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Sydney Ich erwarte einfach zu viel vom Frühstück

02.10.2006 ·  Menschen essen morgens immer das gleiche. Fast überall. Doch in Sydney, am anderen Ende der Welt, ist Frühstücken ein Kulturgut: „Breaky“ kann man in vielen Restaurants der Stadt von morgens bis abends bestellen.

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Menschen essen morgens immer das gleiche. Mittags und abends muß die Speisekarte von Tag zu Tag wechseln, beim Frühstück aber herrscht Monokultur: Brot. Oder Müsli. Oder Cornflakes. Oder Rührei mit Speck. Dazu Kaffee oder Tee, auch Kakao. Es kommt wohl seltener vor, daß jemand montags Müsli frühstückte, dienstags Rührei und mittwochs Brötchen, und sicher geschieht all das nur aus Faulheit, morgens muß es ja schnell gehen, und doch ist es merkwürdig: Immerhin beschwert sich keiner über das Immergleiche.

Um dem Einerlei zu entgehen, haben zumindest Cafes seit den Siebzigern das Frühstück verlängert. Vielleicht, um es aufzuwerten: Wenn sich morgens schon nichts ändert auf dem Teller, bleibt es dafür dort ewig liegen. Herrn Lehmann aus Kreuzberg regte das im gleichnamigen Roman von Sven Regener sehr auf, dieses endlose Brötchenessen und Rühren im Ei, bis der Nachmittag anbricht, weil er es als haltloses Hängertum verachtete, als verschleppten Tatendrang. Das hat Tradition in Deutschland, jedenfalls literarisch: Schon in den "Buddenbrooks" scheiterte der eingeheiratete Bendix Grünlich daran, die Mitgift seiner Gattin Tony eher für morgendliche Koteletts zu verplempern, "nach englischer Sitte" und "leicht gebraten", anstatt wie jeder anständige Mensch zeitig ins Büro zu gehen.

Have a good breaky

Anderswo aber, endlose Flugstunden einmal um die Welt entfernt, ist das Frühstücken zu jeder Zeit des Tages, warm oder kalt, ein Kulturgut: in Sydney nämlich. "Breaky", kurz für "Breakfast", so nennen es die Leute hier, fast zärtlich klingt das, bestellen kann man es in vielen Restaurants und Bars der Stadt von morgens bis abends. Die Australier sind seit einiger Zeit schon dem guten Essen geradezu verfallen, nicht nur in Sydney, sie lieben aber auch das eher unkompliziert, wie alles in ihrem riesengroßen Land. Und so treffen sich selbst Geschäftsleute zum Arbeitsfrühstück (vielleicht wäre das die Rettung für den Bankrotteur Grünlich gewesen), etwa im schmalen "Matchbox Cafe" in der Victoria Street, einer sehr begehrten Straße in Sydneys noch begehrterem Viertel Darlinghurst.

Australier sind amerikanisierte Briten, und das heißt: Man kann hier auch Pancakes zum Frühstück bestellen, nicht nur Speck und Eier, gebackene Bohnen und fiese Würstchen in Orange. Im Matchbox Cafe, das in der Morgensonne zwischen Herbergen für Rucksacktouristen und viktorianischen Altbauten liegt, ist die Spezialität aber das sahnige Bircher Müsli, in allen Variationen. Da sitzen die Geschäftsleute und bestellen ihren "Long Black with Milk on the Side", einem starken Kaffee, der mit Milch ewig verlängert werden kann, was schon beinah wieder mitteleuropäisch wäre, da sitzen auch junge Frauen, die vom Joggen kommen, die Uferpromenade von Woolloomooloo und der botanische Garten sind nicht weit entfernt. "Have a good breaky", wünscht einem der Kellner, draußen radeln verfilzte Touristen vorbei, der Heizpilz wärmt, Australien zu unserer Sommerzeit ist ein angenehmer Winter.

Scones zu jeder Tageszeit

Und doch sitzen die Gäste im "Cafe Violetta" in Pelzmantel und Pullover da, nicht weit entfernt in der Darlinghurst Road. Es gibt hier nicht oft Gelegenheit, Wintermode zu tragen, also tun es die Australier, wann immer es kühler wird. Touristen erkennt man dann an kurzen Ärmeln. Oder auch nicht, denn hier hat jeder einen Akzent. "Oh Gott, ich wünschte, ich wäre größer", sagt ein früher Gast zum Kellner, der spitze Wangenknochen hat und überhaupt spindeldürr ist, "ich wünschte, ich wäre in deinem Land geboren worden". Er kommt aus Hawaii, der Kellner bedient sowjetisch brüsk. "Ich erwarte einfach zu viel vom Frühstück", seufzt der Hawaiianer schließlich. Er hat ein Eis bestellt.

Fettleibige Torten stehen im Schaufenster zur leicht verkommenen Darlinghurst Road, Tom Jones singt im Radio, man sitzt auf Kunstleder und könnte jetzt auch schon einen ganzen Red Snapper (für zehn Euro) bestellen, die Zeitverschiebung verdreht einem eh den Kopf, aber dann wird es doch kein Fisch, sondern ein Devonshire Tea mit Scones und clotted cream. Herrlich.

Mushy peas als erste Stärkung

Spätestens jetzt wird einem klar, daß Frühstück auch nur Auslegungssache ist, denn Scones gehören eher in den Nachmittag. Und so stört es dann auch nicht mehr, frühmorgens Arbeiter am berühmten "Cafe de Wheels" schleimige Erbsensuppe essen zu sehen: "Mushy peas" sind die Spezialität dieser Bude, die direkt an der Promenade von Woolloomooloo steht und an der schon Frank Sinatra, die Dietrich oder Robert Mitchum gestanden haben. Bis elf Uhr morgens kann man hier Eier und Speck im luftigen Brötchen bestellen, samt Kaffee, für 2,70 Euro, erstaunlich günstig für einen Touristenort. Aber im Regen, und gerade regnet es in Strömen, verirren die sich ohnehin nicht her, nur Männer im Blaumann, die Hotdogs und Cola Light ordern, morgens halb zehn in Australien.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 1. Oktober 2006
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