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Thailand Schwankendes Glück, blinkende Mangroven

 ·  In Thailand haben Flüsse eine besondere Bedeutung - auch weil Buddha am Ufer eines Flusses seine Erleuchtung erfuhr. Eine Reise auf dem Wasser jenseits der weißen Strände führt tief hinein in die Seele des Landes.

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Wer Erleuchtung will, muss früh aufstehen. Um sechs Uhr morgens dampft der Mae-Khlong- Fluss im Frühnebel, der Monsunregen hat den Holzsteg mit frischem Glanz lackiert. Aus dem nahe gelegenen Kloster sind Mönche stromaufwärts gekommen. Ihre orangefarbenen Kutten strahlen auf dem grauen Wasser wie neonfarbene Bojen. Ein einsamer Reiher nimmt am Ufer sein Fischfrühstück ein, auch ein paar Singvögel sind schon auf. Die Gäste des Hotels direkt am Ufer des Flusses auch, obwohl sie im Urlaub sind. Es sind Mitarbeiter des Managements eines Autoreifenkonzerns aus dem nahen Bangkok, sie haben ihre Schuhe ausgezogen, aus Ehrerbietung.

Das Hotel hat die Opfergaben vorbereitet: transparente Plastiktüten mit geräuchertem Fisch, Trinkwasser, Kaffee, Reis und Tee. Ein Schokoriegel ist auch dabei. Gleich nach dem Frühstück - es gibt wahlweise asiatischen Reisschleim oder westliches Schinkenomelett - überreichen die Gäste die Tüte. Zusammen mit einem Blumenstrauß legen sie diese in das bauchige Messinggefäß, das ein Mönch vor der Brust hält. Die Gäste verneigen sich mit einem tiefen Wai, der thailändischen Verbeugung, bei der die Fingerspitzen vor der Brust zusammengeführt werden. Der Neigungswinkel der Ellenbogen und die Tiefe der Verbeugung richten sich nach dem gesellschaftlichen Rang des Gegenübers. Die Mönche stehen auf einer hohen Rangstufe. Man darf auch niederknien. Ein Helfer sammelt inzwischen die Gaben ein und verstaut sie in einem großen Plastiksack. Zum Dank stimmen die Mönche einen langen Sprechgesang in Pali an, der alten Sprache Buddhas. Etliche Wais später ziehen sich die Mönche wieder zurück in ihren Tempel am Fluss.

Lagunenstadt im Fernen Osten

Flüsse haben einen Anfang und ein Ende, und sie münden ins große, ewige Wasser. Buddha selbst erfuhr seine Erleuchtung am Ufer eines Flusses. Darum ist der Fluss im Buddhismus ein wichtiges Symbol. Im Tourismus wird er bisher weniger geschätzt, das große Wasser mit seinen weißen Stränden ist weit populärer.

Dabei kann eine Reise auf dem Fluss schon in der Hauptstadt selbst beginnen. Bangkok ist nicht nur an einem Fluss erbaut, noch im zwanzigsten Jahrhundert war die Stadt fast ausschließlich auf Wasserstraßen zugänglich. Zwischen den auf Pfählen errichteten Wohnquartieren spannte sich ein dichtes Netz von Kanälen. Europäische Reisende verglichen in den zwanziger Jahren die thailändische Metropole gerne mit einer bekannten italienischen Lagunenstadt. Dann wurden die Kanäle zugeschüttet und Straßen errichtet. Drei Millionen Autos, achtzigtausend Busse und sechshunderttausend Motorräder sind heute darauf unterwegs. Doch westlich des Chao-Phraya-Flusses zeigt Bangkok seine andere, stillere Seite. An der Anlegestelle Tha Chang, nahe dem Königspalast, kann man eines der bunt bemalten Longtailboote für eine Fahrt durch die Khlongs genannten Kanäle mieten.

