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Thailand Dem Paradies so nah und so fern

22.06.2005 ·  Nur für Hausgäste: Die thailändische Insel Phi Phi Don sucht nach dem Tsunami ein neues Selbstverständnis und setzt dabei auf Wellness-, Sport- und Kulturreisende.

Von Andreas Obst
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Am Sonntag wird das Paradies zur Festung. Früh am Morgen beginnen die Angestellten des Holiday Inn Resort an der Nordspitze der Insel Phi Phi Don damit, die Wege zum Swimming-pool mit mannshohen Schildern zu versperren. „Nur für Hausgäste“ steht darauf geschrieben, in Englisch und in Thai. Die bunte Kreide soll den harschen Ton mildern.

Im Speisesaal, in dem sich beim Frühstück die wenigen Gäste der weitläufigen Bungalow-Anlage verloren haben, werden die Tische zu langen Reihen zusammengerückt. Auf der Terrasse davor errichten Arbeiter eine Stahlkonstruktion, darüber spannen sie ein Zeltdach gegen die sengende Sonne. Auch darunter werden Tische und Stühle geschoben. Weitere Garnituren sind in enger Doppelreihe direkt an den Strand gerückt. Fünfhundert zusätzliche Gäste werden zum Mittagsbüfett erwartet, so viele wie an keinem der Tage zuvor.

Seitdem Michal Zitek, der aus Sydney stammende junge Manager des Hotels, vor einigen Wochen mit einem Ausflugsveranstalter auf Phuket verabredete, die Boote mit den Tagestouristen auf ihren Touren zu den Inseln in der Andamanen-See zur Mittagszeit an den Strand des Holiday Inn zu bringen, ist der touristische Alltag nach Phi Phi Don zurückgekehrt - wenn auch nur für zwei Stunden täglich. Doch es hilft, wieder auf die Füße zu kommen, sagt der Manager.

Zwei grüne Inseln mitten im Meer

Sein Hotel zählt zu den Opfern der Tsunami-Wellen vom zweiten Weihnachtsfeiertag vorigen Jahres, auch wenn es auf dem Gelände keine Verluste an Menschenleben gab. Es gab auch keine Schäden, da die Wellen draußen auf dem Meer vorbeirollten. Und hätte sich jemand an diesem Morgen auf dem Aussichtspunkt im Rücken des Holiday Inn befunden, einige Dutzend Meter über den Dächern der letzten Bungalow-Reihe, dort, wo man einen wunderbaren Rundblick über die Felsen an diesem Ende der Insel hat, hätte ein solcher Zeuge der Katastrophe womöglich seinen Augen nicht getraut: Wie von draußen auf dem Meer eine Wasserwand in Richtung Inselmittel raste, um Tod und Zerstörung zu bringen.

Phi Phi Don und die unbewohnte Schwesterinsel Phi Phi Le waren einmal ein Paradies: zwei grüne Inseln mitten im Meer, wie erfunden für die Tourismusindustrie. Fährt man heute auf die Inseln zu, mit einem der asthmatisch über den Wellen torkelnden Fährboote aus Phuket oder aus Krabi, die außer Touristen und Einheimischen in weißen Plastiksäcken Gemüse, Konservenbüchsen und Paletten mit Bier geladen haben, dann erscheinen einem die Konturen dieser Flecken Land im Wasser geheimnisvoll lockend wie je: die sanften, langgestreckten Buckel von Phi Phi Don und gleich daneben die himmelsstürmend steilen Wände von Phi Phi Le. An einen über den Wellen schlafenden Riesen erinnert das Ensemble aus der Ferne, eine ruhende Herrschergestalt, wobei Phi Phi Le den bekrönten Kopf darstellt und Phi Phi Don den ausgestreckten Körper.

Ein Ort ganz nahe am Paradies

Das Holiday Inn Resort ist immer noch ein magischer Ort. Man kommt dort mit dem Boot an, einen anderen Weg gibt es nicht. Die letzten Meter zum Strand watet man durch warmes, glasklares Wasser, spürt den weichen Sand unter den Zehen und hat die Wipfel der Palmen vor Augen. Wer dann seinen angenehm schlicht eingerichteten Bungalow im weitläufigen Blumengarten der Anlage bezogen hat und in der Hotelbroschüre auf den ersten Satz stößt, den Zitek zur Begrüßung der Gäste geschrieben hat, erkennt unmittelbar, daß dieser Satz richtig ist. Dies sei ein einzigartiger Ort, heißt es da: so nahe am Paradies, wie man schwerlich einen anderen Platz auf Erden finden werde.

