Home
http://www.faz.net/-gxj-nzkc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Stationen Die Lollobrigida und der parfümierte Esel

06.08.2003 ·  Castel San Pietro Romano, fünfunddreißig Kilometer südöstlich von Rom: Der Inbegriff eines pittoresken Dorfes, wirkt wie direkt aus einem Kinofilm. Und das ist es auch.

Von Veronika Eckl
Artikel Lesermeinungen (0)

Castel San Pietro Romano, fünfunddreißig Kilometer südöstlich von Rom, ist, was Reiseführer gern als "pittoreskes Dorf" bezeichnen. In den Gassen hängt Wäsche, vor den Haustüren blüht es in Terrakottatöpfen, aus den Fenstern hört man mittags Besteck klappern, und es kommt vor, daß eine Dame in Lockenwicklern über die kleine Piazza schreitet wie durch ihr Wohnzimmer.

Es gibt es eine Kirche, eine Apotheke, einen Metzger, einen Bäcker und vier Restaurants. Ein Kino gibt es nicht. Das macht aber nichts, weil das Dorf selbst Kino ist. Vor fünfzig Jahren drehte Regisseur Luigi Comencini hier einen Sommer lang "Brot, Liebe und Phantasie", eine turbulente Liebesgeschichte mit Vittorio de Sica und Gina Lollobrigida.

„Das kaputteste Dorf Italien!s“

Mario Nardi ist der Bürgermeister von Castel San Pietro und genau ein Jahr älter als die Komödie um zwei Carabinieri, eine Hebamme und die feurige "Bersagliera" Lolla, die Rolle, die Gina Lollobrigida zum Durchbruch verhalf. Nardi spricht mit Respekt von jenem Vorgänger, der dem Dorf das Glück brachte: Adolfo Porry Pastorel, einem Fotojournalisten. Als der hörte, daß sein Freund Vittorio de Sica ein möglichst kaputtes Dorf für seinen nächsten Film suche, soll er ausgerufen haben: "Ich bin der Bürgermeister des kaputtesten Dorfes Italiens!"

Ganz unrecht hatte er wohl nicht, sagt Nardi. 1953 mußten die Frauen das Trinkwasser noch von einer weit entfernten Quelle holen, Hühner liefen durch die Gassen, nur eine schmale staubige Straße verband die sechshundertfünfzig Einwohner mit der Welt. Doch es war die Zeit des neorealistischen Films, der solche Lebensbedingungen zeigen wollte, außerdem gab es eine Burgruine, Stadtmauern und von Kriegsbomben beschädigte Häuser - perfekt, befand Comencini.

So reiste der Troß aus Rom an, leuchtete das ganze Dorf mit Scheinwerfern aus und rekrutierte Statisten. Fast alle Einwohner spielten mit - für tausend Lire am Tag. Das war mehr, als man als Tagelöhner unten auf den Feldern der Ebene verdiente. Im Dorf erzählt man sich heute noch, wie Vittorio de Sica die alten Männer wie Soldaten antreten ließ, jedem ein Stück Brot in die Hand drückte und sie aufforderte, zu essen. Dann wählte er den aus, der im Film den zentralen Satz sagen sollte: Er äße sein Brot belegt "mit Liebe und Phantasie".

„Ich kam mir vor wie in einem Irrenhaus“

Tag und Nacht hielten die Leute vom Film das Dorf in Atem. "Ich kam mir vor wie in einem Irrenhaus", sagt Margherita Gasbarri, die einundneunzig Jahre alte Inhaberin der Trattoria Gasbarri. Bergeweise kochte sie Spaghetti, noch heute schwärmt sie von de Sica: "Er war ein echter Herr. Immer unterhielt er sich nett mit uns." Die Lollobrigida dagegen. Signora Gasbarri runzelt die Stirn. Hübsch sei sie gewesen, aber hochnäsig. Dabei stamme sie doch aus Subiaco, einem bescheidenen Städtchen in der Nähe. Dann holt sie aus zum Todessstoß: "Und meine Pasta wollte sie auch nicht essen."

Einschüchtern ließen sich die Leute von Castel San Pietro nicht, auch wenn die Leute vom Film Sonnenbrillen trugen und elegante Autos fuhren. "Sie hatten uns streng verboten zu fotografieren", sagt der Rentner Sandro Salvatori, "aber ich hatte eine Kamera und habe die Lollobrigida beim Schminken fotografiert." Das Bild legt er zum Beweis auf den Tisch. Und auch die Eselin Baro, die im wirklichen Leben Reginella hieß und für ihre Rolle desinfiziert und mit Eau de Cologne besprüht wurde, haben sie nicht hergegeben. Sie hätte mit Gina Lollobrigida zu Werbezwecken nach Amerika reisen sollen, doch die Besitzerin entschied: Reginella bleibt zu Hause.

„Der Film ist wie ein großes Familenalbum“

Fünf weitere Filme wurden in Castel San Pietro gedreht, darunter die Fortsetzung "Liebe, Brot und Eifersucht". Doch "Pane, amore e fantasia" hat die tiefsten Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen. "Für uns ist dieser Film wie ein großes Familienalbum", sagt Nardi. "Wir sehen unsere Eltern, unsere Großeltern, unsere Onkel und Tanten, manche Jugendliche sogar ihre Urgroßeltern. Wir sehen unsere eigene Vergangenheit."

Heute ist in Castel San Pietro nur noch die Burgruine "kaputt". Mit dem Film kamen Wasserleitungen, geteerte Straßen und eine Busanbindung; mit EU-Zuschüssen hat man das Dorf in den vergangenen Jahren endgültig renoviert. Doch die Schauplätze des Films sind leicht wiederzuerkennen.

Zum Jubiläum hat die Gemeinde eine Ausstellung mit Filmfotos und -plakaten organisiert und eine Straße nach Vittorio de Sica benannt. Zur Einweihung spielte die Carabinieri-Blaskapelle aus Rom, Luigi Comencini war da, und de Sicas Tochter Emilia enthüllte das Straßenschild. Gina Lollobrigida ist nicht gekommen. Die Ausstellung "Pane, amore e fantasia" im Palazzo Mocci ist bis 14. September zu sehen, täglich von 17 bis 20 und 21 bis 24 Uhr, sonntags auch von 10 bis 13 Uhr.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2003, Nr. 181 / Seite R4
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen