Zufrieden lächelnd sitzt der Riesenbuddha von Changhua auf seinem Hügel und schaut über die Stadt. An diesem Sonntag sind viele Taiwanesen zu ihm hinauf gepilgert und rasten an der Monumentaltreppe bei einem der Stände mit Süßwaren oder getrocknetem Oktopus. Die durchdringenden Gerüche machen unserem Buddha nichts aus. Nicht seine Nasenlöcher sind wichtig, sondern seine Ohrläppchen. Wenn sie groß ausfallen, weiß man in Taiwan, bedeutet das Erfolg und Glück im Leben. Darum hängen dem Riesenbuddha seine Ohrlappen fast bis auf die Schultern, ohne dass dies die Harmonie der Gestalt im Lotossitz stören würde.
Der erste Eindruck, den Taiwan auf seine Besucher macht, passt zur Rundumsicht über Changhua: Neubau, Industrie, Arbeitsamkeit, Wohlstand. Und doch ist das Land, das in diesem Jahr den hundertsten Jahrestag der chinesischen Republik feiert, erfüllt von alten Traditionen. Unten am Buddhahügel steht das nagelneue „National Life Arts Center“, in dem gerade der Holzschnitzer und Kalligraph Li Ping-Kuei eine Ausstellung hat. Meister Li steht bedächtig neben einer Schriftrolle, prüft die sämige Tusche und streicht immer wieder den Schreibpinsel glatt. Dann wirft er unter dem Applaus der Umstehenden in wenigen Sekunden ein zeitloses Gedicht über Schönheit und Harmonie aufs Papier. Bei der wachsenden Mittelschicht des Industrielandes Taiwan verkauft sich seine traditionelle Ästhetik dermaßen gut, dass der Meister eine große deutsche Limousine – Traum vieler Taiwanesen – fahren kann.
Chinas Einfluss
Solcher Reichtum ist der Insel, auf der fast alle Personalcomputer des Planeten entstehen, vor allem entlang der Westküste deutlich anzusehen. Vielleicht finden daher nicht viele Touristen den Weg in die Ebene, in der fast jeder Quadratmeter mit kleinen Fabriken bestückt ist. Neben dem dichten Straßennetz finden sich direkt die Reisfelder, immer wieder Fischzuchten und eine Wohnbebauung – niemals älter als ein paar Jahrzehnte –, die aus Taiwan eine einzige große Agglomeration zu machen scheint.
Die chinesische Kultur lebt erst im permanenten Wandel, im ständigen Wirken und Schaffen der Menschen, im Bauen und Abreißen. Kaohsiung steht dafür Pate. Die große Hafenstadt im Süden, die mit dem Prosperieren von Taiwan immer weiter zur Millionenmetropole gewachsen ist, wirkt inmitten eines Hochhausmeeres neu und gesichtslos. Doch vor fast jedem Laden im Erdgeschoss findet sich im Beton ein Plätzchen für eine Topfpflanze, in fast jeder Lobby steht ein kleines Aquarium. Nicht der Raum und die Ästhetik außen sind entscheidend, sondern die innere Seelenlandschaft. Ihr Leben in einem der am dichtesten besiedelten Länder der Welt genießen die Menschen in Kaohsiung dann eben auf einem der Nachtmärkte. Junge Paare sitzen noch gegen Mitternacht in einem Hochzeitsshop und planen vor Fototapeten von Venedig unter professioneller Beratung den wichtigsten Tag ihres Lebens. Man wird den Eindruck nicht los, dass dieses supermoderne China zugleich das traditionelle ist.
