Jeden Morgen guckt Warren Hoselton, ob sie noch da ist. Hoselton schubst seinen Drehstuhl nach links und schaut aus dem Bürofenster. Er sieht einen Anlegesteg, Wasser und einen dunkelgrünen Streifen: die Insel Toronto Island. Seine Insel. Gegenüber vom Finanzdistrikt am Südrand Torontos, wo sich die Hochhäuser dicht an dicht drängen und die Straßenfluchten so verschattet sind, dass hier regelmäßig Filme gedreht werden, die in New York spielen sollen.
Vor den Hochhäusern, am Ufer des Festlands, liegt ein kleiner Bungalow, Hoseltons Büro. Hoselton ist „Park Ambassador“, so etwas wie der Abteilungsleiter von Toronto Island. Und ja, auch an diesem Morgen ist sie noch da, die Insel, auf der es keine Autos gibt, dafür eine kleine Kommune.
Wie ein großes Kanu
„Die Insel hat sich in den vergangenen dreißig Jahren nicht verändert“, sagt Hoselton. Er trägt ein Schlüsselband um den Hals, seit 13 Jahren arbeitet er für die Stadt. „Und das ist gut.“ Hoselton hat Gartenbau und Landschaftsarchitektur studiert, oft sagt er: „Bäume sind die Antwort.“ Und davon gibt es drüben eine Menge, Weiden und Pappeln.
Der Ventilator surrt hin und her, Hoseltons Haare wehen zur Seite. Es ist einer dieser Tage, an denen keine Klimaanlage stark genug ist. 33, 34 Grad hat es, seit Wochen, ein typischer Sommer. Hoselton muss gleich hinüber auf seine Insel, Leute wegschicken. Anhänger der „Occupy“-Bewegung haben ihre Zelte aufgeschlagen, aber wildes Campen ist auf der Insel verboten. Bäume sind die Antwort.
Wie ein großes Kanu liegt die Insel im Ontariosee, direkt vor Toronto, zerklüftet in einzelne Teile, die Ward’s, Algonquin, Hanlan, Center, Muggs oder Snake heißen. Sie sind verbunden durch Brücken und Wege, man kommt über Wasserläufe oder Sumpfgebiete von einem Teil zum anderen. Wer morgens mit der Fähre aus der Stadt übersetzt, 15 Minuten nur, der sieht als erstes ein Schild: „Please Walk on the Grass“. Trotzdem will kaum einer über das Gras laufen, überall sind Boote, Kanus und Yachten. Sie liegen am Ufer, lehnen an der Inselkirche - kommt schon nichts weg hier. Anders als drüben in den Glastürmen, wo Banker alle paar Sekunden das große Geld machen oder auch nicht.
In zehn Jahren auf Nummer 260 vorgerückt
Auf der Insel nimmt man sich einen Liegestuhl vor dem „Island Café“. Eiswürfel klackern in der hausgemachten, roséfarbenen Limonade, der Blick fällt auf die Fernsehturmspitze des CN Tower, das Wahrzeichen der Stadt. Die Leute liegen auf Ward’s Island am Strand oder baden am Hanlan’s Point Beach im Westen, einem von zwei offiziellen Nacktbadestränden in Kanada. Sie schlendern zwei Kilometer über den Ufersteg mit den Holzbohlen, vorbei an Jungs mit Angelruten, machen halt im „Rectory Café“, dem einstigen Pfarrhaus. Sie essen unter Bäumen einen Ontario Burger, sehen auf den ozeanweiten See im Süden. Sie paddeln durchs Vogelschutzgebiet, zücken ihr Fernglas, auf der Suche nach Keilschwanzregenpfeifern. Sie radeln über die kleine Brücke nach Snake Island, durchs Gebüsch an den Strand. Und alle sind sie erschlagen von der Schönheit der Stadt, die in der Ferne im Smog liegt. Sie tauchen ihre Füße ins klare Wasser, wissend: Da drüben, das ist das Leben der anderen.
Wie sehr dieses Inselgefühl zur Stadt gehört, zeigt die Regisseurin Sarah Polley in „Take this Waltz“, dem Film dieses Sommers. Hauptdarstellerin Michelle Williams flüchtet darin aus der Hitze der Stadt auf die Insel, in einem kleinen blauen Trägerhemd auf der Fähre stehend. Der Wind fährt ihr in die Haare, sie ist berauscht von der Musik und vom Glück. Und es spielt keine Rolle, dass man alles mühsam heranschaffen muss und im Winter der Eiswind über die Insel weht.
Offiziell sind die Inseln ein Park. Auf Ward’s und Algonquin Island wohnen dennoch 700 Menschen. Lehrer, Anwälte, einer baut Radanhänger, zwei Frauen haben eine App für die Fahrpläne der Fähre entwickelt. Wer auf die Insel ziehen will, muss eine der Stadtvillen oder eines der windschiefen Häuschen erben. Oder auf die berüchtigte „Liste“ mit den 500 Plätzen kommen. Parkchef Hoselton steht auch drauf, seit zehn Jahren. Inzwischen ist er auf Nummer 260 vorgerückt. Er ist 51, bis zur Rente schafft er es vielleicht auf seine Insel.
Nur die Häuser sind heute höher
Baye Hunter hat geerbt. Ein waldgrünes Haus mit einer roten Hängematte davor. Sie sitzt auf der Terrasse, in einem dünnen Kleid, das Wasserglas in Reichweite. Als Hunters Vater Ende der neunziger Jahre starb, zog sie mit ihrer Familie her. „Es ist ein Privileg, hier zu leben“, sagt sie. Auch ohne Supermarkt. Sie unterrichtet Englisch als Fremdsprache, nebenher malt sie die Häuschen der Insel, kleine Aquarelle, bei den Nachbarn hängt auch eins.
