Home
http://www.faz.net/-gxj-11mjt
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tel Aviv Schabbat Schalom, Bubble Town

22.01.2009 ·  Krieg in Gaza, Sprengstoff auf der Leinwand, Party in Tel Aviv: Ein Wochenende mit den Hauptdarstellern des gerade angelaufenen Films „Alles für meinen Vater“ in der befremdlich gut gelaunten Metropole Israels.

Von Olaf Tarmas
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Tarek, der Selbstmordattentäter, kommt an einem Freitag nach Tel Aviv, stellt sich mitten ins Gedränge des Carmel-Marktes und drückt den Knopf, der seinen Sprengstoffgürtel auslösen soll. Doch der funktioniert nicht. Kaputt. Zu dumm. Was tun? Tarek kommt auf das Naheliegendste und Bizarrste zugleich: Er gibt den defekten Schalter bei einem jüdischen Elektrohöker in Reparatur. Bis nach dem Schabbat muss er nun auf sein Mordwerkzeug warten.

Freitag

So beginnt die israelisch-deutsche Koproduktion "Alles für meinen Vater", die heute in die Kinos kommt. Mit dem Darsteller des Attentäters, dem israelisch-arabischen Schauspieler Shredy Jabarin, treffe ich mich ebenfalls an einem Freitag in Tel Aviv. Es ist der vierzehnte Tag des Gaza-Krieges, Uno und Rotes Kreuz berichten von grausigen Szenen in Gaza-Stadt. In Tel Aviv ist es ein herrlich milder Januartag. Gemeinsam gehen wir über den Carmel-Markt, eine orientalisch anmutende Oase inmitten des modernen, von Bauhaus-Gebäuden geprägten Stadtbildes von Tel Aviv. Orangen, Melonen und Granatäpfel leuchten um die Wette, die Luft duftet, die Sicherheitsmaßnahmen sind lax. Hat er keine Angst auf dem Markt, nachdem er so überzeugend einen Attentäter gespielt hat? "Nein, ich bin entspannt", sagt Shredy. Vor einigen Jahren sei das noch anders gewesen, da habe er jedes Mal, wenn er hier einkaufte, mit allem gerechnet. "Aber die Situation hat sich verbessert, die Sicherheitskräfte haben die Lage einigermaßen im Griff."

Am Eingang des Marktes an der Allenby Street sitzt, wie jeden Dienstag und Freitag, die verarmte Pop-Diva Miri Aloni auf einem Klappstuhl, türkise Windjacke, blondiertes Haar, riesige Sonnenbrille. Zu lauter Musik vom Band singt sie ihre einstmals populären Friedensschlager, die heute kein Sender mehr spielt. Im Jahr 1995 hatte sie an der Seite Jitzhak Rabins auf jener Friedenskundgebung in Tel Aviv gesungen, nach der er ermordet wurde. Heute hat sie nur wenige Zuhörer, eine ältere Assistentin verscheucht alle, die ein Foto machen wollen.

Es ist Shredys Lieblingsecke in Tel Aviv - rechts das Gewimmel des Carmel-Marktes, links die kleine Fußgängerzone Nachalat Binyamin, auf der dienstags und freitags Kunsthandwerk verkauft wird. Wir passieren eine weitere Sicherheitssperre, der Wachmann winkt uns lässig durch. "Bis vor ein paar Jahren bin ich jedes Mal gefilzt worden", sagt Shredy. Etliche Male ist er vorläufig festgenommen und auf die Wache gebracht worden. "Das war vor meiner Schauspielzeit. Ich hatte einfach diese seltsame Körpersprache, die sofort verdächtig macht. Man hat das automatisch, wenn man in diesem Land als Araber aufwächst." Es sei wie eine Rolle, die einem zugewiesen werde, ohne dass man sie ablehnen könne. Daher sei es auch gar nicht so schwer gewesen, sich auf die Filmrolle vorzubereiten. "Und außerdem spiele ich nicht ,den Selbstmordattentäter', sondern ein menschliches Wesen, jemanden, der seine ganz speziellen Gründe für die Tat hat."

