Kreuzt man die Sierra de Guadarrama über den Somosierra-Pass in Richtung Norden, liegt das Land von Segovia wie auf einem Tablett serviert vor einem. Das Flechtengrün der oberen Lagen weicht dem Dunkelgrün eines Streifens Kiefernwald auf halber Höhe, das seinerseits in das ginstergelb durchsetzte, frische Grün der Eichen, Steineichen und Zistrosensträucher übergeht. Dort, wo die Berge auslaufen, schließt sich Weideland an, und die unterste Stufe - immer noch auf tausend Meter Höhe - bilden die Getreidefelder der immensen Ebene. Am Puerto de Somosierra entspringt der Río Duratón dem blanken Fels der Zweitausender. Kaum hat er ein paar Rinnsale aufgenommen und ist wenige hundert Meter gelaufen, stürzt er sich in drei Wasserfällen fünfzig Meter hinab auf der hastigen Suche nach einem Weg hinunter in die Meseta und nach seinem Lebensziel, der Mündung in den Duero bei Peñafiel.
Unten in der Hochebene wird er zahmer. Bei Duruelo ist er ein lahmer Bach, der es gestattet, dass Pflanzen und Algen ihn bedecken und Frösche in ihm quaken wie in einem Tümpel. Geduldig schlängelt er sich nach Nordwesten, durch leicht hügeliges Gelände mit wildblumenübersäten Wiesen und goldgelben Feldern. Störche nisten auf Scheunen und Kapellen. Der Duratón mäandert durch die bukolische Gegend, langsam wächst er zum Fluss heran, aber man traut ihm nicht im mindesten zu, was er kurz hinter seinem Namensvetter, dem Ort Duratón, zu vollbringen beginnt.
Juden, Mauren, Christen
Duratón hat noch nicht einmal ein Namensschild, aber eine Perle von romanischer Kirche auf der grünen Wiese jenseits der mittelalterlichen Brücke. Im Dorf scheint Zeit gar nicht zu existieren, weil sie für niemanden Bedeutung hat. Stille, Verlassenheit, Resignation sind die Zeichen der Zeitlosigkeit. Das Land von Kastilien war einmal reicher, bevölkerter, lebendiger als heute. Die Schnur romanischer Kirchen und Kapellen ist länger als die Baumreihe, die sich am Fluss entlangzieht. An ihr erkennt man seinen Lauf, denn sonst gibt es nirgends Bäume. Doch dann verschwindet der Duratón in der Erde, während die Straße über einen Hügel führt, ausgerechnet den höchsten weit und breit. Man sieht Felswände, die der Fluss freigelegt hat, aber sein Wasser sieht man nicht. Zum Ausgleich erscheint Sepúlveda auf der Bildfläche, um das der Duratón in Zusammenarbeit mit seinem Zufluss Caslilla einen Graben gezogen hat.
Von weitem gesehen, hat Sepúlveda etwas von Toledo, weil der Fluss in seinem tiefen Bett um die Stadt kurvt. Von nahem gleicht sie ein wenig Cuenca wegen der am Berg hängenden Häuser und von innen Santillana del Mar, weil aus den Natursteinfassaden allenthalben steinerne Wappen sprießen. Den Vergleich zog schon der Vagabund und spätere Literaturnobelpreisträger Camilo José Cela in seinem "Juden, Mauren und Christen" betitelten Führer durch Altkastilien. Und er hatte recht. Im Zuge der sukzessiven Verlagerung der Grenze zwischen Mohren- und Christenland vom Duero zum Tajo eroberte der erste Graf von Kastilien, Fernán González, das muslimische Sepúlveda 940, baute es zu einer Bastion der Reconquista aus und gewährte ihm Privilegien, um alten Christenadel und handarbeitendes Fußvolk aus dem Norden anzusiedeln. Sein Sohn verlor Sepúlveda vierundvierzig Jahre später zwar an Almansor, doch der dritte Graf von Kastilien, Sancho García, gewann den Ort 1010 zurück, als das Kalifat von Córdoba sich im Bruderkrieg auflöste. Sancho García bestätigte die von seinem Großvater konzedierten Privilegien, und die Blütezeit Sepúlvedas begann.
Welthauptstadt des Lammbratens
Der Ort bekam sieben Stadttore, fünfzehn romanische Kirchen und zahllose Adelspaläste, von denen die Casa de los Gil de Ribaja einer der ersten war. Das schwere Holztor öffnet sich zu einem typisch kastilischen Patio aus der Zeit von Kolumbus. Um ihn läuft eine steinsäulengetragene Holzgalerie, hinter der die Räume liegen. Alte Möbel, Waffen, Werkzeuge, Heiligenbilder, Küchenutensilien und andere Dekorationsgegenstände schmücken jedes Eckchen. Vor dreißig Jahren war der Palast völlig verwahrlost, seit 2002 ist er ein Hotel.
Doch weder die romanischen Kirchen, von denen fünf noch stehen und zwei in Ruinen liegen, noch die Paläste des altchristlichen Adels bilden die Hauptattraktion Sepúlvedas, auch nicht seine Lage am Fluss, sondern seine Fogones, die Feuerstellen. Was alle Welt in die Stadt zieht, sind die Lämmer. Sepúlveda ist die "Welthauptstadt des Lammbratens", wie es sich selbst lobt, ohne rot zu werden. Der einheitlich eierschalenblasse Ort beherbergt außer normalen Restaurants fast ein Dutzend Gastwirtschaften, die über große, mit Holzscheiten gespeiste Backöfen verfügen, in denen Lammviertel in Steinguttöpfen schmoren, während man bei einer kastilischen Knoblauchsuppe mit Paprika, Schweineschmalz, Eiern, Schinken und Kümmel auf das Hauptgericht wartet. An den Wochenenden werden Hunderte zarter, schmackhafter Lämmchen dem Gott des Gaumens geopfert. Wenn es nach einer solchen Keule noch etwas gibt, was Appetit und Phantasie anzuregen vermag, so sind es die Teticas de monja, die Nonnentittchen, eine mit geschlagenem Eiweiß überzogene Cremespeise - ein süßer Traum und kardinaler Bissen.
Die Eingeweide der Erde
Nach der Sinnenlust hat man etwas Bewegung nötig. Sepúlveda ist das Tor zum Naturschutzpark der Hoces del Duratón. An der Puente de Talcano, der römischen Brücke über den Fluss, von der nur noch ein Bogen übrig ist, beginnt die Senda Larga, der zwölf Kilometer lange Pfad durch die Schlucht. Der Fluss ist ein Flüsschen, nur wenige Meter breit und kaum ein paar Fuß tief. Er schimmert mal wolkengrau, mal erdbraun, mal algengrün. Hier und da plätschert er über Steine, rauscht über Stromschnellen, duckt sich unter überhängende Felsen, sonst liegt er ruhig in seinem Bett. Stellenweise sind Baumstämme über ihn gestürzt, ganze Kronen liegen im Wasser. Eschen, Erlen, Ulmen, Weiden begleiten den Duratón, zum Teil sind die schlanken Pappeln so hoch wie die Felswände. Wenn es oben auf der Meseta heiß ist, herrscht in der bewaldeten Schlucht angenehme Frische. Der Pfad hält sich stets auf dem Grund des Cañons, immer auf der rechten Seite des Flusses, führt überwiegend durch den Saumwald, aber auch über Wiesen mit Klatschmohn und blauen und gelben Blumen. Wenn nicht gerade Wochenende oder Ferienzeit ist, wandert man mit hoher Wahrscheinlichkeit allein durch die Eingeweide der Erde. Dann hört man nur das Wasser plätschern, die Vögel zwitschern und die Krähen schreien.
Es ist kaum möglich, die Augen von den grau-ocker-rostroten Felswänden zu wenden, die siebzig, achtzig Meter aufragen, oft senkrecht. Gänsegeier nisten in den Felsen. Die auf den Felsvorsprüngen sitzen, erkennt man kaum. Nur wenn sie auffliegen oder vom Flug zurückkehren und landen, weiß man, wo sie wohnen. Stöbert man sie ungewollt auf, lassen sie sich aus den Felsen fallen und klappern mit den Flügeln, um Höhe zu gewinnen. Manchmal hört man ein Rauschen wie von einem fernen Flugzeug, aber es ist ein Geier, der in geringer Höhe die Luft mit seinen Flügeln schneidet. Kreisen Geier in der Höhe, halten sie untereinander und mit anderen Gruppen Blickkontakt. Schwebt ein Vogel beharrlich über einer bestimmten Stelle, krümmt den Hals und schaut nach unten, wissen die Kollegen, dass er ein Opfer fixiert. Wenn sich der ganze Schwarm in gehörigem Abstand im Kreis um das Objekt niederlässt, dauert es noch eine Weile, bis sie überzeugt davon sind, dass es sich um ein totes Tier handelt, und sich ihm nähern. Das ist die Gnadenfrist, die einem bleibt, aus der süßen Siesta im weichen Gras aufzuwachen. Denn sobald sich der erste Geier über den Kadaver hermacht, stürzen sich alle anderen mit lautem Geschrei ebenfalls auf ihn.
Kadaver für Geier
Seitdem die Europäische Kommission wegen der Rinderwahnseuche 2002 verbot, Tierkadaver im Freien liegenzulassen, ist das Aas knapp geworden. Den Geiern, deren Job es ist, das Land von Kadavern zu säubern und damit ansteckende Krankheiten zu verhüten, hat man sozusagen die Grundlage ihrer gesundheitspolizeilichen Tätigkeit entzogen. Statt ihnen dankbar zu sein, dass sie die Drecksarbeit machen, hat man sie um den Broterwerb gebracht. Die Folge davon ist, dass sie lebende Tiere angreifen. Geier sind keine Jäger wie andere Raubvögel; sofern sie lebende Tiere attackieren, dürfte es sich um geschwächte, sterbende, unbewegliche Exemplare handeln. Aber der Hunger hat sie auch dazu getrieben, kalbende Kühe und sogar Pferde anzugreifen. Andere ziehen es vor, aus Spanien zu emigrieren und auf der Suche nach Aas durch die Lüfte Europas zu irren. Geier haben normalerweise einen Aktionsradius von fünfzig Kilometern; Reisen von Tausenden Kilometern sind völlig ungewöhnlich. Inzwischen hat die spanische Regierung 2007 ein Dekret erlassen, nach dem es wieder erlaubt ist, Kadaver im Freien zu lassen, sofern die Vögel Hunger leiden.
Spanien ist Europas größtes Rückzugsgebiet für Geier. Mehr als neunzig Prozent der europäischen Gänsegeier sind in Spanien beheimatet. Ihre Anzahl geht in die Zigtausende, während die der Mönchs- und Schmutzgeier und besonders der Lämmergeier sehr viel niedriger ist, aber immer noch höher als in anderen Ländern. Auch in Spanien wurden sie im zwanzigsten Jahrhundert als Raubtiere verfolgt, die Elektrifizierung des Landes dezimierte sie, Straßenbau und Tourismus schränkten ihre Habitate ein, die Mechanisierung der Landwirtschaft beraubte sie eines Teils der Nahrung. Dann wurden in den siebziger Jahren alle Raubvögel gesetzlich geschützt, und in den folgenden beiden Jahrzehnten nahm ihre Zahl spektakulär zu. Der Bestand an reproduktionsfähigen Gänsegeierpaaren verfünffachte sich.
Ewige Treue der Vögel
Das Naturschutzgebiet der Hoces del Duratón beherbergt eine der größten Geierkolonien der Iberischen Halbinsel. Etwa fünfhundert Paare braun gefiederter Gänsegeier leben dort, außerdem schwarzweiß gefiederte Schmutzgeier, Steinadler und Uhus. Im Januar lassen sich die Gänsegeier bei ihren Paarungsriten beobachten. Obwohl sie ihren einmal gewählten Partnern treu zu sein pflegen, erneuern sie die Ehebande Jahr für Jahr durch Liebeswerben im Flug, bei dem sich ihre Körper berühren und sogar ihre Krallen verschränken, so dass der Gleitflug in Sturzflug übergeht. Bis die Küken im August flügge werden, ist der Zugang zu bestimmten Zonen des 1989 geschaffenen, nur fünftausend Hektar großen Naturparks stärker begrenzt als während des restlichen Jahres. Auf die Senda Larga zum Beispiel dürfen zur Brutzeit nur fünfundsiebzig Personen pro Tag, und zwar in Gruppen von höchstens fünf Personen in Intervallen von zwanzig Minuten. Die Hoces sind ein Heiligtum der Raubvögel, Schilder ermahnen zu Stille wie in Kirchen.
Im unteren Teil des insgesamt fünfundzwanzig Kilometer langen Cañons ist der Duratón gestaut, und die einzige Art, sich zwischen den aus dem Wasser ragenden, eng stehenden, bis zu hundert Meter hohen Felswänden fortzubewegen, ist per Boot. Nahezu lautlos gleitet der Kajak über das glatte, intensiv algengrüne Wasser. Nahe dem Ufer sind Barben zu erkennen. Dort, wo die Felsen von Exkrementen weiß gefärbt sind, nisten die Geier. Manche hocken nur zehn Meter über dem Wasser in ihren Nischen und fliegen auf, wenn das Boot sich ihnen nähert. Nur die Jungtiere bleiben sitzen, und man spürt, dass sie nervös sind und die Welt nicht verstehen. Dutzende Geier kreisen über dem Cañon, manchmal gleitet einer im Tiefflug über den Fluss, dass die Luft surrt. Im Kajak zwischen den Steilwänden zu schwimmen erzeugt einen seltsamen Eindruck. Fast fühlt man sich selbst als Vogel, der über das Wasser schwebt, als Teil dieser Gemeinschaft in dieser kleinen, abgelegenen, eigenen Welt.
Der Fluss fühlt sich pudelwohl
In der Brutzeit darf man nur bis zur Ermita de San Frutos paddeln. Weiter flussabwärts nisten die Steinadler, die den Menschen nicht in ihrer Mitte dulden. Die felsfarbene Einsiedelei des heiligen Frutos steht hoch oben auf einer Landzunge in einer engen Kurve des Flusses. Eine in den Fels geschlagene Treppe führt hinauf. In ihrer Nähe liegen zahlreiche Höhlen, die ebenso gut Geiern Schutz bieten wie Eremiten-Nester sein können. Tatsächlich wohnten Einsiedler in ihnen, die von der Wohltätigkeit der Benediktiner lebten. Die Mönche hatten zwischen dem elften und neunzehnten Jahrhundert ihr Kloster an dem Ort, an dem die Einsiedelei von San Frutos gestanden haben mag. Was man heute sieht, sind die Ruinen der Klosterkapelle. Frutos hatte sich mit seinen Geschwistern Valentín und Engracia im achten Jahrhundert an diese Stelle zurückgezogen, als die Araber in Spanien einfielen. Von maurischen Reitern verfolgt, zog er mit seinem Stecken eine Linie über den Boden, und der Fels öffnete sich. So entstand die Schlucht und nicht etwa in Millionen Jahre langer Kleinarbeit des Wassers. Frutos und seine Geschwister waren gerettet. Eines Tages fiel er in den Fluss, aber alle Vögel flogen herbei, pickten ihn auf und brachten ihn an Land - abermals gerettet. Aus Dankbarkeit wurde er zum Schutzheiligen der Vögel. Um die Lämmer kümmerte er sich dagegen nicht.
Ein besserer Ort, der göttlichen Erhabenheit der Natur innezuwerden, lässt sich schwer finden. Die Aussicht von den Klippenrändern ist grandios. Der Blick reicht weit über die horizontale Meseta, bis zur Sierra de Guadarrama, bis ins Unendliche. Er wandert über Steppenland mit trockenem Gestrüpp und blattlosem Stechginster, vereinzelten Wacholderbüschen und Zedernwacholder - gestraftes Land, versengt von einer bleiernen Sonne. Doch unmittelbar vor Augen liegt der Schnitt in die Tiefe, das Versprechen frischen Lebens, das grüne Band der Hoffnung. Der Fluss fühlt sich pudelwohl in seinem Bett, ist verspielt wie ein junger Hund, kurvt um die Felsen und schlägt Kapriolen, läuft davon und kommt wieder zurück, um schließlich in der Erde zu versinken. Und über allem schweben die Geier.
Hoces del Duratón: Um den Naturschutzpark zu erkunden, bedarf es je nach Zone, Jahreszeit und Besuchergruppenstärke eventuell einer Erlaubnis der Parkverwaltung. Auskünfte und Genehmigungen erteilt die in einer romanischen Kirche Sepúlvedas untergebrachte Casa del Parque (C/Conde de Sepúlveda 34, Iglesia de Santiago, E-40300 Sepúlveda, Telefon: 0034/921/540586, E-Mail: garmonma@jcyl.es, Internet: www.patrimonionatural.org).
Arrangements: Bucht man eine organisierte Kanufahrt (bis zu acht Boote, mit Führer) bei einer der folgenden Firmen, ist eine besondere Genehmigung der Parkverwaltung nicht nötig: Naturaltur (C/San Juan s/n, E-40380 Sebúlcor, Telefon: 0034/921/521727, E-Mail: info@naturaltur.com, Internet: www.naturaltur.com); Hoces del Duratón (Cno. del Monasterio de la Hoz s/n, Telefon: 0034/921/522150, E-40380 Sebúlcor, E-Mail: info@hocesduraton.com, Internet: www.hocesduraton.com); Situral, Cno. de Callejas s/n, E-40380 Sebúlcor, Telefon: 0034/921/521079, E-Mail: info@situral.com, Internet: www.situral.com).
Information: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Telefon: 0 69/72 50 33, E-Mail: frankfurt@tourspain.es, Web: www.spain.info.
Hildegard Grygierek (Hildegardswelt)
Hagen Wendlandt (hagen-wendlandt)
- 18.12.2008, 02:27 Uhr