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Freitag, 10. Februar 2012
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Stationen Ein Datsun als Devotionalie

10.05.2004 ·  "Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas", hatte Andrés gesagt, der Reiseführer in Púbol. Bis eben war er mit uns durch das Schloß Gala Dalís, der Ehefrau des Surrealisten, gehetzt.

Von Barbara Schaefer
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"Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas", hatte Andrés gesagt, der Reiseführer in Púbol. Alle Gruppen führe er nicht dahin, aber wir seien wenige, da ginge es. Bis eben war er mit uns durch das Schloß Gala Dalís, der Ehefrau des Surrealisten, gehetzt. Hunderttausend Besucher werden jede Saison hindurchgeschleust, im Dalí-Jahr ist der Andrang noch größer als sonst. Wir hatten Möbel gesehen, Bilder gesehen, Skulpturen gesehen - und ein Auto: einen blauen Cadillac  mit dem Kennzeichen "8942 Monaco".

Der Erfolg eines Malers, so wird Salvador Dalí zitiert, beginne für die gewöhnlichen Sterblichen an dem Tag, "an dem der Maler sich ein Auto gekauft hat". Das beweise den Außenstehenden, daß er viel Geld verdiene. Andrés erzählte vom anderen Dalí-Auto, das in Figueres im Teatre-Museu Dalí steht, dem "verregneten Cadillac" mit der Sprinkleranlage im Innern.

Nach Galas Tod mit Cadillac

Und da uns die Wagen interessieren, führte er uns heraus aus dem Schloß, ein paar Schritte den Ort hinauf zu einem ganz gewöhnlichen Parkplatz mit ganz gewöhnlichen Wagen. "Das ist er", sagte Andrés mit großer Geste. Und zeigte auf einen poppig orangefarbenen und hochbeinigen Datsun 610, einen Kombi. Dieses Auto, das kein Kennzeichen mehr trägt, sei Dalís Auto gewesen, jedenfalls würden das heute noch die Leute in Púbol erzählen. Genauer gesagt: Galas Auto. Nach dem Tod seiner Gattin habe Dalí dem Chauffeur verboten, je wieder mit dem Datsun zu fahren. Der habe das Verbot gelassen befolgt und fortan den Cadillac genommen.

Der Datsun ist innen mit schwarzem Kunstleder verkleidet, auf dem Beifahrersitz liegt eine zerknüllte Zigarettenschachtel. Kein surrealistischer Schnickschnack, der einen Taucheranzug nötig macht, wie Dalí ihn bisweilen in seinem anderen Wagen trug. Am linken hinteren Fenster verbleichen zwei Aufkleber, ein grüner von 1974 und ein orangefarbener von 1975, TÜV-Zulassungen. Dennoch soll Gala das Auto bis zu ihrem Tod 1982 gefahren haben?

Unser Zweifel an der Devotionalie stieg, wurde aber am Folgetag in Barcelona vom Besuch der Ausstellung "Dalí. Cultura de Masas" weggewischt. Denn dort, zwischen allerhand Hansdampfereien des katalanischen Selbstdarstellers, sind auch seine Ausflüge in die Werbung dokumentiert: Dalí machte etwa Reklame für einen Lippenstift von Sciaparelli, die Annonce ziert das Sofa in Form der geschwungenen Lippen von Mae West aus dem Bild "Gesicht der Mae West, das als Wohnung benutzt werden kann". Er warb für eine Fluggesellschaft, für das Edelwasser Perrier, für Chupa-Chups-Lutscher und - für Datsun!

Dalí macht Reklame

In einer Endlosschleife läuft in der Ausstellung ein Werbespot aus dem Jahr 1973, in dem aus einer surrealistischen Landschaft - ja, es hängen Uhren in den Bäumen - der orangefarbene Datsun heranzoomt. Lässig lehnt sich Dalí aus dem Fenster, eine Stimme tönt: "Salvador Dalí is an original man", so einen habe man gesucht, um den neuen Datsun 610 zu präsentieren, und der Meister selbst raunt aus dem Off dazu, in astreinem Spanglish: "Absolute, original, different, sensational."  Das hat nicht nur uns gefallen, sondern auch dem Busfahrer, der uns durchs Land kutschierte.

Fassungslos war er auf dem Parkplatz von Púbol um das orangefarbene Auto herumgeschlichen. Nicht zu fassen, nicht zu fassen, hatte er ein ums andere Mal gemurmelt. Dann seine Freundin in den Arm genommen und ihr einen Plan enthüllt. Eines Nachts, ging es ihm durch den Kopf, würde er zurückkommen, mit einem Wagenheber den Datsun aufbocken und alle vier Räder abmontieren. "Die Räder von Dalí", sagte er aufgeregt. "Was meinst du, wieviel die bringen?" Und es war, als hätte eine Stimme aus dem Off kommentiert: "Sensational, original."

Dalís Datsun steht auf dem Parkplatz hinter dem Schloß von Púbol, wenn man am Andenkenladen mit der lebensgroßen Dalí-Figur rechts die Straße hinaufgeht. Ende März hatte er sogar noch seine Räder.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.2004, Nr. 105 / Seite R4
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