An der Allenby-Straße, ganz in der Nähe des Marktes, hat Shredys Cousin Zacharias ein kleines Restaurant. Der Hüne serviert uns Hummus, Falafel und Salat mit Tahine. Auf dem Flachbildschirm in der Ecke läuft ohne Unterbrechung Al Dschazira mit Bildern aus Gaza. Man sieht Rauchwolken über der nur siebzig Kilometer südlich gelegenen Stadt, dann Bilder von Männern, die verwundete Zivilisten aus einem Auto in einen Krankenhaus-Eingang schleppen. Shredys Cousin macht einen Spruch über die Hamas-Führung, die sich in Damaskus versteckt hält: "Unsere Leute versinken im Elend, und die schwingen weiter ihre Reden." Seine Gäste lachen und nicken beifällig.

Nach dem Essen brausen wir auf Shredys Motorroller weiter, in wilder Schlängelfahrt links und rechts an Autos, Bussen und Müllwagen vorbei - es ist die beste Art, sich durch die Stadt zu bewegen. Im Café "Kakao" sitzen wir in der milden Sonne auf der Terrasse, trinken Minztee mit Zimt und Zitrone. Eine Kollegin von Shredy ruft an, erkundigt sich besorgt nach seinem Befinden angesichts des Krieges. Ein gut gemeinter Anruf, doch in diesen Zeiten kann auch Gutgemeintes plötzlich ins Gegenteil umschlagen. "Seitdem der Krieg begonnen hat, bin ich für alle nur noch der Araber", sagt Shredy. Er wirkt unwirsch. "Ich will nicht als Repräsentant gesehen werden. Und schon gar nicht will ich dem Druck nachgeben, mich für eine Seite zu entscheiden. Meine Familie ist arabisch, meine Freunde und Kollegen, die mir genauso nahestehen, sind jüdisch. Wie soll ich mich da für eine Seite entscheiden? Ich habe mich entschieden, in Frieden zu leben, auch jetzt in Zeiten des Krieges."

Am Abend unternehme ich einen Streifzug durch die Clubs und Bars. In der "Minzar"-Bar werden alte Bob-Dylan-Songs gespielt, die Stimmung am Tresen ist ausgelassen. Heizventilatoren pusten warme Luft in den Wintergarten, vor dem Lokal geht ein fröstelnder Sicherheitsmann mit Wollmütze und Handschuhen auf und ab. Auch im Florentin-Viertel im Süden der Stadt sind die Szenebars voll, die Stimmung ist entspannt. Als in der Tequila-Bar "Mezcal" kurz der Strom ausfällt und Musik und Licht schlagartig erlöschen, summt der Raum weiter vor angeregten Gesprächen. "Relax as usual" - mein Befremden währt nur kurz, rasch werde ich Teil dieser seltsamen Normalität. Niemand blockt das Thema Krieg ab, aber es ist weit davon entfernt, den Abend zu beherrschen. Wann waren die Zeiten denn einmal nicht angespannt?

Samstag

Im Film ist das der Tag, an dem Tarek die schöne junge Kioskbesitzerin Kerek kennenlernt. Im Krieg ist es der Tag, an dem die Zahl der Opfer auf achthundert steigt und beide Seiten trotz Appellen des UN-Sicherheitsrats weiter feuern. Auf den Straßen in Tel Aviv scheint es einfach nur ein weiterer herrlicher Frühlingstag zu sein. "Ein ganz normaler Schabbat", sagt der fünfundzwanzigjährige Ehud Persitz, der zusammen mit seiner Freundin Yael in einem Straßencafé beim Frühstück sitzt. "Wir leben hier wie in einer Blase. Es gibt wohl keine andere Stadt, die sich so vom Rest des Landes abgekoppelt hat wie Tel Aviv." Der Webdesigner fühlt sich als "typischer Tel Aviv Bubble Boy". Dabei ist Persitz gegen den Krieg, hat sich darüber am Abend zuvor mit seinem Vater gestritten. "Wir züchten nur eine neue Generation von Feinden heran mit dieser Aktion", sagt er. Mit dieser Meinung ist er hier in der Minderheit. Während am selben Wochenende in Europa gegen den Krieg demonstriert wird, schweigt die Friedensbewegung in Tel Aviv.

