Home
http://www.faz.net/-gxj-qyhh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Thailand Nur die Sonne war Zeuge

11.07.2005 ·  Die Parallelen zu „The Beach“ sind nicht von der Hand zu weisen: Auf einer thailändischen Insel geschehen merkwürdige Dinge. Wer nachfragt, hört Geschichten von Liebe, Haß und Mord. Aber sollte man im Paradies überhaupt Fragen stellen?

Von Bernd Hettlage
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Vielleicht war der Delphin ein Sinnbild dafür, daß man nicht alles auf Dauer vergraben kann, alle Konflikte, alle Toten. Im Januar 2003 schwemmt ihn das Meer an. Der einzige verbliebene Fischer verscharrt den Kadaver mitten am Strand. Doch nur Tage später spülen die Wellen die Überreste des Meeressäugers vor den Augen der sonnenbadenden Touristen wieder frei. Diesmal werden sie gründlicher entsorgt. Der Fischer nimmt sie mit aufs Wasser.

"Wenn du den Namen des Strandes nennst, kann ich da nie wieder hinfahren", sagt die alte Freundin. "Dann bringen sie mich auch um." Für sie ist dieser Ort ihr persönliches Paradies, sie will weiter hierher kommen können. Das klingt grotesk: Ein Paradies, in dem man um sein Leben fürchten muß - fast wie in Alex Garlands Bestseller "The Beach". Doch dies hier ist eine wahre Geschichte. Der Strand soll also anonym bleiben. Schließlich hat die Freundin ihn mir gezeigt. Er liegt auf einer Insel im Golf von Thailand wie Garlands fiktiver Strand und blieb somit unberührt vom Tsunami.

Beschwerliche Anreise, bescheidener Komfort

Wer das erste Mal von Nits Restaurant oben auf den Klippen über die kleine Bucht blickt, wähnt sich wirklich im Paradies. In einem sanften, zweihundert Meter langen Halbrund schmiegt sich der Strand zwischen zwei Felsformationen. Weißer Sand, Holzhütten zwischen Kokospalmen, dahinter wächst dichter grüner Dschungel die Hänge hinauf. Dazu die Stille. Leiser Wind fegt über Nits Terrasse, unten bringt die Sonne den Sand zum Glühen, und flache Wellen rauschen in stetem Rhythmus in die Bucht.

Vor allem Rucksacktouristen kommen hierher. Das liegt an der beschwerlichen Anreise und dem bescheidenen Komfort. Die Bucht ist nur über abenteuerliche Buckelpisten zu erreichen. Man wohnt in einfachen Bungalows, die am Strand aufgereiht sind oder auf Stelzen über den Klippen thronen. Die Unterkünfte kosten umgerechnet vier bis zwölf Euro pro Nacht, eine Hauptmahlzeit ab einem Euro. Strom gibt es nur ein paar Stunden am Abend, erzeugt von Dieselgeneratoren, die tief im Dschungel aufgestellt sind. Videos, Technomusik und laute Partys, wie sonst in Thailand vielerorts üblich, fehlen.

„Professional Hammocker“

Das zieht Menschen wie den Kalifornier Edward an. Seit 1993 ist die Bucht ein Fixpunkt im ansonsten rastlosen Leben des 39jährigen. Fast zweieinhalb Jahre hat er inzwischen hier verbracht. Als er das erste Mal kam, gab es am Strand mehr Fischerhütten als Touristenbungalows. Sein Geld verdient der blonde Weltenbummler als Tauchlehrer, vor allem in Ägypten. Augenzwinkernd bezeichnet er sich als "professional hammocker" - als jemanden, der den Großteil seiner freien Zeit in der Hängematte verbringt. Die Tage der meisten Urlauber hier vergehen zwischen Hängematte, Strand und Restaurant. Man ist selten allein, schließt Freundschaften, spielt Frisbee, hört Reggae-Musik, und viele kiffen ausgiebig dazu.

Die Bucht scheint ein vollkommen friedlicher Ort zu sein, beinahe aus der Zeit gefallen. Zwei Familienclans teilen sich den Strand. Da ist zum einen die eher traditionelle Fischerfamilie, die hier ein Restaurant betreibt und ein paar Hütten vermietet. Zum anderen ist da der Clan von Ton, der mit seinen Brüdern Oud und Lek sowie der Schwester Pet und der Schwägerin Nit die Bucht dominiert. Sie betreiben die vier anderen Bungalowdörfer.

Ein epileptischer Anfall

Ton ist der Platzhirsch am Strand. Er hat eine blonde, englische Freundin, die sich mit ihm um die "Farang" kümmert, wie die Thais die Ausländer nennen. Mit seinen langen Haaren und seiner lockeren Art wirkt er zunächst wie ein freundlicher, junger Mann, der vor allem das Leben genießen will. Sehr westlich, sehr aufgeschlossen. Er hat den Strand immer im Blick, sieht genau, wer neu angekommen ist, weiß, wer wo abgestiegen ist. Manchmal aber kann Ton sehr kalte Augen bekommen - vor allem dann, wenn die Westler, die bei ihm wohnen, zu oft in anderen Restaurants essen gehen.

