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Spanien Glaubt, was ihr seht!

31.03.2010 ·  Der Heilige Gral ist kein Mythos. Es gibt ihn wirklich: Er ist eine Achatschale und steht in der Kathedrale von Valencia - oder zumindest könnte das der Kelch Jesu sein.

Von Lothar Schmidt
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Es ist kurz nach zehn am Morgen. Aus der angelehnten Tür der Capilla del Santo Caliz dringt, vermischt mit dichtem Weihrauch, der monotone Singsang der lateinischen Liturgie. Fünfhundert Kilometer haben wir zurückgelegt von den stillen Tälern der Pyrenäen bis nach Valencia. Gleich wird es so weit sein, gleich werden wir ihn sehen. Aber werden wir auch glauben, was wir sehen?

Endlich, die Messe ist zu Ende. Das Domkapitel verlässt im wehenden Ornat die Kapelle. Schwer hängen die Weihrauchschwaden in dem quadratischen Raum. In der gotischen Altarwand vertieft sich einer der Spitzbögen zu einem kleinen Raum, in dem ein gläserner Tabernakel vorspringt. Da steht er, "hunc praeclarum calicem", "dieser erhabene Kelch", wie es im römischen Messkanon heißt. Er ist siebzehn Zentimeter hoch. Eine edelsteinverzierte Fassung verbindet eine Achatschale mit einem steinernen Fuß. Das ist er, vielleicht: der Heilige Gral.

Alfonso dem Großmütigen sei Dank

Was suchte Dan Brown nur in London und Paris, und was in aller Welt hatte Indiana Jones in der Felsenstadt Petra im heutigen Jordanien zu schaffen? Ist der Gral längst gefunden? Waren all die Kämpfe und Abenteuer umsonst? Es könnte sein. Doch Domherr Jaime Sancho Andreu wirkt nicht gerade wie der Hüter eines der größten Geheimnisse der Christenheit. "Wir sind nur die Verwahrer des Grals", sagt er trocken. "Der Kelch ist nach Valencia gekommen, ohne dass man ihn gesucht hätte. König Alfonso der Großmütige ließ ihn über Barcelona hierherschaffen. Wir verwahren die Reliquien der aragonesischen Könige, und dazu gehört eben auch der Kelch."

Es ist eigenartig: Da verwahrt man seit Jahrhunderten ein Gefäß in der Kathedrale von Valencia, das zumindest theoretisch der Kelch des letzten Abendmahls sein könnte und mithin der mythische Gral, und kaum einen interessiert es. Die Filmemacher und Drehbuchautoren nicht und noch nicht einmal die Valencianer selbst, die bei Seelenpein lieber zur hochverehrten Jungfrau der Hilfsbedürftigen pilgern, der Vírgen de los Desamparados, die immer ein offenes Ohr und Herz für die Notleidenden hat. Immerhin ein Autor hat sich vor einigen Jahren für das Thema interessiert. Michael Hesemann hat in seinem 2003 erschienenen Buch "Die Entdeckung des Grals" nachgewiesen, dass er nie verschollen oder verschwunden war, zumindest nicht in den vergangenen sechshundert Jahren. Der Santo Caliz von Valencia galt schon lange vor Hesemann als mutmaßlicher Kelch des Abendmahls. Aus der Sensation wurde aber nichts. Hesemanns Buch, das immerhin dazu taugt, sich mit der Geschichte und den Legenden um den Santo Caliz vertraut zu machen, bekommt man nur noch im modernen Antiquariat.

