2260 oder einfach www.ebillett.no – die Seite ist allerdings auf Norwegisch).
Unterkunft: Echte Festivalgänger bringen ihr Zelt mit und wohnen im Grünen, es gibt allerdings auch einige Unterkünfte im Ort, die man sich rechtzeitig reservieren sollte, zum Beispiel unter www.rorbu-ferie.com (Norwegisch!). Allerdings sind sie während des Festivals von Musikern belegt.
Informationen zu Træna unter www.trena.net (auch auf Englisch), allgemein zu Reisen nach Norwegen unter www.visitnorway.com.