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Sri Lanka Weniger ist Meer

16.01.2011 ·  Die Letzten ihrer Art: Wie wenig Thunfisch noch im Indischen Ozean schwimmt, erfährt, wer mit Fischern im Süden von Sri Lanka aufs Meer fährt. Ihre leeren Netze sagen mehr als jede Statistik.

Von Marc Bielefeld
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Der alte Käptn Samara ist am Fluchen, sie sind spät dran, sie wollten längst draußen sein auf dem Meer. Er blickt über den Strand von Dodanduwa; da liegen in Reihen die kleinen Auslegerboote, die die Fischer im Süden von Sri Lanka benutzen. Ungemein schmale Rümpfe, blau bemalt, an deren Backbordseiten lange Baumstämme für Stabilität sorgen.

Der Anblick dieser Boote ist nichts für Leute mit irgendwelchen Sicherheitsansprüchen. Nackte Kabel hängen an Bambusstangen, blutige Styroporkisten sind auf Holzbretter geknotet, die Boote riechen nach Fisch. Von Rettungswesten oder gar GPS haben die Fischer noch nie etwas gehört. Ihre Boote sind nichts als blatternarbene Balken, bestückt mit einem großen Netz und einem Außenbordmotor.

Der alte Samara steht unten im Spülsaum des Meeres und brüllt die Männer am Strand in einen Rhythmus. Sein karierter Lunghi flattert im Wind, das Wasser ist warm. Die Männer greifen sich eines der Boote, packen es an allen Ecken und wuchten es Stück für Stück in die Wellen.

Sie kämpfen für ein paar Kilo Thunfisch

Dann springen die beiden anderen der Besatzung auf, Bandara, dem zwei Finger fehlen, und Raja, der sich am besten mit den Tiefen auskennt. Als Letztes hüpft der Käptn ins Boot. Ein letzter Blick, ob alles an Bord ist. Die Leinen, die Batterie, die Haken, das Trinkwasser und die Flasche mit dem Arrakschnaps. Der alte Samara ist Mitte fünfzig, aber er sieht älter aus, sieht aus wie ein Mensch aus dunklem Leder. Er wirft sich ans Heck und bringt den Außenborder auf Touren. Die Fahrt auf den Indischen Ozean beginnt.

Für ein paar Rupien, eine Handvoll Euro, nehmen die Fischer schon mal Fremde mit raus, auch wenn es eine Ausnahme ist. Für Abenteuerlustige eine der wenigen Möglichkeiten, hautnah mitzuerleben, wie die Fischer in den Tropen arbeiten. Wie sie kämpfen, um dem Meer ein paar Kilo Thunfisch abzuringen, die sie später auf dem Markt verkaufen und die dann in den Resort-Restaurants landen.

Ein Passagier kann sich auf dem Ozean selbst ein Bild davon machen, ob jene Studien stimmen, die behaupten, dass besonders der Thunfisch am Aussterben sei, weil die Menschen zu viel Sushi und zu viel Vitello tonnato essen. Es heißt, der Thunfisch im Mittelmeer sei bald ausgerottet. Dort drohe der totale Zusammenbruch der Bestände des Blauflossenthunfischs bis 2013. Und der Bestand des Roten Thunfischs im Indischen Ozean ist laut WWF bereits um neunzig Prozent geschrumpft.

Zuviele Fischer wegen Tsunamispenden

„Empty Seas“ – leere Meere – titelte „Lanka Business online“. „Die Fischbestände schwinden, weil Trawler die Gewässer Südostasiens plündern.“ Grund sei vor allem das Fischen mit Grundnetzen, wobei besonders die großen und teuren Fische hemmungslos gejagt würden. Zudem sei die hohe Nachfrage aus Hongkong, China und Japan schuld. Japanische Händler zahlen inzwischen zweihundert Dollar für ein Kilo Großaugen- oder Blauflossenthunfisch – vor allem wegen des begehrten Sushis.

