11.06.2011 · Für ein kleines bisschen Reisefreiheit: Eine Israelin schmuggelt Palästinenserinnen aus dem Westjordanland - auf eigene Gefahr. Die Fahrt der Frauen ist eine Reise, die für alle im Gefängnis enden kann. Die Angst fährt immer mit.
Von Evelyn RungeDie letzten Fotos zeigen sie ungefähr zwei Stunden nach dem Ausflug zum Flohmarkt, rennend in der Dunkelheit am Banana Beach von Tel Aviv. Sie wollten nicht mal für eine Minute stoppen, um zu essen oder zu trinken oder auch nur ein bisschen zu entspannen. Stattdessen zogen sie sofort ihre Sandalen aus, rollten ihre Hosen hoch und rannten ins Wasser. Und rannten und rannten, vor und zurück, zickzack, entlang des langen Strandes, ihre Pferdeschwänze flatterten im Wind. Von Zeit zu Zeit knieten sie sich in den Sand, um ein Foto zu machen.
Mit diesen Worten berichtete Ilana Hammerman im Mai vergangenen Jahres in der israelischen Tageszeitung „Ha’aretz“ erstmals von einer gefährlichen Reise. Denn die Frauen, die sie beschreibt, sind illegal in Tel Aviv. Es sind Palästinenserinnen, aus dem Westjordanland geschmuggelt von der Israelin Ilana Hammerman, für eine kleine Flucht aus dem Alltag.
Aya, Lin und Yasmin sind zum ersten Mal in Tel Aviv, dieser pulsierenden, immer wachen Stadt, magnetisch für Touristen und Partywillige, mit Boulevards, Cafés, Strandbars und Flirtgelegenheiten. Sie sind das erste Mal am Meer, obwohl sie nur eine gute Autostunde entfernt leben. Aya, Lin und Yasmin sind Palästinenserinnen. Und Tel Aviv ist für sie verbotenes Territorium.
Verbotenes Land
Die Fahrt der Frauen ist eine Reise, die für alle im Gefängnis enden kann. Ilana Hammerman bricht die Gesetze und spricht darüber; sie will, dass die Besatzung des Westjordanlands öffentlich diskutiert wird. Am großen Fenster ihres Wohnzimmers serviert sie geschälte Orangen, Erdbeeren, Rotwein und Kaffee. Ihre direkte und offene Art unterstreicht ihren Willen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Als das Haus, in dem Ilana Hammerman im Jerusalemer Stadtteil Bet Hakerem wohnt, 2005 gebaut wurde, arbeiteten dort auch palästinensische Handwerker. Sie erklärten ihre Wohnorte, indem sie Namen jüdischer Siedlungen im Westjordanland nannten. Hammerman kannte die Namen der arabischen Dörfer, nicht aber die Namen der Siedlungen. Zeitgleich forderte die Lokalzeitung auf, illegale Arbeiter aus den palästinensischen Gebieten anzuzeigen. Ilana Hammerman schrieb der Zeitung einen Brief: Sie würde diese Handwerker einladen, bei ihr zu duschen und zu schlafen; sie müssten schließlich ihre Familie ernähren.
Ihr Brief wurde nicht gedruckt
„Wie die meisten Israelis sprach ich kein Arabisch, obwohl wir von arabischen Ländern umgeben sind“, sagt Ilana Hammerman. In einem palästinensischen Dorf zwischen Jerusalem und Hebron begann sie, bei der Frau eines Handwerkers Arabisch zu lernen. Sie wollte für den Unterricht zahlen, die Frau lehnte ab: „Entweder wir sind Freunde oder ich unterrichte nicht.“ Hammerman kommt fast jede Woche, „ich bin dort zu Hause, ich habe eine riesige Familie“.
So wie Israel für Palästinenser verboten ist, sind für Israelis Teile des Westjordanlands verboten. Das Westjordanland ist in Zone A, B und C aufgeteilt. Zone A untersteht der palästinensischen Autonomiebehörde, B fällt unter palästinensische und israelische Zuständigkeit, und C kontrollieren die Israelis, etwa sechzig Prozent des Westjordanlands. Dass es in Ramallah einen Bauboom gibt, dass in Bethlehem Frauen und Männer zu arabischem Techno die Nacht vertanzen, dass Bars palästinensisches Bier servieren, wissen nur wenige. 1967 besetzte Israel das Westjordanland im Sechs-Tage-Krieg. „Die meisten, die nach 1967 geboren sind, kennen das Westjordanland nicht“, sagt Ilana Hammerman. Die Israelis, die den Palästinensern begegnen, sind Soldaten, an den Checkpoints nach Pässen fragend, woher kommt man, wohin will man. Umgekehrt wollen viele Israelis auf keinen Fall ins Westjordanland, auch nicht mit geführten Touren: Manchen reicht, dass sie im Armeedienst dort waren, andere haben schlicht Angst. Hammerman weiß: „Für die Palästinenserinnen bin ich die erste Jüdin, die keine Soldatin ist.“
1944 in Haifa geboren, studierte Ilana Hammerman an der renommierten Hebräischen Universität in Jerusalem und an der Sorbonne in Paris. Sie promovierte in Bielefeld und unterrichtete dort zwei Jahre lang. Als Cheflektorin des Verlags Am Oved gründete sie die dokumentarische Reihe „Te’ouda“, für die sie unter anderem die Tagebücher von Victor Klemperer und „Am Beispiel meines Bruders“ von Uwe Timm edierte. Sie hat „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche ins Hebräische übersetzt, außerdem Bertolt Brecht, Franz Kafka, Christa Wolf und Patrick Süskind. Hammermans Mutter kam 1933 aus Warschau ins damalige Palästina, 15 Jahre später wurde der Staat Israel gegründet. Der größte Teil ihrer Familie wurde von den Nazis ermordet. Noch 1990, mit achtzig Jahren, reiste sie nach Nablus und pflegte Kontakte zu Palästinensern. 2006 starb sie, „enttäuscht, denn es gab keinen Frieden“, sagt Hammerman, „doch gerade sie brachte mir bei, nicht zu schweigen“.
