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St. Lucia : Widerspenstige Schöne

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Schön wie eine Postkarte und dennoch viel mehr: Die Pitons, die beiden Lavakegel nahe dem Ort Soufrière, sind das Wahrzeichen von St. Lucia. Bild:

St. Lucia wird ganz zu Recht die Helena der Karibik genannt. Denn um kaum eine andere Insel wurde während der Kolonialzeit öfter gezankt als um das kleine Eiland – tatsächlich ist es sagenhaft schön.

          Die Geliebte erwacht. Etwas zerzaust noch, die Haare strubbelig, der Teint schimmert blass. Gleich wird sie ein Bad nehmen, aus dem Wasser steigen im ersten Licht des neuen Tages, nicht mehr ganz so jung, nicht ganz so makellos wie ihre Schwestern, doch so begehrenswert wie vor Hunderten von Jahren schon.

          St. Lucia wird auch die Helena der Karibik genannt. Wie die Schöne Helena aus der Ilias, die mythische Herzensbrecherin, für die sich ganze Königreiche bekriegten, war sie umkämpft seit Beginn ihrer Geschichte. Vierzehn Mal wechselte die Insel, die kleiner als die Hansestadt Hamburg ist, zwischen Franzosen und Engländern hin und her – jedes Kind auf St. Lucia lernt in der Schule diese Zahl, weil sie zeigt, wie steinig der Weg in die Freiheit gewesen ist. Seit dem Jahr 1979 ist St. Lucia unabhängiges Mitglied des Commonwealth.

          Myriaden von Fröschen und Zykaden

          Jeden Morgen formen sich also ihre Konturen neu, tauchen auf aus dem Atlantik, mit dem sie nachts, wenn alles Kunstlicht von der wuchernden Vegetation verschluckt wird, zu düsterster Einheit zerfließen. In der Dunkelheit, im Crescendo von Myriaden von Fröschen und Zikaden, ist St. Lucia bedrohlich wild, Afrika pur. Von dort kamen einst die Sklaven, deren schwarze und kreolische Nachfahren heute fünfundneunzig Prozent der Bevölkerung ausmachen. Bei Tagesanbruch dagegen wird es mild und still, jedenfalls dort, wohin kein Auto kommt, und das sind immer noch weite Teile der Insel. Dann gewinnen die Dörfer ihre Farben zurück. Die Küsten sind wie gemalt, die Bergkuppen, die in fast tausend Metern Höhe in den Passatwolken verschwinden, ein tiefgrünes Stillleben. Es ist eine Welt der zwei Gesichter. Doch beiden fehlt das glatt Polierte von Barbados, das Beliebige der Bahamas. Vom kolonialen Erbe ist hier wenig geblieben. St. Lucia verweigert sich störrisch dem Karibik-Image, dieser „Abfolge von Postkarten“, wie der Literaturnobelpreisträger Derek Walcott aus der Hauptstadt Castries es einmal nannte.

          Kunst am Wegesrand: Der Alltag ist auf St. Lucia genauso pittoresk wie auf den Wandgemälden.
          Kunst am Wegesrand: Der Alltag ist auf St. Lucia genauso pittoresk wie auf den Wandgemälden. : Bild: Sven Weniger

          Wer Augen und Ohren öffnet, erkennt bald den Charme des Unfertigen. Orte, die nicht pittoresk, Strände, die nicht endlos sind; Natur, die ungezähmt blieb. Derek Walcott, der große Dichter, dessen Hauptwerk „Omeros“ die Geschichte der Karibik und seiner Helena mit der antiken Odyssee verknüpft, forderte die Anerkennung der eigenen, nichteuropäischen Kultur, die „ekstatisch ist und auf Freude beruht“, aber deshalb keinesfalls flach sei. Er meint eine Kultur, die nicht als Klischeemix aus heißer Tropensonne, Steel drum-spielender und Limbo-tanzender Insulaner daherkommt. Allein die Kleinen Antillen, zu denen St. Lucia gehört, brachten drei Nobelpreisträger hervor. Wer ahnt das schon, wenn er aus dem Ferienflieger steigt.

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