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Tobago Der Tag, an dem das Schiff kam

 ·  Wer nach Tobago fährt, findet Sonne, Palmen, feine karibische Strände und ein rätselhaftes Nationaltier. Doch nicht nur das: Die Insel hat eine dunkle und faszinierende Vergangenheit.

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© Wolfgang Stahr Der Strand am Pigeon-Point-Nationalpark verträgt noch Gäste

Die Wellen an der Mount Irvine Bay waren in der Erinnerung der Surfer nie so hoch wie in den Tagen vor der Wahl. Natürlich stimmte das nicht ganz, aber die Männer mit ihren wendigen Shortboards konnten sich kaum an bessere Wellen erinnern. Die anderen hatten diese Tage auf Tobago in weniger guter Erinnerung: Die Fischer hatten viele Boote verloren, die Badegäste die Geduld und die Politiker fast die Nerven. Es war Sturm, es war Wahlkampf, und die Parolen wurden aus Lautsprechern, die auf rostige Autos montiert über die Insel rollten, in den Sturm geschrien, als wollte man mit der scheppernden Musik und den scheppernden Parolen nicht nur die Wahl, sondern auch den Kampf gegen die Elemente gewinnen.

Und dann wäre der Wahlkampf beinahe ein Faustkampf geworden - und das ausgerechnet wegen einer Bootsmetapher: Ein Schiff aus Kalkutta werde kommen und die Insel bald einnehmen, kläffte ausgerechnet ein Parteivorsitzender der PNM, einer traditionsreichen Partei, die für relative Stabilität und Seriosität steht. Der Spruch mit dem indischen Schiff war eine Anspielung, die nicht gut ankam.

1845, neun Jahre nachdem die Sklaverei in allen englischen Kolonien abgeschafft worden war, hatte das berüchtigte Schiff aus Kalkutta tatsächlich angelegt: Die Pflanzer der Zuckerrohr- und Kakaoplantagen suchten nach dem Ende der Sklaverei dringend billige Arbeitskräfte, die Inder waren bereit, deswegen gibt es eine indische und eine afrikanische Geschichte auf den Inseln. Die Regierung in Trinidad, wo die Bevölkerung zu vierzig Prozent von indischen Einwanderern abstammt, unterstützte die Herausforderer der Partei PNM, die TOP - und das mit Steuergeldern, was den fast ausschließlich afrikanischstämmigen Tobagoniern, die sich von Trinidad nicht gut vertreten fühlen und empfindlich auf Korruption reagieren, missfällt.

Eine Rassenfrage daraus zu machen und mit Überfremdungsbooten zu drohen war fahrlässig. In der Nebensaison halten die Nachbarn aus Trinidad den Tourismus auf Tobago am Laufen. Die Bootsbemerkung könnte jetzt das Verhältnis dauerhaft verschlechtern. Das weiß auch Handel Beckles. Er hat bei diesen Wahlen erstmals für die PNM kandidiert, er hat in den Vereinigten Staaten studiert, er ist ein junges Gesicht. Seine Partei gewann letztlich in allen zwölf Bezirken, der alte populistische Hetzer wurde aus den Reihen entfernt. Die Wogen glätten sich langsam wieder, der Sturm scheint vorüber.

Wenn man sich der afrikanischen Geschichte der Tobagonier und dem komplizierten Gemenge der Empfindlichkeiten wirklich nähern will, dann spricht man sie am besten nicht direkt darauf an, sondern geht in ein Haus. „Richmond Great House“ steht über dem geschmiedeten Tor dieses Gebäudes, ein paar Buchstaben fehlen, Mangos liegen auf dem Weg. Als Professor Hollis R. Lynch die Plantagenbesitzer-Villa 1973 kaufte, war er bereits Professor an der New Yorker Columbia University. Er hatte zahlreiche Schriften zu Panafrikanismus und afroamerikanischer Geschichte veröffentlicht und mit den Intellektuellen der Black-Panther-Bewegung 1969 eine Fakultät für African Studies gegründet.

Er hatte angefangen, afrikanische Skulpturen, Masken und kunstvoll gearbeitete Möbel zu sammeln, die sich jetzt hier befinden, im „Richmond Great House“, das eines der am besten erhaltenen Häuser der Kolonialzeit ist. Die Kleinplastiken in den Vitrinen, die Gefäße, Dutzende handgeschnitzter Gehstöcke in einer Bodenvase, die throngleichen Lehnstühle lassen das Anwesen dabei kein bisschen museal wirken. Es ist eher, als sei man von einem besonders interessanten, weitgereisten Bekannten nach Hause eingeladen worden, der später all seine Geschichten erzählen wird.

Geheimnis eines Hauses

Es ist die Geschichte eines einheimischen jungen Mannes, der Tobago verließ, um in Nordamerika und Afrika über die Geschichte seiner Ahnen zu forschen. Er arbeitete an Universitäten in Vancouver, Nigeria und New York. Er hat vier erwachsene Kinder, seine Töchter waren Spitzenathletinnen und blicken auf Modelkarrieren zurück. Ein, zwei Mal im Jahr kommt er selbst in sein 1760 errichtetes Haus, das einmal das Zentrum der britischen Kolonialherren war.