Eine stilvolle Flucht

Mit sicherer Hand lenkt der Steuermann das schwankende Holzboot durch die braune Brühe des Kanalwassers geradewegs in die Vergangenheit der alten Wasserstadt hinein. Die Häuser links und rechts der Kanäle stehen auf hochbeinigen Stelzen. Die meisten der Pfahlbauten sind bis heute nur auf dem Wasserweg zu erreichen. Zwar ist auch hier die Zeit nicht stehengeblieben, wie vereinzelte Satellitenantennen anzeigen, doch das Leben verläuft weit weniger hektisch. Auf den Veranden, die auch Bootsstege sind, werfen die Bewohner ihre Angeln direkt ins Kanalwasser, silbrig zappeln handtellergroße Fische an den Sehnen empor. Den Blick in ihre ungeschützten Wohnzimmer quittieren die Bangkoker mit thailändischer Freundlichkeit, fröhlichem Winken und Lächeln. Ein bis zwei Stunden dauert eine solche Entdeckungsfahrt.

Mehr Zeit auf dem Wasser lässt sich an Bord einer restaurierten Reisbarke verbringen. Das Deck der kastenartigen Teakholzbarken verfügt über einen halboffenen, überdachten Salon und mehrere Kajüten. Beim leisen Klirren der Eiswürfel im Mae-Kong-Whisky-Glas ziehen die illuminierten Business-Tempel der großen Stadt vorbei, am Abend stehen geschwungene Tempeldächer als schwarze Scherenschnitte vor einem orange glühenden Sonnenuntergang: Stilvoller kann man der Großstadt kaum entfliehen.

Übergang ins Nirwana

Unser Ziel ist die Insel Ko Kret in der Provinz Nonthaburi. Es sind fast ausschließlich thailändische Ausflügler, die sich auf der autofreien Insel vom alltäglichen Verkehrschaos erholen. Die vier Quadratkilometer kleine Insel liegt mitten im Chao-Praya-Fluss, das östliche Ufer bildet eine als "Moskito-Kanal" berüchtigte Wasserstraße. Seefahrer gaben dem Kanal seinen Namen, heute setzt eine offene Motorfähre über. Die Mückeninsel wird heute mehrheitlich von Nachfahren der Mon bewohnt, eines im nördlichen Thailand sesshaften alten Kulturvolkes. Zwischen den sieben Dörfern der Insel erstrecken sich Palmenhaine, die am besten mit dem Fahrrad zu durchqueren sind.

Der mit Steinplatten ausgelegte Rundweg ist stellenweise schmal wie ein Handtuch und führt an mehreren Tempeln vorbei. An ihren weiß gekalkten Mauern und den bauchigen Formen der religiösen Monumente sind sie als typische Mon-Architektur zu erkennen. Chedi werden die buddhistischen Sakralbauten genannt: Eine kreisrunde Basis verjüngt sich in Ringen konisch himmelwärts und symbolisiert so die verschiedenen Stufen der Wiedergeburt bis zum Übergang ins Nirwana. Als Wahrzeichen der Insel fungiert ein weißer Chedi am Ufer. Durch Unterspülung hat er sich bedrohlich weit aus der Senkrechten geneigt und wird nun analog zum Schiefen Turm von Pisa als touristisches Kuriosum gehandelt - doch der Vergleich ist schief wie der Turm selbst.

Vorsicht vor der Schärfe

Bekannt sind die Insulaner für ihre Töpferwaren aus gebranntem Ton. Eine Besonderheit ist die schwarze Mon-Keramik: Noch vor dem Brennen mischen die Töpfer Reisschalen in die Tonerde, um die Keramik einzufärben. Die Restaurants sind mit ihren bunt gewürfelten Kunststoffdeckchen und billigen Laternen zwar denkbar einfach eingerichtet, aber frischer als hier wird man Flusskrebse kaum bekommen. Auch die regionale Krabbensuppe gilt als Spezialität, der Topf kommt auf einem Brenner direkt auf den Tisch. Wer nicht an die thailändische Schärfe gewöhnt ist, tut gut daran, dies vorher mitzuteilen: Das Codewort "not spicy" versteht in Thailand jeder Kellner, der einmal einen westlichen Gast bedient hat.

Auch der Mae-Khlong-Fluss ist von Bangkok aus in wenigen Autostunden erreichbar, je nach Staulage. Er entspringt nahe der Stadt Kanchanaburi, da, wo die Flüsse Kwae Noi und Kwae Yai sich vereinen, und mäandert mit vielen Windungen und Biegungen durch das westliche Zentralthailand, zerschneidet die Provinz Samut Songkhram und ergießt sich schließlich südlich der Hauptstadt in den Golf von Siam. Früher sammelte sich auf dem Fluss die thailändische Kriegsmarine. Die schnelle Strömung machte es den wendigen burmesischen Kaperschiffen leicht, weit ins Land vorzustoßen. Aus der Zeit der Verteidigungskriege stammt der Name des Flusses: Mae Khlong heißt so viel wie große Trommel.

