Home
http://www.faz.net/-gxj-75jes
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sternenlichtreservat Wir sind die Nacht

 ·  Der Jasper National Park in den kanadischen Rocky Mountains ist das größte Sternenlichtreservat der Welt. Eine Galaxie ist dort nur ein kleiner Punkt in einem Meer von Millionen.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (1)
© Jasper Tourism / Yuichi Takasaka Vergrößern Jasper National Park: Ich seh’ den Sternenhimmel, Sternenhimmel, Sternenhimmel - oh, oh!

Irgendwo hier oben muss er sein. In einem Gewölbe aus Sternen, die am Firmament kleben, als hätte eine unsichtbare Hand sie hier ausgeschüttet. Meine Augen suchen nach jenem markanten Punkt, den Astronomen M31 nennen, doch sie verirren sich in der Tiefe der Nacht. Schließlich wandern sie nach unten, finden Halt an schemenhaften Berggipfeln, Baumkronen und einem See, dessen Oberfläche in der Dämmerung schimmert wie Zellophanpapier.

Es ist eine klare Nacht im Jasper National Park in den Rocky Mountains, einem der angeblich dunkelsten Orte der Welt. So dunkel, dass man M31 auch ohne Fernglas oder Teleskop sehen müsste. Die Andromedagalaxie ist jener sagenhafte Ort über zwei Millionen Lichtjahre über uns, den auch schon Käpt’n Kirk und Major Perry Rhodan besucht haben. Ein Sehnsuchtsort aus der Jugendliteratur, das weiteste Objekt, das man von der Erde mit bloßem Auge erkennen kann. Eigentlich. Meine Großstadtaugen aber spielen erst mal nicht mit.

Besucher wie mich hat Matthew Parker fast jede Nacht. Matthew arbeitet als Koch in der „Fairmont Jasper Park Lodge“, einem Blockhüttenhotel im Wald zwischen idyllischen Seen und schneebedeckten Gipfeln. Genauso wie das Kochen liebt Matthew die Sterne. Nach seiner Schicht arbeitet er als eine Art hauseigener Astronom und zeigt Tagkindern wir mir, was für meine Großeltern noch selbstverständlich war: den dunklen Nachthimmel.

140.000 Lichtjahre Durchmesser

“Wir leben in einer Gesellschaft des Lichts. Wir arbeiten unter Scheinwerfern und knipsen Lampen an, wenn es Nacht wird. Wir fürchten die Dunkelheit“, meint Matthew und zitiert eine Statistik: Drei Viertel aller Menschen auf der Welt können wegen der starken Lichteinstrahlung auf der Erde keine Sterne mehr sehen, keine Planeten oder Galaxien und kennen das Weltall nur noch aus dem Kino.

Mittlerweile ist es weit nach Mitternacht, es hat ein paar Grad über null, und hohe Bäume schirmen den Schimmer vom nahen Hotel ab. Ich stehe mit Matthew am Ufer des Lake Beauvert und habe längst einen steifen Nacken vom Nach-oben-Gucken. In der Ferne heult ein Wolf, und im See plätschert irgendwas. Auch im Gebüsch raschelt es, und ich halte kurz inne. Ein Bär? Ein Kojote? Oder doch nur eine Maus?

Wir lassen uns nicht ablenken und machen uns wieder auf die Suche nach M31. Matthew führt wie ein Jedi mit seinem grünen Lasermarker über den Himmel, zuerst zu einem Sternbild, das aussieht wie ein großes „W“. Er erklärt es ganz plastisch, so dass auch ich es verstehe: „Das W ist kein W, sondern Kassiopeia. In der griechischen Mythologie war sie die Gemahlin des Königs Kepheus und Mutter der Andromeda.“

Andromeda? Offenbar kommen wir der Galaxie näher. Matthew zieht vom „W“ eine Linie zu einem verschwommenen Fleck: eine Billion Sterne, 200 bis 400 Milliarden Sonnenmassen, 140.000 Lichtjahre Durchmesser und doch nur ein kleiner Punkt am Himmel. Matthews Zahlen sprengen meine Vorstellungskraft, und ich fühle mich ziemlich klein. Ob sich der persische Astronom al-Sufi ähnlich gefühlt hat, als er die Andromedagalaxie im 10. Jahrhundert entdeckte und als „kleine Wolke“ beschrieb?

Viel Platz fürs Dunkle

Ich spähe durch das Fernglas, gespannt, was ich sehe. Erst mal nichts. Eine Wolke hat sich gerade vor die Sterne geschoben, ich muss es also später noch mal versuchen. Doch hier sind die Chancen so gut wie an nur wenigen Orten, denn in Jasper steht der Nachthimmel quasi unter Schutz. Der Nationalpark ist ein Sternenlichtreservat, eines von 15 in Kanada und 27 weltweit. Es ist das größte seiner Art und eines der dunkelsten, das für Besucher leicht zugänglich ist. Nur 4000 Menschen leben in dem bergigen Gebiet, das größer ist als Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Da bleibt viel Platz fürs Dunkle.

Auf dem Weg ins einzige Dorf weicht das Schwarz allmählich einem gelblichen Glimmen. Auf einer Wiese am Highway grasen auf einer Lichtung ein paar Hirsche, nach ein paar Kilometern taucht das Ortsschild „Jasper“ auf. Hier kann ich die Suche nach M31 gleich wieder einstellen. Zu viele Laternen, zu viele Scheinwerfer, zu viele Souvenirshops mit Leuchtreklame. An einigen Fassaden prangen noch Ketten mit Weihnachtslichtern.

Richard Ireland ist so etwas wie der Herr über die Lichter, und er will dafür sorgen, dass es im Ort davon immer weniger gibt. Der hagere Mann mit Halbglatze ist der Bürgermeister, und sein Job ist es, Jasper noch dunkler zu machen. Denn Sternenlichtreservat wird nur, wer sich verpflichtet, die Lichtverschmutzung durch Abstrahlung aktiv zu reduzieren.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
  Weitersagen Kommentieren (61) Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitere Empfehlungen
Galaktische Weiten Ein Weitsprung in ferne Welten

Die Distanzen von Galaxien präzise zu bestimmen fällt den Astronomen trotz ihrer modernen Geräte noch immer schwer. Ein ungewöhnlicher Ansatz verspricht Abhilfe. Mehr

14.04.2014, 13:00 Uhr | Wissen
Planetarische Nebel So schön sterben nur die Sonnen

Planetarische Nebel nehmen die unterschiedlichsten und schönsten Formen an. Neue Erkenntnisse und Technologien werfen aber weitere Fragen über ihre Formenvielfalt auf. Mehr

04.04.2014, 13:28 Uhr | Wissen
Amerika Das bewaffnete Leben

Immer wieder kommt es in Amerika zu blutigen Amokläufen. Ihr Recht auf den Besitz von Waffen wollen die Amerikaner sich aber nicht nehmen lassen. Ein Besuch in Georgia. Mehr

13.04.2014, 09:50 Uhr | Politik

07.01.2013, 09:22 Uhr

Weitersagen