Ilana Hammerman zeigt Fotos von einem Ausflug mit Palästinenserinnen in den Jerusalemer Zoo, im Hintergrund ein Elefant, die Kinder strahlen. Eine Palästinenserin, eine schöne Frau in Jeans, Mitte 30, schulterlanges Haar, große Augen, war mit ihren drei Kindern nach Israel gekommen; die Kinder fragten: Warum spricht hier niemand Arabisch, welche Sprache sprechen die Menschen? Manche der Palästinenserinnen sehen in Jerusalem Frauen mit Kopftuch – und setzen ihr eigenes wieder auf. Ilana Hammerman mag das nicht, es ist ihr zu auffällig. Obwohl sie weiß, wie wichtig Jerusalem den Muslimen ist, besucht sie mit ihren palästinensischen Freundinnen nie eine Moschee, „zu riskant“.
Durst auf Begegnung
Das Telefon klingelt. Eine Frau aus dem Norden Israels ruft an: Sie und ihr Mann verehrten Hammerman und wollten nun selbst aktiv werden. Sie besprechen, ob die Frau Palästinenserinnen aus Dschenin holen könnte. Seit Hammerman in der Zeitung „Ha’aretz“ über ihre Aktionen berichtete, bekommt sie öfter Anfragen dieser Art. Nach einem Vortrag kamen mehrere Frauen zu ihr: Sie wollten mitmachen, Psychologinnen, Fotografinnen, Drehbuchautorinnen – Frauen wie Ilana Hammerman, erfolgreich, gebildet, selbständig, an einem Punkt ihres Lebens, an dem ihnen drohende Strafen keine Angst machen. Die meisten Palästinenserinnen kommen aus Dörfern, wenige aus Flüchtlingslagern. „Wir begegnen uns als Frauen, wir sind durstig, einander kennenzulernen.“
Ilana Hammerman kennt die Checkpoints sehr gut, sie war lange bei „Machsom Watch“ aktiv. Diese NGO überwacht das Verhalten von Soldaten an den Checkpoints. Manche Checkpoints muten an wie Straßensperren mit ein paar jungen Soldaten an einer telefonzellengroßen Kabine unter Tarnnetz, daneben ein Wachturm. Andere Checkpoints sind groß ausgebaut, etwa Kalandia zwischen Jerusalem und Ramallah, oder jener bei Bethlehem. An diesen Checkpoints müssen die Palästinenser, die einen Erlaubnisschein für Israel haben, Sicherheitsschleusen passieren, Eisendrehkreuze durchlaufen, das Gepäck röntgen lassen, den Pass zeigen, in Bethlehem auch den Fingerabdruck abgeben. Im Terminal des Checkpoints in Bethlehem grüßen touristische Werbeplakate die Passierenden: Willkommen in Israel.
Die Fahrt zum Betar-Grenzübergang verlief fast in kompletter Stille. Als wir den Checkpoint erreichten – das rote Schild, den Metallturm, die Bremsschwellen, die Betonbarrieren, den Standpunkt des Soldaten – zitterten meine Beine, und gewiss nicht von der holprigen Straße. Ich atmete tief, bremste ab, aber stoppte nicht, ließ das Fenster runter, winkte dem Soldaten lässig, und er gab mir ein gleichgültiges Zeichen, weiterzufahren. „Wir haben es geschafft!“
Die Angst fährt immer mit. Die Palästinenserinnen legen das Kopftuch ab, die langen Mäntel; sie tragen Jeans und T-Shirt. Zwei Israelinnen sitzen vorne, zwei Palästinenserinnen hinten, oder eine Frau mit Kind. Würden sie am Checkpoint erwischt, würden die Palästinenserinnen wohl ins Westjordanland zurückgeschickt und das Auto beschlagnahmt werden. Würden sie in Israel erwischt, rechnet Hammerman mit Gefängnis für alle; dennoch: „Die Palästinenserinnen riskieren mehr.“ Die bisher gefährlichste Situation erlebte Hammerman mit Lin, Aya und Yasmin, als sie einem Polizisten in Zivil auffielen.
