09.12.2011 · Einen Tiger in freier Wildbahn zu sehen ist extrem schwierig. Dazu braucht man viel Geduld und noch mehr Glück. Was aber ist, wenn man Pech hat? Dann kommt man wenigstens mit dem Leben davon.
Von Jakob Strobel y SerraWir haben den Tau schmelzen sehen und uns vor dem Gespensterbaum gefürchtet. Wir sind der kolossalsten Kuh der Erde begegnet und vergeblich dem Urwald-Yeti hinterhergejagt. Wir haben den Sinn der Sinnlosigkeit verstanden und sind an der Unsichtbarkeit des Unzweifelhaften fast verzweifelt. Wir haben unser Leben aufs Spiel gesetzt und sind trotzdem nicht vom Tiger gefressen worden. Wir haben nämlich keinen einzigen gesehen. Ist unsere Reise ins Reich der stärksten aller Raubkatzen also ein Reinfall gewesen? Oder ist Indien immer noch das Land der ewigen Erkenntnis? Doch fangen wir von vorne an.
Die Morgendämmerung im Kanha-Nationalpark zwingt selbst den unbelehrbarsten Morgenmuffel zur Kapitulation. Wir sind um fünf Uhr aufgestanden, das ist eine dreiviertel Stunde früher als der Beginn des Zweiten Weltkriegs, und sehen trotzdem mit verzücktem Lächeln der Natur beim Aufwachen zu, die sich gerade wie ein glückliches Kind nach einer guten Nacht aus dem Schlaf räkelt. Der Mond steht wie ein treuer Wächter unverdrossen am Himmel, als könne er von seinem Schützling nicht lassen, während die ersten Sonnenstrahlen vorsichtig den Dunst der Dämmerung vertreiben, als rieben sie der Landschaft die letzten Träume aus den Augen. Abertausende von Spinnennetzen schimmern tropfenschwer in den Bäumen, noch sind sie Kunstwerke des Lebens und keine unsichtbaren Todesfallen. Der Tau sammelt sich zu Tropfen und prasselt von den Blättern wie mysteriöser Regen, die Steine glänzen wie in Gold getunkt, das Gras glitzert wie Großmutters Brokatkissen und lässt die Tiger, die es nicht gerne feucht und kalt haben, in die Wärme der sonnenbeschienenen Wege fliehen. Genau deswegen sind wir zu dieser unchristlichen Stunde aufgestanden und hocken nun in der Bittermorgengrauenkälte in einem offenen Jeep, tief gekühlt und hoch gestimmt, bereit zur Tigerjagd, wenngleich nur leicht bewaffnet mit Kamera und Wärmeflasche.
Das Tigerreservat von Kanha im Herzen des zentralindischen Bundesstaates Madhya Pradesh gilt neben dem Corbett-Nationalpark am Fuß des Himalaja als der beste Ort auf dem Subkontinent, um der Nationalraubkatze Indiens in die Augen zu schauen. Fünfzig bis sechzig Tiger leben auf zweitausend Quadratkilometer Fläche unter den wachsamen Augen einer Parkverwaltung, die als die effizienteste und am wenigsten korrupte aller indischen Nationalparks gilt. Sie hat für die Tigertouristen strengste Regeln erlassen, denen sich vom Maharaja bis zum Bauern, vom abendländischen Luxussafarigast bis zur heimischen Vorschulklasse ausnahmslos alle Besucher unterwerfen müssen: Maximal hundertfünfzig Jeeps, allesamt bestückt mit lokalem Fahrer und Führer, sind gleichzeitig zugelassen, und wehe, sie fahren schneller als zwanzig pro Stunde. Essen, Trinken, Telefonieren und Quatsch machen sind während der Fahrt bei Androhung sofortiger Verbannung untersagt. Und austreten darf man nur an den offiziellen Lokusstationen. Denn die schlimmste aller Todsünden ist das unbefugte Aussteigen im freien Gelände. Das Verbot dient, wie uns schaudernd Eingeschüchterten mit einem Raunen gesagt wird, vor allem der eigenen Sicherheit: Kaum setzt man den Fuß auf den Waldboden, kann es passieren, dass die schöne Bestie aus dem Dickicht bricht, um die menschliche Mahlzeit blitzschnell in Dasselbe zu verschleppen.
