26.10.2006 · Essen, Trinken, Beten - alles unter einem Dach, einem historischen und, so darf man sagen, einem besonders schönem: die Badia a Coltibuono im Chianti.
Von Bernd Herz"Chiesa riscaldata" - die beheizte Kirche ist nicht das einzig Bemerkenswerte an der Badia, der Abtei, a Coltibuono, die uralt und weit ausschauend auf einem der Monti, der Berge, del Chianti liegt und ihre Mauern über die Lande glänzen läßt, bis hin nach Montevarchi und zum Arno. Im Pfarrhaus, das an die Kirche gebaut ist, wohnt der Abate, der Abt, und hält die Gottes- und sonstigen Sakraldienste. In der Abtei lebt die Badessa, die Äbtissin, und macht Wein. Sie heißt Emanuela, führt den Nachnamen Stucchi und ist freilich alles andere als eine geistliche Würdenträgerin. Neben der Abtei nennt sie zwei Kinder ihr eigen und ist obendrein geschieden. Ihre Familie hat das Kloster, eine kleine, überaus schöne Anlage aus dem elften Jahrhundert, vor hundertsechzig Jahren samt Abt erstanden, einige Zeit nachdem Napoleon die letzten Benediktinermönche daraus verjagt hatte.
Was den Zulauf betrifft, so liegen der Abt und seine Kirche klar hinter Signora Emanuela und ihrer Abtei. Das liegt weniger an dem überzeugten Heidentum der Fünfzigjährigen, sondern vielmehr an den zwei Dutzend Fremdenzimmern, die mit Verstand und Geschmack in den Klostertrakten eingerichtet wurden. Und den mit Verkostungen von Wein und Olivenöl verbundenen Führungen sowie dem fünfzig Schritte entfernten Restaurant. Vater Stucchi hat es in die alten Klosterstallungen gebaut, an die nichts mehr erinnert, nicht die Räume und schon gar nicht der Geruch. Alles ist hell, luftig und gastlich, und was duftet, kommt aus der Küche und von den Tellern.
Schlafen in der Abtei
Zu bemerkenswerten Genüssen nichtkulinarischer Art kommt, wer sich in der Abtei einmietet. Vom Innenhof, in dem die Sonne warme Sitzplätzchen einrichtet, führt ein Durchgang zu dem ziervoll an die Südseite der Abtei geordneten französischen Garten. Hier ist zwischen geometrischem Buchs und unter Laubengängen aus pilzresistenten Reben gut lustwandeln, plaudern oder abschalten. Streunt man zur äußersten südöstlichen Ecke, gewahrt man hinter einer Pforte etwas besonders Bemerkenswertes: eine außen an der Gartenmauer angebrachte Wendeltreppe, die sechs Meter oder fünfundzwanzig Stufen hinunter zum Pool führt. Er ist einer der schönstgelegenen seiner Art. Man kommt an Obstbäumen vorbei (Quitte, Aprikose, Pflaume), Feigenbaumzweige hängen in den Weg, und das Becken säumen Rosenbüsche. Bequeme Liegen sind ausreichend vorhanden, einige davon unter einer schattigen Pergola. Und auch ein Toilettenhaus ist da, diskret, mit Efeu bewachsen.
Wenn man nur die fünfundzwanzig Stufen nicht wieder hoch müßte! Doch da gewahrt man einen zweiten Eingang, der vom Garten aus nicht zu sehen ist und zu dem ein nur leicht ansteigender Pfad an der Mauer entlangführt. Unterwegs Tomatenstöcke, Ginsterbüsche, etwas Wald, Vögel und wilde Alpenveilchen und am Ende ein kleines Fußballfeld mit improvisierten Toren.
Rauchen auf der Terrasse
Das Allerbemerkenswerteste aber ist eine Ecke nahe dem Restaurant. Im Lokal herrscht, wie überall in Italien, das gesetzliche Rauchverbot. So weit, so seufz. Signora Stucchi aber hat das ungastliche Gesetz aufs Freie ausgedehnt, auf die Restaurantterrasse. Vorm Klostertor war einem schon ein Außenaschenbecher aufgefallen, in Form eines Baumstamms, auch in den Zimmern soll nicht geraucht werden - und nun nicht einmal in der Freiluft vor dem Lokal? Ja, denn die Hausherrin wurde, als einst starke Raucherin, durch das frühe Ableben einer guten, rauchenden Freundin bekehrt. Als man sich gerade sarkastischen Gedanken über Intoleranz und Konvertiten hingeben will, entdeckt man Emanuelas Herz für Raucher. Es hat ihnen ein spezielles Plätzchen zugedacht: eine separate, ganz vorn an den Abhang gebaute kleine Terrasse mit Stühlen, Mäuerchen und herrlichem Blick über die Chianti-Lande. Die schönste Raucherecke der bekannten Welt.
Auch der Abt erfreute sich übrigens, bei aller ideologischen Gegnerschaft, der Stucchischen Weitherzigkeit. Das schöne Pfarrhaus zum Beispiel hatte ihr Vater dem Geistlichen bauen lassen, um ihn zum Auszug aus der Abtei zu bewegen. Und wenn es gegen gemeinsame Feinde geht, einigt man sich ganz pragmatisch. Etwa auf ein striktes Parkverbot vor Kirche und Abtei: "giorno e notte" - Tag und Nacht. Nur eines wird Emanuela ewig wurmen: daß das Pfarrhaus von den Behörden die Hausnummer 1 erhielt und die Abtei nur die Nummer 2. Bemerkenswerterweise.