16.03.2007 · Kalifornischer Lebensstil, multikulturelle Atmosphäre, aber auch eine erschreckend hohe Kriminalität und erdrückende Armut: Durban hat viele Gesichter. Drei Jahre vor der Fußball-Weltmeisterschaft hofft Südafrikas drittgrößte Stadt auf ein Wunder.
Von Andrea JeskaDer Mann kam mit einem Megaphon und pries Jesus. Nein, er pries ihn nicht, er schrie seine Botschaft hinaus. Er zeterte gegen Ehebruch, Scheidungen, ungehemmten Sex, gegen Söhne, die ihre Mütter und Töchter, die ihre Väter nicht mehr achteten. Dabei wanderte er auf und ab, vom Dach der Kirche flohen die Tauben, und wer auf den Parkbänken die Sonne genießen wollte, floh ebenfalls. Eine Stunde verdammte er das Leben in Palästen und Hütten, die ganze Welt. Als er endlich schwieg und davonschlurfte, klang der übliche Lärm einer Großstadt fast sanft in den Ohren.
Die Turmuhr imitierte Big Ben, aus den Seitenstraßen schlichen die Obdachlosen und suchten nach jemandem, dem sie eine Geschichte von Hunger und Leid erzählen können. Irgendwo heulten Polizeisirenen, und in einem Abrisshaus fand man die Leiche eines Mannes, dem man die Genitalien ab- und die Innereien herausgeschnitten hatte. Verschlafene Straßenkinder begannen ihre Betteltour, smarte Geschäftsmänner durchmaßen die Straßen in staubresistenten Anzügen, Büromädchen klapperten hinterher.
Salziger Duft von Abenteuer
Neben der Kirche durchsuchte ein schmutziger Greis die Mülleimer, und ein anderer kniete mitten auf dem Weg und flehte die Engel an, ihn nicht der Verdammnis preiszugeben. Es war ein ganz normaler Morgen in Downtown Durban, in Kwazulu Natal, in Südafrika, und ganz nahe rauschte der Indische Ozean, und silbrige Fische sprangen aus den Wellen.
Durban, die drittgrößte Stadt Südafrikas mit zwei Millionen Einwohnern und der größte Hafen des Landes, wechselt gerne das Gesicht. Mal Meeresparadies, mal hässliche Industriestadt, mal Handelsmetropole, mal verkommenes Vergnügungszentrum. Vielleicht findet der Wechsel je nach Stärke der Seebrise statt, die das Leben am Morgen leichthin macht, am Mittag schweigt, bis sich dumpfe Schwere über die Stadt legt und am Abend den salzigen Duft von Abenteuer in die Straßen trägt, zumindest in jene, die am Tage von Abgasen und dem staubigen Geruch enger Häuserzeilen durchzogen sind.
Tellergroße Hamburger und besorgte Kellner
Dabei trifft der erste Blick auf Erfreuliches. Die Skyline ist elegant, die Meereswellen sind malerisch, die jungen, braungebrannten Männer, die ihnen mit dem Surfboard unter dem Arm entsteigen, sexy genug, um als Postkartenmotiv herzuhalten. Die Brise, der Strand, die Palmen, die Cafés, die Beachboys und Beachgirls, all das ist so hipp, so kalifornisch, so lebensleicht. Und so multikulti, wenn neben der Blondine im knappen Bikini die vermummte Muslima ihre nackten Füße in den Sand streckt, der Baptistenprediger seine weißgekleideten Schäfchen zur Meerestaufe in die Wellen führt, Inderinnen im Sari leise ihre Armreifen im Wind klimpern lassen. Wenn es nach Donuts und Curry, nach Macchiato und Maisbrei, nach Aunt Jemimas Pancakes und Afrika zugleich riecht.