Fröstelnd, halb aus Furcht, halb aus Kälte, reihen wir uns morgens um sechs in die Warteschlange der Jeeps vor der Nationalparkschranke ein. Die frühe Stunde habe nichts mit Böswilligkeit zu tun, plappert unsere Führerin Ratna in die Morgenstille hinein, ohne uns mit ihrem sonnigen Gemüt wirklich wärmen zu können, sondern mit der Biologie der Raubkatzen. Sie stammten ausnahmslos vom Sibirischen Tiger ab und seien vor zehntausend Jahren nach Indien eingewandert. Nach biologischer Zeitrechnung sind sie also gerade erst eingezogen und haben sich noch immer nicht an die Hitze gewöhnt. Deswegen ist die Chance einer Begegnung mit dem Raubtier, das sich alle zwei, drei Tage fünfzig, sechzig Kilo Frischfleisch beschaffen muss, früh morgens und am späten Nachmittag am größten - und deswegen werden wir in den nächsten Tagen immer sechs Stunden am Vormittag und dreieinhalb am Nachmittag auf der Pirsch verbringen. Dazwischen ist Siesta, obligatorisch für Mensch, Tier und Park.
Die Suche nach dem Herrscher des Dschungels, der drei Meter lang und sechs Zentner schwer werden kann, ist ungeachtet dieser imposanten Ausmaße eine delikate Angelegenheit. Anders als der Löwe in der afrikanischen Savanne liegt er nicht gut sichtbar und stinkfaul auf dekorativen Hügeln, sondern macht sich im undurchdringlichen Urwald unsichtbar. Doch unsichtbar ist nicht inexistent. Er ist da, unzweifelhaft, wir spüren ihn im Nacken und fühlen seinen misstrauischen Blick auf uns ruhen. Wir erkennen die Spuren seiner Tatzen auf den Wegen, keine halbe Stunde seien sie alt, flüstern die Führer, und hören die Alarmrufe der anderen Tiere, die sich allesamt vor dem Tiger fürchten und sich kollektiv gegenseitig zu warnen scheinen, wenn sich der Räuber in Bewegung setzt: Plötzlich zerschneiden kurze Schreie aus den Kehlen von Affe, Hirsch und Reh die Stille der Morgendämmerung. Sie hören sich an wie die boshafte Solidarität der Beutetiere gegenüber dem Kaiser der Nahrungskette, dem kein einziges anderes Landlebewesen gewachsen ist, selbst ein Elefant nicht, den ein Tiger mit einem Biss in den Rüsselansatz töten kann. Unbesiegbar ist er, bis er alt wird und ihm die Zähne ausfallen und er jämmerlich verhungert, denn im Urwald gibt es kein Altersheim.
Die Alarmrufe kommen jetzt immer näher und scheinen auch uns zu gelten - Menschen, verschwindet, denn gleich geschieht etwas Schreckliches. Doch wir bleiben. Der Jeep hält an, der Fahrer schaltet den Motor aus, die Führerin hält die Hand ans Ohr, wir kneifen die Augen zusammen. Er ist da, ganz nah. Er bewegt sich, der Tod auf Tatzen hat Hunger, er braucht Fleisch. Wir hören das Unterholz knacken und unser Herz pochen. Jede Sekunde kann es so weit sein. Ein Schritt noch aus der Deckung und wir stehen dem fürchterlichsten, unbarmherzigsten, schönsten Raubtier aller Länder Auge in Auge gegenüber. Wir atmen atemlos. Die Spannung sprengt uns fast den Kopf. Zeig dich endlich!