Von Hunters Terrasse aus sieht die Stadt genau so aus wie auf dem Ölgemälde von 1850, das drüben im „Royal Ontario Museum“ hängt. Erst eine arkadische Szene auf der Insel, dann die weite Bucht, dahinter der dichte Klumpen Stadt. Nur die Häuser sind heute höher. Ein Golden Retriever läuft durch den Garten, Baye stört sich nicht daran. „Wir sind die Treuhänder der Insel, wir kümmern uns um jeden Baum.“
„Von der Insel aus wirkt die Stadt geheimnisvoll“, schrieb Margaret Atwood in ihrem Roman „Die Räuberbraut“, „wie eine Fata Morgana, wie das Cover eines Science-Fiction-Buchs.“ Baye Hunter liest seit Jahren die Skyline wie andere die Zeitung. Sie deutet auf die Kräne. „Überall entstehen Türme mit Eigentumswohnungen.“ Junge, wohlhabende Familien ziehen dorthin, ihre Kinder schicken sie auf die kleine Schule hier.
Vom Festland her leuchtet der CN Tower in wilden Farben
In Baye Hunters Garten steht ein Protestschild. Sie ist gegen den Inselflughafen, der ausgebaut werden soll, obwohl man jetzt schon kein Foto ohne Flugzeuge machen kann, weil so viele starten und landen. Auf der Insel zu leben, steht für eine politische Haltung, nicht nur wegen der autofreien Zone. Die Bewohner verehren Jack Layton, Ex-Parteichef der Sozialdemokraten und lange im Stadtparlament, er kämpfte immer auf Seiten der Insulaner. Er heiratete hier, pflanzte einen Baum, und als er 2011 starb, verstreute man seine Asche, und pflanzte einen Baum. Dass sich die Inselbewohner wehren, hat Tradition auf Toronto Island. Seit Ende des 19. Jahrhunderts kommen die Städter fürs Wochenende. Wer wollte, baute – und blieb. Als Mitte der 50er die Stadt alles abzureißen begann, um einen Park anzulegen, protestierten die Insulaner mit aller Gewalt. Ein Teil der Häuser blieb. 1980 sollte der Rest abgerissen werden, die Bewohner machten Sitzblockaden.
Die „Occupy“-Anhänger, die Parkwächter Hoselton wegschicken soll, sind nicht mehr da. Oder gut versteckt in der Weitläufigkeit der Westinsel. In der Künstlerresidenz, oben am Gibraltar Point neben dem Leuchtturm, sind sie jedenfalls nicht. Die Residenz ist eine alte Schule mit großen Ateliers und kleinen Schlafzimmern für Maler, Autoren, Filmer. Wer sich bewirbt, kann bleiben, ein wenig zumindest. Alle anderen müssen zurück, die Abendfähren sind voll. Der Wind frischt auf, der Himmel verfärbt sich. Ob man am Yachthafen war, flüstert ein Fährmann, als man von Bord geht. „Das finden Touristen nicht. Von dort hat man den besten Blick.“
Und schon ist man versucht, einfach auf der Fähre zu bleiben, zurück zur Insel zu fahren. Mit einem Drink dort zu sitzen, während das Wasser an die Schiffe schwappt, die Seile an den Segelmasten klappern, und vom Festland her leuchtet der CN Tower in wilden Farben. Das wären sie einem wert, die 30 Dollar fürs Wassertaxi zurück in die Stadt, geradewegs auf die Skyline zu, die im Schwarz der Nacht glitzert.
Anreise Lufthansa und Air Canada fliegen von Frankfurt und München aus direkt nach Toronto, Hin- und Rückflug kosten 800 bis 1200 Euro.
Weiterfahrt Das Fähr-Terminal ist hinter den letzten Hochhäusern versteckt,an der Ecke Bay Street und Queen’s Quay. Drei Fähren fahren verschiedene Punkte auf der Insel an, Hin- und Rückfahrt für umgerechnet 6 Euro (www.torontoislandferryfinder.com). Wer abends die letzte Fähre in die Stadt verpasst, ruft das Wassertaxi: www.torontowatertaxi.weebly.com (knapp 25 Euro pro Fahrt).
Unterkunft Zum Beispiel im „Fourth St. Bed & Breakfast“: hell und schlicht, mit Blick auf die Bucht, 82 Euro/Nacht für zwei Personen, E-Mail-Kontakt: fourthstbb@hotmail.com. Oder alternativ im „Smileys B&B“ übernachten: Dachzimmer oder Studio für 88 bis 193 Euro/Nacht. Kontakt und Reservierungen per E-Mail: bnb@erelda.ca.
Wohnen und Leben mit internationalen Künstlern im Gibraltar Point Artscape. Unterkunft und Atelier kosten 285 Euro/Woche. Weitere Informationen auf www.torontoartscape.org/artscape-lodge.
Essen & Trinken Das „Island Café“ auf Ward’s Island hat Strandcafé-Atmosphäre und ist relativ günstig (www.torontoislandcafe.com).
Der Yachthafen „Marina“ mit Café und Restaurant ist auf Center Island, dort gibt es gute Aussicht und gute Drinks (www.torontoislandmarina.com).
Gehobenere Küche mit Seeblick gibt es im „Rectory Café“ auf Algonquin Island (www.therectorycafe.com).
Lektüre Inselleben: Margaret Atwood: „Die Räuberbraut“, S.Fischer, 592 Seiten, 10 Euro. Schwimmen: Leanne Shapton: „Swimming Studies“, Particular, 336 Seiten, 15 Euro
Weitere Informationen Diverse Tipps, auch zu Bed&Breakfasts, auf www.torontoisland.org
Home sweet home
Egon Weissmann (EgonOne)
- 26.08.2012, 23:01 Uhr