Handtaschen aus Wasserhyazinthe

Das Wasser des Mae Khlong ist gelb-braun, an manchen Stellen auch moosgrün. Es ist trübe, gilt aber als sauber. Zum Badeurlaub eignet es sich nicht, an den eilig vorübertreibenden Wasserhyazinthen lässt sich die starke Strömung messen. Die Stadt Amphawa ist nahe am Wasser gebaut. Auf dem zentralen Markt, der sich vom Flussufer bis hinein ins Zentrum zieht, mischen sich die Wohlgerüche von gegrillten Bananen, getrockneten Mangos und bunt glasierten Reiskuchen. Gelegentlich stechen intensivere Düfte in die Nase: der von frittierter Schweinehaut etwa und der intensive Geruch der ebenso köstlichen wie stacheligen Durian. Weil er an faule Eier erinnert, wird sie auch Stinkfrucht genannt. In vielen Hotels unterbinden Verbotsschilder den Verzehr - mit Rücksicht auf die Gäste. Fast alles, um das die Thais hier feilschen, stammt vom Fluss. Die bei thailändischen Großstädterinnen begehrten halbrunden Handtaschen sind aus gefärbter Wasserhyazinthe geflochten, das Kokosöl in den kleinen Fläschchen ist selbstgepresst.

Noch heute nährt der Mae Khlong seine Bewohner. An seinen Ufern breitet sich ein dichter Teppich aus Wasserspinat aus. Von den Stegen lassen sich die Garnelentaucher hinab ins gelbe Wasser gleiten. Gefährliche Tiere gibt es kaum noch im Fluss. Die Krokodile sind nahezu ausgerottet, und die Wasserschlangen sind nicht nur ungiftig, sondern auch nahrhaft. In Chilipaste geschmort erinnert ihr festes weißes Fleisch an gekochtes Hühnchen. Ihre Waren bieten die Fischer und Bauern auf dem schwimmenden Markt an. In leichten Holzbooten paddeln sie zur Brücke über den Tha Kha, einen Zufluss zum Mae-Khlong-Fluss. Der Markt öffnet an jedem zweiten, siebten und am zwölften Tag des abnehmenden und zunehmenden Mondes.

Urlaub auf dem Reisbauernhof

Wer über keinen Mondkalender verfügt, sollte einfach am Wochenende kommen, da ist immer Markt, ebenso wie am Kloster Wat Amphawan Chetiyaram. Dann verwandeln sich die Boote in schwankende Kaufmannsläden: Eine alte Marktfrau hackt Fleisch auf ihrem Boot, eine andere entfacht ihren Gaskocher und schaufelt süßen Klebreis und Kokoscurry in Teller aus Palmenblättern. Farangs, so das thailändische Wort für Guave oder Westler, sieht man hier kaum. Auch der berüchtigte Spießrutenlauf durch eine Gasse haptischer Souvenirverkäufer, wie man ihn auf den von Bangkok aus organisierten Touren zum Floating Market von Damnoen Saduak über sich ergehen lassen muss, bleibt hier aus - noch sind die Thais hier unter sich.

Dies könnte sich bald ändern, denn neuerdings wirbt Thailand verstärkt um Touristen für die ländlichen Regionen. Agro-Tourismus heißt auch hier das Zauberwort, das zum Wohle der Region harte Währung in die agrarisch geprägten Flussgebiete spülen soll. Rund um den Mae-Khlong entstehen immer mehr Quartiere direkt zwischen Reisfeldern und Kokosplantagen. Reisende, die den Massentourismus satthaben, können hier an der Tee-Ernte teilnehmen, mit den Bauern essen und Tür an Tür mit der einheimischen Landbevölkerung wohnen. Aber auch Kurzbesucher sind gern gesehen: In einem der vielen Reisebüros in der Bangkoker Silom Road lassen sich Fahrradtouren ins ländliche Flussgebiet buchen, ein idealer Startpunkt ist der König-Rama-II.-Gedächtnispark, den klimatisierte Kleinbusse mit kompletter Mountainbike-Ausrüstung an Bord ansteuern.