Dass es gleich so weit sein kann, ist ein Wunder, denn um ein Haar hätten die Inder ihre Tiger mit der Gründlichkeit des Zerstörergottes Shiva ausgerottet. Im neunzehnten Jahrhundert gab es noch hunderttausend Tiere, mehr als genug selbst für die Großwildspaßjagden der besseren Stände mit ihrem Massentrophäenabschuss. Doch nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 wuchs die Bevölkerung exorbitant, der Lebensraum der Tiger schrumpfte eklatant, Mensch und Tier bekamen immer öfter Ärger miteinander. Und da die Bauern nun leicht an Gewehre aus zurückgelassenen britischen Armeebeständen gelangten, konnten sie sich endlich gegen die Raubtiere wehren, die ihr Vieh rissen und manchmal auch sie selbst.
Anfang der siebziger Jahre war der Schrecken dann groß, denn nur zweitausend Exemplare hatten das Gemetzel überlebt - ein Schock auch für die große Tigerfreundin Indira Gandhi, die das Ruder mit der Entschlossenheit der Matriarchin herumriss: Sie brachte das „Tiger Project“ auf den Weg, das ehrgeizigste Rettungsprogramm, das wohl jemals einer Tierart gewidmet worden ist. Die Tigerjagd wurde kategorisch verboten, der Handel mit Tigerprodukten geächtet, eine schlagkräftige Naturschutzverwaltung und Dutzende Schutzgebiete entstanden - in Windeseile, denn Indira Gandhi herrschte damals mit ihrer Kongresspartei absolutistisch über Indien und konnte Nationalparks mit einer Handbewegung einrichten. Der Bestand erholte sich, das Land jubelte, doch der Erfolg der ersten fünfzehn Jahre war trügerisch.
Korruption, Nepotismus, Ineffizienz, Inkompetenz und ein paar andere indische Erbkrankheiten brachten den Tiger wieder an den Rand der Ausrottung. Das viele Geld aus dem Schutzprogramm versickerte mit der Zeit in tausend Taschen, bevor es auch nur in die Nähe der Großkatzen gelangte. Als Parkwächter wurden Günstlinge der regierenden Parteien angestellt, gleichgültige Stadtmenschen, die noch nie einen Fuß in den Dschungel gesetzt und das auch nicht vorhatten. Die Wilderei nahm epidemische Ausmaße an, weil der Hunger des wirtschaftlich aufblühenden China auf vermeintliche Aphrodisiaka aus dreitausend Dollar teuren Tigerpenissen oder Rheumamittelchen aus Tigerknochen immer größer wurde.
Zum Überlaufen brachte das Fass 2006 ein Skandal im Nationalpark Sariska bei Delhi, dessen Verwaltung jahrelang steif und fest behauptet hatte, dort gebe es achtzehn putzmuntere, kerngesunde Tiger. Dann schaute man genau hin und stellte fest, dass die Wilderer sämtliche Raubkatzen längst erlegt hatten - der nächste Schock, das nächste Rettungspaket, die letzte Chance. 1411 Tiere zählte man bei einem landesweiten Zensus vor drei Jahren, die Hälfte des weltweiten Bestandes, Tendenz sinkend bei weiter steigendem Bevölkerungsdruck und ständig wachsender Tigerpenisnachfrage. Für manche Biologen ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch der Bengalische Königstiger in freier Wildbahn verschwunden sein wird - so wie schon seine Kollegen aus Java, Bali, der Region rund ums Kaspische Meer und wahrscheinlich auch aus Sumatra.
