03.09.2010 · Córdoba ist heute eine bescheidene Provinzstadt, die ganz unaufgeregt einen der größten Schätze der Menschheit hütet: die Mezquita, in der sich Abendland und Orient zum Gesamtkunstwerk fügen.
Von Volker MehnertDiese etwas gewagte Phantasie kann wohl nur in Córdoba entstehen: Da strömen aus den verwinkelten Gassen der Altstadt Hunderte von Muslimen zum gemeinsamen Gebet in ihre Moschee. Aber sie sind nicht allein. Zusammen mit ihnen betreten viele Christen dasselbe Gebäude und suchen darin eine eigene Kapelle mit Altar, Kruzifix und einer Figur der Jungfrau Maria auf. Absurd? Das passende Gebäude für ein solches Zusammentreffen jedenfalls existiert. La Mezquita, die Moschee-Kathedrale von Córdoba, wäre der ideale Schauplatz für ein christlich-islamisches Experiment dieser Art. Historisch ist sie längst zum Symbol geworden für die schicksalhafte Verknüpfung von Orient und Okzident, für Gemeinsames und Trennendes, für die Triumphe der einen und die Niederlagen der anderen, für das Miteinander und Gegeneinander von zwei großen Weltreligionen auf der Iberischen Halbinsel.
Das von außen plump abweisende Bauwerk verblüfft im Innern mit der Kulisse für ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Genau 856 Pfeiler stehen in Reih und Glied im Gebetssaal der Moschee und bilden elf Schiffe. Geschickt plazierte Oberlichter sorgen für diffuse Beleuchtung und verbreiten eine mystische Atmosphäre. "Es kommt einem vor", schrieb 1840 der französische Schriftsteller Théophile Gautier nach einem Besuch in Córdoba, "als wandle man nicht in einem Gebäude, sondern in einem überdachten Wald. Wohin man sich auch wendet, verliert sich der Blick in Säulenalleen, die sich überschneiden und ins Unabsehbare verlaufen; es ist wie eine marmorne Vegetation, die spontan aus dem Boden geschossen ist."
Mosaiksteine aus Konstantinopel
Die braunbeigen Rundbögen ruhen auf Säulen aus Marmor, Granit und Alabaster. Als der cordobesische Emir Abd ar-Rahman I. im Jahr 786 nach Christus den Bau der Moschee anordnete, verlangte er ausdrücklich die Verwendung bereits vorhandener Bauteile aus anderen Gotteshäusern, auch aus der an dieser Stelle stehenden westgotischen Basilika. So ist jede Säule aus der ersten Bauphase mit Sockel, Schaft und Kapitell ein Unikat. Im Boden prunkt noch heute ein westgotisches Mosaik aus dem fünften Jahrhundert. Muslimische Künstler überschwemmten anschließend Decken und Wände mit einer wahren Flut von Dekorationen, die sich im Mihrab, der Gebetsnische, zu einem berauschenden Höhepunkt steigert, in ein Meisterwerk maurisch-religiöser Kunst aus geometrischen und floralen Mustern, aus Mosaiken und Koransuren. Allein dreihundert Zentner glasierter Mosaiksteine sollen dafür aus Konstantinopel herbeigeschafft worden sein.
Ein jäher Schrecken aber unterbricht das Entzücken über diese schöpferische Vollkommenheit. Denn beim Weitergehen lugt zwischen den arabischen Rundbögen auf einmal ein christlicher Altar hervor, aus der Mitte der Moschee bricht die himmelwärts gerichtete Architektur einer Kathedrale heraus: prunkvolles, vergoldetes Barock, eine einzige Provokation zwischen den ebenmäßig schlichten Säulen. Christliche Künstler haben Kapellen und Altäre ans Ende von Pfeilerfluchten gesetzt, die mit maurischen Ornamenten dekoriert sind. Grabplatten für katholische Adlige und Kirchenmänner sind im Boden versenkt, darüber erheben sich muslimische Hufeisenbögen, und ganz oben öffnet sich im Mauerwerk eine abendländische Rosette mit Buntglasfenstern. Biblische Gestalten verstecken sich hinter maurischen Säulen, und Madonnenstatuen blicken aus Seitenkapellen heraus auf orientalische Verzierungen. Auf den ersten Blick erscheint das alles wie eine absonderliche, fast empörende Störung und Zerstörung eines vollendeten islamischen Monuments durch katholische Willkür und Symbolik.
Das Entsetzen des Kaisers
Dabei hatte die christliche Rückeroberung Córdobas im Jahr 1236 zunächst kaum Auswirkungen auf die Struktur des Gebäudes. Die gesamte Moschee wurde einfach als Kirche geweiht, in einem Seitenflügel entstand eine bescheidene Kapelle. Erst drei Jahrhunderte später kam der Bischof Alonso Manrique auf die Idee, einen kolossalen Altarraum in die Mitte der Moschee einzufügen. Die Entscheidung war umstritten, der Stadtrat und sogar der damalige Kirchenrat stemmten sich dagegen. Doch der Bischof erhielt Rückendeckung von der spanischen Krone, und so begann ein Werk der Zerstörung. Als Kaiser KarlV. später das Werk besichtigte, bereute er seine Zustimmung zum Umbau: "Ihr habt zerstört, was einzig auf der Welt war", soll er gesagt haben.
Geschaffen aber wurde etwas, das nicht minder einzig auf der Welt ist. Die anfängliche Bestürzung des Besuchers über das rabiate Deponieren einer Kirche im Herzen der Moschee weicht deshalb rasch der Faszination durch ein ungeheuerliches Monument der christlich-islamischen Geschichte, über die Vermählung maurischer Stilistik mit Gotik, Renaissance und Barock. Die Bauweisen und Kunstformen von zwei Weltreligionen stehen sich hier gegenüber, stoßen sich in Details manchmal vehement ab, begegnen sich gefällig, ignorieren sich. Und insgesamt finden sie zu einem wundersamen Gleichklang von Widersprüchen zusammen.
Freie Sicht auf das Hauptschiff
Die damaligen Architekten gingen überdies sehr behutsam mit ihrem Auftrag um. Sie passten das neue Bauwerk so geschickt in die Moschee ein, dass die freie Sicht durch das Hauptschiff auf die islamische Gebetsnische nicht behindert wird. Bauliche Wunden klaffen nur wenige und nur dort, wo die Durchbrüche für die Kathedrale muslimische Dekorationen in der Mitte zerschneiden mussten. Bezweckt mag mit dem triumphierenden Einbau der katholischen Kathedrale in die Moschee ein Zeichen christlicher Überlegenheit gewesen sein, herausgekommen aber ist ein unteilbares Meisterwerk orientalischer und abendländischer Kultur. Es war eine Zerstörung mit erhabenen Auswirkungen.
Wie lebt eine Stadt mit so einem architektonischen Weltwunder? Sie scheint es zu ignorieren und den Touristen zu überlassen. Zur morgendlichen Messe erscheinen an einem Werktag gerade einmal zwei Dutzend Menschen, obwohl dieses Bauwerk doch jeden Gläubigen wie magisch anziehen müsste, ja sogar hartnäckige Atheisten zum Islam oder zum Christentum bekehren könnte. Aber Córdoba tut so, als habe es keine Ahnung von der Pracht der Mezquita, als habe es sich von den abweisenden Mauern davon überzeugen lassen, dass dahinter nichts Lohnendes verborgen sein könne.
Innenhof als Nachrichtenbörse
Vielleicht ist die Moschee-Kathedrale in ihrer beständigen Präsenz einfach zu überwältigend, und man begnügt sich deshalb für den Alltag mit den schmalen Gassen der Judería, des ehemaligen Judenviertels von Córdoba, das unmittelbar an das Gebäude angrenzt. Es unterscheidet sich kaum von dem Gassengewirr in vielen anderen andalusischen Provinzstädten und Dörfern. Auch Touristen scheinen sich in die hier vorherrschende Schmucklosigkeit zu flüchten. Ein wenig ziellos streifen sie durch das verwinkelte Labyrinth der schmalen Gassen, Passagen, Durchgänge und kleinen Plätze und genießen die mentale Ruhephase nach dem vorhergegangenen ästhetischen Sturm in der Mezquita.
Die Bewohner der Judería wiederum haben sich in die Innenhöfe ihrer Häuser zurückgezogen, in denen sich ihr Leben hauptsächlich abspielt. Der Patio, den die kahlen Außenwände verbergen, dient zur Belüftung und Beleuchtung der Räume, ist Treffpunkt für Alt und Jung, Nachrichtenbörse für die Nachbarn und wird in heißen Sommernächten zum Schlafsaal für die ganze Familie. Dort hat man sich vom öffentlichen Leben der Stadt abgekapselt und konzentriert sich auf das Private, sieht nur ein winziges Stück des Himmels und vielleicht die Turmspitze der Kathedrale.
Der Fluch der Schönheitsoperationen
Nicht zufällig ist Córdobas großes jährliches Fest ein häuslich-familiäres. Zum Festival de los Patios schmücken die Familien ihre Innenhöfe, öffnen sie ausnahmsweise für Besucher und stellen sich einem Wettbewerb für die schönste Dekoration. Hübsch und ein wenig bieder erscheinen die Blumentöpfe und Blumenkästen mit Nelken, Margeriten und Geranien an den Wänden, Treppenaufgängen und Balkonbrüstungen. Auch wenn die Gewinner dieser Konkurrenz ihre Patios jedes Jahr mit mehr als tausend Blumentöpfen ausschmücken und überladen, bleibt das Festival doch eine bescheidene Veranstaltung angesichts der ästhetischen Orgie, die sich seit Jahrhunderten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft abspielt.
Córdoba, so scheint es, hat sich damit abgefunden, dass seine große historische Epoche weit zurück in der Vergangenheit liegt. Gelegentliche Versuche, die alte Bedeutung zu revitalisieren, bleiben stecken oder gehen daneben. So ist die Renovierung der Puente Romano, einer Brücke über den Río Guadalquivir, die noch auf Fundamenten aus der römischen Antike ruht, gründlich misslungen. War sie vor Jahren noch mit einer altersgerechten Patina behaftet und wuchsen aus ihren vom Fluss umspülten Pfeilern noch Gras und Büsche heraus, so blendet sie heute mit einem makellosen Weiß. Alle historischen Unebenheiten und Altersfalten sind einer unerbittlichen Schönheitsoperation unterzogen worden, die eine glatte, aber charakterlose Oberfläche hinterlassen hat, die aus einem Legobaukasten stammen könnte.
Kurzes Glück für die Kalifen
Als heikel erweist sich auch die Freilegung und Rekonstruktion der Palaststadt Medina Azahara vor den Toren von Córdoba. Sie war vor tausend Jahren das monumentale Prachtstück maurischer Herrschaft in Al-Andalus. Der Emir Abd ar-Rahman III. hatte im Jahr 912 die Macht übernommen und sich anschließend sogar zum Kalifen erklärt, zum Nachfolger des Propheten - ein Titel, den damals ausschließlich der Kalif von Bagdad beanspruchte. Córdoba war zu dieser Zeit die größte und fortschrittlichste Stadt Europas, stand auf einer Stufe mit Konstantinopel und Bagdad, ein leuchtender Stern in der Finsternis des europäischen Mittelalters. Für eine halbe Million Einwohner gab es fünfhundert Moscheen, die privaten Residenzen besaßen Badezimmer, Paläste verfügten über ausgedehnte Thermenanlagen, und Hunderte von Badeanstalten sowie gemauerte Abwasserkanäle sorgten für die öffentliche Hygiene. Die religiöse Toleranz gegenüber Juden und Christen beförderte das Aufblühen der Wissenschaften; es soll zwanzig Bibliotheken gegeben haben, eine davon allein mit vierhunderttausend Bänden.