Dass Taiwan bei aller Geschäftigkeit beim Reisenden einen entspannten und geradezu erholsamen Eindruck erweckt, hat aber gar nicht so sehr mit der Tradition zu tun, sondern mit der Gesellschaftsform. Festland-China mit seiner Milliardenbevölkerung mag auf uns zuweilen dynamisch-bedrohlich, immer wieder ruppig und misstrauisch wirken – der einstige kleine Widersacher Taiwan ist längst eine lebendige Demokratie und steckt gerade mitten im Wahlkampf. Unübersehbar hängen überall die Plakate mit optimistisch lächelnden Kandidaten und dem aktuellen Präsidenten Ma, der seine rechte Faust wie ein jubelnder Sportler ballt. Überall laufen Fernseher mit den hitzigen Debatten, ob und wie sich Taiwan dem übermächtigen Festland annähern soll. Ob nicht die Abhängigkeit von der Billiglohnproduktion auf den Kontinent inzwischen zu groß ist, um weiter Front zu machen gegen die kapitalkommunistischen Machthaber in Peking, die Taiwan unbeirrt als Teil ihres Imperiums verstehen.
Weil sie genug mit solchen Problemen zu schaffen, weil sie es sich aber auch selbstbewusst in ihrem wohlhabenden, kleinen China eingerichtet haben, nehmen die Taiwanesen nicht übermäßig viel Notiz von den Besuchern. Wenn sie dann aber mit Fremden zu tun bekommen, sind die Menschen von einer Höflichkeit und Freundlichkeit, wie man sie in Europa kaum finden wird. Gerade das ungeschönte Straßengewirr von Tainan mit seinen Neonreklamen, Wahrsagerbuden und Devotionaliengeschäften zeigt, dass von der Hafenkultur der Mandarine und der Dschunkenfischer nicht viel Sichtbares übrig geblieben ist. Oder doch? Das feine Fischlokal an der Hauptstraße erinnert mit einem hölzernen Tragegestell an die Anfänge des Betriebes vor vier Generationen, da der Stammvater in der Taifunsaison nicht auf dem Meer fischen konnte und seine köstlichen Suppen im Wärmebottich zu den Kunden trug. So ist es überall: Schaut man näher hin, wird die reiche Geschichte lebendig. In Tainan hatten sich vor vierhundert Jahren die Holländer in einer Festung verschanzt, wurden aber bereits eine Generation darauf vom chinesischen Kriegshelden Koxinga besiegt. Vor dem einstigen Fort Provintia am längst versandeten Hafen zeigt eine Bronzegruppe den bedröppelten Abzug der Europäer. Bis vor ein paar Jahren hatte der Kommandeur noch vor dem stolzen Koxinga gekniet. Weil das aber nicht dem freiwilligen Abzug entsprach und sich die Holländer beschwert hatten, hat man das Standbild noch einmal überarbeitet. Nun zieht der Kommandeur nur mit traurig gesenktem Kopf von dannen.
Taiwans Höflichkeit
Die Han-Chinesen, die selbst als Kolonisatoren auf die Insel Formosa – so der portugiesische Name – gekommen waren, machten aus dem niederländischen Fort sogleich einen kostbaren Tempel für den Gott der Literatur und Gelehrsamkeit. Ein hässlicher Bursche, steht er da in Holz geschnitzt und erinnert an seinen Lernerfolg: Erst als er sich selbstmörderisch ins Wasser stürzte, wurde der Kaiser auf seinen verwachsenen Musterschüler aufmerksam. Ein paar hundert Meter weiter erinnert einer der ehrwürdigsten Konfuziustempel an das strenge System des Lernens, der Schrift und der Disziplin, das aus den neuen Insulanern eifrige Untertanen des fernen Kaisers machen sollte. Weil auf dem Festland in der Kulturrevolution solche Tempelschulen fast überall zerstört wurden, kommen nun Neo-Konfuzianer auch aus Peking, um an dem Prachtbau Maß zu nehmen. Während die ältesten der Leitsätze überm Schrein noch von Chinas Kaisern stammen, hat der Gründer des taiwanesischen Staates, General Tschiang Kai-schek seinen Spruch von der Gleichheit und der Entwicklung aller Bürger dazugehängt. Hier zeigt sich deutlich, wie die „Republik China“ sich als wahrer Erbe der traditionellen Staatsordnung verstand. Heute, fast vierzig Jahre nach Tschiang Kai-scheks Tod, ist vom autoritären Stil des Generals wenig übrig geblieben. Dafür trägt bei den Computer-Entwicklern, in den Technologiezentren für LED-Lampen und Chips die propagierte Wissensgesellschaft des Konfuzius sichtbare Früchte.
