Home
http://www.faz.net/-gxj-72dbo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Toronto Island Auf der anderen Seite die Stadt

Wem Toronto im Sommer zu heiß wird, der flieht an den Ontariosee, auf die Insel, wo Bäume die Antwort sind.

© Anne Haeming Vergrößern Sollen sie doch drüben in ihren Hochhäusern schwitzen. Auf Toronto Island im Ontariosee zählen andere Dinge

Jeden Morgen guckt Warren Hoselton, ob sie noch da ist. Hoselton schubst seinen Drehstuhl nach links und schaut aus dem Bürofenster. Er sieht einen Anlegesteg, Wasser und einen dunkelgrünen Streifen: die Insel Toronto Island. Seine Insel. Gegenüber vom Finanzdistrikt am Südrand Torontos, wo sich die Hochhäuser dicht an dicht drängen und die Straßenfluchten so verschattet sind, dass hier regelmäßig Filme gedreht werden, die in New York spielen sollen.

Vor den Hochhäusern, am Ufer des Festlands, liegt ein kleiner Bungalow, Hoseltons Büro. Hoselton ist „Park Ambassador“, so etwas wie der Abteilungsleiter von Toronto Island. Und ja, auch an diesem Morgen ist sie noch da, die Insel, auf der es keine Autos gibt, dafür eine kleine Kommune.

Wie ein großes Kanu

„Die Insel hat sich in den vergangenen dreißig Jahren nicht verändert“, sagt Hoselton. Er trägt ein Schlüsselband um den Hals, seit 13 Jahren arbeitet er für die Stadt. „Und das ist gut.“ Hoselton hat Gartenbau und Landschaftsarchitektur studiert, oft sagt er: „Bäume sind die Antwort.“ Und davon gibt es drüben eine Menge, Weiden und Pappeln.

21097124 Mit Seeblick: Pause im früheren Pfarrhaus © Anne Haeming Bilderstrecke 

Der Ventilator surrt hin und her, Hoseltons Haare wehen zur Seite. Es ist einer dieser Tage, an denen keine Klimaanlage stark genug ist. 33, 34 Grad hat es, seit Wochen, ein typischer Sommer. Hoselton muss gleich hinüber auf seine Insel, Leute wegschicken. Anhänger der „Occupy“-Bewegung haben ihre Zelte aufgeschlagen, aber wildes Campen ist auf der Insel verboten. Bäume sind die Antwort.

Mehr zum Thema

Wie ein großes Kanu liegt die Insel im Ontariosee, direkt vor Toronto, zerklüftet in einzelne Teile, die Ward’s, Algonquin, Hanlan, Center, Muggs oder Snake heißen. Sie sind verbunden durch Brücken und Wege, man kommt über Wasserläufe oder Sumpfgebiete von einem Teil zum anderen. Wer morgens mit der Fähre aus der Stadt übersetzt, 15 Minuten nur, der sieht als erstes ein Schild: „Please Walk on the Grass“. Trotzdem will kaum einer über das Gras laufen, überall sind Boote, Kanus und Yachten. Sie liegen am Ufer, lehnen an der Inselkirche - kommt schon nichts weg hier. Anders als drüben in den Glastürmen, wo Banker alle paar Sekunden das große Geld machen oder auch nicht.

In zehn Jahren auf Nummer 260 vorgerückt

Auf der Insel nimmt man sich einen Liegestuhl vor dem „Island Café“. Eiswürfel klackern in der hausgemachten, roséfarbenen Limonade, der Blick fällt auf die Fernsehturmspitze des CN Tower, das Wahrzeichen der Stadt. Die Leute liegen auf Ward’s Island am Strand oder baden am Hanlan’s Point Beach im Westen, einem von zwei offiziellen Nacktbadestränden in Kanada. Sie schlendern zwei Kilometer über den Ufersteg mit den Holzbohlen, vorbei an Jungs mit Angelruten, machen halt im „Rectory Café“, dem einstigen Pfarrhaus. Sie essen unter Bäumen einen Ontario Burger, sehen auf den ozeanweiten See im Süden. Sie paddeln durchs Vogelschutzgebiet, zücken ihr Fernglas, auf der Suche nach Keilschwanzregenpfeifern. Sie radeln über die kleine Brücke nach Snake Island, durchs Gebüsch an den Strand. Und alle sind sie erschlagen von der Schönheit der Stadt, die in der Ferne im Smog liegt. Sie tauchen ihre Füße ins klare Wasser, wissend: Da drüben, das ist das Leben der anderen.

Wie sehr dieses Inselgefühl zur Stadt gehört, zeigt die Regisseurin Sarah Polley in „Take this Waltz“, dem Film dieses Sommers. Hauptdarstellerin Michelle Williams flüchtet darin aus der Hitze der Stadt auf die Insel, in einem kleinen blauen Trägerhemd auf der Fähre stehend. Der Wind fährt ihr in die Haare, sie ist berauscht von der Musik und vom Glück. Und es spielt keine Rolle, dass man alles mühsam heranschaffen muss und im Winter der Eiswind über die Insel weht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wahl in Griechenland Die Hoffnung stirbt zuletzt

Wer auf die Insel Skopelos kommt, mag die Einwohner zunächst um ihre paradiesische Heimat beneiden. Doch die Krise ist hier so präsent wie überall in Griechenland. Ein Besuch vor der Wahl. Mehr Von Alexia Angelopoulou, Skopelos

23.01.2015, 18:51 Uhr | Wirtschaft
Design-Boom in Island Neue Mode braucht das Land

Ob Möbel-, Mode- oder Produktdesign – Islands Kreativszene ist am boomen. Früher spielte Island in Sachen Design eine unbedeutende Rolle. Seit der Wirtschaftskrise holt die kleine Vulkaninsel auf. Mehr

23.12.2014, 19:36 Uhr | Stil
Australian Open Petkovics Kampf gegen die Dämonen

Zwei Turniere, zwei Niederlagen in Runde eins: Andrea Petkovic ist nicht eben stark ins neue Tennis-Jahr gestartet. In Melbourne sucht sie nicht nur nach der Form, sondern auch einen neuen Trainer. Mehr Von Doris Henkel, Melbourne

19.01.2015, 18:02 Uhr | Sport
Großbritannien York - Mittelalter-Romantik in England

Zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Mittelalterstadt gehören die Kathedrale York Minster und der Clifford´s Tower. Am besten entdecken lässt sich die Stadt bei einem Spaziergang auf der alten Stadtmauer. Mehr

21.11.2014, 15:20 Uhr | Reise
Opel mit dabei Hessentag 2017 in Rüsselsheim

Für Ministerpräsident Bouffier ist das Landesfest eine Erfolgsgeschichte. Jährlich über eine Million Besucher sind seiner Meinung nach das beste Argument gegen Kritik. 2017 ist die Opel-Stadt am Zug. Mehr

15.01.2015, 14:29 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.08.2012, 20:11 Uhr