Auf der Höhe seiner Macht verfügte der Kalif den Bau einer nie zuvor gesehenen Residenz mit Moscheen und Palästen, Militärquartieren, Paradeplätzen, Gärten und Wasserspielen. Zehntausend Arbeiter brauchten ein Vierteljahrhundert, um auf mehr als hundert Hektar Fläche das ehrgeizige Projekt zu verwirklichen. Es hielt nur fünfundsiebzig Jahre. Zu Beginn des elften Jahrhunderts zettelten fundamentalistische islamische Bewegungen Bürgerkriege an, in deren Verlauf die prächtige Palaststadt zerstört wurde. Ihre Steine dienten fortan als Baumaterial in Córdoba, Marmorsäulen wurden zu Kalk fürs Tünchen der Häuser zermahlen, Teile der Gebäude fanden sogar Verwendung beim Bau der Giralda in Sevilla und der Moschee in Marrakesch. Und dennoch blieb eine Menge an Ort und Stelle zurück.
Späte Entdeckungen unter der Plaza
Die heute sichtbaren Grundmauern, Säulenstümpfe und die wiedererrichteten Torbögen vermitteln allerdings bloß eine Ahnung vom früheren Aussehen dieser Anlage. Nur ein Zehntel des gesamten Komplexes ist freigelegt. Die Ausgrabungen begannen 1911, und die Rekonstruktionen der folgenden Jahrzehnte sind mit viel Beton und wenig Feingefühl fürs Historische erfolgt, so dass die Hervorhebung des bloß Monumentalen eine mögliche Vorstellung vom kunstvollen Aufbau der Palaststadt überlagert. Auch bei den Rekonstruktionen ganzer Gebäude wie des Salón Rico, des Thronsaals von Abd ar-Rahman, wurde nicht historische Bausubstanz, sondern Beton verwendet. Sie könnten die archäologische Ausgrabungsstätte leicht an den Rand eines maurisch-andalusischen Disneylands bringen.
Nicht zimperlich mit dem arabischen Erbe sind schon die kastilischen Könige umgegangen, als sie im Anschluss an die Reconquista in Córdoba die Burg der Mauren nach eigenem Geschmack umbauen ließen. Der Alcázar de los Reyes Cristianos diente ihnen dann als Residenz während ihrer Kriegszüge gegen Granada, die letzte Bastion von Al-Andalus auf der Iberischen Halbinsel. Von den maurischen Gartenanlagen und Wasserspielen allerdings ließen sie sich inspirieren, so dass im Alcázar ein arabisch-abendländisches Ensemble zu sehen ist, wenn auch nicht so ausgefeilt komponiert wie in der Mezquita. Dafür befinden sich im Innern des Gebäudes eine Reihe römisch-antiker Mosaike aus dem dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus, die erst 1959 unter der Plaza Corredera in Córdobas Innenstadt entdeckt wurden. Das größte besteht aus einem zehn mal sechs Meter messenden, perfekt erhaltenen geometrischen Muster, das seinerseits wie ein Vorbild für maurische Dekorationen erscheint. So treffen nicht nur in der Stadt, sondern allein in diesem Bauwerk drei große weltgeschichtliche Kulturen aufeinander.
Die Stadt der zwei Kulturkreise
Vor diesem Hintergrund könnte Córdobas Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt 2016 Erfolg haben. Ob es am Ende dazu kommt, ist freilich gar nicht so wichtig. Denn mit der Mezquita in seiner Mitte weist die Stadt längst über die Grenzen Europas hinaus, ist Kristallisationspunkt einer gemeinsamen europäisch-arabischen Kultur. Sollte dafür eines fernen Tages eine Hauptstadt gesucht werden, gehört Córdoba zu den ersten Anwärtern.
Anreise: Córdoba besitzt keinen Flughafen mit nennenswerten Anschlüssen. Die Anreise erfolgt daher entweder über Sevilla oder Madrid und von dort weiter mit dem Mietwagen oder dem Hochgeschwindigkeitszug Ave.
Veranstalter: Individuell nach dem Bausteinsystem zusammengestellte Städtetrips nach Córdoba sowie thematische Rundreisen zum maurischen Erbe in Andalusien hat unter anderen der Veranstalter Dertour im Programm (www.dertour.de).
Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Telefon: 069/ 725033, E-Mail: frankfurt@tourspain.es, Internet: www.spain.info.