Auch die sogenannten Ami sind sichtbare Nutznießer dieses Wirtschaftswunders. Über Generationen kümmerten sich die han-chinesischen Besiedler der Insel kaum um diese Ureinwohner, die im Aussehen eher an Filipinos erinnern, in enger Verbundenheit mit dem Pazifik lebten und von portugiesischen Missionaren den katholischen Glauben angenommen hatten. Heute, da die Diskriminierung vorbei ist, tragen die Ami, die vor allem an der Ostküste hinter dem Vulkangebirge leben, stolz ihre rotbunten Westen und ihren Kopfputz. Anders als im festländischen Tibet oder in Sichuan werden die taiwanesischen Minderheiten in ihren Sprachen geschult. Bei einem solchen mit chinesischer Gründlichkeit in die Küstenlinie gebauten Kulturzentrum unweit von Taitung spielt die Ami-Band Kakeng mit sichtlichem Spaß zum Tanz auf. Ihr wilder Sound auf Bambustrommeln, mit sonderbaren, durch die Nase geblasenen Flöten und Klingeln könnte die coolsten Clubs in London zum Swingen bringen.
Die sehr viel einsamere Ostküste steht für das andere Taiwan: Felsen, Strände, Surfer und kleine Küstenorte, in deren einfachen Gasthäusern die köstliche Inselküche aus frischen Grillfischen, Krustentieren, Süßkartoffeln, Meeresschnecken und Algensuppen frisch zubereitet wird. Lange war der Südosten von Taipeh nur schwer zu erreichen. Erst in den fünfziger Jahren entschloss sich die Kuomintang-Regierung wohl auch aus militärischen Gründen, eine Straße durch die wilde Taroko-Schlucht anzulegen. Tausende Veteranen und Ingenieure schufteten drei Jahre lang, bis eine der spektakulärsten Trassen der Welt fertig war: Neunzehn Kilometer meist direkt in die Felswand gehauen, stellenweise untertunnelt, immer hoch über einem brausenden Gebirgsfluss, dessen Name so viel wie „Glück“ bedeutet. Über zweihundert Bauarbeiter hatten weniger Glück und fanden bei der Arbeit den Tod. Ein Schrein, durch dessen Basis ein Gebirgsbach strömt, erinnert bis heute an die Verstorbenen. Das passt gut zur friedlichen Stimmung in diesem Nationalpark, in dessen Wäldern hoch oben Affen, endemische Hirsche und Adler leben. Momentan sind es vor allem Japaner, die mit kurzem Flug nach Taiwan herüberkommen. Von 1895 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs herrschte Nippon über die Insel. Das schönste Erbe dieser Jahre besteht jedoch in den vielen Thermalquellen, die auf der ganzen Insel mit Bädern und Wellnesshotels genutzt werden. Da sitzen dann Chinesen und Japaner einträchtig in den über vierzig Grad heißen Quellen, schütten sich aus Bottichen die hitzige Brühe über den Rücken oder saunieren neuerdings sogar nach finnischem Brauch.
Mit bester Sicht auf das zweithöchste Gebäude der Welt, den 101-Tower in stilisierter Bambusform, kommt in Taipeh das moderne Land auch am Wochenende kaum zur Ruhe. Das weltberühmte Palastmuseum, in welches die Regierung nach 1945 die Schätze der Verbotenen Stadt aus Peking gerettet (die Festlandchinesen sagen: geraubt) hat, wird von Touristengruppen aus dem Norden förmlich gestürmt. Vor unschätzbaren Vasen der Tang-Zeit, Pferdestatuen der mittelalterlichen Song-Herrscher und den einzigartigen Rollbildern über tausendjähriger Vogel- und Pflanzenstudien eignen sich die Festlandchinesen ihr Erbe an.