Böser Kaiser, kluger Papst

Am besten macht man sich selbst auf den Weg. Denn die spanische Gralsgeschichte lässt sich als kaum bekannte Touristenroute erleben. Berge und Meer, weite, leere Landschaften, romanische Kirchen und allerlei Mythen und Geschichten begleiten den "Camino del Santo Grial", den Weg des Heiligen Gral. Er beginnt beim Klostergut Loreto, das inmitten weiter Getreidefelder bei Huesca in Aragón liegt. Vor 1750 Jahren stand dort ein römisches Dorf, in dem der Legende nach das Ehepaar Orentius und Patentia lebte. Ihr Sohn Laurentius folgte Papst SixtusII. nach Rom und wurde dort Diakon. Im Jahr 258 vertraute ihm der Pontifex eine kleine Achatschale an. Jesus soll mit ihr das letzte Abendmahl begangen haben. Es war die Zeit, als Kaiser Valerian Jagd auf alles machte, was christlich war oder hätte sein können. Der Papst fürchtete um den heiligen Kelch. Noch bevor Sixtus und Laurentius als Märtyrer sterben, bringt ein Bote das kostbare Gefäß zu den Eltern in die südlichen Ausläufer der Pyrenäen. Aber auch in der Provinz Hispanien droht den Christen Gefahr. Orentius und Patentia werden hingerichtet, und der Kelch verschwindet für ein halbes Jahrtausend in den Pyrenäen - und im Nebel der Geschichte.

Huesca ist die Hauptstadt der nördlichsten Provinz von Aragón. Sportliche Urlauber toben sich hier an der sonnigen Südseite der Pyrenäen beim Skifahren, Rafting, Wandern oder Klettern aus. Der Gralssucher indes sieht in der Schönheit der Natur nicht ihren sportlichen Nutzen. Ihm werden die schneebedeckten Gipfel, die seit Jahrhunderten einen wirksamen Riegel zwischen der Iberischen Halbinsel und dem Rest Europas darstellen, zu einer mythischen Kulisse. In den Falten der Berge entdeckt er romanische Kirchen, Kapellen und Klöster, lauscht Heiligenlegenden und lernt die ersten Stationen des Jakobswegs in Spanien kennen.

Ein Spritzer von Marias Muttermilch

San Pedro El Viejo ist die älteste Kirche von Huesca, eine unaufdringliche Schönheit mit romanischen Wandmalereien und einem Kreuzgang voller fast naiv behauener Kapitelle. In der Kapelle des heiligen Bartholomäus, im westgotischen Teil der Kirche, soll im siebten Jahrhundert der heilige Kelch gestanden haben. Später wurde die Kapelle zum Ort von Teufelsaustreibungen und zur Königsgruft. Einige Straßen weiter, in der ersten gotischen Kathedrale Spaniens, finden sich weitere Hinweise. In einem Raum seitlich des Hauptaltars ruhen die in Silber gefassten Schädel der Heiligen Orentius und Patentia. Daneben liegt ein Stück von deren Sohn und eine Phiole, die einen Spritzer Muttermilch von der Jungfrau Maria enthalten soll.

Wegen der ständig wechselnden politischen Verhältnisse im noch ungefestigten Königreich Aragón und wegen der Angriffe der arabischen Invasoren aus dem Süden wechselte der Kelch zwischen dem achten und zehnten Jahrhundert ständig seinen Standort. Einmal wurde er sogar in einer Höhle bei Yebra versteckt - hinter einem Wasserfall. Wir folgen den mutmaßlichen Irrfahrten der Reliquie durch die Bergwelt Aragóns. Einmal endet eine schmale Straße direkt vor einem Wildbach. Es ist so still und friedlich, dass man am liebsten ins nahe Kloster San Adrian de Sasabe eintreten würde, stünde nicht von der einstmals bedeutenden Anlage nur noch die Kirche. Doch die ist so erhaben und schön, dass man einmal mehr die romanischen Baumeister bewundern muss. Sollte die Kirche verschlossen sein, kann man nach dem Schlüssel in der Dorfkneipe von Borau fragen.