Laut Greenpeace sind „alle Sushi-Arten überfischt“, vielen Beständen drohe der Kollaps. Und der ungewollte Beifang sei mit vierzig Prozent enorm hoch. Laut „Fish Data“ schwimmen im Golf von Thailand heute zehnmal weniger Fische als noch vor dreißig Jahren. Vor Malaysia habe der Bestand gar um bis zu neunzig Prozent abgenommen. Zahlen, die als Richtwerte gelten – auch für die sonst weniger gut kontrollierten Meere Asiens.

In Sri Lanka gibt es noch einen weiteren Grund für die Überfischung. Wegen der vielen Spenden nach dem Tsunami liegen heute an den Stränden mehr kleine Fischerboote denn je, von einem Überschuss von 3000 „Small fishing crafts“ ist die Rede. Dies berichtete ein Fischereiberater der „Food and Agricultural Organisation“ der Vereinten Nationen. Dadurch würden immer mehr Männer rausfahren, die sonst keine Arbeit haben. Die Fischer im gesamten Süden Sri Lankas leiden an den Folgen.

„Wir haben dreißig Jahre lang gut vom Meer gelebt“

Wie auch Kumar Sinnathambhi, 14 Jahre alt, aus dem Distrikt Hambantota. „An einigen Tagen fangen wir nichts“, sagt Kumar, der die Schule verließ, nachdem die Eltern im Tsunami umkamen und er das Geld verdienen muss. „Kleine Boote liegen nur herum“, sagt auch der alte Fischer Hemal Nanayakkara. Und doch gibt es immer noch Leute, die all das nicht glauben, die den Zahlen nicht trauen und die leeren Meere nicht wahrhaben wollen.

Das Boot gewinnt schnell an Fahrt, der Indische Ozean wird draußen blauer und blauer, und nach zwei Meilen nimmt er eine tiefe Transparenz an, in der sich die Strahlen der Sonne verlieren wie Bündel aus flirrendem Licht. Es ist mittags, die drei Fischer werden den ganzen Tag und die Nacht draußen bleiben. „Wir haben dreißig Jahre lang gut vom Meer gelebt, aber solche Löcher wie jetzt gab es noch nie“, sagt der alte Samara. Die anderen beiden nicken, sie stecken sich eine Zigarette an, nehmen einen Schluck von dem Arrak.

Das Sitzen auf dem Boot gerät zum Balanceakt, bald zur Pein. Nirgends kann man sich festhalten, nirgends richtig sitzen. Nichts als eine Schnapsidee, auf diesen Booten einen Tag, eine Nacht lang draußen zu bleiben. Wie mahagonifarbene Zauberer tänzeln die Männer über den Rumpf, gehalten wie an unsichtbaren Fäden.

Der Schrecken kommt langsam

Sie fahren weit raus, fünfzehn Seemeilen, bis hinter jene Linie, auf der die Supertanker und Containerriesen Sri Lanka auf dem Weg von und nach Fernost umrunden. Manchmal, in der Nacht, kommen die Riesenschiffe sehr nah. Nur ein hohles Dröhnen ist zu hören; sie haben schon ganze Netze mit sich gerissen.

Raja mit seinem nackten Oberkörper hockt in der kleinen Vertiefung im Rumpf, da liegt das Netz. Um sieben am Abend, die Nacht ist schwarz über das Boot gefallen, bringen sie das Netz das erste Mal aus. Es ist einen Kilometer lang und zehn Meter breit. Dies ist kein industrielles Fischen, das Fischen hier ist schmerzhafte Handarbeit. Raja lässt das Netzt ins Meer gehen, Meter für Meter, seine Muskeln beulen sich unter blauen Adern. Die Prozedur dauert über eine Stunde. Es beginnt langes Warten, das Hocken auf dem Boot, der Bug hebt und senkt sich müde in der Dünung des nächtlichen Meeres. Eine nackte Glühlampe leuchtet an Bord. Sie soll den Fisch anlocken.