Durban ist nicht so verrucht, nicht so niedergedrückt wie Johannesburg, nicht so Schickimicki und elegant wie Kapstadt und auch nicht so europäisch. Es ist lebenslustiger und schwungvoller als Pretoria, doch da gehört kaum etwas dazu. Es ist aufregend genug, um Kiffer und Surfer anzuziehen, die barfuß, mit wehendem Haar, wehenden Röcken über den Strand und durch die Straßen wandern. Weltenbummler machen hier Zwischenstation, spielen in den Strandcafés eine Runde Pool, trinken kühle Margaritas und billiges Bier und essen tellergroße Hamburger, serviert von besorgten Kellnern, die jeden Gast drauf hinweisen, er möge seine Wertsachen nahe bei sich behalten, nicht einfach die Tasche zu den Füßen absetzen.
Sichere Alternative zu Johannesburg?
Man kann Durban chic finden und Sehnsüchte von „easy-going“ in der Ozeanbrise auf die Stadt projizieren - so, wie es die Passagiere eines deutschen Luxusliners taten, die ihre drei Stunden Landgang dazu nutzen wollten, auf der Golden Mile, Durbans belebtester und beliebtester Flaniermeile am Strand, afrikanische Souvenirs zu kaufen. Doch kaum dem Bus entstiegen, wurden sie überfallen, mit Messern bedroht, beraubt. Die deutschen Touristen schworen vor den Kameras der lokalen Sender, sich nie wieder in Durban blicken zu lassen. Umgehend strichen einige deutsche Reiseanbieter die Stadt aus dem Programm. Und in Durban wurde eiligst eine Tourismuskonferenz einberufen, auf der zunächst der touristische Wert der Stadt und der Provinz Kwazulu Natal einmütig gelobt und dann die Sicherheitslage stirnrunzelnd beklagt wurde.
Lange schien es, als fiele das Kriminalitätspotential in Durban niemandem so recht auf. Vor allem in der Reisebranche wurde die Stadt gerne als sichere Option zu Johannesburg und auch Kapstadt angepriesen. Zwar waren die örtlichen Zeitungen stets voller Schlagzeilen über Morde, Überfälle, Vergewaltigungen, und auch das Jammern über diese Zustände war groß. Gleichzeitig gewann man den Eindruck, die Stadt warte auf göttliche Erlösung von dem Übel oder darauf, eines Tages aufzuwachen und alles habe sich in Wohlgefallen aufgelöst.
Die Armut, die man fast greifen kann
Zur Minimierung des Risikos reichte es meist, in einem der besseren Viertel auf den Hügeln rund um die Stadt zu wohnen. Dort gibt es Vorgärten mit Rasenflächen und Haustüren, an denen Kränze aus Immergrün hängen. Es sind Viertel, in denen die afrikanische Wirklichkeit durch Mauern und Stacheldraht ferngehalten wird und man sich vor nichts mehr fürchtet als davor, dass einem das Fernhalten nicht mehr gelingt. Wer dort wohnt, tut es komfortabel, aber in Angst. Man verlässt sein von Wachmännern geschütztes Haus nur, um den alarmgesicherten Wagen aus der alarmgesicherten Garage zu holen. Stille Straßen sind das, in denen auch Schauspieler Häuser haben, und meist ganz oben auf dem Hügel wohnt ein omanischer Scheich, daneben ein russischer Multimillionär oder ein Schwiegersohn aus blaublütigem Geschlecht.
Die Gefahr lauert an anderen Orten: in den Straßen, die sich um den Kern der Stadt winden und in denen Müll liegt und die Verelendung, die Armut so sichtbar ist, dass man meint, sie greifen zu können. Dort leben jene Irren, die mit geiferndem Ton Jesus preisen und die Sünden verdammen. Straßenkinder schlafen mitten auf dem Bürgersteig, bis die Polizei sie verscheucht oder ein Passant ihnen einen Tritt versetzt. Seltsame Gestalten schleichen hier umher, genau jene, vor denen man in Durban gewarnt wird, genau jene, denen man nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr über den Weg laufen sollte. Eng sind diese Straßen, und an den Ecken riecht es nach Pissoir und nach Polyesterarmut, nicht nach Bougainvilleen und Afrika.