Eine Kloster wie eine Gralsburg

Dann geht es weiter zum Kloster San Pedro de Siresa im Hecho-Tal, von dem die Achatschale in ein abgeschiedenes Bergtal zwischen den Dörfern Aisa und Borau gebracht wurde. Danach wanderte sie nach Bailo und anschließend nach Jaca. Das malerische Bergstädtchen ist das spanische Tor des Sternenwegs nach Santiago de Compostela, wo das Grab des Jakobus sein soll. Je länger man den Spuren des Grals folgt, umso stärker fühlt man sich wie Parzival auf seiner verzweifelten Suche nach dem Kelch, der als einziger den kranken König Anfortas heilen kann und seit den Dichtungen von Chretien de Troyes und Wolfram von Eschenbach im ausgehenden zwölften Jahrhundert mit dem Gralsmythos fest verbunden ist. Über das Dorf Santa Cruz de la Serós mit der wunderbaren Kapelle San Caprasio, einem unversehrten Beispiel lombardischer Romanik aus dem frühen elften Jahrhundert, steigt eine kurvenreiche Straße ins Gebirge hinauf. Bald ragen aus dem üppigen Wald aus Kiefern, Kastanien und Maulbeerbäumen glatte Felswände. Unter der mächtigsten dieser fast elastisch wirkenden Steinmassen liegt seit dem zehnten Jahrhundert das Kloster San Juan de la Peña. König AlfonsI., der die historische Vorlage für den siechen König Amfortas aus Wolfram von Eschenbachs "Parzival" sein könnte, liegt hier begraben. Und ja, genauso wie das Kloster kann man sich eine Gralsburg vorstellen.

Mit dem Fortschreiten der Reconquista, der Rückeroberung der Iberischen Halbinsel durch die Christen, wanderte auch der Kelch weiter nach Süden. Wie ein Dokument belegt, gab 1399 König Martin der Menschliche den Auftrag, das Achatgefäß aus San Juan de la Peña in den Alfajería-Palast nach Zaragoza zu bringen. Das Schriftstück ist der früheste, gesicherte Beleg des Santo Caliz. Denkbar wäre freilich auch, dass sich das aufstrebende Königreich Aragón, das mit Benedikt XIII., dem sogenannten Papa Luna, einen Gegenpapst stellte, kurzerhand einen Gral anfertigen ließ. Der Kelch jedenfalls wurde in der Capilla Mayor, der großen Palastkapelle, aufbewahrt, bis er 1410 nach Barcelona und schließlich 1424 nach Valencia gebracht wurde.

Der Weg ist der Gral

Südlich der Weinregion Cariñena führt die Autobahn durch die grandiose Einsamkeit Zentralspaniens. Barcelona, wo der Kelch einen Stopp in der Kirche Santa Agata einlegte, sparen wir aus. Während die Felder mit ihrer rotbraunen Erde vorbeiziehen, dieses hohe, wie unter dem Himmel klebende Land, wird uns plötzlich klar, dass der Kelch oder Gral nicht wirklich entscheidend ist. Schon im elften Jahrhundert, als die ersten Gralssagen entstanden, als Papst Urban und später Benedikt von Clairveaux zum Kreuzzug aufriefen, als der Orden der Tempelritter gegründet wurde, um die Pilger zu schützen, schon damals war der Gral mehr Symbol als Gegenstand. Ihn zu suchen hieß, das Ritterdasein mit den Werten der Kirche und des Christentums zu verschmelzen, sich auf einen Weg der Initiation zu machen. Heute würde man das Selbstfindung nennen. Die Macht des Grals ist nicht an einen Gegenstand gebunden, sondern an den Mythos, an den Glauben. Anders gesagt: Der Weg ist der Gral. Dann taucht das Meer am Horizont auf und dann Valencia.

Aus der Tür der Capilla del Santo Caliz dringen Weihrauch und lateinische Gesänge. Auch wenn der Santo Caliz von Valencia nicht diese eine Schale ist, die Jesus beim letzten Abendmahl benutzte, wenn es sich nur um einen beliebigen Gegenstand aus der Zeit Christi handelt, er könnte es sein. "Man kann es nicht mit absoluter Gewissheit sagen", gesteht Domherr Jaime Sancho Andreu ein. Das ist auch gut so.

Gralsroute: Die Stationen des „Camino del Santo Grial“ sind in Aragón Huesca, Yebra, Siresa, Bailo, Sasabe, Jaca, San Juan de la Peña und Zaragoza. Als Reiseroute bietet es sich an, den Gralsorten von Norden nach Süden zu folgen. Der nächstgelegene Flughafen ist in diesem Fall Zaragoza, der von Air Nostrum (Iberia) ab Frankfurt direkt angeflogen wird. Informationen im Internet unter www.elcaminodelsantogrial.com, www.turismodearagon.com, www.huescaturismo.com und www.zaragozaturismo.es.

Allgemeine Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Telefon: 069/725033, E-Mail: frankfurt@tourspain.es, Internet: www.spain.info/de.

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