Die Tage verstreichen in ruhiger Gleichförmigkeit. Am Strand sind Hängematten zwischen den Bäumen angebracht, und auch am Swimming-pool findet man unter Palmen und üppig blühenden Büschen stets schattige Plätze. Man kann sich mit dem Longboat, einem motorisierten Einbaum, wie ihn die Einheimischen in dieser Region seit je nutzen, auf die benachbarten unbewohnten Inseln bringen lassen, am Strand von Bamboo Island Muscheln suchen oder in dem glasklaren Wasser vor Mosquito Island schnorcheln. Die Farbenpracht der Fische und Korallen ist überwältigend. Zweimal in der Woche fährt ein Fischer im Auftrag des Hotels hinaus aufs Meer und nimmt Gäste mit. Kaum ist die Angelschnur ins Wasser geglitten, zappelt schon ein Fisch daran. Nach einer Stunde liegt ein Dutzend der kleinen weißen Tama-Fische auf dem Holzboden des Boots. Man bringt den Fang in die Hotelküche und findet ihn dann gegrillt und appetitlich angerichtet beim Abendessen auf dem Teller wieder.

Aus Aussteigerträumen entstanden

Als die Tsunami-Wellen über die Küsten Südthailands hereinbrachen, wurde der südliche Teil von Phi Phi Don besonders hart getroffen. Von zwei Seiten schlug das Wasser dort über die Insel, die aus zwei unterschiedlich großen Landstücken besteht. In der Mitte sind sie durch einen schmalen Sandstreifen verbunden, die Strände Ton Sai und Lodalum - der Blick auf den Doppelsichelbogen schmückt seit je die Prospekte über den Süden Thailands. Doch tatsächlich sah es in Ton Sai Bay schon lange nicht mehr aus wie im Garten Eden. Aus Aussteigerträumen entstanden, wuchs dieser Ort binnen weniger Jahre zur wüsten Agglomeration, zu einem Zerrbild des Billigtourismus, verbaut, überfüllt, verschmutzt. In diesem, wegen fehlender Abwässeranlagen stinkenden Moloch aus Herbergen, Garküchen, Bars, Piercing-Studios, Internet-Cafes und Verkaufsständen boten Händler Modeschmuck, gefälschte Markenkleidung und raubkopierte CDs und DVDs feil. Alles, was man nicht braucht im Leben und erst recht nicht im Urlaub, konnte man auf Phi Phi Don finden.

Der englische Schriftsteller Alex Garland hat den Bewußtseinswandel des Rucksackreisenden und seines schmarotzerhaften Verständnisses von individueller Freiheit auf Kosten anderer in dem Roman „The Beach“ scharfsichtig analysiert, auch wenn darin von Ton Sai Bay nicht die Rede war. 1998 wurde das Buch auf der Nachbarinsel Phi Phi Le verfilmt, mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle. So erhielt der Roman konkrete Anschauung - einen Platz im wirklichen Leben. Im Kometenschweif der Dreharbeiten kam ein neues Publikum. Es fand auf dem engen Raum von Phi Phi Don und Phi Phi Le Licht und Schatten der touristischen Aufbereitung des Paradieses. Auf der kleineren Insel bestand die atemraubende Schönheit der Maya-Bucht fort, in der das Filmteam aus Hollywood die fiktive Aussteigerkolonie den titelgebenden „Strand“ finden ließ, doch auf Phi Phi Don breitete sich das Gegenbild aus: die Kleingroßstadt Ton Sai Bay.

Binnen weniger Minuten fast völlig zerstört

Hinter den Kulissen aus schnell härtendem Zement, dünnen Holzwänden und gewellten Aluminiumdächern wurde dort schon lange erbittert um jeden Fußbreit Land gerungen. Die Bewohner des ehemaligen Fischerdorfs erkannten bald, daß mit den Sehnsüchten der zumeist jungen Fremden aus aller Welt, die von den Fähren sprangen, um auf Phi Phi Don ihren Traum vom Glück in der Sonne zu finden, schnelles Geld zu machen ist. Ton Sai Bay wuchs so hastig und unkontrolliert auch deshalb, weil sich das Wachstum dort von Anfang an gänzlich unorganisiert vollzog. Niemand kümmerte sich um Eigentums- oder Landrechte. Man baute, wo eben Platz war. Und wo kein Platz mehr war, fand man andere Lösungen: durch Pacht, Vermietung oder undurchsichtige Lizenzvergabe. Die Provinzregierung unternahm nichts gegen diesen Wildwuchs, die Stadt wuchs gänzlich informell, wie es in der Sprache der Bürokratie heißt. Auch deshalb ist die Erbitterung heute so groß, die um den Wiederaufbau von Phi Phi Don entbrannt ist.

Die Tsunami-Wellen nahmen mehr als siebenhundert Menschen das Leben, fast alle waren Touristen. Immer noch gelten mehr als zweitausend Menschen als vermißt. Die Zahl der Opfer war deshalb so hoch, weil um die Zeit, als die Flut kam, die Fähren von Phuket und aus Krabi auf Phi Phi Don erwartet wurden. Zahlreiche Urlauber saßen in den Cafes am Pier. Andere wurden in ihren Betten überrascht. Seit je feiert man auf Phi Phi Don bis spät in die Nacht und schläft dafür am nächsten Morgen lange. An jenem Tag wurde Ton Sai Bay binnen weniger Minuten fast völlig zerstört.

Das Leben hat hier den Atem angehalten

Nähert man sich der Insel heute aus dem Süden, von der Seite, von der auch die Fähren anlegen, glaubt man seinen Augen nicht zu trauen: Auf den ersten Blick ist von der apokalyptischen Zerstörung nichts mehr zu sehen. Die Bungalows in der ersten Strandreihe sind neu errichtet, die Bäume am Ufer tragen leuchtend rote Blüten, am Strand stehen bunte Sonnenschirme. Und in der Hauptstraße, die sich entlang dem Ufer hinzieht, wetteifern kleine Geschäfte um Kunden. Eine Händlerin hat auf ihrem Wagen Nutella-Gläser zu einer Pyramide gestapelt. Reiseagenturen vermitteln „VIP-Busfahrten“ nach Bangkok, Mutsprünge von hohen Klippen ins Meer und Tauchgänge zu den Haifischen. „Life is Adventure“ lautet ein Slogan. Für umgerechnet fünf Euro kann man ein Tsunami-T-Shirt kaufen. In blauer, grüner oder roter Farbe zeigt es eine Zeichnung von Ton Sai Bay unmittelbar nach der Flutwelle. Ganz anders ist der Eindruck am Lodalum-Strand. Dort bedecken die Trümmer noch immer weite Flächen, recken sich Palmenstümpfe in die Luft. Süßlich-schwerer Geruch liegt in der Luft. Das Leben hat in diesem Abschnitt der Insel am 26. Dezember 2004 den Atem angehalten und bis heute nicht wieder Luft geholt.

Die hektische Aktivität in Ton Sai Bay erzeugt zusammen mit der glühenden Lähmung am Lodalum-Strand eine unwirkliche Stimmung, die geradezu mit Händen zu greifen ist. Ruchbar wurde inzwischen der Plan der Regierung im fernen Bangkok, Phi Phi Don nun tatsächlich in jenen Stand zu versetzen, der bereits mit der Widmung der Region zum Naturschutzgebiet vor zwanzig Jahren vorgesehen war. Ton Sai Bay soll nicht wiedererstehen, jedenfalls nicht in alter Form. So wäre alles vergebens, was die verbliebenen Einheimischen und Hunderte freiwillige Helfer aus aller Welt in den Monaten nach dem Tsunami aufgebaut haben, entgegen der ausdrücklichen Anordnung der Regierung, die Phi Phi Don zunächst einmal drei Monate lang für Besucher gesperrt hatte.

