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Tokio : Die gezeichnete Stadt

Tokio - zwischen Moderne und Tradition Bild: AFP

Tokio ist eine Mischung aus japanischer Tradition und westlicher Moderne. Ein Rundgang durch die Bilder, die eine Stadt von sich machte, zeigt uns, wie die Stadt sich neu entwarf.

          Wir waren von Singapur aus geflogen, wo gerade ein nächtliches Autorennen mitten in der Stadt veranstaltet wurde; die Rennwagen zimmerten mit einem infernalischen Heulen um die Ecken, es knackte und krachte in den Lautsprechern, die Klimaanlagen fauchten, die Rennwagen rasten, hinten baumelten ein paar Multimillionäre im stillstehenden Riesenrad und versuchten, ihre Ferngläser vor die Augen zu pressen und gleichzeitig die Champagnerkelche nicht fallen zu lassen; die ganze Stadt war taghell erleuchtet und zitterte vor Lärm und vor Hitze, es war ein großer Wahnsinn.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir nahmen die letzte Maschine nach Tokio; sie hob pünktlich um Mitternacht ab und landete am frühen Morgen. Eine Stunde später wurden wir von der Drehtür hineingewirbelt in die Halle des „Hotels Okura“, auf einen dicken, weichen Teppich, der den Lärm, das Flutlicht, das Gehämmer der neuen Welt zu schlucken schien; es war, als falle man in einen Schrein aus Watte.

          Als das „Okura“ im Mai 1962 eröffnet wurde, war es das erste Grandhotel Japans. Yoshiro Taniguchi hatte es entworfen, und für japanische Verhältnisse sah es unfassbar amerikanisch und futuristisch aus. Es stammt aus einer Zeit, in der Japan sich neu erfand und dabei auf Hilfe aus den Vereinigten Staaten zählen konnte: Im amerikanischen Strategieplan war das besiegte Japan ein wichtiger Vorposten im Kampf gegen den Kommunismus, die wirtschaftliche Aufbauhilfe wurde sehr erfolgreich in die Entwicklung von Dingen gesteckt, mit denen man dann den amerikanischen Markt eroberte.

          Seit ihrer Eröffnung ist die Orchid Bar – wie auch die Lobby des „Okura” - nicht verändert worden
          Seit ihrer Eröffnung ist die Orchid Bar – wie auch die Lobby des „Okura” - nicht verändert worden : Bild: Hotel Okura/Tokio/ Foto: h.o.

          Traditionelle Dunkelheit

          Im „Hotel Okura“ geht alles lautlos: Die Angestellten scheinen höflich nickend über den Boden zu gleiten und verschwinden in den Tiefen der Halle, die mit Sicherheit eine der fünf schönsten Hotellobbys der Welt ist. Jedes Detail hier sieht aus, als hätte man ein paar Jahrhunderte lang über seine Form nachgedacht, die sechseckigen Lampen im Kiriko-Tamagata-Stil zum Beispiel. Jun’Ichiro Tanizaki hat 1933 in seinem Essay über das „Lob des Schattens“ beschrieben, wie wichtig die Dunkelheit in traditionellen japanischen Häusern ist; erst im unbestimmten Dämmerlicht käme die Schönheit der japanischen Lackarbeiten zur Geltung, und auch im „Okura“ ist das Licht, das durch die Papierwände fällt, auf eine feierliche Weise matt und spiegelt sich im Messing und in den lackierten Tischen. Weiter oben verspricht man Reisenden aus Übersee, ihnen ihren Jetlag mit neuen Methoden zu entfernen, und zwar durch Massagen, Bestrahlung durch große Lichtduschen und Sauerstoffapparate, deren Duft man selbst eingeben kann.

          Wem das unheimlich ist, kann immer noch auf die traditionelle Weise an der Bar versuchen, den Jetlag wegzutrinken. Seit ihrer Eröffnung ist die „Orchid Bar“ – wie auch die Lobby des „Okura“ – nicht verändert worden, der ästhetische Verwüstungssturm der achtziger Jahre hat hier keine Spuren hinterlassen, sogar die alten Telefone mit den giftgrünen Bakelithörern stehen für Ferngespräche bereit – man betritt hier ein Standbild aus der Vergangenheit der Zukunft, wie man es sonst so nur in Brasília findet. Jeder, der nicht so angezogen ist wie Don Draper, wirkt hier jedenfalls völlig fehlplaziert.

          Reduktion: Befreiung statt Verlust

          Das „Okura“ ist ein Architekturdenkmal: Wenn man ein traditionelles japanisches Teehaus mit dem besten, was Mies van der Rohe je gebaut hat, zusammenschraubt, bekommt man genau dies – eine Mischung aus japanischer Tradition und westlicher Moderne, wobei diese westliche Moderne natürlich der japanischen Bautradition viel verdankt: Frank Lloyd Wright war nach Japan gereist, bevor er die amerikanische Moderne erfand, und was wir Minimal Art nennen, hat seine Ursprünge auch in dem feinen, von allen Ornamenten befreiten Sukiya-Stil des 17. Jahrhunderts, der Reduktion traditionell nicht als Verlust, sondern als Befreiung von überflüssigem Ballast ansieht.

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