In den wenigen Parks ihrer Stadt finden sich in der knappen Freizeit Musik- und Tanzgruppen für kleine Sessions zusammen. Bei 25 Grad wird überall weihnachtlich mit Nikoläusen und Styroporschnee geschmückt. Auch hier erweisen sich die Taiwanesen als Meister des Pragmatismus, die sich keine Feier entgehen lassen. In riesigen Ehrenhallen mit martialischer Militärwache verehrt man Tschiang Kai-schek und den ersten chinesischen Präsidenten Sun Yat-sen, die sich beide nie mit einem taiwanesischen Staat abgefunden hätten. Auf ihren Monumentalsitzen blicken die Bronzepolitiker drein, als müsste man für eine friedliche Lösung des chinesischen Konflikts nur die nötige Geduld mitbringen.
In jedem Fall zeigen sich die Taiwanesen ihren Wurzeln in China verpflichtet, indem sie hundert Jahre Absetzung der Kaiser in Peking und Gründung der Republik noch inniger feiern als ihr großer Nachbar. Wir sind das demokratische China – möchten sie damit ausdrücken, und bauen im ganzen Land neue Kulturzentren: in Kaohsiung mit riesiger Oper und Theater, in Taipeh und Taichung jeweils Konzerthallen für sechstausend Zuhörer. Und acht neue Kulturzentren im Ausland wird Taiwan eröffnen, Rom macht den Anfang. Doch niemals schlagen die Zentenar-Feierlichkeiten um in Chauvinismus. Ein geschäftiges Leben in Frieden – das ist, wonach den Taiwanesen der Sinn steht.
In Kaohsiung sind abends zum Oratorium „Prayer“ mehrere tausend Menschen in ein ehemaliges Kasernengelände gekommen, haben ihre Kinder und ihre Alten mitgebracht, um das Werk des aus Taiwan stammenden Komponisten Shih anzuhören. Mit über siebzig Pauken, kreisrund ums Publikum aufgebaut, eröffnet die Musik eine Klangkulisse, die zuerst nach bedrohlichen Flugzeugmotoren klingt, dann immer mehr in sonore, meditative Tempelmusik übergeht. Zu riesigen Projektionen von Bombardements und Flüchtlingen, Leichen und Soldaten erinnern mehr als fünfhundert Mitwirkende in Chören und Orchester mit ergreifendem Klagegesang an die schlimme Historie der Insel: Okkupation, Vertreibung, Eroberung, Kalter Krieg. Am Ende lässt der Komponist ganz von hinten einen Kinderchor ertönen, der leise vom Frieden singt. Buddha auf seinem Hügel könnte da nur zustimmen. Alles eine Frage der Ohrläppchen.
An- und Einreise: Taiwans nationale Airline, China Airlines, fliegt fünfmal die Woche von Frankfurt nach Taipeh (nonstop), ab 660 Euro; Tel. 069/ 2 97 05 80, www.china-airlines.de; etwas günstiger (über Peking fliegt Air China: www.airchina.de
Unterkunft: Das Spa-Hotel „Royal Chiao Hsi“ befindet sich unweit von Taipeh (www.hrjhotel.com.tw), das minimalistische Resort „Silks Palace“ in der Taroko-Schlucht (www.silkspalace-taroko.com.tw).
Weitere Informationen zu Reisen nach Taiwan beim Taipeh-Tourismusbüro, Tel. 069/61 07 43, www.taiwantourismus.de, zur Hundertjahrfeier der chinesischen Republik unter www.taiwanroc100.tw
Guter Artikel!
Alex Merck (AlexM3)
- 19.12.2011, 11:09 Uhr
Danke für den mit Sympathie geschriebenen Beitrag - eine kritische Anmerkung:
Michael Leh (Michael007)
- 18.12.2011, 18:40 Uhr