Zum Beispiel zu seiner Schwägerin Nit. Sie ist die beliebteste Köchin in der Bucht. Nit stammt aus Bangkok, die 36jährige hat ein Kind von Tons Bruder Lek, lebt aber getrennt von ihm. Ihre Tochter Sompong ist das einzige Bindeglied zu Tons Familie, sie selbst gehört bis heute nicht dazu. Ihr gehört nicht einmal der Boden, auf dem ihre Bungalows stehen. Im vorletzten Winter riß Ton kurzerhand drei von Nits Hütten ab, um selbst zwei neue an die gleiche Stelle zu setzen. Informiert oder gar gefragt habe er sie nicht, sagt sie. Auch das Verhältnis zu ihrer Nachbarin Pet, Herrscherin über die "Sunset"-Bungalows und Schwester von Ton, ist nicht gut. Die beiden reden kaum miteinander. Pet wiederum hatte vor einigen Jahren einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften. Von einem Felssporn über der Bucht fiel ihr erster, damals zehnjähriger Sohn herunter und verunglückte tödlich. Ein epileptischer Anfall, so heißt es.

Ein Haiangriff

Wenn man anfängt zu graben, tauchen auf einmal immer mehr solche Geschichten auf. Edward kennt sie alle. Mindestens sechs Todesfälle, erzählt er, gab es hier in den letzten zehn Jahren. Der spektakulärste lockte Anfang 1999 sogar ein Kamerateam eines deutschen Privatsenders hierher. Einer der deutschen Stammgäste wurde bei stürmischem Wetter am Ausgang der Bucht von einem Hai ins Bein gebissen und verblutete vor den Augen seiner Freundin am Strand. "Wenn hier jemand ein großes Problem hat, hat er ein großes Problem", sagt Edward vieldeutig. Die Freundin des Opfers, betont er, sei im darauffolgenden Winter dennoch in die Bucht wiedergekommen. Er selbst, erzählt er grinsend, schwimme immer noch jeden Tag im Meer.

"Ich habe die meisten meiner Freunde hier kennengelernt", sagt Edward. Es sei die besondere Magie der Bucht, die ihn immer wieder angelockt habe. Sie sei ein Ort für Aussteiger, Naturliebhaber und Künstler gewesen, für Freigeister wie auch Zigeuner. Der Kalifornier spricht bewußt in der Vergangenheit. Die Magie sei inzwischen fast verschwunden. Von Jahr zu Jahr verändere sich der Strand schneller. Die großen Warane, die es hier gab, hätten sich in den Dschungel zurückgezogen, den die Thais zudem abgeholzt hätten. Dafür ziehe sich nun immer öfter ein violettes Band rund um die Felsen an der Bucht, vermutlich Abwässer aus den Bungalows und Restaurants. Zudem erlebt Thailand seit Jahren einen Touristenboom, der auch vor diesem abgelegenen Platz nicht haltmacht.

Ein Schuß in dunkler Nacht

Vor zwei Jahren hallte eines Nachts ein Schuß über den Strand. Er galt dem Laoten Wen, der die beliebte und mit unzähligen Muscheln dekorierte "Shell-Bar" führte. Doch er trank zuviel - und er war kein Einheimischer. Außerdem zog seine Bar einfach zu viele Gäste an. Tons Bruder Oud saß derweil nebenan in seinem halbleeren Restaurant und sah zu. Eines Nachts, als Wen gerade schließen wollte, versammelten sich seine Nachbarn um ihn und fingen an, ihm Vorhaltungen zu machen. Der angetrunkene Wen wehrte sich lautstark. Schließlich zog Oud eine Pistole hinter seinem Rücken hervor und feuerte einen Warnschuß über Wens Kopf hinweg ab. Am nächsten Morgen verließ der Laote den Strand. Die "Shell-Bar" ist seitdem geschlossen und verfällt.

Gerhard, ein Deutscher, kam vor mehr als zehn Jahren das erste Mal hierher. Er blieb, heiratete eine Thai-Frau und wollte mit ihr in der Bucht ein Bungalowdorf für Touristen bauen. Eine perfekte Existenz am perfekten Platz. Eines Tages fand man seine Frau erschossen vor ihrem kleinen Holzhaus. Der Mörder blieb unbekannt. Gerhard kehrte trotzdem wie unter Zwang immer wieder zurück und blieb für Monate. Ein Einzelgänger, der jeden Abend ein großes, loderndes Feuer am Strand entzündete, das er aus vertrockneten Palmblättern und Abfällen aufschichtete, die er tagsüber im Hinterland sammelte. "Ich räume auf", sagte er, "das macht ja von den Einheimischen niemand." Denen gefiel das alles nicht. Jemand redete wohl mit Gerhard, vielleicht gab man ihm auch nur ein letztes, unmißverständliches Zeichen, so daß er endgültig verschwand.

