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Touristenführer Eine Internet-Freundin für Rio

 ·  Welcher Tourist will sich schon wie ein Tourist fühlen? Eine neue Internetseite vermittelt Einheimische als Begleiter. Wer Glück hat, kann mit Flavia durch Rio de Janeiro radeln.

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© David Klaubert „Jetzt buchen“: Flavia arbeitet als Theaterproduzentin - und gelegentlich als „Local Friend“.

Für diesen Nachmittag habe ich mir eine Freundin bestellt, doch ich kann sie nicht finden. Wie vereinbart bin ich mit der U-Bahn nach Ipanema gefahren und an der Haltestelle General Osório ausgestiegen. Das Meer ist nicht weit. Ich kann es riechen, hier im Schatten zwischen den Wohnblocks, ein paar grüne Bäume, eine Wäscherei, ein Imbiss. Nur das Café Terzetto ist nirgends zu sehen.

Direkt am Ausgang der U-Bahn-Station, hatte Flavia in ihrer Mail geschrieben. Seit drei Jahren wohnt sie in Rio de Janeiro, eigentlich stammt sie aus dem Hinterland von São Paulo, aber Rio, findet sie, ist die schönste Stadt der Welt; erst danach folgen Paris und New York. Flavia spricht Französisch und Englisch, sie arbeitet als Theater-Produzentin, ist 32 Jahre alt, ihr Kater Pedro zehn. Außerdem fährt sie gerne Fahrrad, genau wie ich. Das passt, hatte ich mir gedacht und auf den großen, blauen Button geklickt: „Jetzt buchen“.

Flavia soll mir ihre Stadt zeigen. Nicht die Touristentreffpunkte Copacabana, Christo und Zuckerhut, die habe ich schon abgeklappert, Caipirinha habe ich getrunken. Und natürlich war ich berauscht von der wilden Eleganz dieser Stadt. Deshalb soll mir Flavia jetzt ihr Rio zeigen, das Rio, in dem sie wohnt und arbeitet und lebt, nicht als Reiseführerin, sondern wie eine einheimische Freundin. Das jedenfalls wurde mir auf der Seite www.rentalocalfriend.com versprochen: „Du musst dich nicht wie ein Tourist fühlen!“

Im Moment aber fühle ich mich vor allem: verloren. Der Mann im Zeitungskiosk schickt mich ein paar Hundert Meter die Straße hinunter, eine Fußgängerin in Sportklamotten, freundlich und hilfsbereit, wieder zurück und dann links, der fliegende Waschmittel-Händler hebt entschuldigend die Schultern.
Fast will ich schon aufgeben, als ich endlich merke, dass ich am Hinter- und nicht am Hauptausgang der U-Bahn-Station herumirre. Also zurück unter die Erde, auf der anderen Seite heraus, auf einen großen Platz voller Bäume und Palmen, in der Mitte ein Steinbrunnen. Und an der Straßenecke unübersehbar: das Café Terzetto. Davor steht Flavia und schaut sich suchend um.

Wir begrüßen uns, typisch Rio, Küsschen rechts, Küsschen links. „Alles klar?“ – „Alles klar!“ Dann spazieren wir los, durch die Straßen von Ipanema. Das Viertel hinter dem berühmten Strand ist eines der teuersten in Rio, großstädtisch und belebt, doch im Pflaster der Gehsteige sammelt sich Sand, die Fassaden sind von der salzigen Meeresluft gezeichnet, und über allem das ferne Rauschen der Brandung wie die Melancholie und die Sehnsucht des Bossa Nova. Flavia zeigt mir, wo sie nach ihrer Ankunft in Rio gewohnt hat, und klagt über die immer schneller steigenden Mieten. Trotzdem, sagt sie, könne sie sich keinen besseren Ort vorstellen. Zuvor in São Paulo, diesem uferlosen Meer aus Hochhäusern und rohen Ziegelbauten, habe sie sich immer verloren gefühlt. „Da kann man nirgends hinschauen.“ Ganz anders Rio mit seiner weiten Bucht, den Inseln, den geschwungenen Hügeln und rohen Felsen, wie von einem Riesen verteilt, dazu der tiefgrüne Wald, so viel wie in keiner anderen Großstadt der Welt. „Ich will an einem Ort leben“, sagt Flavia, „an dem ich nicht verreisen muss, um Urlaub zu machen.“

Für „Local Friends“ arbeitet Flavia nur gelegentlich. Mit der Betreiberin der Seite ist sie befreundet: Alice Moura, eine 30 Jahre alte Journalistin, ebenfalls aus São Paulo nach Rio gekommen, mit Zwischenstationen in London und Lissabon, wo ihre Idee mit den mietbaren Freunden eher durch Zufall entstanden ist. In London studierte Alice Journalismus, nebenbei schrieb sie einen Blog über ihre Lieblingsorte in der Stadt. Den führte sie fort, als sie nach Lissabon zog. Immer wieder meldeten sich Freunde und bald auch Freunde von Freunden, die Tipps brauchten oder gleich mit ihr zusammen durch die Stadt ziehen wollten. Alice begann, die vielen Anfragen an Freunde weiterzuleiten. Und eines Tages schrieb sie zum Spaß: „Mietet mich für einen Tag!“ Als sie darauf mehrere Mails bekam, in denen Reisende nach dem Preis fragten, entschied sie sich, aus ihrem Blog eine professionelle Seite zu machen.