Wie der Angriff eines Hornissenschwarms

Der neue Plan aus Bangkok sieht nun vor, den wenige hundert Meter breiten Streifen Land zwischen Ton-Sai-Bucht und Lodalum-Strand zurück in Staatsbesitz zu überführen. Dort soll ein Naturpark eingerichtet werden, gekrönt von einem monumentalen Denkmal für die Opfer der Tsunami-Wellen. Neue Hotels dürfen auf Phi Phi Don nur noch an den Hängen der umliegenden Hügel errichtet werden, in sicherer Höhe über dem Wasser. Kurzum: Phi Phi Don soll zum Urlaubsziel für eine neue Klientel umgebaut werden. Wellness-, Sport- und Kulturreisende, jene Spezies, von denen die Ferienindustrie auf der ganzen Welt träumt: Menschen, die während des kurzen Aufenthalts viel Geld ausgeben und keinen Abfall zurücklassen. Am Pier von Ton Sai Bay ist als Reverenz an die neue Zeit seit kurzem ein Transparent angebracht: „Welcome to Phi Phi Island - Rising Above the Waves“.

An diesem Sonntag um kurz vor zwölf Uhr mittags schwoll das Geräusch der Bootsmotoren, das man auch in den Tagen zuvor bisweilen vom Pool des Hotels vernehmen konnte, zum Orkan an. Es klang wie der Angriff eines Schwarms von Hornissen. Wenn neue Hotelgäste anreisen, geht ihnen der Manager stets an den Strand entgegen. Er reicht Erfrischungstücher und kalte Getränke, schüttelt Hände und weist mit ausladenden Gesten auf die Einrichtungen des Hotels hin. An diesem Mittag sah man ihn mit ernster Miene über die Terrasse, durch den Speisesaal und entlang den Tischreihen am Strand patrouillieren, mit kleinen, scharfen Bewegungen gab er dem Personal Anweisungen. Schnell war jeder Platz an den Tischen besetzt, vor den Büfetts drängten sich die Tagestouristen.

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Fremden den Pool entdeckten. Kurzerhand schoben sie die Absperrtafeln zur Seite, legten ihre Rucksäcke auf die Liegen am Becken und sprangen ins Wasser. Die Hotelgäste betrachteten das Spektakel eine Weile und zogen sich dann in den Garten zurück. Nach zwei Stunden verließen die letzten Ausflügler die Anlage. Noch einmal heulten die Motoren auf, dann wurden die Boote in der Ferne immer kleiner. Schließlich waren sie am Horizont verschwunden. Das Hotel an der Nordspitze von Phi Phi Don hatte sich wieder in ein Paradies verwandelt.

Anreise: Thai Airways fliegt vom 1.Juli an dreizehnmal in der Woche von Frankfurt nach Bangkok, fünfmal ab München. Weiterflüge nach Phuket und Krabi mehrmals täglich. Die Gesamtstrecke kostet ab 840 Euro. Informationen unter der Telefonnummer 069/92874444 und im Internet: www.thaiair.de. Die Deutsche Lufthansa fliegt täglich ab Frankfurt und München nach Bangkok, in Zusammenarbeit mit Bangkok Airways ab 990 Euro. Informationen unter der Telefonnummer 0180/5838426 und im Internet: www.lufthansa.com.

Fähren und Boote: Von Phuket und Krabi aus gibt es täglich mehrere Überfahrten nach Phi Phi Don. Sie sind bei den örtlichen Reiseagenturen für Preise ab umgerechnet 8 Euro für die einfache Fahrt zu buchen. Auf Phuket und in Krabi werden auch Tagesausflüge mit Motorbooten zu den Inseln in der Andamanen-See angeboten. Der Preis ab 20 Euro schließt Stippvisiten auf Phi Phi Don und Phi Phi Le ein. Auf Phi Phi Don sind Longtail-Boote für Ausflüge zu mieten.

Unterkunft: Im Holiday Inn Resort Phi Phi Island an der Nordspitze von Phi Phi Don kostet ein Bungalow für zwei derzeit ab 36 Euro pro Nacht. Informationen unter der Telefonnummer 0066/75/6213 34 und 620798 und im Internet: www.phiphi-palmbeach.com.

Informationen: Thailändisches Fremdenverkehrsamt, Bethmannstraße 58, 60311 Frankfurt, Telefon: 069/1381390, im Internet: www.thailandtourismus.de

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Juni 2005
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