Der Strand ist altes Piratengebiet

Manche dieser Geschichten machen auch schon mal nachts am Strand die Runde, im Licht des Mondes, während die Joints kreisen und Gitarrenklänge sich unter das sanfte Rauschen der Wellen mischen. Gruselstorys wie die von der männlichen Leiche, die einst zwischen die Felsen der Bucht geschwemmt wurde. Der Kopf, eine Hand und ein Fuß sollen ihr gefehlt haben. Tagelang hing der stinkende Torso dort fest. Erst als die ersten Gäste abreisten, habe jemand die Polizei gerufen. Die machte sich ein paar Notizen und verschwand wieder. Der Körper wurde schließlich auf einem Scheiterhaufen in der Bucht verbrannt. Das hier, sagt man sich am Strand, ist altes Piratengebiet, die Gastgeber sind ihre Nachfahren.

Heute wird das Geld mit Touristen gemacht. Ton hat eine aufwendige Homepage über sein Bungalowdorf eingerichtet. Im Gästebuch findet man sehnsuchtsvolle Einträge von Leuten, die von den wundervollen Tagen und Wochen in der Bucht schwärmen und versprechen, im nächsten Jahr wiederzukommen, weil sie hier die schönste Zeit ihres Lebens erlebten. Man glaubt das sofort. Das hier ist ja auch das Paradies, trotz all der Todesfälle, die sich wahrscheinlich nur per Zufall ausgerechnet an diesem schmalen Strand ballen. Was können die Einheimischen schon für Haiunfälle? Was können sie für Selbstmorde wie den der jungen Touristin, die einen ganzen Rucksack persönlicher Probleme mit ins Paradies brachte und sich schließlich von einer Klippe hinunterstürzte? Und sind sie verantwortlich für die Drogenprobleme des Sohnes des Fischers? Der starb im vorletzten Winter an einer Spritze. Und hinterließ eine 18jährige Witwe mit ihrem Baby.

Reden, und gleichzeitig alles im Ungewissen lassen

Wo die Wahrheit liegt, ist bei all diesen Geschichten schwer zu beurteilen. Oft kursieren mehrere Versionen, offizielle wie spekulative. Die wenigsten Touristen sprechen Thai, die meisten Thais am Strand nur mäßig Englisch. Ein Teil wird womöglich falsch verstanden, die Hälfte nach Thai-Art sowieso diskret verschwiegen, den Rest muß man sich zusammenreimen. Und allzu hartnäckiges Nachfragen ist nicht erwünscht. Aber soll man im Paradies überhaupt Fragen stellen?

Die Thais dagegen scheinen Meister darin, zu reden und gleichzeitig alles im Ungewissen zu lassen. Auch mit Nit kann man sich stundenlang unterhalten, ohne von ihren wahren Gefühlen und Gedanken zu erfahren. Nicht einmal Edward, der bei Nit wohnt, wann immer er hier ist, der ihr schon oft geholfen hat und sogar einmal das Restaurant führte, als sie für drei Wochen nach Bangkok mußte, weiß nach all den Jahren, ob er ihr Freund ist. Im Winter mußte er hilflos zusehen, wie der schwelende Streit zwischen Nit und Pet so weit eskalierte, daß Pet Stacheldraht zwischen beide Grundstücke zog. Wie praktisch: Pets Bungalowmieter konnten nicht mehr einfach zu Nit essen gehen, ihr eigenes Restaurant war jetzt besser gefüllt.

„Schwamm drüber“

Inzwischen ist der Zaun wieder abgebaut. "Mai pen rai", sagen die Thais. "Schwamm drüber." Eine Floskel, die sie bei jeder Gelegenheit anwenden. Doch "Schwamm drüber" scheint nicht mehr so richtig zu funktionieren. Längst bleiben ja auch die Touristen nicht mehr unbeeindruckt von all dem Streit und der Gewalt in der Bucht. Zumindest die Stammgäste. Vielleicht dringen sie doch zu tief ein in die dunklen Geheimnisse dieser kleinen Gemeinschaft. Die so eng ist, so sehr ineinander verstrickt, ganz anders als der weite Ozean, der sich vor ihr ausbreitet.

Robert ist einer dieser Stammgäste, ein ehemaliger Gymnasiallehrer aus Deutschland, der mit Anfang Vierzig aus seinem Beruf ausgestiegen ist und jeden Winter hier verbringt. Mot, die Frau von jenem Oud, der einst in die Luft schoß, warf im vergangenen Frühjahr am Strand mit einer vollen Bierflasche nach ihm, die sie unter ihrem Sarong versteckt hatte. Sie verfehlte seinen Kopf nur um Zentimeter. Als Grund gab sie an, er habe eine Liebesbeziehung mit ihr gehabt, und deshalb sei ihre Ehe jetzt kaputt. "Völliger Schwachsinn", sagt Robert. Der Flaschenwurf sei ein Mordanschlag gewesen, schwört er.

Es ist, als würde sich langsam so etwas wie Wahnsinn über den Strand legen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.07.2005, Nr. 27 / Seite V1
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen