Stunde um Stunde fährt man über Land, über Erde, die bis zum Himmel reicht, einsame, aber nicht verlassene Erde. Manchmal müssen hier Menschen sein, aber jetzt ist keine Seele da. Einmal schwebt ein Gutshof auf einem entfernten Hügel weiß am Horizont, ein anderer versteckt sich in einer Mulde, mauerumgürtet, festungsgleich, autark. Doch da ist kein Leben zu erkennen, nichts bewegt sich, weder Menschen noch Tiere, noch die Luft. Man ist allein in diesem großen Land und fühlt sich frei zu tun, was man will, man kann fluchen oder singen oder schreien, wie man Lust hat, man kann Schlangenlinien auf der Straße fahren, mit sich selbst oder mit Gott reden oder beide beschimpfen. In dieser großartigen, feindlichen Welt gibt es weder Bäche noch Brunnen, noch Quellen, nur grünes Futter und trockene Erde, aber irgendwie muss das Land doch bewässert werden, da sind auch Gräben und Kanäle, aber trocken.
Plötzlich ein Punkt über dem Straßenrand, der sich beim Heranrollen als junger Mann entpuppt. Er sagt „agua“, nur „agua“. Er nimmt die Wasserflasche und hält sie in die Höhe, fängt den Strahl mit gerundeten Lippen auf, setzt die Flasche rasch im Bogen vornüber ab, damit kein Tropfen verlorengeht. Was macht er hier allein in der Weite, mit einer Hacke in der Hand? Den Graben nachziehen, man hat ihn hier ausgesetzt, am Abend holt man ihn wieder ab, er arbeitet „de sol en sol“, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, er ist Tagelöhner, und wenn er Glück hat, kriegt er den Job morgen wieder. Wie spät es ist, fragt er, nein, essen möchte er nichts, der Magen wird zu schwer, nur noch einen Schluck Wasser.
Endlose Ebene, endloser Himmel
Bei Los Palacios y Villafranca beginnt das Reisanbaugebiet im Marschland des Guadalquivir, des großen Flusses Andalusiens. Man passiert riesige rechteckige Felder, zum Teil sind sie überflutet und glänzen im Gegenlicht, zum Teil wachsen die jungen Reispflanzen grün aus dem grauen Matsch. Traktoren mit laufenden Motoren stehen alleingelassen an den vollen Kanälen, an Pumpen angeschlossen. Ein paar Autos fahren auf der Straße, die über Chapatales nach Pinzón führt, Kolonistendörfer mit einfachen, niedrigen Häusern in Weiß.
Eine Erdpiste zweigt Richtung Guadalquivir ab, auf einem niedrigen Damm fährt man an einem breiten Kanal entlang, entfernt sich immer mehr von der mageren Zivilisation. Im Osten liegt Los Palacios als dünner Streifen am Horizont, sonst gibt es nur Wasser und Reis und sumpfiges Grasland weit und breit, eine endlose Ebene, auf der ein endloser Himmel lastet. Die Stille wird immer lauter, deutlich zu hören an dem Gekreische der Wasservögel, die man aufscheucht, Myriaden von Wildenten, Wildgänsen, Wasserhühnern, Bläßhühnern, Säbelschnäblern, Reihern.
Millionen Sterne dicht über den Augen
Es ist, als hätte sich seit Abel Chapman und Walter J. Buck nichts verändert. Die beiden Weinhändler - der eine in Silksworth Hall in Großbritannien, der andere in Jerez de la Frontera, wo er britischer Vizekonsul wurde - waren große Liebhaber des Reisens, der Natur, der Jagd und Spaniens. Mit Vorliebe streiften sie durch die Marismas del Guadalquivir. Stunde um Stunde suchten sie sich ihren Weg durch die tiefe Einsamkeit und Trostlosigkeit der überschwemmten Ebene. In dem offenen Gelände lebten Wasservögel zu Millionen, sichtbar und hörbar, so weit Ohr und Auge reichten. Dieses Naturschauspiel gab es nirgendwo sonst in Europa, wohl an keinem anderen Ort der Welt, wie sie glaubten. Zu jeder Tages- und Nachtzeit flogen schnatternde Bataillone von Flamingos, Störchen und Kranichen in ihrer charakteristischen Formation hoch am Himmel. Wenn der Winter ausklang und der Frühling begann, zogen Massen von Wildgänsen und Wildenten dröhnend nach Norden, und die Invasion der gefiederten Bevölkerung des tropischen Afrika begann.
Die Nacht im Schlafsack wird lang und laut. Die Frösche und Kröten quaken unaufhörlich, aber das wirkt mit der Zeit einschläfernd. Dagegen wird man jedes Mal wach, wenn ein großer Vogel auffliegt, das Wasser mit den Flügeln schlägt und kreischt und ganz nah an den Ohren vorbei durch die Luft klappert. Und jedes Mal stehen Millionen Sterne in einem anderen Geflecht dicht über den Augen.
Wild gewordene Pferde
Am Morgen steht die Sonne auf dem Gesicht. Merkwürdig, dass es für die zentrale Himmelsrichtung, die Senkrechte über der Erde, keine Bezeichnung gibt. Wenn die Sonne im Zenit steht, was ist das für eine Richtung? Im Westen muss jedenfalls der Guadalquivir liegen. Man blickt abwechselnd auf den Boden vor dem Rad und zu den Kanalvögeln neben dem Damm und merkt beinahe nicht, dass eine Herde Pferde in vielleicht zweihundert Meter Entfernung den Weg versperrt.
Man hält an, die Pferde, Wildpferde wohl, rühren sich ebenfalls nicht, stehen ganz still auf dem Pfad und schauen einen an, schauen und schauen, neugierig, wie es scheint. Aber vielleicht sind sie unruhig und ängstlich und zu allem fähig, jedenfalls ist die Horde unberechenbar, hier ist kein Durchkommen, links der Kanal, rechts der Sumpf, einer muss zurückweichen, die Pferde oder der Mensch, wer weiß, was sie machen, wenn man ihnen den Rücken zukehrt. So vergehen dreihundert, vielleicht sechshundert Sekunden, mit einem Male, wie auf einen Schuss hin, galoppiert die Herde die kleine Böschung hinunter ins Sumpfgras, das Wasser spritzt unter den Hufen auf, Vögel retten sich vor den wild gewordenen Pferden in die Luft, dann traben diese aus und bleiben stehen und schauen, wie der Reiter auf zwei Rädern sich entfernt.
Ein Kamel im Marschland
Bei ihren Ritten durch die Marismas sahen Chapman und Buck gewöhnlich Rinder und Stiere, die auf geringfügig höher gelegenen Inseln grasten. Manchmal begegneten sie auch Wildpferden, die übers Wasser galoppierten, und selten sogar Kamelen. Eines Tages im Frühling 1883 sahen sie sich zwei großen und zwei kleineren Kamelen gegenüber, die sie bewegungslos anstarrten. Als die beiden Reiter sich der Kamelfamilie auf vierhundert Yard näherten, rissen die Tiere aus, flohen mit der doppelten Geschwindigkeit von Pferden über den glitschigen Schlamm und zogen eine Gischtspur hinter sich her wie ein Torpedoboot. Noch öfter sollten Chapman und Buck einzelne Kamele, Paare und ganze Herden von zwanzig oder mehr Tieren begegnen, in völlig unpassender Gesellschaft von Flamingos und Scharen schwimmender Wasservögel.
Die Existenz des Wüstentiers par excellence in diesem ihm diametral entgegengesetzten Habitat war natürlich überraschend. Die Dromedare der Marismas waren 1829 vom Marqués de Villafranca aus dem Hause Medina Sidonia eingeführt worden, um in der Gegend von Sanlúcar de Barrameda bei Transportarbeiten und in der Landwirtschaft eingesetzt zu werden. Als es jedoch zu zahlreichen Unfällen kam, weil die Pferde vor den Kamelen scheuten, wurden diese in den Marismas ausgesetzt und sich selbst überlassen, wo sie sich an die neue Umgebung und Freiheit gewöhnten und sich vermehrten, bis Wilderer sie liquidierten, um ihr Fleisch in Sanlúcar als Wildbret zu verkaufen.
Das Wasser fliesst landeinwärts
Die Barkasse zur Isla Mayor liegt am diesseitigen Ufer. Auch für ein Fahrrad kreuzt sie den Guadalquivir. Von dem breiten Strom aus gesehen ist die Gegend noch eintöniger und trostloser als vom Ufer aus: nichts als träge Weite. Flussaufwärts, flussabwärts, alles sieht gleich aus, alles graublau, bis auf die schmalen Ufer, und dort, wo kein Grünstreifen Fluss und Himmel trennt, verschwimmen sie ineinander. Schaut man an der Bootswand hinunter aufs Wasser, staunt man, zweifelt und fragt sich, ob der Orientierungssinn nun völlig verkümmert oder umgepolt ist. Das Wasser strömt landeinwärts, flussaufwärts, oder ist Süden da, wo man Norden vermutet? Nein, kein Zweifel, der Fluss fließt flussaufwärts! Nein, sagt da der Fährmann, nur die obere Wasserschicht wandert hoch; das Meer, die Flut drückt Salzwasser landeinwärts, bis nach Sevilla, darunter fließt Süßwasser flussabwärts.
Man quält sich über Sandböden, schiebt bisweilen das Rad durch lockeren Sand, die Sonne brennt, der Schatten ist noch nicht erfunden, wer sich das nur ausgedacht hat: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wo Sonne ist, muss kein Schatten sein, wo nur flache Unendlichkeit ist, was soll da Schatten werfen? Endlich eine Kate, mit einem Vordach, das Schatten spendet, und mit einem Tisch und Stühlen darunter und einem Mann und einer Frau. Das ist eine Bar sogar, und das muss einem auch gesagt werden, nichts deutet darauf hin. Ob sie vielleicht ein kaltes Bier haben? Nein, haben sie nicht. Eine Cola? Es tut ihnen leid. Nur Wasser oder ein Glas Wein, der Sohn hat bei seinem letzten Besuch ein Fässchen aus Sevilla mitgebracht. Man spült den Sand und Staub hinunter und erholt sich langsam.
Unzuverlässige Karten und dubiose Führer
Der Mann zeigt einem das spartanische Innere der Kate, da ist ein zweiter Tisch mit Stühlen, eine gemauerte Theke, eine Kochstelle - also Bar, Wohnzimmer und Küche in einem -, und hinter dem Vorhang vor einem dunklen Loch in der Wand liegt wohl das Schlafzimmer, das zeigt er nicht. An der Hinterseite der Hütte ist ein Verschlag angebaut, da hängt der Wassertank, und da wohnen die Hühner und die Ziege. Der Mann erzählt von seinem Leben, in dem nichts passiert, die Frau streichelt die Ziege, der Mann blickt beide stolz und zärtlich an und lächelt.
„Unser Spanien beginnt dort“, schrieben Chapman und Buck, „wo die Straßen aufhören.“ Gemeinsam gingen sie von Jerez aus auf die Pirsch und zur Naturbeobachtung in die Berge von Cádiz und Málaga, in die Sierra Morena und die Sierra Nevada, in die Sierras von Cazorla und Gredos. Ihre Beobachtungen schrieben sie in zwei Büchern auf: „Wild Spain“ 1893 und „Unexplored Spain“ 1910. Ihre Reisen waren Ritte abseits der Touristenrouten, durch unbewohnte, entvölkerte Gebiete oder durch Gegenden, in denen die Dörfer seit Jahrhunderten fast ohne Verbindung zur Welt vor sich hin dämmerten. Es waren Reisen mit unzuverlässigen Karten und dubiosen Führern, Reisen über Land, durch das kein Mensch reiste und in dem man Nahrung weder für sich noch für seine Tiere fand, Expeditionen, die vorzubereiten hundertmal mehr Aufwand kostete, als Safaris in Afrika zu organisieren.
Reisfelder als Vogelrestaurant
Man fährt die Straße am linken Guadalquivir-Ufer entlang, schaut auf den breiten, trägen, kurz vor seiner Mündung müden Fluss und wird selbst vor Eintönigkeit müde. Zur anderen Seite nichts als Wasser und Schlamm und kurze grüne Büschel, Reisfelder, die sich in der Ferne verlieren. Da ist nicht einmal ein Horizont, nur flimmernde Luft. Der Fluss ist eine kilometerlange Gerade, die Straße ist eine kilometerlange Gerade. Doch dann hat man eine Erscheinung: Ein dunkler Fleck taucht aus dem Dunst auf, wächst langsam zu einem Eukalyptushain heran, in dem eine alte Schilfhütte steht, wer weiß, ob und wozu sie noch genutzt wird.
Man setzt sich bereitwillig in den Schatten, döst vor sich hin, verliert die Erinnerung an die Zeit, und wenn man die Augen wieder öffnet, stehen lauter weiße und schwarze Punkte auf dem Reisfeld gegenüber. Ganz in der Nähe pickt ein großer Vogel im Matsch, wirft den Kopf zurück, damit seine Beute im Hals landet, es klappt nicht auf Anhieb, der Vogel hält inne und schielt misstrauisch nach dem Betrachter der Szene, ob der auch keine Anstalten macht, ihm den Happen wegzuschnappen, den Krebs, der ihm im Schnabel steckt und zu den Seiten heraushängt. Die Reisfelder gelten unter Millionen Vögeln aus dem Nationalpark Doñana auf der anderen Flussseite als vorzügliches Speiserestaurant.
Sehnsucht nach Einsamkeit
Plötzlich ertönt ein Horn wie ein Knall, ein nur kurz angeblasenes Schiffshorn, wie es scheint. Sofort setzt das große Flattern ein, es dröhnt, als stünde man unter einem tosenden Wasserfall, und der Himmel verdunkelt sich. Über den Fluss gleitet ein vollgestapeltes Containerschiff, gleichsam ein gigantisches Lastkamel in der Wasserwüste. Als es längst schon vorbei ist, rauschen seine Wellen am Ufer. Wie oft mag der Guadalquivir begradigt und die Fahrrinne ausgebaggert worden sein, damit Hochseefrachter und sogar Kreuzfahrtschiffe bis nach Sevilla gelangen? Die Palisaden am Doñana-Ufer sind wohl Wellenbrecher. Oder sind es Zäune, die die Eber davon abhalten sollen, hupende Kamele anzugreifen?
Das Schiff ist wie ein Wink der Zivilisation mit dem Zaunpfahl, der einen aus dem Traum von unbegrenzter Natur und Einsamkeit reißt. Der Rückweg in die Realität ist nicht zu verfehlen, er führt immer am Fluss entlang. Man passiert noch einen Schirmpinienwald, in dem Raubvögel wohnen, alte Salinen, über die Flamingos stolzieren, aber das sind nur noch nostalgische Zutaten. Dann kommt man zum Leuchtturm von Bonanza, für die Indien-Fahrer, die von Sevilla nach Amerika segelten, das letzte Bild vom Kontinent. Dahinter liegt der Strand von Sanlúcar, Touristenland, die Sehnsucht nach der Schwere der Einsamkeit wird unbezwingbar.
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