Königsreliquien in Plastikfolie

Das rekonstruierte Geburtshaus des Königs Phuttaloetla prunkt mit historischen Musikinstrumenten, vergoldetem Porzellan und einem Sitzkissen, auf dem unlängst die Kronprinzessin saß. Da die Tochter des sakrosankten Königs Bhumibol in einer Daily Soap des thailändischen Fernsehens mitspielt und auch sonst sehr populär ist, hat man das Kissen danach luftdicht unter einer Plastikfolie versiegelt. Noch während der Besucher diese Reliquien der Königsverehrung bestaunt oder im Kräutergarten zwischen Lotusblumen und Zitronengrasstauden wandelt, werden die Fahrräder vom Dach des Busses gehoben und fachgerecht zusammengeschraubt.

Im Sattel der gut gefederten Mountainbikes geht es rund dreißig Kilometer lang durch die engen Gassen am Flussufer - bei mehr als dreißig Grad im Schatten und einer Luftfeuchtigkeit von hundert Prozent auch bei gemächlichem Tempo keine reine Erholungsfahrt. Der Monsun verwandelt die Staubpiste schnell zum Schlammpfad, auf den steilen Khlong-Brücken muss das Rad geschultert werden. Dafür wachsen Pausensnacks am Wegesrand: Süße Mangostin, stachelige Rambutan und pinkfarbene Drachenfrüchte leuchten unter ihren hippieesken, flokatiartigen Blätterbüscheln. Pomelo-Plantagen wechseln mit Kokoshainen ab, Minibananen lassen sich im Vorüberradeln von der Staude pflücken. Für ein paar Cent schlagen die Bauern gerne eine grüne Kokosnuss mit der Machete zurecht, mit dem Strohhalm lässt sich die frische Kokosmilch schlürfen. Die Ernte selbst ist ein Abenteuer: Auf meterlangen Stangen klettern die Kokospflücker in luftige Höhe bis unter die Palmenkrone und schlagen die reifen Früchte mit einem Stock herunter. Die Früchte finden ihren Weg nicht nur auf Märkte und in die Küchen, sondern auch in die Silberbecher der Barmixer: Der "Amphawa Blizz" ist ein lokaler Drink, der gelbgrünen Pomelosaft mit süßem Triple Sec und bitterer Grenadine auf Crushed Eis kombiniert.

Der Moment der Erleuchtung

Am besten trinkt man ihn am Abend eines langen Tages, wenn eine leichte Brise in die Palmenkronen greift und die Hitze ein klein wenig mildert. Im Idealfall sitzt man dann an Bord eines Longtailbootes, der Geruch nach Dieselöl hat sich verzogen, das Knattern des Motors verstummt, und das Boot schaukelt sanft in der Strömung des braunen Wassers. Wenn dann alles ruhig ist, kann man das vielleicht schönste und gleichzeitig bescheidenste Erlebnis haben, das eine Flussfahrt bieten kann: Plötzlich blinken die Mangroven in der Dunkelheit, rhythmisch und synchron. Es sind Hunderte Glühwürmchen, die das Flussufer illuminieren wie einen elektrischen Weihnachtsbaum. Der Moment der Stille, dieses äußerst flüchtige Glück im Land der knatternden Motoren, scheint in eine kleine Ewigkeit gedehnt. Unwillkürlich kommen einem die Mönche und die Manager vom Morgen in den Sinn. In einem ganz wörtlichen Sinne haben die blinkenden Tierchen ihn nun doch noch herbeigeführt, plötzlich, schön und unerwartet: den kurzen Moment der Erleuchtung.

Anreise: Die Fluggesellschaft Air Berlin fliegt mehrmals in der Woche von Berlin-Tegel aus nach Bangkok, im Internet unter www.airberlin.com.

Dinner Cruises und Flussfahrten: Auf historischen Reisbarken kann man den Fluss auf den Touren des Veranstalters Asian Oasis erleben, Internet: www.asian-oasis.com.

Mehrtägige Bootsfahrten: Auf den Flüssen durch das Inland ist man bei Touren von Thai Cruises unterwegs, Internet: www.thaicruises.com.

Informationen: Thailändisches Fremdenverkehrsamt, Bethmannstraße 58, 60311 Frankfurt, Telefon: 069/1381390, im Internet unter www.thailandtourismus.de.

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