Eine angenehme Brise zirkuliert über die dunklen Tropenholzböden durch die kleinen Oberlichter in den hohen Giebeln. Das gute Klima im Haus hatte damals das Anwesen sofort zum Treffpunkt aller Plantagenbesitzer der Insel gemacht. „Wir stellen uns immer vor, dass sie hier saßen und ihren Nachmittagstee tranken“, sagt David Harvey, der Manager des „Richmond Great House“, der gerade vom Pool heraufkommt. Der Blick durch die hohen Fenster geht über die Richmond Bay hinaus auf den Atlantik und auf der anderen Seite über die sanften, unfassbar üppig bewachsenen Hügel, die einmal jene Plantagen waren, auf denen Professor Hollis Lynchs Vorfahren als Sklaven arbeiteten. Sein Haus ist ein großzügiger Versuch, Kultur und Wissen gegen Unrecht zu setzen, mit einer friedfertigen Armee aus Masken und Figuren, handgeschnitzten Nachbildungen schöner, unversehrter menschlicher Körper.

Wo Plantagen waren, ist jetzt wieder Regenwald - im Herzstück der Insel steht er bereits seit 1899 unter Schutz, und wer sich auf die wenigen Pfade hindurchbegibt, sieht eine vor Vitalität überbordende Insel. Außer für Surfer, Kiter, Taucher und Schnorchler ist die Insel ein Paradies für Vogelbeobachter. Rätselhaft nur, warum ausgerechnet eine unglückliche Mischung aus Taube und Huhn zum Nationaltier der Insel erklärt wurde. „Chachalaca“, machen die graubraunen Nickvögel, und so heißen sie auch, es klingt wie ein abgewürgter Motor. Wenn ein Diademsägeracke, auch Mot-Mot genannt, in tropischem Grünmetallic in der Nähe landet, gehen sie zeternd in die Flucht. Auf Tobago scheint man die schöne Idee zu verfolgen, dass Vögel selbst am besten wissen, wie sie heißen.

„Chachalaca“ hat auch die Künstlerin Luise Kimme ihren autobiographischen Bericht über ihre Auswanderung nach Tobago genannt, doch eigentlich ist sie ein Mot-Mot. Ihr scharfer Blick ist grünmetallic. „Ich hab’ keine Lust mehr, diese Fragen zu beantworten - wie viele Hunde haben Sie, wie lange sind Sie schon hier. Das interessiert doch keinen. Steht alles in den Büchern, lesen Sie mal, und dann reden wir“, grummelt sie und verschwindet, um Sorrel-Limonade zu holen, einen süßen, dunkelroten Hibiskussaft. 1979 entdeckte die deutsche Bildhauerin auf ihren Reisen Tobago und seine Bewohner, kaufte Land, befreite es mit der Machete vom Dschungel und baute eine Scheune, später ein kleines Fantasy-Schloss, in dem sie an ihren mannshohen Holzskulpturen arbeitet.

Schlanke dunkle Männer und Frauen in Bewegung. Da ist er wieder, der afrikanische Körper - kein so einfaches Sujet, in Deutschland wahrscheinlich ein undenkbares. Darum ist sie ja hier. Kimme war lange Professorin an der renommierten Akademie in Düsseldorf. „Drei Monate hier, drei Monate da“, sagt sie mit einem Wo-ist-das-Problem-Schulterzucken. Sie sieht sich in der Tradition von Bildhauern wie Kolbe und Lehmbruck. „Aber den menschlichen Körper abzubilden - das war in Deutschland nach den Nationalsozialisten absolut nicht mehr drin.“ Hier bildet sie die „beautiful people of Tobago“ ab, heitere Tanzszenen, andeutungsweise kultische Motive, manches giacomettihaft stilisiert.

Ihre große Stärke sind Gesichter, sanft, stark, ebenmäßig, feine Nasen, halb gesenkte Lider. Eine Idealisierung, natürlich. Es muss auch Enttäuschungen gegeben haben, sonst würde sie nicht so stumm abwinken bei der Frage, ob sie auch den Einheimischen ihre Kunst vermittle. Kimme wird bald auf ihrem Anwesen das Kimme Museum Institute einrichten, eine Art Sommerschule für solvente US-Kunststudenten, Schwerpunkt Kleinplastik. Außerdem ist ihr bewohntes Museum jeden Sonntagmorgen für Besucher geöffnet. Auf der Liste der Kreuzfahrttouristen, die hier jedes Wochenende kurz anlegen, steht sie nicht, denn die suchen Formen und Farben draußen am Riff durch den Glasboden der Ausflugsboote; sie bleiben draußen, unten, am Wasser. Und so behält die Insel doch noch einige ihrer schönsten Geheimnisse für sich.

Der Weg nach Tobago

Anreise Condor fliegt einmal pro Woche von Frankfurt nach Tobago (www.condor.com, immer montags, ab 600 Euro) oder mit British Airways über London (dort aber Flughafenwechsel!) nach Scarborough.

Unterkunft Das (gesamte) „Richmond Great House“ kostet 5.000 Dollar pro Woche, für bis zu 16 Personen. Doppelzimmer im Gästehaus: Preis auf Anfrage (info@richmondgreathouse.com). In den „Villas at Stone-haven“ kostet die Villa 520 Dollar pro Nacht (www.stonehavenvillas.com). Schöne einfache Apartments mit Balkon über der Bucht des Fischerdorfs Castara bei „Alibaba Sea Breeze“, Doppelzimmer 85 Dollar (www.alibaba-tours.com). Infos beim Fremdenverkehrsamt Tel. 089/552533800, www.gotrinidadandtobago.com

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