Ein Szenario wie im Film „Die Klapperschlange“
Selbst das legendäre Sternenzelt ist bei Nacht nur durch die Schlucht von Häusern zu sehen und lässt keinen Raum für Sehnsuchtsprojektionen. Es sind Straßen, in denen am Tag das Büroleben stattfindet und nach Feierabend eine Art Apokalypse einzieht. Sie erinnert an das Szenario im Film „Die Klapperschlange“, wenn in Blechtonnen Müll brennt und beißender Rauch durch die Stadt zieht und in dunklen Ecken gedealt wird; wenn die Schwachen sich verstecken und die Starken die Muskeln spielen lassen.
Die deutschen Kreuzfahrttouristen waren natürlich nicht die ersten Gäste, die in Durban überfallen wurden. Immer wieder war es in den vergangenen Jahren zu Angriffen gekommen. Der Überfall an der Golden Mile hätte es daher kaum auf die erste Seite der Durbaner Tageszeitungen geschafft, stünde nicht, in den Augen der Südafrikaner, die Fußball-Weltmeisterschaft direkt vor der Tür. In der Stadt, einem von sechs Austragungsorten im Land, verspricht man sich von der WM einen finanziellen Segen - groß genug, um die Provinz Kwazulu Natal von all ihren Problemen zu befreien. Und so kommt es, dass in Durban, obwohl die Fußball-Weltmeisterschaft erst 2010 stattfindet, die kriminelle Wirklichkeit in ihrer ganzen Dramatik allmählich wahrgenommen wird.
Aidsrate bei fünfundvierzig Prozent
Südafrika ist, seit islamische Länder als gefährlich gelten, ein ganz besonders beliebtes Reiseland und wird von den Veranstaltern als Paradies für Natur- und Kulturfreunde glorifiziert. Doch trotz eines mehr oder minder gewaltlosen Transformationsprozesses seit dem Ende der Apartheid kracht es in Südafrikas Gebälk. Die Kriminalitätsrate steigt mit jedem Jahr, nirgends auf der Welt wird, gemessen an der Einwohnerzahl, so viel gemordet, wie im Land am Kap. Die Zahl der Vergewaltigungen überschreitet jedes Maß und zunehmend auch jegliches Tabu. Selbst Kleinkinder und alte Frauen sind unter den Opfern, der Wahn, durch den Beischlaf mit einer Jungfrau von Aids geheilt zu werden, hält sich hartnäckig.
Kwazulu Natal gilt als Südafrikas ärmste Provinz. Die Aidsrate liegt nach offiziellen Schätzungen bei fünfundvierzig Prozent, es könnten aber auch mehr sein. Auf dem Lande ist die Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Hoffnungslosigkeit so groß, dass nicht nur die jungen Männer, sondern zunehmend auch Frauen in die Städte abwandern, in denen sie selten Arbeit finden, zumindest keine legale. Was ihnen bleibt, sind Drogenhandel, Raub und Prostitution.
Störender und verstörender Anblick
Vor allem die Straßenkinder, lange mit Gleichgültigkeit geduldet, schieben sich jetzt ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Wie viele es sind, weiß keiner, denn sie sind nur schwer zu zählen, kommen und gehen, leben in leerstehenden Abrisshäusern oder in Parks, im Gebüsch, in Kellerschächten. Auch sie tragen zum Kriminalitätspotential der Stadt bei, denn sie halten sich mit Raub und Diebstahl über Wasser. Die Zahl der Hilfsprojekte für diese Kinder ist erschreckend gering. Gerade einmal fünf von Nichtregierungsorganisationen organisierte Betreuungsprojekte gibt es - bei weitem nicht genug, um diese heimatlosen Kinder aufzufangen oder wieder in ihre Familien zu integrieren.
Wie störend und verstörend der Anblick der Straßenkinder auf Touristen wirken wird, ist der Durbaner Öffentlichkeit bewusst. Wie Abhilfe zu schaffen ist, weiß indes niemand. In der Vergangenheit hat man bei Großereignissen die Kinder immer wieder vor die Tore der Stadt verfrachtet oder in Scharen ins Gefängnis gesperrt. Nicht wenige vermuten, dass so die Lösung auch zur Fußball-Weltmeisterschaft aussehen werde.
Sozialprojekte sind nicht geplant
Den Grund für Kriminalität und Verelendung Durbans findet man, wenn man die Stadtgrenzen verlässt. Der größte Teil der schwarzen Bevölkerung lebt noch immer in den alten Townships, die klingende Namen wir Inanda, Lindelani und Richmond Farm haben und doch nur in Wellblech manifestiertes Elend sind. Auch die Inder, die tagsüber auf dem Victoria Street Market ihre duftenden Gewürze verkaufen und in deren Straßenrestaurants an der Grey man für ein paar Rand Linsenbrei und Curries, Naan und Tandoori kaufen kann, quetschen sich am Abend in überfüllte Lasttaxis und kriechen zurück in ihre Hütte jenseits der schillernden Skyline.
Die Planungen zur Fußball-Weltmeisterschaft sehen neben verschiedenen Großprojekten die Verbesserung der Infrastruktur vor, jener draußen in den Elendsvierteln allerdings nicht. Auch Sozialprojekte sind nicht geplant. Schon eröffnet ist das King Senzangakhona Stadion, benannt nach dem Gründer des Zulureichs, in dem siebzigtausend Menschen Platz finden. Hotelbauten, eine Verschönerung der Strandpromenade, die Verbreiterung der Ausfallstraßen, die Sanierung und Erweiterung weiterer Fußballstadien, all das sind Punkte auf der Agenda der Stadt.
Steckt hinter der Untätigkeit Absicht?
Wie man die Sicherheit der Touristen gewährleistet, darauf aber gibt es bislang keine Antwort. Mehr Polizei, Einsatz des Militärs - solche Vorschläge klingen nach Vorbereitung auf den Kriegszustand, nicht aber nach einer Lösung des Übels an seinen Wurzeln.
Einer, dem es vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Durban graut, ist Hans-Werner Beier, der zwölf Jahre lang Honorarkonsul in Durban war und im Hauptberuf Industrieller in der Textilbranche ist. „Niemals werden wir mit den Vorbereitungen rechtzeitig fertig. Weder mit dem Bau neuer Hotels und Stadien noch mit dem Eindämmen der Kriminalität. Armut und Arbeitslosigkeit, das sind keine Themen, die man in drei Jahren in den Griff bekommt“, sagt Beier. In manchen Durbaner Kreisen mache man schon Witze darüber, dass man am Ende die illegalen Migranten und die Obdachlosen dafür bezahlen werde, die leeren Stadien zu füllen.
Fragt man Beier und andere Durbaner, wird hinter der mangelnden Bereitschaft, die Probleme anzupacken, Absicht vermutet. Die Regierung des ANC, die hauptsächlich aus Xhosa besteht, verweigere Kwazulu Natal, dessen Bewohner Zulus und mehrheitlich Anhänger der Oppositionspartei Inkatha sind, die Unterstützung. Das mag stimmen oder nur der übliche Politikklatsch sein. Solange aber Kwazulu Natal das Armenhaus des Landes bleibt, wird es in Durban keine Sicherheit geben.
South African Tourism, Friedensstraße 6 bis 10, 60311 Frankfurt, Telefon: 069/9291290, Fax: 069/280950, E-mail: info.de@southafrica.de, Internet:www.southafrica.net
Durban ist anders
Peter Klaeusli (klausli)
- 16.03.2007, 18:59 Uhr