„Es gibt so viele Touristen, die sich nicht als Touristen fühlen wollen. Und viele Einheimische, die gerne Menschen aus anderen Ländern empfangen“, sagt Alice auf einer Dachterrasse in Copacabana, die zur Redaktion des Lifestyle-Magazins „TimeOut“ gehört. Hauptberuflich arbeitet Alice noch immer als Journalistin. Aber bald schon will sie sich selbständig machen. Mehr als 250 Miet-Freunde hat ihre Seite inzwischen im Angebot, in 45 Städten von Manila über Mailand bis Miami. Sie werden mit Steckbriefen, Fotos und kurzen Videos vorgestellt. Manche von ihnen kennt Alice persönlich, andere haben sich übers Internet bei ihr beworben. Fast alle sind Freiberufler, die sich ihre Zeit flexibel einteilen können: Journalisten, Fotografen, Übersetzer, Schauspieler, Fitnesstrainer, Architekten. „Touristen-Guides nerven!“

Statt Führungen verspricht „Local Friends“ deshalb Begegnungen, statt offiziellen Routen Geheimtipps, gemütliche Bummel, Radausflüge, Essen, Musik und Tanzen, was man eben mit Freunden so macht. Im Gegensatz zu anderen Reise-Netzwerken im Internet wie etwa Couchsurfing kostet der Freundschaftsdienst allerdings Geld, und das nicht zu wenig: Je nach Stadt muss man für vier Stunden 60 bis 120 Euro zahlen, für einen ganzen Tag zwischen 140 und 220 Euro. Dadurch bekomme das Ganze Verbindlichkeit, sagt Alice. Beide Seiten könnten sich darauf verlassen, dass es dann auch klappt.

Flavia führt mich an diesem Nachmittag von Ipanema weiter zur Lagoa Rodrigo de Freitas, der Lagune im Rücken der Strandviertel. Die Wohnblocks, die bis ans Ufer drängen, stehen Spalier um die glatte Wasserfläche: Raum zum Luftholen mitten in der Sechs-Millionen-Stadt. Wir mieten ein Fahrrad für mich, Flavia hat ihr eigenes dabei. Dann rollen wir am Wasser entlang. 7,8 Kilometer ist eine Runde um die Lagune, vorbei an Bolzplätzen, Ruderclubs und dem Hipódromo, der großen Pferderennbahn. Unterwegs trinken wir aus grünen Kokosnüssen, beherzt aufgeschlagen von einer hutzeligen Verkäuferin. Nach ein paar Kilometern biegen wir ab zum Botanischen Garten, wo wir unsere Räder abstellen und die Stadt ganz hinter uns lassen.

Selbst das Dröhnen des Verkehrs verliert sich im Dickicht dieses Parks, den der portugiesische Prinzregent Dom João vor gut 200 Jahren anlegen ließ. So ist er auch der perfekte Drehort für die neue Telenovela, die täglich um sechs Uhr läuft. Denn die spielt, so erzählt mir Flavia, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine Geschichte zweier ungleicher Frauen aus der Oberschicht der Stadt, die für ihre Freiheit und – natürlich – ihre unerfüllte Liebe kämpfen. Wir schauen den Dreharbeiten ein Weilchen zu, spazieren weiter, und Flavia erzählt mir von ihrer Arbeit als Theaterproduzentin, von den Papierschlachten um öffentliche Zuschüsse und private Sponsoren, von dem Jura-Studium, das sie nebenbei auch noch macht, von ihren Lieblingsbars in der Stadt.

Der Nachmittag scheint immer schneller zu vergehen. Als wir zurückradeln, dämmert es schon. Wolkenfetzen ziehen über die Felsen. Ich gebe mein Fahrrad zurück. Dann Küsschen rechts, Küsschen links. Und, ja, stimmt, 180 Reais, gut 60 Euro, muss ich Flavia auch noch geben, denn hier endet unser Mietgeschäft. Etwas betreten schaue ich meiner ehemaligen Freundin hinterher, und doch irgendwie zufrieden. Dann schlendere ich los durch die Straßen von Ipanema – auf der Suche nach der Haltestelle General Osório und ihrem Haupteingang.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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Jahrgang 1983, Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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