Auch mich nimmt die Normalitätsblase wieder auf, umschließt mich mit ihrer schimmernden, halbtransparenten Außenhaut, durch die sich das Kriegsgeschehen nur schemenhaft abzeichnet. Am Strand hallt die laue Luft von knallenden Schlägen wider - aber es ist nur Beach Ball, bei dem hier scharf gefeuert wird. Auf der Strandterrasse des populären Restaurants "Manta Ray" werden wie immer Fisch und Champagner serviert, auf dem schattigen Rothschild-Boulevard in der Innenstadt schieben Väter und Mütter Kinderwagen vor sich her. Hier und in den Wohnstraßen ringsum kann man noch die Idee erahnen, die das heutige Stadtbild hervorgebracht hat, das Ideal einer modernen, großzügigen, luftigen Gartenstadt. Die weißen Kuben und Kurven der Bauhaus-Würfel sind noch immer von unaufdringlicher Eleganz, der Reichtum ihrer reduzierten Formensprache ist verblüffend. Viele sind in die Jahre gekommen, schmutzigweiß und rostig, was aber mehr zu ihrem Charme beiträgt als das Kanariengelb, in dem einige sanierte Gebäude gestrichen sind.

Am Abend stehe ich am Fenster meines Hotelzimmers und betrachte die gegenüberliegende Penthouse-Wohnung. Auf dem Bildschirm meines Fernsehers flackern die Bilder aus Gaza, gegenüber toben fünf kleine Kinder im Schlafanzug mit Plastikmaschinengewehren durchs Wohnzimmer und gehen hinter dem Sofa in Deckung. Der Kleinste wird mit einem Laserpointer ins Visier genommen, auf seinem Körper erscheint ein roter Lichtfleck. Das einzige Mädchen hat zusätzlich noch ein leuchtendes Zauberschwert. Was für ein seltsamer Schabbat.

Sonntag

Im Film ist das der Tag, an dem Tarek sich entscheiden muss zwischen der Bombe und der schönen Keren. Ich treffe mich mit Hili Yalon, der Darstellerin der Keren, an der Sheinkin Street gegenüber vom Carmel-Markt. Es ist ihre Lieblingsstraße in Tel Aviv, kleine Boutiquen, CD-Shops, Friseurläden. Im Café "Sheinkin 17" sitzt sie mir gegenüber: verwuscheltes Haar, Kapuzenjacke mit Häschenmotiven, markante dunkelblaue Augen, ihr Markenzeichen. Sie kommt gerade aus dem Urlaub, aus Barcelona. Ein Kurztrip in die Realität außerhalb von "Bubble Town", der ihr die Augen geöffnet hat, wie sie sagt. "Man spricht dort ganz anders über den Krieg in Gaza als hier in Tel Aviv." Bis dahin hatte Hili die Sache eher von der persönlichen Seite gesehen. Seit Kindheitstagen macht sie Urlaub in Sinai, wo sie mit einer Beduinenfamilie befreundet ist, die zeitweise auch in Gaza lebt. Bevor sie nach Barcelona reiste, machte sie sich einfach nur Sorgen um ihre Freunde, danach war sie empört über das Vorgehen der israelischen Armee, verstört über das Ausmaß der Gewalt. Doch kaum zurück in Tel Aviv, verschiebt sich ihre Perspektive abermals, von hier aus erscheint ihr der Krieg geradezu unvermeidbar. Es sind starke Kräfte, die innerhalb der Blase auf einen einwirken.

In Israel ist die dreiundzwanzigjährige Hili Yalon ein kleiner Star - nicht wegen "Alles für meinen Vater", sondern weil sie seit Jahren in der populären Daily Soap "Ha Shminiya" mitspielt. Doch es gibt auch viele, die sie nicht aus dem Fernsehen kennen, sondern aus dem Viertel, so wie die obdachlose Frau, die sie um ein paar Münzen und Zigaretten bittet und einen kurzen Schwatz mit ihr hält. Oder der Besitzer des Musikshops "Krembo", der sie mit High Five begrüßt und ihr seine neuesten CDs vorspielt. Sheinkin Street ist die Straße der Bohemiens: Der Betreiber des Saftstands neben dem CD-Shop ist zugleich Musiker und verkauft neben seinen frisch gepressten Getränken auch die CDs seiner Band.

"Shabat Shalom, Maradona", wie der internationale Titel von Hilis Film lautet, hatte nicht viele Zuschauer in Israel, aber an der Sheinkin Street scheint ihn jeder gesehen zu haben. Wie Zvi Schwarzman, der seiner kleinen Tochter am Saftstand einen Erdbeershake spendiert. Der Psychoanalytiker fand ihn zu romantisch, zu leicht für das schwierige Sujet. Und er sieht noch ein anderes Problem: "Ob Selbstmordattentate oder der Krieg in Gaza: Je extremer die Situation ist, desto schwieriger wird es, differenziert zu argumentieren und beide Seiten zu sehen. Man leidet weniger, wenn man in solchen Situationen die Welt schwarzweiß malt." Oder wenn man sie auf die Größe des vertrauten Viertels schrumpfen lässt, denke ich, wenn man sich in seinen Mikrokosmos zurückzieht, in dem das gute Zusammenleben mit den Arabern Alltag ist.

Auch gegenüber dem Saftstand, im Café "Tamar", an dessen verschrammten, pistaziengrünen Kunststofftischen sich die Schauspieler und Regisseure der älteren Generation seit jeher treffen, stößt der Film auf wenig Zustimmung. "Wir haben hier so viele schreckliche Erfahrungen mit Selbstmordattentaten gemacht", sagen viele, "da fällt es den meisten schwer, sich die Täter als sensible, nette Jungs vorzustellen." Ein weißer Golf bremst vor dem Café, der Fahrer kurbelt das Seitenfenster herunter, wirft den Gästen im "Tamar" eine flapsige Bemerkung zu und wird mit großem Hallo weitergescheucht. "Das liebe ich an Tel Aviv", sagt Hili grinsend, "die Leute hier sind so offen und gut gelaunt, und die Stadt ist so klein, dass man an jeder Ecke auf Freunde und Bekannte stößt. Aber das ist natürlich auch das Problem: Man kann hier jeden Moment seinen Ex-Freund treffen, und alle bekommen alles mit."

Wir ziehen weiter durch die Bars und besuchen ein Hardrock-Konzert im "Crystal Club". Immer wieder macht Hili mich auf junge Männer und Frauen aufmerksam: "Guck sie dir an! Diese Mischung Achtziger-Jahre-Retrolook, Punk und Siebziger-Jahre-Outfit. Das ist jetzt der letzte Schrei. Wir nennen es Berlin Style." Doch nicht im Berlin-Style-Outfit, sondern in Armeeuniform treffen wir eine Straßenecke weiter Hilis Freundin Noga. Sie ist auf dem Weg zu einem Einsatz, glücklicherweise nicht in den Krieg, sondern nur Routine. Ihre Mutter Yael lädt uns ein, den Abend bei ihr zu beschließen. Bei süßem Zitronentee machen wir es uns auf dem Sofa ihres weiträumigen Bauhaus-Apartments bequem. Yael Lotan betreibt eine PR-Firma, und was sie erzählt, klingt anders als der fröhliche Party-Talk in den Bars und Clubs. "Viele meiner Angestellten machen sich Sorgen um ihre Angehörigen, und Termine bei unseren Kunden im Süden sind wegen der Angst vor den Kassam-Raketen die reine Nervenstrapaze." Jeden Morgen hält Yael eine kleine Ansprache an ihr Personal, versucht, die Moral zu heben. "Einige kleben den ganzen Tag am Fernseher, gucken Kriegsnachrichten und arbeiten kaum noch. Dabei ist die Situation für uns wegen der Finanzkrise ohnehin schon schwer genug."

Auch Yael war während ihrer Zeit bei der Armee in Gaza stationiert. "Der Strand dort ist einer der schönsten Plätze auf diesem Planeten", sagt sie wehmütig. Wie so viele ihrer Landsleute hält sie den neuerlichen Krieg für unausweichlich und ist zugleich nicht überzeugt, dass er geeignet ist, die Gewalt zu beenden. In ihrem Tel Aviv, dem Tel Aviv der Eltern, Vielarbeiter und Verantwortungsträger, ist die Stimmung gedrückt. "Ja", sagt sie, "die jungen Leute gehen weiter aus, aber die Restaurants und Cafés sind leerer als sonst." Es mag sein, dass Tel Aviv eine Blase ist. Aber wenn es so weitergeht, könnte der Tag kommen, an dem sie platzt.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen