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Spanien Die Rettung des heiligen Frutos

Ein Riss klafft in der kastilischen Hochebene bei Sepúlveda. Der Río Duratón hat ihn in Jahrmillionen in die Erde gegraben, und heute sind Tausende Geier seine Wächter. Der Mensch ist hier nur Gast, kleinlaut und überwältigt.

© picture-alliance/ dpa Vergrößern Der Himmel gehört mir: ein Gänsegeier in Spanien.

Kreuzt man die Sierra de Guadarrama über den Somosierra-Pass in Richtung Norden, liegt das Land von Segovia wie auf einem Tablett serviert vor einem. Das Flechtengrün der oberen Lagen weicht dem Dunkelgrün eines Streifens Kiefernwald auf halber Höhe, das seinerseits in das ginstergelb durchsetzte, frische Grün der Eichen, Steineichen und Zistrosensträucher übergeht. Dort, wo die Berge auslaufen, schließt sich Weideland an, und die unterste Stufe - immer noch auf tausend Meter Höhe - bilden die Getreidefelder der immensen Ebene. Am Puerto de Somosierra entspringt der Río Duratón dem blanken Fels der Zweitausender. Kaum hat er ein paar Rinnsale aufgenommen und ist wenige hundert Meter gelaufen, stürzt er sich in drei Wasserfällen fünfzig Meter hinab auf der hastigen Suche nach einem Weg hinunter in die Meseta und nach seinem Lebensziel, der Mündung in den Duero bei Peñafiel.

Unten in der Hochebene wird er zahmer. Bei Duruelo ist er ein lahmer Bach, der es gestattet, dass Pflanzen und Algen ihn bedecken und Frösche in ihm quaken wie in einem Tümpel. Geduldig schlängelt er sich nach Nordwesten, durch leicht hügeliges Gelände mit wildblumenübersäten Wiesen und goldgelben Feldern. Störche nisten auf Scheunen und Kapellen. Der Duratón mäandert durch die bukolische Gegend, langsam wächst er zum Fluss heran, aber man traut ihm nicht im mindesten zu, was er kurz hinter seinem Namensvetter, dem Ort Duratón, zu vollbringen beginnt.

Juden, Mauren, Christen

Duratón hat noch nicht einmal ein Namensschild, aber eine Perle von romanischer Kirche auf der grünen Wiese jenseits der mittelalterlichen Brücke. Im Dorf scheint Zeit gar nicht zu existieren, weil sie für niemanden Bedeutung hat. Stille, Verlassenheit, Resignation sind die Zeichen der Zeitlosigkeit. Das Land von Kastilien war einmal reicher, bevölkerter, lebendiger als heute. Die Schnur romanischer Kirchen und Kapellen ist länger als die Baumreihe, die sich am Fluss entlangzieht. An ihr erkennt man seinen Lauf, denn sonst gibt es nirgends Bäume. Doch dann verschwindet der Duratón in der Erde, während die Straße über einen Hügel führt, ausgerechnet den höchsten weit und breit. Man sieht Felswände, die der Fluss freigelegt hat, aber sein Wasser sieht man nicht. Zum Ausgleich erscheint Sepúlveda auf der Bildfläche, um das der Duratón in Zusammenarbeit mit seinem Zufluss Caslilla einen Graben gezogen hat.

Von weitem gesehen, hat Sepúlveda etwas von Toledo, weil der Fluss in seinem tiefen Bett um die Stadt kurvt. Von nahem gleicht sie ein wenig Cuenca wegen der am Berg hängenden Häuser und von innen Santillana del Mar, weil aus den Natursteinfassaden allenthalben steinerne Wappen sprießen. Den Vergleich zog schon der Vagabund und spätere Literaturnobelpreisträger Camilo José Cela in seinem "Juden, Mauren und Christen" betitelten Führer durch Altkastilien. Und er hatte recht. Im Zuge der sukzessiven Verlagerung der Grenze zwischen Mohren- und Christenland vom Duero zum Tajo eroberte der erste Graf von Kastilien, Fernán González, das muslimische Sepúlveda 940, baute es zu einer Bastion der Reconquista aus und gewährte ihm Privilegien, um alten Christenadel und handarbeitendes Fußvolk aus dem Norden anzusiedeln. Sein Sohn verlor Sepúlveda vierundvierzig Jahre später zwar an Almansor, doch der dritte Graf von Kastilien, Sancho García, gewann den Ort 1010 zurück, als das Kalifat von Córdoba sich im Bruderkrieg auflöste. Sancho García bestätigte die von seinem Großvater konzedierten Privilegien, und die Blütezeit Sepúlvedas begann.

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