Gegen elf holen sie das Netz ein. Wieder Muskelarbeit, zähes Ziehen per Hand, Meter für Meter. Beim Einholen kommt der Schrecken langsam, etwa in dem Maße, in dem die Hoffnung schwindet. Kein einziger großer Thun ist gefangen, lediglich sechs kleine, dazu jämmerlicher Beifang. Gerade mal vier, fünf Kilo Fisch schenkt ihnen der maßlose Ozean. „Macht die Sachen klar und holt die Boje ein“, schimpft der Käptn. „Wir versuchen es weiter draußen.“

Das leere Netz sagt mehr als alle Zahlen

Es ist weit nach Mitternacht, als sie das Netz ein zweites Mal ausbringen. Sterne leuchten über der nassen Wüste, die Männer sind nur noch Schatten, die auf dem Balken herumwuseln. Sie essen Reisklumpen und haben zwei Fliegende Fische aufgeschnitten, die aufs Boot sausten. Sie essen mit den Fingern.

Beim zweiten Mal ist das Netz noch leerer. Vier, fünf kleine Thunfische, drei mickrige Bonitos, ein kleiner Hai, den sie wieder ins Wasser schmeißen. Es ist nicht schön, den Männern bei der Arbeit zuzusehen. Das leere Netz sagt mehr als alle Zahlen dieser Welt. Es ist wie das Symbol dafür, dass der Mensch die Meere tatsächlich geplündert hat. Durch große Trawler, illegale Fangmethoden, die Sucht nach Nachschub.

„Manchmal holen wir noch einen großen Thunfisch raus, einen, von dem wir eine Woche leben können, aber das wird verflucht selten.“ Der alte Samara und die anderen packen ihre Sachen. Sie wollen zurück zum Festland, zu ihrem kleinen Hafen, es ist fast fünf Uhr morgens.

Für ein paar Rupien geben sie einem am Ende zwei der kleinen Thunfische mit; der Koch im Resort im Süden Sri Lankas wird sie später zubereiten und angerichtet mit etwas Reis und Zitrone servieren. Die Fische schmecken gut, frischer als jeder andere Fisch auf der Welt.

Und doch, nach der Fahrt mit den drei singhalesischen Fischern hat der Thunfisch auf dem Teller einen Beigeschmack. Denn sie tragen einem eine endgültige Botschaft in den Bauch. „Ich werde mein Boot im nächsten halben Jahr verkaufen müssen“, hatte der alte Käptn Samara draußen auf dem Meer noch gesagt. Dann spuckte er seine Zigarette ins Wasser.

Der Weg nach Sri Lanka

Anreise

Ab Frankfurt fliegt Condor samstags direkt nach Colombo auf Sri Lanka, Preise ab ca. 660 Euro. Emirates fliegt an ausgewählten Tagen ab München und Frankfurt für 599 Euro über Dubai nach Colombo. Von dort kommt man mit einem Sammeltaxi (ca. 30 Euro) nach Dodanduwa im Süden des Landes.

Fischen

In Dodanduwa vermittelt Nimal Chandana vom „Sri Lanka Beachhouse“ den Kontakt zu den Fischern. Die Fahrt auf dem Boot ist jedoch kein reguläres touristisches Angebot, das oft wahrgenommen wird oder gar, das normal zu buchen ist, sondern eher ein Ausflug für Abenteurer, die einmal auf eigene Faust mit Fischern in See stechen wollen. Die Kosten liegen bei zehn, zwanzig Euro Trinkgeld, so viel, wie man zahlen will. Frisch gefangener Fisch kann mitgenommen werden.

Übernachtung

Das „Sri Lanka Beachhouse” in Dodanduwa ist ein modernes Haus mit Pool direkt am Strand.

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