Der Mann hörte die Mädchen Arabisch sprechen und fragte, woher sie seien. (. . .) Sie sind aus Ost-Jerusalem und Einwohner Israels, sagte ich ihm. Er zeigte mir geduldig seinen offiziellen Polizei-Ausweis und verlangte, dass wir ihm unsere Ausweise und die Einreiseerlaubnis der Mädchen zeigen sollten. (. . .) Irgendwie gelang es mir, den Polizisten zu überzeugen, dass er uns mit einer Verwarnung gehen ließ - und der Mahnung, dass er das „das letzte Mal“ getan habe; als hätten wir uns viele Male zuvor so getroffen.
Aus der Terra incognita
„Keiner in Israel kennt einen Zustand, der nicht Krieg war. Ich will eine Enklave normaler Verhältnisse schaffen“, sagt Ilana Hammerman. Sie weiß, dass der Großteil der Israelis gegen sie ist. Manchmal bekommt sie Hetzbriefe. Ein Fernsehmoderator echauffierte sich in seiner Sendung, dass die Frauen entscheiden würden, welche Gesetze gefallen und welche nicht. Schon einmal hat Ilana Hammerman Israel in eine Debatte gezwungen, über den Umgang mit dem Tod. 2001 war ihr Buch „Bemasal Sartan“ („Ich wollte, dass du lebst“, Deutsch 2005) ein Bestseller: Ihr Mann Jürgen Nieraad und sie beschreiben, wie sie ihre Liebe nicht vom nahen Tod schmälern lassen, als Nieraad gegen den Krebs kämpft.
Keine der Frauen wird ihre Reise für einen Tag vergessen, nicht das Wasser, das ihnen an Tel Avivs Strand um die Füße floß, nicht die Shoppingmall und auch nicht die Angst, erwischt zu werden. Auch am Freitag, dem 23. Juli 2010, schmuggelten Ilana Hammerman und elf israelische Frauen. Sie holten zwölf palästinensische Frauen, drei Kinder und ein Baby aus dem Westjordanland zu einem freien Tag am Meer. Seitdem werden die Israelinnen von der Polizei befragt. Sie wissen, dass sie mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft werden können. „Das Westjordanland soll eine andere Sphäre, eine Terra incognita sein“, kritisiert Hammerman.
Und weil der Staat und die Armee uns ein X für ein U vormachen und der Großteil der Öffentlichkeit ihnen glaubt – und Journalisten mich fragen, ob ich die Unterwäsche der Frauen durchsuche, die ich schmuggele, um zu prüfen, dass sie keinen Sprengstoff bei sich tragen –, deswegen nähre ich die Hoffnung, dass die Polizei empfehlen wird, mich unter Anklage zu stellen. Denn dann, bevor sie „mich in vollem Umfang strafrechtlich belangen“, werde ich die Chance haben, meine Geschichte zu erzählen und im Gerichtssaal – dem passendsten aller Ort – meine Zweifel zur Sprache zu bringen über die Legalität vieler Gesetze des Staates Israel.
Nebenbei ist ein neues Wort ins Leben gekommen: „Doing an Ilana.“ Wer Palästinenser aus dem Westjordanland schmuggelt, mit ihnen einen Tag am Meer verbringt, im Café, auf dem Markt, im Zoo, wer ungehorsam ist wie Ilana Hammerman, der macht die Ilana.
Die kursiven Sätze stammen aus Ilana Hammermans Artikeln, erschienen in der israelischen Tageszeitung „Ha’aretz“: „If there is a heaven“ vom 13.5.2010 und „Travels in hyperreality“ vom 5.11.2010. Übersetzung: Evelyn Runge
Westjordanland
Anreise:
Nach Ramallah fahren Busse ab Jerusalem (Nablus Road, gegenüber des Damaskustors). Endstation von Bus Nr. 18 ist Ramallahs Einkaufszone, nahe des Platzes Al-Manara. GeführteTouren nach Hebron bietet die israelische NGO „Breaking the Silence“, ehemalige Soldaten berichten über den Dienst im Westjordanland (www.breakingthesilence.org.il).
Unterkunft:
In Ramallah das Ankars Suites Hotel“ Ramallah (www.ankarssuiteshotel.ps/about.htm). Gerade eröffnet eröffnet hat das „Mövenpick Hotel“ (www.moevenpick-hotels.com)
tel aviv strand fuer plaestinenserin
adina krausz (adina80)
- 12.06.2011, 10:42 Uhr
mutig
Sylvia Fox (SylviaFox)
- 12.06.2011, 15:08 Uhr
ein schöner artikel
Jan Froehlich (JanFroehlich)
- 13.06.2011, 15:06 Uhr
Ich kritisiere ja oft die Israelis,
Holger Muschal (Holly01)
- 13.06.2011, 20:09 Uhr
Wenn man solche Berichte liest ...
Xaver Quellenberger (Orianus)
- 14.06.2011, 06:51 Uhr