Wir suchen also gerade letzte Überlebende, allerletzte Zeugen der Herrlichkeit der Schöpfung, und so nehmen wir den frühmorgendlichen Fehlalarm mit erwartungsfrohem Stoizismus hin. Wir rumpeln weiter durch Kanha, einer verdächtig friedvollen Welt aus Wäldern, Auen und Seen, die so urzeitlich, so vormenschlich aussieht wie eine Blaupause der Schöpfung. Wir kommen an Bäumen mit sprechenden Namen vorbei, Krokodilbäumen mit Reptilienrinde, Geisterbäumen mit gespensterbleichen Stämmen und den „Flammen des Waldes“ mit brennendem Laub. Wir stoßen auch auf Tiere, auf freche Affen, die in Banyan-Bäumen Früchte naschen, auf grasende Rehkitze und Sumpfhirsche, die sich gerade vor gar nichts zu fürchten scheinen, auf Schlangenadler, die auf toten Ästen für uns posieren und hier einen reich mit Königskobras gedeckten Tisch finden. Und wir haben das Glück, eines Gaur ansichtig zu werden, der größten Kuh auf Erden, eines anderthalb Tonnen schweren Ungetüms mit Bodybuilder-Körper, schwarz wie die Hölle, schnaubend wie der Leibhaftige. Was für ein Anblick! So stellen wir uns den großen, schrecklichen Bruder des Minotauros aus dem Labyrinth von Knossos vor.
Am häufigsten aber begegnen wir anderen Jeeps. Fahrer und Führer fragen sich dann immer gegenseitig aus, Alarmrufe ja, Spuren auch, sonst nichts, bei uns auch nicht, versucht’s da hinten, warum da hinten, warum nicht, danke, viel Glück, gleichfalls. Und weiter geht es auf der Suche nach der Stecknadel im Cholorophyllhaufen. Wir haben viel Zeit, allmählich auch steife Beine und hätten große Lust, auf den Wegen ein bisschen zu joggen, wunderbare Strecken, schön weich und eben, nur leider reiner Selbstmord. Die Sonne wärmt langsam den Kopf, die Gedanken werden wieder rege, wir rechnen nach: Zweitausend Quadratkilometer Fläche hat der Park, mehr als doppelt so groß wie Berlin ist er also; das bedeutet bei sechzig Raubkatzen, dass in ganz Zehlendorf zwei bis drei scheue Tigerlein leben, und das auch noch im Dschungeldickicht. Halleluja, wie sollen wir da jemals einen finden? Doch unser Vertrauen in Ratna, unsere ganz persönliche Urwald-Jane, ist grenzenlos.
Solange wir auf keinen Tiger stoßen, unterhält sie uns mit ihrer Tigerliebe. Das schönste Tier auf Erden sei die Streifenkatze, das stolzeste, selbstbewussteste Wesen des Waldes. Wir wüssten gar nicht, wie phantastisch es sei, die Kraft und Furchtlosigkeit eines schreitenden Tigers zu erleben - das wüssten wir übrigens allzu gerne, liebe Ratna. Mit vier Jahren habe sie das zum ersten Mal gesehen, damals sei ihr Vater noch aus Spaß auf Raubtierjagd gegangen, und bis heute bekomme sie rote Ohren, wenn sie einem Tiger begegne. Überhaupt, sagt unser Dschungel-Mogli, habe die Großkatze einen besseren Charakter als der Mensch. Und werde dieser aufgefressen, was auch in Kanha ab und zu passiere, sei er selber schuld, weil er in den Lebensraum des Tigers eindringe, um Holz zu schlagen, Vieh zu weiden oder Früchte zum Schnapsbrennen zu suchen. À propos Wildtiere, neulich habe sie gelesen, dass es in Ostdeutschland so viele verlassene Dörfer gebe, in die jetzt wieder die Wölfe einzögen, das sei doch eine fabelhafte Nachricht. Jaja, Ratna, wir freuen uns alle sehr darüber.
Ratnas Tigerbegeisterung ist rührend, aber nicht repräsentativ, denken wir uns im rumpelnden Jeep, während sich die Suche jetzt doch ein wenig hinzuziehen beginnt und in unserem Kopf verabscheuungswürdige Gedanken über spontane Raubkatzenköder keimen. Der Tiger genießt zwar als Reittier der höchsten hinduistischen Gottheit Durga allergrößte Verehrung und wird selbst als göttlich betrachtet. Doch er ist auch ein heimtückisches, hinterlistiges Biest, das Wesen mit dem übelsten Charakter in Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“, der einzige Räuber des Tierreichs, der in Notzeiten keine Sekunde lang zögert, gezielt Jagd auf Menschen zu machen so wie der böse Shir Khan auf Mogli. In den Sundarbans, dem Mündungsdelta des Ganges in Bengalen, erzählt man sich entsetzliche Geschichten von Tigern, die zu Menschenfressern wurden und grausam in den Dörfern wüteten, weil Menschen für sie eine kinderleichte Beute sind, Lämmchen als Dreitagesration sozusagen. Bis heute tragen die Holzweiber und Beerensucher im Wald Masken mit Menschengesichtern am Hinterkopf, um sich vor den Tigern zu schützen, die immer hinterrücks angreifen, die feigen Viecher. Und beinahe mythische Verehrung wird noch immer dem britischen Großwildjäger Jim Corbett zuteil, dem Namenspatron des Nationalparks am Himalaya und großen Menschenfresserjäger, der Dutzende von Tigern erlegt hat, die Hunderte von Menschenleben auf dem Gewissen hatten. Und wir denken uns ganz still: Wäre der Tiger ein niedlicher Delfin oder ein Pandaputzibär, wären seine Überlebenschancen wahrscheinlich größer.
Wir würden das dem guten Tier gerne persönlich sagen - dass man sich durch kollegiales Benehmen viele Sympathien erwerben kann und so fort -, doch es lässt sich partout nicht blicken. Das einzige, was ab und zu faucht, ist ein monströser Gaur im Unterholz oder der Motor eines der vielen Safari-Jeeps, die sich immer mindestens im Halbdutzend zusammenrotten, sobald irgendwo ein Alarmruf zu vernehmen ist; Indien ist selbst in seinen Nationalparks ein sehr geselliges Land. Wir balancieren zwischen Hoffen und Bangen, halten uns an den Lemuren und Languren schadlos, die wie von der Parkverwaltung bestelltes Ersatzpersonal in den Bäumen herumturnen, bewundern Schmetterlinge, die wie Tiger gemustert sind, denken bei dieser Gelegenheit, dass wir mit den Kindern ohnehin mal wieder in den Zoo oder Zirkus wollten. Wir dämpfen die wachsende Ernüchterung mit dem weichen Kissen des Fatalismus, fühlen uns in düsteren Momenten allerdings auch wie ein jugendlicher Fan, der stundenlang vor einer Hoteleinfahrt oder einer Garderobentür ausharrt, um einen wimpernschlagkurzen Blick auf sein Idol zu erhaschen. Und als wir, versunken in halbschlafschweren Gedanken, fast schon alle Hoffnung verloren haben, zischt der Fahrer plötzlich: Leopard! Tatsächlich, ein Leopard! Jetzt aufgepasst: Wir sehen mindestens anderthalb Sekunden lang einen Leopardenhintern, bevor er wie der Blitz im Dickicht verschwindet. Ein echter Leopard! Eine Sensation! Später werden uns die anderen Safaritouristen Glückspilze nennen.
Die Sensation hält eine halbe hochgestimmte Stunde an, dann fallen wir wieder in den alten Trott, in einen Zustand entspannter Kontemplation, in dem das Rumpeln des Jeeps unsere Gedanken im Kopf herumschwirren lässt wie Flipperkugeln. Wir denken über Wunsch und Wirklichkeit nach, über Hybris und Demut, über den Dschungel, der kein Tierfilm ist, und den König des Urwalds, der sich einen Dreck um die Krone der Schöpfung schert, es sei denn, er hat sehr großen Hunger. Wir spekulieren darüber, ob unsere tigerlose Tigersafari nicht einen tieferen Sinn haben könnte, ob sie gar keine Sinnlosigkeit, sondern eine Botschaft der Natur an die Menschen ist: Macht nur so weiter, schleudert sie uns entgegen, rottet nur all meine Tiere aus! Wie öd und leer es dann auf Erden sein wird, lasse ich euch jetzt schon erleben!
Wir haben sogar den ketzerischen Gedanken, dass der natürliche Weg gar nicht die Rettung, sondern die Ausrottung des Tigers sein könnte, der zwangsläufige Gang der Evolution in einer Welt, in der kein Platz mehr ist für ein derart empfindliches und gleichzeitig raumgreifendes Raubtier - schon gar nicht in einem Land mit einer Bevölkerung von weit mehr als einer Milliarde Menschen, in dem statistisch das Überlebensrecht eines einzigen Tigers dem Überlebensrecht von einer Million Menschen gegenübersteht. Würden wir heute die Mammuts vor dem Aussterben bewahren? Oder die Dinosaurier? Und was gibt uns überhaupt das Recht, Tierarten retten zu wollen, weil sie schön sind, und andere auszurotten, Stechmücken zum Beispiel, die es nicht sind? Vielleicht sind die Tiger ja auch längst ausgestorben. Vielleicht ist das alles hier ein Komplott. Bestimmt haben die Ranger einen Stock mit einer Tigertatze dran, mit der sie frühmorgens falsche Fährten legen. Und gewiss hocken ein paar von ihnen tagsüber in den Bäumen, um Alarmrufe auszustoßen. Haben wir also die große Weltverschwörung aufgedeckt? Suchen wir den tropischen Bruder des Schneemenschen? Da, schon wieder Alarmschreie! Hektik, Gasgeben, Zusammenrotten, Motor aus, der Stille lauschen, ins Dickichtnichts starren, auf Godot warten.
Ganz zum Schluss, als es schon dämmerte, hatten wir einen Platten. Wir mussten aussteigen und sollten um Gottes willen ganz nah beim Jeep bleiben. Doch wir waren aufmüpfig und vertraten uns ein wenig die Beine. Das war sehr angenehm. Und es blieb alles ruhig. Sonst könnte man das hier auch gar nicht lesen.
Anreise: Am besten nach Bombay und dann weiter nach Nagpur in Madhya Pradesh fliegen. Von dort sind es fünf bis sechs Stunden mit dem Auto in den Kanha-Nationalpark.
Einreise: Das obligatorische Visum ist neuerdings nur mit viel bürokratischem Aufwand zu bekommen. Man sollte sich am besten schon Monate im Voraus darum kümmern. Alle Informationen gibt es unter https://indianvisaonline.gov.in/visa.
Arrangements: Der Indien-Spezialist Tischler Reisen (Partnachstraße 50, 82467 Garmisch-Partenkirchen, Telefon: 08821/931726, www.tischler-reisen.de) bietet Touren nach Kanha und in andere Nationalparks an, die individuell mit weiteren Zielen in Indien kombiniert werden können. Es gibt auch eine elftägige Rundreise auf den Spuren des Tigers; sie kostet ab 4825 Euro pro Person in der Deluxe-Variante.
Unterkunft: Rund um den Nationalpark gibt es Hotels und Resorts aller Preisklassen. Die mit Abstand beste Unterkunft ist die von Taj Safari betriebene Banjaar Tola Lodge www.tajsafaris.com). Sie liegt direkt am Grenzfluss des Nationalparks und verfügt über achtzehn luxuriöse Zelte. Die Preise pro Tag inklusive Vollpension und Safari beginnen bei 318 Euro pro Person im Doppelzimmer.
Informationen: Indisches Fremdenverkehrsamt, Baseler Straße 48, 60329 Frankfurt, Telefon: 069/ 2429490, www.india-tourism.de.
Und noch eine Ergänzung
Closed via SSO (Bebeelirausik)
- 11.12.2011, 17:52 Uhr
Ein Genuss
Birgit Schumacher (Schumi)
- 11.12.2011, 11:01 Uhr
Sehr schön geschrieben,
Stefan Pohl (friedrich_leipzig)
- 10.12.2011, 14:17 Uhr
Grandiose Tiere
Günter Bedessem (chemieguenter)
- 10.12.2011, 12:23 Uhr